Das Problem mit der Zinswende in Europa

FMW-Redaktion

Was geschieht bei einer ruckartigen Zinswende in Europa? Der Sparer freut sich, endlich gibt es mehr Zinsen. Der Kreditnehmer jammert, dass er für Kredite doch tatsächlich wieder Zinsen zahlen muss. Ein ernsthaftes Problem aber könnten so manche Banken bekommen, die sich falsch aufgestellt haben in der aktuell anhaltenden Nullzins-Phase. Denn was macht man derzeit? Man verleicht für Mini-Zinsen Geld an Kreditnehmer, beispielsweise über Baudarlehen oder normale Konsumentenkredite. Oft werden lang laufende Kreditverträge mit jahrelang festgelegten Zinssätzen vereinbart. Der Kreditkunde hat also die Sicherheit, dass er beispielsweise in 5 Jahren noch den selben niedrigen Zins zahlt wie jetzt, auch wenn der EZB-Leitzins dann schon deutlich angestiegen sein sollte.

Das Problem hätte in diesem Fall die Bank. Wenn sie sich für die langfristig herausgereichten Darlehen selbst nur kurzfristig refinanziert, ist das jetzt noch kein Problem. Aber bei steigendem EZB-Leitzins wird auch die kurzfristige Refinanzierung für die Bank immer teurer. Und nach ein paar Zinsanhebungen der EZB (in zwei oder drei Jahren?) könnte diese kurzfristige Refinanzierung der Bank, die zu immer höheren flexiblen Zinsen stattfindet, teurer sein als der Zinsertrag, den man von seinem Kreditnehmer erhält. Man würde durch die Differenz zwischen langfristig festgelegten Zinsen und kurzfristig steigenden variablen Zinsen Verlust machen im Kerngeschäft.

Ein ähnliches Problem zeigt sich jetzt schon bei Bausparkassen. Sie sind Opfer des Prinzips „viel zahlen, wenig einnehmen“. Sie haben Kunden noch zu „normalen Zinszeiten“ gute festverzinsliche Bausparverträge gegeben, und müssen diesen Kunden jetzt immer noch hohe Zinsen zahlen. Mit diesem Geld, dass sie am Kapitalmarkt arbeiten lassen müssen, können sie diese Zinslast aber nicht erwirtschaften – daher ist man fleißig dabei diesen Bausparkunden zu kündigen. Bei den Banken ist die kurzfristige Zahlungsverpflichtung am Geldmarkt jetzt noch günstiger als die etwas höhere Einnahme durch Kreditzinsen beim Endverbraucher. Noch. Aber wenn sich das Verhältnis dreht, entsteht ein Problem.

Und genau dieses Problem hat die deutsche Finanzaufsicht BaFin derzeit auf dem Schirm. Daher hat sie alle Banken abgesehen von den Großbanken, die durch die EZB beaufsichtigt werden, aufgefordert ihre Risikovorsorge raufzuschrauben (Allgemeinverfügung zum Zinsänderungsrisiko). So teilte die BaFin mit, dass die nicht von der EZB beaufsichtigten Banken ab Januar genügend Eigenmittel vorhalten müssten um für die Folgen einer plötzlichen Zinswende von zwei vollen Prozentpunkten gerüstet zu sein. Es komme darauf an, wie viele variabele Kredite und Anlagen in den Büchern der jeweiligen Bank vorhanden seien. Die Gesamtkapitalquote könne von 8% auf bis zu 10,6% ansteigen.

Die Zinserlöse aus langlaufenden Krediten könnten sich bei steigenden Zinsen nur langsam verändern, während die Zinskosten im Gleichschritt mit den Marktzinsen schnell steigen würden. Der Zinsertrag der Bank könnte sogar negativ werden, wie es auch die BaFin voraussieht. Mit dem angedachten Puffer, den die BaFin haben möchte, soll so ein Zinsschock zumindest zur Hälfte abgefedert werden können, was für alle Institute verkraftbar sei. Schlauer wäre es, so meinen wir, jetzt schon die Refinanzierung auf so einen Zinsschock hin auszurichten, oder besser gesagt sie anzupassen. Aber die Banken werden schon wissen was sie tun…


Kommentare

Das Problem mit der Zinswende in Europa — 3 Kommentare

  1. Guter Beitrag!
    Ich persönlich glaube (!) auch an eine schneller eintretende Zinswende (auch) in Europa. Dem Argument das geht nicht, weil dann die Staaten „pleite“ gehen würden aufgrund steigender Zinsen folge ich nicht. Die „da oben“ werden sich schon einigen können / müssen, aber der „kleine Mann“ wird bald zur Kasse gebeten werden. Erst mit extrem niedrigen Zinsen in die Schuldenfalle locken und dann abkassieren. Dies gilt besonders für Immobililenkredite, selbst wenn man glaubt, sich mit langfristigen Darlehen abgesichert zu haben. Es gibt da ja noch andere Instrumente zur Geldabschöpfung (Schröpfung) des normalen Bürgers: Zum Beispiel Grundsteuererhöhung, Abgaben für Wasser und Abwasser, Steuererhöhung auf Mieteinnahmen usw. Das Wesen einer Immobilie ist ja: Immobil zu sein!. Man kann sein Grund- und Hausbesitz nicht einfach in die Tasche oder ins Auto packen um „abzuhauen“. Jeder ist heutzutage gut beraten, seine Verbindlichkeiten so schnell wie möglich los zu werden.
    Unverbindlichkeit = Freiheit.
    Selbst eine Landwirtschaft hier zu besitzen hilft nicht, wie ich vor kurzem (ich meine hier?) gelesen habe…

    • In der Not stiehlt die Regierung von allem, was für sie sichtbar ist. Betroffen sind jene Assets, von deren Existenz sie weiss. Vorrangig solche, auf die sie leicht und unkompliziert Zugriff nehmen kann. Hierzu zählen Grundstücke und Immobilien (Grundbucheinträge), Bankeinlagen, Sparbücher, Rentenfonds, Bausparverträge, private Altersvorsorge (Riester), Kapital Lebensversicherungen und Wertpapiere aller Art. Nicht dazu zählen Bargeld, Sachwerte, Kunst, Antiquitäten, sonstige Sammelobjekte (Wein, Oldtimer) sowie anonymes, physisches Edelmetall und sogar Diamanten.

  2. Oft werden lang laufende Kreditverträge mit jahrelang festgelegten Zinssätzen vereinbart.
    Und genau deswegen verdienen Banken einen Haufen Geld an „Alt“krediten, seitdem die Zinsen sinken. Zahlreiche Immobilienkredite wurden (als Beispiel) vor 10 Jahren zu 5% für 15, 20 oder mehr Jahre abgeschlossen. Jeder Versuch der Umschuldung bei der eigenen Bank, um an den wirklich günstigen Zinssätzen zu partizipieren, wurde gnadenlos abgeschmettert. Am Ende wurde eine Umschuldung über eine andere Bank durch die Immobilienkreditrichtlinie der Bundesregierung auch noch eliminiert.
    Ich bin zusehends verwirrt angesichts der Tatsache, dass es schlecht für Banken war, als die Zinsen sanken, als die Zinsen den Tiefpunkt erreicht hatten und wenn die Zinsen wieder steigen werden. Geht es denen nur noch schlecht, bei sinkendem und steigendem Zinssatz?
    Ich persönlich bin ganz froh, dass der Dispo- bzw. Kontokorrentkredit derzeit „nur“ bei 8 bis 10% liegt, und nicht bei 18 bis 20%, wie noch vor einigen Jahren.

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