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1,1 Million offene Stellen in der deutschen Wirtschaft – wahrscheinlich sind es deutlich mehr! Keine Chance für Langzeitarbeitslose?

Im 2. Quartal 2017 gab es bundesweit 1.099.000 offene Stellen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Damit lag die Zahl um 35.000 über dem bisherigen Höchststand vom 1. Quartal 2017 mit 1.064.000…

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FMW-Redaktion

Im 2. Quartal 2017 gab es bundesweit 1.099.000 offene Stellen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Damit lag die Zahl um 35.000 über dem bisherigen Höchststand vom 1. Quartal 2017 mit 1.064.000 offenen Stellen. Gegenüber dem 2. Quartal 2016 erhöhte sich die Zahl der offenen Stellen sogar um 114.000. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des „Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung“ (IAB) bei 7.000 Arbeitgebern hervor.

Die IAB als Tochter der Bundesagentur für Arbeit macht wie gesagt eine Umfrage. Die Bundesagentur selbst kommt aber nur auf 750.000 offene Stellen, weil dies die Zahl ist, die die Arbeitgeber von sich aus bei der Agentur melden. Viele Arbeitgeber wissen oder denken wohl, dass sie übers Amt eh keine passenden Bewerber finden, und melden die offenen Stellen dort erst gar nicht.

Daraus kann man die Differenz von gut 350.000 offenen Stellen ableiten zwischen den Angaben der Agentur und der Umfrage bei den Arbeitgebern. Die Umfrage wird dabei deutlich realistischer sein. Aber wie wir vorhin schrieben: Es ist eine Umfrage bei gerade mal 7.000 Arbeitgebern. Rechnet man das hoch auf alle Arbeitgeber in Deutschland, auf welche tatsächliche Zahl offener Stellen kommt man dann? 1,5 oder 2 Millionen?

Unsere Dauerfrage (wir wissen es ja, es nervt langsam): Warum schafft es die Agentur nicht diese Zahl offener Stellen zumindest zu großen Teilen aus dem „Heer“ der vorhandenen 3,5 Mio Arbeitslosen (offiziell nur 2,5) zu decken? Gut, teilweise kann man bestimmte gesuchte Fachkräfte wohl kaum unter den Langzeitarbeitslosen finden, aber wie das IAB heute selbst schreibt, werden von den 1,1 Millionen offenen Stellen nur 124.000 aus dem Verarbeitenden Gewerbe angeboten. 101.000 offene Stellen gibt es auf dem Bau.

Wie die folgende Grafik zeigt, stammt mehr als die Hälfte der offenen Stellen (grau und hellblau) aus den Bereichen „Unternehmensnahe Dienstleistungen“ und „Sonstige Dienstleistungen“. Hierin findet man so ziemlich alles. Werkverträge, Zeitarbeit, Wachschutz, Gastronomie, Hotels und und und. Also alles, was relativ schlecht oder sogar sehr schlecht bezahlt ist, und wofür oft wenig bis gar kein Fachwissen benötigt wird. Warum also gelingt es dem deutschen Staat nicht dieses „Heer“ von Langzeitarbeitslosen in die offenen Stellen hinein zu vermitteln? Es bleibt ein Rätsel…

Wie immer stehen natürlich mögliche Antworten parat: Zu schlecht qualifizierte Bewerber? Oder werden die willigen Bewerber nicht auf die passenden Jobs hingelotst? Dann wäre es in beiden Fällen ein Versagen der Agentur. Oder sind die Langzeitarbeitslosen zu faul? Vielleicht ein kleiner Teil von ihnen, wer weiß… aber herje, 3,5 Millionen Menschen, und dann vielleicht 1 oder 2 Millionen offene Stellen, da stimmt doch was nicht auf dem deutschen Arbeitsmarkt!

