„Papiergeldsystem bedarf ständiger Kreditausweitung, um nicht zu kollabieren“

Thorsten Polleit und Andreas Marquart zählen zu den prominentesten Köpfen der „Österreichischen Schule“, die auf die Lehren von Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises zurück geht. Die „Österreicher“ lehnen das Zentralbankmonopol ab und fordern einen Wettbewerb von Währungen – nur dann könne sich „gutes Geld“ gegenüber dem „schlechten Geld“ durchsetzen. In einem Doppel-Interview erklären Thorsten Polleit und Andreas Marquart ihre Sicht der Dinge:

1.finanzmarktwelt.de: Herr Marquart, es gibt wohl kaum ein anderes Beispiel für eine Wissenschaft, die ähnlich fragwürdig ist wie die herkömmliche Ökonomie-Lehre. Trotz zahlloser empirischer Belege, dass an den Grundannahmen dieser Theorie etwas nicht stimmen kann, wird an ihr unverändert festgehalten. Warum?

Andreas Marquart
Andreas Marquart

Andreas Marquart: Das hat Ursachen, die nicht zuletzt auch in der Vergangenheit liegen. Die Ökonomen haben die Naturwissenschaftler schon immer um ihre theoretischen und praktischen Modellversuche beneidet. Das hat zu einer Mathematisierung der Volkswirtschaft geführt. Obwohl die Menschen durch ihr ständiges Handeln die wirklichen Akteure in einer Volkswirtschaft sind, wurden sie zu Statisten degradiert. Die heutige Ökonomie glaubt mit auf Basis ihrer Theorie abgeleiteten Handlungsempfehlungen an die Politik das Handeln der Menschen lenken zu können, was absurd ist und letztlich in eine Interventionismus-Spirale führt. Jetzt plötzlich von diesen Theorien zu lassen, käme für ihre Vertreter einer Bankrotterklärung gleich. Und große Teile der Politik würden ihrer scheinbaren Daseinsberechtigung beraubt. Deshalb werden Mainstream-Ökonomen auch von der Politik so gerne protegiert und beide befinden sich so quasi in einer „win-win“-Situation.

2.finanzmarktwelt.de: Herr Polleit, der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, hat in einem Interview beschrieben, dass sein neues Buch, das in der Öffentlichkeit auf große Resonanz traf, in seinen persönlichen Gesprächen mit Vertretern der „Hochfinanz“ gewissermaßen totgeschwiegen wird. Haben Sie ähnliche Erfahrungen, etwa mit Vertretern der herkömmlichen Ökonomie-Lehre?

Thorsten Polleit
Thorsten Polleit

Thorsten Polleit: Auf ihre Frage habe ich nur Gutes zu vermelden. Beispielsweise hat die Website unseres Ludwig von Mises Institut Deutschland mittlerweile mehr als 200.000 Besucher pro Monat. Die Konferenzen und Seminare, die wir anbieten, sind in kürzester Zeit ausgebucht. Auch fällt es den Hauptstrom-Volkswirten immer schwerer, die Argumente der „Austrians“ beiseite zu schieben. Der Diskurs ist mittlerweile auch in Deutschland in Gang gekommen. Das Buch, das Michael von Prollius und ich geschrieben haben, ist vor wenigen Wochen in der dritten Auflage neu erschienen, und es verbreitet sich. Auf vielen Vortragsveranstaltungen merke ich die Begeisterung für die Ideen der Österreichischen Schule – die für viele gänzlich neu sind. Der Grund: Sie wurden nicht mehr gelehrt und verbreitet. Man darf hoffnungsvoll sein, dass sich die besseren Ideen durchsetzen werden.

3.finanzmarktwelt.de: Herr Marquart, die amerikanische Notenbank steigt aus den Anleihekäufen aus – und wird möglicherweise in 2015 die Leitzinsen anheben. Kann man wirklich aus einer Politik aussteigen, die die Märkte mit der Droge Liquidität versorgt hat, ohne ernsthafte Entzugserscheinungen bis hin zum Crash fürchten zu müssen? Oder werden die Notenbanken nie wirklich aussteigen, weil sie genau das fürchten?

