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1,1 Million offene Stellen in der deutschen Wirtschaft – wahrscheinlich sind es deutlich mehr! Keine Chance für Langzeitarbeitslose?

Im 2. Quartal 2017 gab es bundesweit 1.099.000 offene Stellen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Damit lag die Zahl um 35.000 über dem bisherigen Höchststand vom 1. Quartal 2017 mit 1.064.000…

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FMW-Redaktion

Im 2. Quartal 2017 gab es bundesweit 1.099.000 offene Stellen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Damit lag die Zahl um 35.000 über dem bisherigen Höchststand vom 1. Quartal 2017 mit 1.064.000 offenen Stellen. Gegenüber dem 2. Quartal 2016 erhöhte sich die Zahl der offenen Stellen sogar um 114.000. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des „Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung“ (IAB) bei 7.000 Arbeitgebern hervor.

Die IAB als Tochter der Bundesagentur für Arbeit macht wie gesagt eine Umfrage. Die Bundesagentur selbst kommt aber nur auf 750.000 offene Stellen, weil dies die Zahl ist, die die Arbeitgeber von sich aus bei der Agentur melden. Viele Arbeitgeber wissen oder denken wohl, dass sie übers Amt eh keine passenden Bewerber finden, und melden die offenen Stellen dort erst gar nicht.

Daraus kann man die Differenz von gut 350.000 offenen Stellen ableiten zwischen den Angaben der Agentur und der Umfrage bei den Arbeitgebern. Die Umfrage wird dabei deutlich realistischer sein. Aber wie wir vorhin schrieben: Es ist eine Umfrage bei gerade mal 7.000 Arbeitgebern. Rechnet man das hoch auf alle Arbeitgeber in Deutschland, auf welche tatsächliche Zahl offener Stellen kommt man dann? 1,5 oder 2 Millionen?

Unsere Dauerfrage (wir wissen es ja, es nervt langsam): Warum schafft es die Agentur nicht diese Zahl offener Stellen zumindest zu großen Teilen aus dem „Heer“ der vorhandenen 3,5 Mio Arbeitslosen (offiziell nur 2,5) zu decken? Gut, teilweise kann man bestimmte gesuchte Fachkräfte wohl kaum unter den Langzeitarbeitslosen finden, aber wie das IAB heute selbst schreibt, werden von den 1,1 Millionen offenen Stellen nur 124.000 aus dem Verarbeitenden Gewerbe angeboten. 101.000 offene Stellen gibt es auf dem Bau.

Wie die folgende Grafik zeigt, stammt mehr als die Hälfte der offenen Stellen (grau und hellblau) aus den Bereichen „Unternehmensnahe Dienstleistungen“ und „Sonstige Dienstleistungen“. Hierin findet man so ziemlich alles. Werkverträge, Zeitarbeit, Wachschutz, Gastronomie, Hotels und und und. Also alles, was relativ schlecht oder sogar sehr schlecht bezahlt ist, und wofür oft wenig bis gar kein Fachwissen benötigt wird. Warum also gelingt es dem deutschen Staat nicht dieses „Heer“ von Langzeitarbeitslosen in die offenen Stellen hinein zu vermitteln? Es bleibt ein Rätsel…

Wie immer stehen natürlich mögliche Antworten parat: Zu schlecht qualifizierte Bewerber? Oder werden die willigen Bewerber nicht auf die passenden Jobs hingelotst? Dann wäre es in beiden Fällen ein Versagen der Agentur. Oder sind die Langzeitarbeitslosen zu faul? Vielleicht ein kleiner Teil von ihnen, wer weiß… aber herje, 3,5 Millionen Menschen, und dann vielleicht 1 oder 2 Millionen offene Stellen, da stimmt doch was nicht auf dem deutschen Arbeitsmarkt!

Glaubt man der folgenden Grafik der IAB, benötigt man als Bewerber für 20% der offenen Stellen sogar überhaupt gar keinen Schulabschluss. Wieso schafft man es also nicht 200.000 Stellen mit Langzeitarbeitslosen direkt zu besetzen? Genug „Weiterbildungsmaßnahmen“ gibt es ja bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern…

15 Kommentare

15 Comments

  1. Avatar

    rote_pille

    8. August 2017 14:29 at 14:29

    Weil es diesen Leuten nichts bringt zu arbeiten. So können sie chillen und kriegen alles Mögliche bezahlt. Wenn sie arbeiten gehen, müssen sie alles selbst bezahlen und der Staat nimmt ihnen zusätzlich so viel weg, dass die Differenz einfach viel zu klein wird.