Glaubt man der folgenden Grafik der IAB, benötigt man als Bewerber für 20% der offenen Stellen sogar überhaupt gar keinen Schulabschluss. Wieso schafft man es also nicht 200.000 Stellen mit Langzeitarbeitslosen direkt zu besetzen? Genug „Weiterbildungsmaßnahmen“ gibt es ja bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern…

15 Kommentare

15 Comments

  1. Avatar

    rote_pille

    8. August 2017 14:29 at 14:29

    Weil es diesen Leuten nichts bringt zu arbeiten. So können sie chillen und kriegen alles Mögliche bezahlt. Wenn sie arbeiten gehen, müssen sie alles selbst bezahlen und der Staat nimmt ihnen zusätzlich so viel weg, dass die Differenz einfach viel zu klein wird.

  2. Avatar

    Dreistein

    8. August 2017 15:02 at 15:02

    Sind das Voll Time Jobs oder 450€ Jobs wie werden diese bezahlt? Mindestlohn ca. 1400€ Brutto? da bleiben dann 1050€ Netto.
    Da kann ich die Harzer verstehen wenn sie nicht wollen, zurzeit leben sie von H4 gesichert, und wenn er oder sie nun Arbeiten geht, geht die ganze Sache doch los. Arbeiten gehen 8Std. jeden Tag und dann noch die Ämter zusätzlich besuchen wegen Wohngeldzuschuss also Aufstockung und da wird nicht viel bei rumkommen. Dazu die Fahrkosten und man hat dann vielleicht 1Jahr einen Job gehabt und rutscht wieder ins Harzer Land ab. Dann hat er / sie ein Jahr gearbeitet und im Grunde nicht viel mehr Geld als mit H4 und dafür jede Menge Rennereien. Ehrlich, ich würde auch lieber liegen bleiben. Lasst die Leute mal anfangen zu arbeiten die dafür ja gekommen sind und so hoch gelobt worden sind, diese Goldstücke!

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    Gast

    8. August 2017 15:03 at 15:03

    „Es bleibt ein Rätsel…“ Es ist für mich ganz und gar kein Rätsel, denn wir haben dieses üble Hartz IV. Menschen, die sich in diesem Hartz IV angesiedelt haben und damit klarkommen (und vielleicht noch mit etwas Schwarzarbeit „aufstocken“), die werden derart mies bezahlte Tätigkeiten nicht aufnehmen wollen. Man hat dann nämlich weniger oder das gleiche Gesamteinkommen wie im Hartz IV, dafür aber ohne jeden Stress.

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    Pillenzerdrücker

    8. August 2017 15:07 at 15:07

    Vielen Dank für die Berichterstattung und die immer wiederkehrende berechtigte Frage!
    Gründe gibt es sicher einige (auch die genannten).,Aus eigener mehrjähriger Erfahrung kann ich bestätigen, dass man von stereotypen Denkweisen u. Vorurteilen der Arbeitgeber einerseits und von einem völligen Versagen „der Agentur“ andererseits ausgehen kann. Null Initiative in Sachen Vermittlung. Reine Verwaltung des Elends und Aufbauen von teils rechtswidrigen Drohszenarien. Habe übrigens nach mehrjähriger Gängelung und Konfrontation mit der geballten Inkompetenz, durch Hartnäckigkeit in den 90ern und auch zuletzt, jeweils wieder in eine bürgerliche Existenz mit Anstellungsverhältnis zurückgefunden – trotz oder gerade wegen der Ignoranz solcher Kommentare (wie dem obigen) meinerseits und trotz der oftmals destruktiven Gängelung durch die Agentur. Mit „Gängelung“ ist für die Nicht -Eingeweihten, die Androhung von Sanktionen (= existenzieller Bedrohung) und die als Lieblings-Instrumentarium gewünschte Vermittlung in sinnentleerte, an den Erfordernissen des Arbeitsmarktes vorbeigehenden Fortbildungsmaßnahmen gemeint.

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    Steve

    8. August 2017 15:13 at 15:13

    Mindestlöhne sind zu niedrig .
    Auch mit der letzten Erhöhung um 30ct !!!