Andreas Marquart: Nein, das wird nicht funktionieren. Und die Äußerungen von Notenbank-Chefs weltweit sind nichts weiter als Lippenbekenntnisse. Auch wenn die amerikanische Notenbank im November Qantitative Easing 3 beendet. QE 4 wird kommen, wenn nicht gleich im Frühjahr, dann eben im nächsten Herbst. Einen Anstieg der Zinsen können sich weder die USA selbst, noch die amerikanischen Verbraucher leisten. Dazu kommt, ein Papiergeldsystem ist in seiner Konstruktion so angelegt, dass es ständiger Kreditausweitung bedarf, um nicht zu kollabieren. Da sind steigende Zinsen absolut kontraproduktiv. Ironischerweise sagte der frühere Notenbankchef Alan Greenspan gerade dieser Tage im Wall Street Journal, dass er es nicht für möglich halte, aus der Niedrigzins-Politik auszusteigen, ohne Probleme an den Märkten auszulösen.

4.finanzmarktwelt.de: Herr Polleit, die Politik der Notenbanken führt – das scheint inzwischen gesichert – zu einer Umverteilung von Vermögen: Vermögenspreise steigen dadurch, die Löhne jedoch nicht. Was sind in Ihren Augen die Gründe, warum diese Politik auf Dauer nicht funktionieren kann?

Thorsten Polleit: Die nicht marktkonforme Umverteilung ist eine Folge des ungedeckten Papiergeldsystems. Es führt jedoch auch – und das ist wichtig zu erkennen – zu einem Anwachsen der Schulden relativ zur Wirtschaftsleistung, zu einer Überschuldung. Eine Entschuldung auf aufrichtigem Wege ist nicht möglich. Denn werden Bankschulden getilgt, schrumpft die Geldmenge. Die Preise und Löhne fallen dann niedriger aus, als sich die Schuldner ursprünglich erhofft hatten. Es kommt zu Zahlungsausfällen auf breiter Front. Oder es wird, je nach politischer Gesinnungslage, die elektronische Notenpresse angeworfen, um die offenen Rechnungen mit wertlosem Geld zu begleichen. Oder man versucht, dass ungedeckte Papiergeldsystem in Gang zu halten, indem immer mehr Marktwirtschaft ausgeschaltet wird. Das aber mindert die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaften, die Schuldenlasten tragen zu können.

5.finanzmarktwelt.de: Herr Marquart, als Vertreter der „Österreichischen Schule“ treten Sie für einen Wettbewerb von Währungen ein. Uns aber scheint es unwahrscheinlich, dass die Politik und die Finanzmärkte dies ohne weiteres zulassen werden. Braucht es dazu eines echten Umdenkens, wie es in der Regel nur durch kollektive Schock-Erlebnisse stattfindet – also eine Art Fukushima der Finanzmärkte?

Andreas Marquart: Sie haben Recht. Vielleicht brauchen die Menschen erst eine Art „Wachmacher“, um festzustellen, dass das Vertrauen, dass sie gegenwärtig noch in das Papiergeld und in die dafür Verantwortlichen haben, nicht gerechtfertigt ist. Dieser Moment wird kommen. In der Zwischenzeit müssen wir mit stetiger Aufklärungsarbeit dafür sorgen, dass im Moment eines solchen Schock-Erlebnisses dessen wahre Ursachen und die Vorteile einer wettbewerblichen Geldordnung präsent sind. Sonst geht es mit einem Reset des jetzigen Geldsystems wieder von vorne los.

6.finanzmarktwelt.de: Herr Polleit, Sie vertreten die These, dass nur Edelmetalle wie Gold wirklich wertstabil sind, weil sich die Geldmenge durch die Notenbank-Politik ständig vermehrt und Papiergeld dadurch inflationiert wird. Kann die Rückbindung an Gold in der heutigen, komplexen Welt wirklich funktionieren?