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    Dreistein

    8. August 2017 15:02 at 15:02

    Sind das Voll Time Jobs oder 450€ Jobs wie werden diese bezahlt? Mindestlohn ca. 1400€ Brutto? da bleiben dann 1050€ Netto.
    Da kann ich die Harzer verstehen wenn sie nicht wollen, zurzeit leben sie von H4 gesichert, und wenn er oder sie nun Arbeiten geht, geht die ganze Sache doch los. Arbeiten gehen 8Std. jeden Tag und dann noch die Ämter zusätzlich besuchen wegen Wohngeldzuschuss also Aufstockung und da wird nicht viel bei rumkommen. Dazu die Fahrkosten und man hat dann vielleicht 1Jahr einen Job gehabt und rutscht wieder ins Harzer Land ab. Dann hat er / sie ein Jahr gearbeitet und im Grunde nicht viel mehr Geld als mit H4 und dafür jede Menge Rennereien. Ehrlich, ich würde auch lieber liegen bleiben. Lasst die Leute mal anfangen zu arbeiten die dafür ja gekommen sind und so hoch gelobt worden sind, diese Goldstücke!

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    Gast

    8. August 2017 15:03 at 15:03

    „Es bleibt ein Rätsel…“ Es ist für mich ganz und gar kein Rätsel, denn wir haben dieses üble Hartz IV. Menschen, die sich in diesem Hartz IV angesiedelt haben und damit klarkommen (und vielleicht noch mit etwas Schwarzarbeit „aufstocken“), die werden derart mies bezahlte Tätigkeiten nicht aufnehmen wollen. Man hat dann nämlich weniger oder das gleiche Gesamteinkommen wie im Hartz IV, dafür aber ohne jeden Stress.

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    Pillenzerdrücker

    8. August 2017 15:07 at 15:07

    Vielen Dank für die Berichterstattung und die immer wiederkehrende berechtigte Frage!
    Gründe gibt es sicher einige (auch die genannten).,Aus eigener mehrjähriger Erfahrung kann ich bestätigen, dass man von stereotypen Denkweisen u. Vorurteilen der Arbeitgeber einerseits und von einem völligen Versagen „der Agentur“ andererseits ausgehen kann. Null Initiative in Sachen Vermittlung. Reine Verwaltung des Elends und Aufbauen von teils rechtswidrigen Drohszenarien. Habe übrigens nach mehrjähriger Gängelung und Konfrontation mit der geballten Inkompetenz, durch Hartnäckigkeit in den 90ern und auch zuletzt, jeweils wieder in eine bürgerliche Existenz mit Anstellungsverhältnis zurückgefunden – trotz oder gerade wegen der Ignoranz solcher Kommentare (wie dem obigen) meinerseits und trotz der oftmals destruktiven Gängelung durch die Agentur. Mit „Gängelung“ ist für die Nicht -Eingeweihten, die Androhung von Sanktionen (= existenzieller Bedrohung) und die als Lieblings-Instrumentarium gewünschte Vermittlung in sinnentleerte, an den Erfordernissen des Arbeitsmarktes vorbeigehenden Fortbildungsmaßnahmen gemeint.

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    Steve

    8. August 2017 15:13 at 15:13

    Mindestlöhne sind zu niedrig .
    Auch mit der letzten Erhöhung um 30ct !!!

    450€ Jobs ohne Weihnachtsgeld und 20tagen uralub im Jahr << davon brauch man dann mindestens 2 . dazu kommt man aber ein Haufen stress ,jedentag Spass mit den öffis (auto ist da nicht drin)

    ein rundum verkorkstes system .
    Aber für die einfachjobs haben wir ja jetzt Fachkräfte importiert . die fragen nicht nach Mindestlohn . der Staat stockt es dann auf.

    Aber die Firmen sind auch schuld . warum muss ein Minister durch formen tingeln und bittebitte sagen damit mehr ausgebildet wird.?!
    Lehrlinge die nichts können kann man 6 Monate fristlos kündigen . liberaler gehts nicht ..aber das ist wohl auch noch zu teuer

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    Emm wie Meikel

    8. August 2017 16:13 at 16:13

    Warum kommt niemand auf die Idee, daß die Nettogehälter, die für diese freien Stellen bezahlt werden, auf Hartz 4 Niveau (oder sogar noch darunter) und damit viel zu niedrig sind? Entweder müssen die horrenden Steuern und Abgaben deutlich runter, die Löhne deutlich rauf oder beides.