    450€ Jobs ohne Weihnachtsgeld und 20tagen uralub im Jahr << davon brauch man dann mindestens 2 . dazu kommt man aber ein Haufen stress ,jedentag Spass mit den öffis (auto ist da nicht drin)

    ein rundum verkorkstes system .
    Aber für die einfachjobs haben wir ja jetzt Fachkräfte importiert . die fragen nicht nach Mindestlohn . der Staat stockt es dann auf.

    Aber die Firmen sind auch schuld . warum muss ein Minister durch formen tingeln und bittebitte sagen damit mehr ausgebildet wird.?!
    Lehrlinge die nichts können kann man 6 Monate fristlos kündigen . liberaler gehts nicht ..aber das ist wohl auch noch zu teuer

  6. Avatar

    Emm wie Meikel

    8. August 2017 16:13 at 16:13

    Warum kommt niemand auf die Idee, daß die Nettogehälter, die für diese freien Stellen bezahlt werden, auf Hartz 4 Niveau (oder sogar noch darunter) und damit viel zu niedrig sind? Entweder müssen die horrenden Steuern und Abgaben deutlich runter, die Löhne deutlich rauf oder beides.

    Besonders lustig wird es, wenn jemand mit entsprechender Qualifikation zu einem Drittel oder der Hälfte des üblichen Lohns bei einer Firma anfängt und dafür ein langjähriger Angestellter, der noch den vollen Lohn bekommt, gehen muss. Vorreiter waren namhafte, deutsche Autohersteller, die einen Großteil ihrer Stammbelegschaft durch Zeitarbeiter ausgetauscht haben.

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    Pillenzerdrücker

    8. August 2017 18:33 at 18:33

    Leute, Ihr geht alle scheinbar davon aus, dass Arbeitslose nicht ernthaft arbeiten wollen?!! Diese Kategorie Arbeitsloser mag es zwar auch geben. Aber diese Verallgemeinungen n einigen der Kommentare, ist nichts anderes als Diskriminierung!!! Ich war zuletzt 3 Jahre Arbeit suchend. 150 wirklich zielgerichtete Bewerbungen auf nahezu zu 100 % passende Jobs sowie eine Vielzahl von Bewerbungen auch auf die im Artikel beschriebenen mies bezahlten Jobs ohne besondere Anforderungen. Ich bin u.a. gut oder hochqualifiziert und ich hatte notgedrungen die Freude 1,5 Jahre von Hartz4 existieren zu müssen. Lasst Euch doch nicht von BILD und ähnlichen Meinungsmachern diesen Mist erzählen, dass es angenehm ist von Hartz4 zu leben. Man verliert alles! Insbesondere auch seine Menschenwürde! Mit diesem Schubladendenken wird letzten Endes dafür gesorgt, dass potentielle Arbeitgeber , sich diesen Vorurteilen (Hartz4 oder Arbeitslos oder Leiharbeiter = Unfähig und faul) „aus Prinzip“ anschließen und die Betroffenen „aus Prinzip“ keine Chance erhalten. Und ja, dass System der angeblich so hilfreichen Arbeitsmarktpolitik sozialdemokratischer Prägung funktioniert hinten und vorne nicht! Es ist ineffizient und kostet Unsummen, weil ein Riesen Apparat an Verwaltungsangestellten der Bundesanstalt unterhalten wird und eine in weiten Teilen ineffiziente Fortbildungsindustrie ebenfalls weitgehend den dort Beschäftigten selbst, von Nutzen ist und weil diese ganze Angelegenheit für die jeweils Regierenden reine Alibifunktion hat.

    • Avatar

      Emm wie Meikel

      8. August 2017 19:41 at 19:41

      Oftmals geht es heutzutage sogar direkt nach dem Studium in eine endlose Anreihung mies oder überhaupt nicht bezahlter Praktika oder gleich in die Arbeitslosigkeit. Manche landen auch als Burgerbrater bei McDonalds oder müssen bis ans andere Ende der Welt ziehen. Ein Studium oder eine gerade abgeschlossene Ausbildung sind längst kein Garant für eine Arbeitsstelle mehr. Der einstige Lebensstandard der Eltern und zum Teil auch der Großeltern ist schon heute für viele Deutsche ein unerreichbarer Traum geworden.