Thorsten Polleit:Ich kann mich nicht erinnern, jemals gesagt zu haben, dass es etwas ewig Wertstabiles gibt. Denn so etwas gibt es nicht, kann es im menschlichen Handeln auch nicht geben. Die wichtigen Vorteile des Goldgeldes sind, dass es nicht aus politischen Erwägungen heraus beliebig vermehrbar ist. Und dass es auch nicht einem Kontrahentenrisiko ausgesetzt, wie es etwa bei Bankeinlagen der Fall ist. Gold ist im Prinzip ein perfektes Geld. An dieser Stelle darf ich vielleicht betonen, dass ich Befürworter eines freien Währungswettbewerbs bin. Eine Möglichkeit, ihn zu eröffnen, ist, die ausstehenden Papiergeldmengen mit dem Zentralbankgold zu decken. Eine Deckung, die verhindert, dass das bislang ungedeckte Papiergeld einen Totalverlust erleidet. Das alles ist machbar. Anschauungsmaterial dafür gibt es beispielsweise nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als viele europäische Währungen die Golddeckung wiederherstellten. Aber das ist derzeit politisch wohl nicht mehrheitsfähig. Es wird wohl noch viel schlimmer werden müssen, bis man die Lösungsvorschläge, die zurück zu gutem Geld führen, ernst nimmt.


Kommentare

„Papiergeldsystem bedarf ständiger Kreditausweitung, um nicht zu kollabieren“ — 7 Kommentare

  1. Gold ist bis auf die industrielle Verwendung wertlos. Außerdem gehört ein Großteil davon sowieso einer kleinen Minderheit, die dann ein noch stärkeres Monopol und noch mehr Macht hätte. Wer das verkauft, outet sich sofort als ein Diener der Aristokratie.

    In einer wachsenden Welt wächst auch die Geldmenge, das ist normal. Kredite hin oder her. Das System ist nicht das Problem und war es auch nie, sondern die Korruption der herrschenden Clique und der groß angelegte Raub am Volk mit staatlicher Sanktionierung – offensichtliches Beispiel die zig Billionen (!!!), die in „Bankenrettungen“ geflossen sind. Zweite Säule des Raubs ist das völlig kranke Steuer(-betrugs-)system, die dritte ist eine nicht wirklich funktionierende Justiz.

    Die ganze Diskussion um Gold oder fiat oder was-auch-immer soll nur von diesen simplen Tatsachen ablenken – wir wurden und werden ausgeraubt und der Rest ist hohles Geschwafel.

    Auch die sgn. „österreichische Schule“ wäre da nicht hilfreich, im Gegenteil – diese Lehre ist inhärent menschenfeindlich und auf Stagnation ausgelegt und würde alles noch schlimmer machen. Das ist aber ein ganz anderes und eigentlich irrelevantes Thema.

    • Wenn Gold wertlos wäre wie sie behaupten, dann erklären sie mir, warum die Menschen es seit Jahrtausenden als wertvollstes Gut ansahen, bevor es durch künstlich und vor allem staatlich bestimmtes Luftgeld ersetzt wurde.
      Würde der Staat diese Gestzt zurücknehmen, würden sie ganz schnell sehen wie wertvoll Gold tatsächlich ist, keiner würde mehr diese Papierschnipsel akzeptieren, nur Silber und Gold, wie immer schon.
      Das System ist genau das Problem. Sie haben nicht verstanden, das Geld auch einen gewissen Wert haben muss, sonst ist es seines Sinnes beraubt.
      Die USA hatten in der Zeit des Goldgedeckten Dollars ihre beste Wirtschaftszeit, die Banken dienten ihren ursprünglichen Sinne nach, erst als dieser Mistkerl Nixxon den Goldstandard aufhebte WEIL er eben mehr Geld für diesen illegitimen Vietnam Krieg benötigte fing das Problem für die USA an.
      Die ganzen Rettungsdpakete wurden erst nötig WEIL eben diese schwachen Länder aufeinmal Geld ohne Ende hatten. Erinnern sie sich nur an die Zeit 1950-2000.
      Italien und Griechenland waren besser dran, die Kreditprobleme kamen alle durch das massenweise gedruckte BILLIGE Geld auf.
      Etwas Geschichte würde ihnen nicht schaden, sie erklärt alles auch die lat. Münzunion.

