Türkei: Russlands Reaktion wird Wirtschaft hart treffen

Von Markus Fugmann

Die harsche Reaktion Russlands auf den Abschuß des russischen Kampfjets wird die türkische Wirtschaft hart treffen! Das zeigt ein Blick auf die Fakten, die die große Bedeutung Russlands für die Wirtschaft der Türkei belegen.

Das beginnt vor allem bei den Importen und Exporten: Russland ist (Stand 2013) für die Türkei der sechstgrößte Exportmarkt und der drittgrößte Importmarkt mit einem gesamten Handelsvolumen von gut 21 Milliarden Dollar. Von großer Beudetung für die Türkei sind insbesondere die Gas-Importe aus Russland, die 70% des Gasverbrauchs des Landes abdecken (insgesamt bezieht die Türkei 65% ihrer Energieeinfuhren aus Russland). Ein Lieferstopp könnte daher für die Türkei gravierende Folgen haben. Mittel- und langfristig problematisch aber ist vor allem, dass Russland die Gas-Pipeline TurkStream auf Eis gelegt hat: mit dieser Pipeline hätte die Türkei eine zentrale Rolle in der Energieversorung einnehmen können, was logischerweise auch das politische Gewicht der Türkei erhöht hätte.

Die eigentliche Achillesverse der Türkei aber ist der Tourismus. Allein in diesem Jahr sind 3,3 Millionen Russen in die Türkei gereist und machen die russischen Urlauber nach Deutschen (4,4 Millionen) zur zweitwichtigsten Tourismusgruppe (insgesamt 10% aller Touristen). Am Dienstag hatte die staatliche russische Tourismusagentur faktisch dazu aufgerufen, alle Reisen in die Türkei zu stornieren, und die Reiseveranstalter des Lands sind diesem Aufruf gefolgt. Und das wird für die Türkei, die ein starkes Handelsbilanzdefizit von über 5% des BIP aufweist, ein Problem, da alleine in den ersten neun Monaten des Jahres 21 Milliarden Dollar durch russische Touristen ins Land kamen. Sie waren ein wichtiger Faktor zur Stützung der türkischen Lira, da die Russen aufgrund des Währungstauschs als starker Nachfrager nach der türkischen Währung auftraten: 0,8% des türkischen BIP oder gut sechs Milliarden Dollar bezieht die Türkei durch diese Währungsgeschäfte. Viele Russen haben in der Türkei aber auch – aus Angst vor einem weiteren Verfall des Rubel-Kurses – andere Fremdwährungen gekauft und damit ca. 1,4% zum BIP der Türkei beigetragen.

Der nächste kritische Punkt für die Türkei ist der Export vor allem von Früchten nach Russland. Gestern hat Moskau mitgeteilt, dass man die Waren stärker kontrollieren werde, da 15% der türkischen Waren nicht den russischen Standards entsprächen. Ca. ein Fünftel aller von Russland importierten Früchte stammen aus der Türkei – Moskau wird vermutlich dafür sorgen, dass dieser Anteil drastisch schrumpft oder sogar gegen Null tendieren wird.

In der Summe bedeutet das, dass der Druck auf die türkische Lira zunehmen wird – nicht zufällig blieb der Rubel nach den Ereignissen am Dienstag stabil, während die türkische Lira seitdem stark unter Druck ist:

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(Chart US-Dollar-türkische Lira)


Kommentare

Türkei: Russlands Reaktion wird Wirtschaft hart treffen — 9 Kommentare

  1. Erdogan ist „toast“ wie unsere US-Freunde zu sagen pflegen. Türkei wird natürlich etwas leiden müssen, bis er weg ist. Gründe gibt es bereits innerhalb der Türkei genug, da braucht es keinen Russen der mithilft.

    Erst danach gibt es wieder „business as usual“. Tut mir Leid um den normalen Teil der Türkischen Bevölkerung, da müssen die durch. Oder eben ihren Diktator zum Teufel jagen.

  2. Prima Artikel. Interessant insbesondere die Fakten der (bisherigen) wirtschaftlichen Verflechtung zwischen Rußland und der Erdogan-Regime. Hierzulande ließt man kaum davon.

    Die türkische Volkswirtschaft und die türk. Lira dürften zusätzlich auch deshalb unter Druck geraten, weil die Wirtschaftsblüte der letzten Jahre in der Türkei extrem kreditfundiert war. Sollte die Weltwirtschaft herunterkommen (der „Baltic Dry Index“ läßt dies vermuten) werden diese Kredite wieder eingesammelt – mit herben Folgen für die türk. Wirtschaft.

    Hinzu kommt weiterhin, daß das Erdogan-Regime systematisch seine umliegenden Absatzmärkte vernichtet hat (Irak, Syrien, Libyen). Daß das Erdogan-Regime nun auch noch nichts besseres zu tun hatte, als seinen wichtigen Handelspartner Rußland abzuschalten, ist schwer begreiflich.