  8. Avatar

    Lutz Winter

    8. August 2017 19:23 at 19:23

    Da wird mal wieder Stimmung gemacht gegen die H4. Das passt zum plotischen System: Arbeitnehmer gegen Arbeitslose, Mann gegen Frau, Christen gegen Moslems usw. Die Politiker wollen mit dieser Masche, dass wir uns gegenseitig anfeinden und keine Einheit bilden. Denn wären wir uns alle einig, gäbe es schon längst wieder DEMOKRATIE in D.

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      Thomas

      8. August 2017 23:46 at 23:46

      Sie sprechen mir aus der Seele.

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      Peter

      9. August 2017 12:43 at 12:43

      Teile und Hersche war schon im alten Rom so.

  9. Avatar

    Peter

    9. August 2017 12:41 at 12:41

    Das totaler „bullshit“ ich bin seit ich 18 bin Arbeitslos/Arbeitssuchende jetzt bin ich 32. Seit ich 18 bin lacht mich das Arbeitsamt aus wenn ich nur IT erwähne und jetzt angäblich durch die Digitalisierung *süß* brauchen sie FACHKRÄFTE *der war gut, haha*. Aber jetzt kommt es noch viel besser die JobCenter Genehmigen mir bis jetzt immer noch keine Weiterbildung. Von daher alles nur lug und Augenwischerei. Die Arbeiterklasse wird mit Absicht so manipuliert das sie auf die angäblich ach so faulen Arbeitslose sauer sind. Leute wacht endlich auf es gibt nicht genug Arbeit/Bildung für alle!!

    • Avatar

      Dieter G.

      9. August 2017 14:25 at 14:25

      Was läuft denn bei Dir schief? Fachkräfte, vor allem in der IT, werden seit Jahrzehnten händeringend gesucht. Die Betonung liegt aber auf „Fachkräfte“. Wer nur einen Rechner ein- u. ausschalten kann, kommt nicht weit.

      Und wieso suchst Du einen Job seit nunmehr gut 14 Jahren? Das gesamte Handwerk ist seit mittlerweile 20 Jahren völlig unterbesetzt. Problem ist natürlich hier: es wird und muss hart gearbeitet werden. Ich kann ein Lied davon singen, bin selbst im Bäcker-u. Konditorenhandwerk aufgewachsen.

      Nur scheinst Du dein Glück in die Hände der öffentlichen Verwaltung zu legen. Mangelnde Disziplin und Arbeitsbereitschaft kann auch ein Jobcenter nicht ersetzen.

      Und wenn Du wirklich in die IT rein willst, bietet MS$ tolle und hochqualifizierte Weiterbildungen an. Musst Du allerdings selbst bezahlen, mein MCSE schlug mit 14 TSD DM in den 90ern gut in die Kasse. Oder eine Zertifizierung für UNIX. Ist zwar nicht billiger, aber hier sind gute Leute gefragt und zudem Mangelware.

      Also, Ar… hoch, und per Eigeninitiative das Ruder in die richtige Richtung drehen.

      Alles Gute…..Dieter

      • Avatar

        Peter

        9. August 2017 19:02 at 19:02

        Wovon soll ein Hartz IV Empfänger ihrer Meinung diese Zertifizierung oder Weiter-/Fortbildung denn bezahlen. Kredit aufnehmen ist nicht mit Hartz IV. Davon ab hat ein Hartz IV Empfänger den angeblich vorhandenen Arbeitsmarkt zu Verfügung zu stehen. Sollte ein Hartz IV sich selbstendig Weiter-/Fortbildung drohen ggf Sanktionen wenn ein Brief von der Arge eintrudelt mit bitte am Tag X zur Maßnahme X oder bei Leibude X vorstellen. Anbei no ich kann Programmieren in Basic, C, C#, desweiteren beschäftige ich mit Reverse Engineering (Programme oder Spiel Hacken/Cracken und Analysieren) mit Diversen Disassemblern, Hex-Editoren. Computer selbst zusammenstellen kann ich ebenfalls. Sowie Video Spiel Konsolen mit Modchips aus China umbauen. Alles selbst beigebracht!