  2. Werter Herr T2014,
    Gold ist nicht wertlos. Und wenn es das doch sein sollte, so ist jegliche Art von Geld ebenso wertlos, da historisch gesehen eben jenes Gold das Material stellte aus dem Geld gepraegt wurde. Fakt Nummer 1!
    Fakt Nummer 2: Unser Welt waechst nicht. Der Planet Erde hat eine definierte Groesse. Die Bewertung aller Ressourcen, in welche Art und Weise auch immer, hat also einen Maximalwert und der Mensch hat mit der Einfuehrung eines Tauschmittels, sprich Geld, versucht die einzelnen Komponenten zu bewerten.
    Daraus ergibt sich, dass alles was an Geld gekoppelt ist, automatisch an die natuerlichen Ressourcen gekoppelt sind (oder stellvertretend eben nur eine, wie z.B. Gold). Wer sich also diesen Zusammenhang auf so abstruse Weise, wie es mit der Schaffung von Giralgeld heutzutage geschieht, entzieht, ist entweder wahnsinnig oder ein unheilbarer Realitaetsverweigerer. Wenn man diesem unwissenschaftlichen Wirtschaftsdogma dennoch verfaellt, ist man allerdings dazu geneigt Woerter wie „alternativlos“ zu benutzen, die einem dann das Gefuehl geben, das einzig Richtige zu tun.
    Nun, meine Frage an Sie waere: Sind Sie wirklich der Meinung, dass Korruption das Problem ist, ohne dass das herrschende System dem Ganzen Vorschub leistet? Stellen Sie sich nur mal ganz kurz eine Welt ohne Geld vor! Kann es da Korruption geben? Da gibt es hoechstens Aggresion. Aber die gibt es auch mit Geld…

    Fuer Vollgeld und mit wertschaetzenden Gruessen an alle wachen Geister dieser beschraenkten Welt,

    Enno

  3. Zu T2014: „Das System ist nicht das Problem und war es auch nie, sondern die Korruption der herrschenden Clique und der groß angelegte Raub am Volk mit staatlicher Sanktionierung – offensichtliches Beispiel die zig Billionen (!!!), die in “Bankenrettungen” geflossen sind.“ – Genau das kritisiert die Österreichische Schule ja auch als menschenverachtend.

    „Zweite Säule des Raubs ist das völlig kranke Steuer(-betrugs-)system, die dritte ist eine nicht wirklich funktionierende Justiz.“ – Auch das wird von der Österr. Schule unter dem Stichwort Staatsinterventionismus vehement abgelehnt.

    L. v. Mises betonte in seinen Werken, daß Kriegsfinanzierung eben nur durch Mißachtung der Marktgesetze von Staatsseite möglich sind. Märkte, die nach Mises funktionieren, würden langfristigen Wohlstand sichern. Das belegt z.Bsp. die 800-jährige Geldgeschichte des Byzantinischen Reiches.

    Ich lasse mich gern belehren, da ich selbst Lernender bin. Nennen Sie mir bitte Belege aus den einschlägigen Werken der Ökonomen Österreichischer Provenienz, die Ihre These von der „inhärenten Menschenfeindlichkeit“ stützen. Gerade Mises betont, wie entscheidend Frieden für eine gedeihliche Marktwirtschaft ist.

  4. Pingback: Summa Summarum | Müller & Veith GmbH

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