    Leider besteht die Regierung der BRD aus US-gelenkten Püppchen (daher auch das geradezu mafiotische TTIP-Treiben). Wäre dem nicht so, würde unsere Regierung Syrien – insbesondere die Städte – wieder aufbauen und es so den syrischen Flüchtlingen ermöglichen, heimzukehren. Ein Wiederaufbau Syriens würde unzählige Arbeitsplätze schaffen und dort Wohlstand und Frieden bringen. Auch die BRD hätte zukünftig einen befreundeten und attraktiven Absatzmarkt.

    Aber durch dieses scheinheilige Bombardieren durch die Franzosen (und nun auch durch die Luftwaffe) soll nur die Infrastruktur in Syrien weiter zerstört und ein Leben dort unmöglich gemacht werden. Denn Russen und US-Amerikaner bomben da schon wie wild – was soll das „noch mehr bomben“?!

    Nicht nur daß das Eindringen in den syrischen Luftraum – ohne Erlaubnis der syrischen Regierung – völkerrechtswidrig ist. Vielmehr ist auch das systematische Niederbomben syrisch-städtischer Infrastruktur durch die Franzosen unmenschlich und völkerrechtswidrig:
    Französische Bomber waren vor ein paar Tagen in den syrischen Luftraum eingedrungen und haben in Raqqa/Syrien ein STADION, ein MUSEUM, MEDIZINISCHE KLINIKEN, mehre VERWALTUNGSGEBÄUDE und ein REITER-ZENTRUM zerstört. Siehe: http://www.globalresearch.ca/humanitarian-retribution-against-the-islamic-state-illegal-french-airstrikes-on-syria-hit-stadium-museum-clinics/5489637

    Siehe auch „The Guardian“ (http://www.theguardian.com/world/live/2015/nov/16/paris-attacks-france-terrorism-isis-obama-hollande-war#block-564a2ed1e4b0e0595dc6c3d4): „The Raqqa strikes, 20 in total, targeted parts of the city that had not been hit before, including a sports stadium, a museum, an equestrian centre and several administration buildings.
    Residents questioned the usefulness of the strikes, suggesting they had no military purpose, a claim countered by French officials who said planners of the Paris attacks on Friday had given final instructions to the suicide bombers from within Raqqa and that training camps were a primary target“.
    Übersetzt: „Die Raqqa-Bomberangriffe, insgesamt 20, trafen auch Teile der Stadt, die vorher nicht betroffen waren, darunter ein Sportstadion, ein Museum, ein Reitzentrum und mehrere Verwaltungsgebäude.
    Die Bewohner bezweifelten die Nützlichkeit der Bombenangriffe mit dem Hinweis, daß diese keinen militärischen Zweck hätten. Französische Beamte entgegneten und sprachen davon, daß die Planer der Paris-Angriffe am Freitag die letzten Anweisungen an die Selbstmordattentäter von Raqqa aus gegeben hätten und dass Trainingslager Primärziele wären.“.
    Argument der franz. Regierung ist also: Die Pariser Anschläge seien (angeblich!!) von Raqqa aus organisiert worden. Und die ISIS-Terroristen hätten sich möglicherweise gerade dort (STADION, ein MUSEUM, MEDIZINISCHE KLINIKEN, mehre VERWALTUNGSGEBÄUDE und ein REITER-ZENTRUM ) versammelt haben können.

    Ich denke wir Deutschen sollten unseren französischen Nachbarn beweisen, daß wir nach der Tragödie in Paris nicht nur mit Worten, sondern auch tatkräftig an ihrer Seite stehen. Deshalb sollte wir die Luftwaffe beauftragen, Ziel von ISIS und ISIS-Unterstützern in Frankreich zu bombardieren (eines der Ersten Ziele wäre natürlich Hollandes Elysee Palast ).

  3. Erdogans Strategie wird langfristig aufgehen. Bei der Neuordnung des Nahen Ostens wird die Türkei die führende Rolle einnehmen und ein Gegengewicht zur EU und Fernost einnehmen. Kurz- und Mittelfristige wirtschaftliche Rückschläge sind hier ohnehin einkalkuliert und werde der Türkei nicht nachhaltig schaden. Weitere arabische Länder werden innerhalb der näcshten Jahre noch ins Chaos gestürzt werden..als letztes der Iran. Der IS ist sehrwohl ein Instrument der Türkei und der USA. Das ist alles nicht schön, aber große Weltpolitik und Erdogan spielt da ein große Rolle. Die Statschefs der EU sind in Ihrer Gewichtung komplett zu vernachlässigen.

  4. Da lohnt es sich echt wieder Urlaub zu machen in der Türkei
    – kein Saufgelage.
    – ruhigere Ablaufe beim Buffet.
    – erträgliche Geräuschekulisse.
    – entspanntere Abläufe bei den Sonnenliegen

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