  10. Avatar

    ilse

    2. April 2019 13:19 at 13:19

    früher gab es Journalisten, die recherchiert haben und Dinge hinterfragen konnten.
    Heute kommen die Meldungen Hinsichtlich offener Stellenangebote von den 3-5 großen Nachrichtenanbietern unter anderem REUTERS jeden Monat rein

    interessant sind immer die kommentarbereiche in den Meldungen. Diese spiegeln oft die realität wieder. Dort tummeln sich auch viele Rassisten aber man sollte sich mal fragen, warum die Leute im Osten zu rassisten wurden.

    Heute kostet es fast nix ein Stellenangebot zu schalten. Die in den Jobbörsen können fakes sein, das heisst sie dienen als Werbung, um zu suggerieren WIR WACHSEN UND EXPANDIEREN oder kriminelle Firmen die die Daten abgreifen wollen. Daten können pro Person 0,10-2,00 Euro wert sein. Bei Millionen von arbeitslosen kann sich ja jeder ausrechnen was die kriminellen da verdienen können

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Ernst Wolff über das globale Finanzsystem – Geld und Demokratie

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Spätestens die Wirtschaftskrise 2007/2008 ließ an der Seriosität des globalen Finanzsystems zweifeln. Wer seine Zweifel allerdings durch Sachkenntnis untermauern möchte, bekommt schnell ein Problem: Er trifft auf ein Dickicht aus komplizierten und oft widersprüchlichen Informationen, die noch dazu in einer für Laien unverständlichen Fachsprache gehalten sind. Kein Wunder also, dass der Versuch, das Finanzsystem zu verstehen, häufig schon in der Anfangsphase scheitert. Genau hier setzt Ernst Wolff an. Im Folgenden ein Ausschnitt auf der Einleitung meines neuen Buches (hier zu kaufen).

Die zwei großen Fehleinschätzungen unserer Zeit

Es gibt in unserer Gesellschaft zwei Ansichten, die von der überwiegenden Mehrheit der Menschen geteilt und von fast niemandem angezweifelt werden. Sie betreffen zum einen die politischen Strukturen, unter denen wir leben, und zum anderen die Wahrnehmung der wirtschaftlichen Realität, auf der diese politischen Strukturen basieren. Zusammen bilden beide so etwas wie eine von der breiten Allgemeinheit stillschweigend akzeptierte Übereinkunft. Ansicht Nr. 1 lautet: Bei uns regiert das Volk. Ansicht Nr. 2 lautet: Das Finanzsystem ist nur ein Teilbereich unserer Gesellschaft, den man nicht unbedingt verstehen muss.

Geht man diesen Ansichten auf den Grund, dann stellt man allerdings fest, dass sie nicht etwa auf intellektueller Einsicht oder auf Erfahrungswerten basieren, sondern den Menschen zunächst von Elternhaus, Schulen, Ausbildungsbetrieben und Universitäten mit auf den Weg gegeben und später ein Leben lang von Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft eingetrichtert werden – mit dem Ergebnis, dass ihr Wahrheitsgehalt kaum jemals in Frage gestellt wird.

Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass sich hinter diesen Ansichten ganz handfeste Interessen verbergen, deren Durchsetzung nur einem kleinen Teil der Bevölkerung nützt. Im Grunde handelt es sich also um zwei vorsätzlich herbeigeführte Fehleinschätzungen, die weitreichende Konsequenzen haben. Sie tragen nämlich entscheidend dazu bei, die bestehende Ordnung und ihre Machtstrukturen zu festigen und verhindern so, dass die Menschen diese Strukturen durchschauen – mit der Folge, dass sie dadurch unfähig werden, an den bestehenden Verhältnissen etwas zu ändern.

Sehen wir uns beide Fehleinschätzungen deshalb etwas genauer an:

Fehleinschätzung Nr. 1: „Bei uns regiert das Volk“. In einem Obergeschoss des Berliner Hauptbahnhofs hängt ein Schild mit der Aufschrift „400 Meter von hier regiert das Volk“. Der Hinweis gilt dem südlich vom Bahnhof gelegenen Reichstagsgebäude, Sitz des deutschen Parlaments, und soll dem Betrachter ganz offensichtlich eine uns allen bekannte Botschaft vermitteln:

Wir leben in einem Gesellschaftssystem, in dem wir als Volk das Sagen haben. Und da das Volk zu groß ist, um als Ganzes regieren zu können, übergeben wir diese Aufgabe an sogenannte Volksvertreter. Die bestimmen wir, indem wir sie alle vier Jahre wählen. Sollten sie nicht so handeln, wie wir das von ihnen erwarten, dann können wir sie nach dem Ablauf ihrer Amtszeit wieder abwählen und durch andere ersetzen.

Diese Grundsätze der parlamentarischen Demokratie werden uns von Kindesbeinen an mit auf den Weg gegeben und im Verlaufe unseres Lebens durch eine Reihe weiterer Informationen ergänzt und untermauert. So erfahren wir unter anderem: Unsere Wahlen sind frei, gleich, geheim, allgemein und unmittelbar und werden auf der Grundlage einer Verfassung abgehalten, die unsere Würde für unantastbar erklärt und uns körperliche Unversehrtheit garantiert. Wir sind vor dem Gesetz alle gleich und haben das Recht, unsere
Meinung zu äußern und uns mit anderen zum Zwecke gemeinsamer Meinungsäußerung zu versammeln.

Die Formulierungen erwecken in uns den Eindruck, dass es sich bei der parlamentarischen Demokratie um ein zu unser aller Gunsten entwickeltes System handelt, das den Einzelnen schützt, dem Gemeinwohl dient und dessen oberstes Ziel darin besteht, den Willen
der Mehrheit der Bevölkerung in die Tat umzusetzen. Doch ist das tatsächlich so? Wollen wir alle, dass immer weniger Menschen immer größere Vermögen anhäufen, während der Lebensstandard der Masse bestenfalls stagniert, in vielen Fällen sogar sinkt? Dass der Niedriglohnsektor explodiert, dass Arbeits- und Obdachlosigkeit um sich greifen? Dass von Jahr zu Jahr mehr Geld für Rüstung und den Ausbau von Sicherheitsapparaten ausgegeben wird, während am Bildungs- und Gesundheitswesen immer drastischer gespart wird? Sind wir dafür, dass die Umwelt zunehmend zerstört wird? Dass in unserem Namen Kriegseinsätze unterstützt werden? Dass Persönlichkeitsrechte abgebaut und wir alle immer stärker überwacht werden?

Wendet man sich direkt an die Menschen und fragt sie, was sie von dieser Entwicklung halten, dann fällt die Antwort eindeutig aus: Die meisten sind damit nicht einverstanden, viele lehnen sie sogar rundheraus ab. Wie aber kann das sein? Wie kommt es, dass zwischen dem, was die Menschen wollen, und dem, was in ihrem Namen und auf Grund ihrer offensichtlich frei getroffenen Wahlentscheidung umgesetzt wird, ein solch krasses Missverhältnis besteht – in einer Gesellschaft, deren Verfassung doch besagt, dass alle Macht vom Volk ausgeht?

Wir lassen uns täuschen

Die Antwort auf diese Frage lautet: Wir lassen uns täuschen. Wir akzeptieren die wohlklingenden Formulierungen unserer Verfassung, die auf dem Gleichheitsgrundsatz basieren, und schließen daraus, dass wir alle nicht nur gleiche Rechte genießen und gleich behandelt werden, sondern dass wir alle gleich sind. Das aber stimmt nicht. In einer vom Geld beherrschten Gesellschaft wie der unseren können die Menschen auf Grund ihrer Vermögensverhältnisse gar nicht gleich sein. Wer über viel Geld und großen Besitz verfügt, ist nämlich nicht nur wohlhabender, sondern kann sich auf Grund seiner wirtschaftlichen Überlegenheit über diejenigen, die weniger besitzen, erheben, sie von sich abhängig machen und sie im Extremfall sogar vollends beherrschen. Die Vermögensverhältnisse entscheiden also nicht nur darüber, wer reich und wer arm ist, sondern vor allem darüber, wer in welchem Ausmaß Macht ausüben kann und welche gesellschaftlichen Hierarchien sich im Lauf der Zeit bilden.

Diese Aufspaltung der Gesellschaft hat schon lange vor der Einführung des Parlamentarismus und sogar schon lange vor der Einführung des Geldes begonnen. Ihre Anfänge gehen auf die Tauschwirtschaft zurück. Sie ist die Grundlage, auf der sich ein Zustand entwickeln konnte, der die gesamte bisherige Geschichte der Menschheit prägt: die soziale Ungleichheit. Sie hat es den Menschen, die mehr Besitz angehäuft und damit mehr Macht erlangt haben als andere, ermöglicht, Strukturen zu schaffen, die ihren privilegierten Status festigen, die sie einmal erworbene Privilegien auf Dauer beibehalten und diese sogar auf nachfolgende Generationen übertragen lassen.

Im ausgehenden Mittelalter sind die Besitzer großer Vermögen noch einen Schritt weiter gegangen und haben sich das Geldsystem und damit den Blutkreislauf der Gesellschaft unterworfen, indem sie Banken gegründet und sich so das Recht der Geldschöpfung angeeignet haben. Später, nach der Gründung der Nationalstaaten, haben die von ihnen beherrschten Banken sich dieses Recht auf der Grundlage nationaler Währungen mit den Zentralbanken geteilt und damit als „Finanzwesen“ einen ganz eigenen Wirtschaftszweig geschaffen, der mit der Zeit immer einflussreicher wurde. Da dem Rest der Bevölkerung nicht entging, dass auf diese Weise einige Wenige zusehends reicher und mächtiger wurden, hat sich immer stärkerer Widerstand gegen diese Entwicklung gebildet. Als mit der Industrialisierung dann Schulen eingeführt, der Analphabetismus nach und nach überwunden und das allgemeine Bildungsniveau immer weiter angehoben wurde, nahm dieser Widerstand für die Privilegierten zunehmend bedrohlichere Formen an, sodass sie sich gezwungen sahen, Zugeständnisse zu machen.

Ein historisches Zugeständnis

Das historisch wichtigste Zugeständnis – und die zugleich geschickteste Täuschung der Öffentlichkeit – war die Einführung des Parlamentarismus. Indem die Gleichheit der Menschen in einer von Ungleichheit geprägten Welt zum Verfassungsgrundsatz erhoben wurde, entstand mit der parlamentarischen Demokratie eine Fassade, hinter der sich die tatsächlichen Machtstrukturen nicht nur hervorragend verbergen, sondern ungehindert weiter ausbauen ließen. Das Prinzip dieser Täuschung ist im Grunde recht einfach: Man unterschlägt einen fundamental bedeutsamen Mechanismus, der die gesellschaftliche Realität seit Jahrhunderten prägt, und übertüncht ihn mit hochtrabenden Worten. So gibt es bis heute weltweit keine einzige parlamentarische Demokratie, in deren Verfassung die Bedeutung des Geldes für die Entstehung von Machtstrukturen erwähnt oder in der das Prinzip der Geldschöpfung auch nur angesprochen wird. Dafür aber wird in den meisten Verfassungen, verbrämt mit blumigen Formulierungen über die soziale Verpflichtung von Eigentum, der Schutz desselben garantiert – und zwar ohne jede Begrenzung nach oben.

Auf diese Weise ist eine Herrschaftsform entstanden, die sich vordergründig auf den Willen der Mehrheit des Volkes stützt, die aber tatsächlich einer Minderheit nützt und die es darüber hinaus geschafft hat, die soziale Ungleichheit in krassem Widerspruch zum offiziell beteuerten Gleichheitsgrundsatz zu einem akzeptierten und gesetzlich geschützten Dauerzustand werden zu lassen.

Ernst Wolff über das Finanzsystem und die Politik
Der Buchautor Ernst Wolff

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Das sind die Informationsquellen der Profis – Werbung

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Lieber Börsianer,

gelegentlich werde ich als Börsenanalyst oder Vermögensberater gefragt, woher ich meine Informationen beziehe? Oder anders gefragt: Wie recherchiert ein Profi eine Aktie? Zunächst möchte ich mein Berufsbild etwas entmystifizieren. Auch Profis kochen nur mit Wasser und stützen ihre Entscheidungen wesentlich auf öffentlich zugängliche Informationen. Am Anfang steht also immer die Lektüre des Geschäftsberichts und die harte Analyse der Geschäftszahlen.

Dann beginnt die Arbeit des Analysten erst richtig. Aktienanalyse ist People´s Business. Zu Deutsch: Wir müssen mit den handelnden und verantwortlichen Personen des Unternehmens in Kontakt kommen. Als Vermögensverwalter lässt man durchblicken, dass man umfassende Investitionen im Unternehmen beabsichtigt. Damit haben Sie schon einmal das Ohr Ihres Gesprächspartners.

Zunächst werden Sie abgespeist mit professionellem Werbeversprechen. Etwa so: Wir setzen voll auf die Elektro-Mobilität und expandieren derzeit proaktiv im chinesischen Wachstumsmarkt.

Das ist eine absolute Null-Information. Als Analyst haken Sie jetzt konkret nach. Zum Beispiel: Mit welchen Produkten geht das Unternehmen nach China? Wer sind die Konkurrenten? Was ist der Wettbewerbsvorteil des Unternehmens? Warum soll der Kunde ausgerechnet ihre Zylinderdichtung (beispielhaft) kaufen? Wie funktioniert der Vertrieb?

Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Ihr Gesprächspartner bleibt hartnäckig im Ungefähren. Dann sind die Expansionspläne wohl noch nicht weit gediehen. Die Aktie ist also eher kein Kauf. Oder aber: Ihr Gegenüber packt…..

Wollen Sie meine komplette Analyse lesen?

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US-Wahl egal für die US-Märkte? Experte Andre Stagge mit ausführlicher Erklärung

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Ande Stagge über die aktuelle Lage im S&P 500 und zur US-Wahl

Ist der Ausgang der US-Wahl letztlich egal für die US-Aktienmärkte? Das denken manche Beobachter. Der Börsenexperte Andre Stagge (hier mehr zu seiner Person) bespricht dieses Thema im folgenden aktuellen Video im Detail. Ausführlich geht er auf die einzelnen Standpunkte von Joe Biden und Donald Trump ein. Zum Beispiel seien die Steuerideen von Joe Biden eindeutig schlecht für die Wirtschaft. Natürlich muss man fair sein und erwähnen, dass die US-Unternehmen durch die große Steuersenkung von Donald Trump im Jahr 2017 massiv profitiert hatten. Andre Stagge glaubt an einen Wahlsieg von Joe Biden, und dass dies letztlich nicht gut für die Märkte wäre – auch wegen der Idee von Joe Biden den Mindestlohn in den USA drastisch anzuheben. Wichtig werde auch die Phase direkt nach der Wahl, und ob Donald Trump bei einer möglichen knappen Wahlniederlage Probleme machen wird.



Ist die US Wahl egal by Andre_Stagge on TradingView.com

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