    Besonders lustig wird es, wenn jemand mit entsprechender Qualifikation zu einem Drittel oder der Hälfte des üblichen Lohns bei einer Firma anfängt und dafür ein langjähriger Angestellter, der noch den vollen Lohn bekommt, gehen muss. Vorreiter waren namhafte, deutsche Autohersteller, die einen Großteil ihrer Stammbelegschaft durch Zeitarbeiter ausgetauscht haben.

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    Pillenzerdrücker

    8. August 2017 18:33 at 18:33

    Leute, Ihr geht alle scheinbar davon aus, dass Arbeitslose nicht ernthaft arbeiten wollen?!! Diese Kategorie Arbeitsloser mag es zwar auch geben. Aber diese Verallgemeinungen n einigen der Kommentare, ist nichts anderes als Diskriminierung!!! Ich war zuletzt 3 Jahre Arbeit suchend. 150 wirklich zielgerichtete Bewerbungen auf nahezu zu 100 % passende Jobs sowie eine Vielzahl von Bewerbungen auch auf die im Artikel beschriebenen mies bezahlten Jobs ohne besondere Anforderungen. Ich bin u.a. gut oder hochqualifiziert und ich hatte notgedrungen die Freude 1,5 Jahre von Hartz4 existieren zu müssen. Lasst Euch doch nicht von BILD und ähnlichen Meinungsmachern diesen Mist erzählen, dass es angenehm ist von Hartz4 zu leben. Man verliert alles! Insbesondere auch seine Menschenwürde! Mit diesem Schubladendenken wird letzten Endes dafür gesorgt, dass potentielle Arbeitgeber , sich diesen Vorurteilen (Hartz4 oder Arbeitslos oder Leiharbeiter = Unfähig und faul) „aus Prinzip“ anschließen und die Betroffenen „aus Prinzip“ keine Chance erhalten. Und ja, dass System der angeblich so hilfreichen Arbeitsmarktpolitik sozialdemokratischer Prägung funktioniert hinten und vorne nicht! Es ist ineffizient und kostet Unsummen, weil ein Riesen Apparat an Verwaltungsangestellten der Bundesanstalt unterhalten wird und eine in weiten Teilen ineffiziente Fortbildungsindustrie ebenfalls weitgehend den dort Beschäftigten selbst, von Nutzen ist und weil diese ganze Angelegenheit für die jeweils Regierenden reine Alibifunktion hat.

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      Emm wie Meikel

      8. August 2017 19:41 at 19:41

      Oftmals geht es heutzutage sogar direkt nach dem Studium in eine endlose Anreihung mies oder überhaupt nicht bezahlter Praktika oder gleich in die Arbeitslosigkeit. Manche landen auch als Burgerbrater bei McDonalds oder müssen bis ans andere Ende der Welt ziehen. Ein Studium oder eine gerade abgeschlossene Ausbildung sind längst kein Garant für eine Arbeitsstelle mehr. Der einstige Lebensstandard der Eltern und zum Teil auch der Großeltern ist schon heute für viele Deutsche ein unerreichbarer Traum geworden.

  8. Avatar

    Lutz Winter

    8. August 2017 19:23 at 19:23

    Da wird mal wieder Stimmung gemacht gegen die H4. Das passt zum plotischen System: Arbeitnehmer gegen Arbeitslose, Mann gegen Frau, Christen gegen Moslems usw. Die Politiker wollen mit dieser Masche, dass wir uns gegenseitig anfeinden und keine Einheit bilden. Denn wären wir uns alle einig, gäbe es schon längst wieder DEMOKRATIE in D.

    • Avatar

      Thomas

      8. August 2017 23:46 at 23:46

      Sie sprechen mir aus der Seele.

    • Avatar

      Peter

      9. August 2017 12:43 at 12:43

      Teile und Hersche war schon im alten Rom so.

  9. Avatar

    Peter

    9. August 2017 12:41 at 12:41

    Das totaler „bullshit“ ich bin seit ich 18 bin Arbeitslos/Arbeitssuchende jetzt bin ich 32. Seit ich 18 bin lacht mich das Arbeitsamt aus wenn ich nur IT erwähne und jetzt angäblich durch die Digitalisierung *süß* brauchen sie FACHKRÄFTE *der war gut, haha*. Aber jetzt kommt es noch viel besser die JobCenter Genehmigen mir bis jetzt immer noch keine Weiterbildung. Von daher alles nur lug und Augenwischerei. Die Arbeiterklasse wird mit Absicht so manipuliert das sie auf die angäblich ach so faulen Arbeitslose sauer sind. Leute wacht endlich auf es gibt nicht genug Arbeit/Bildung für alle!!

    • Avatar

      Dieter G.

      9. August 2017 14:25 at 14:25

      Was läuft denn bei Dir schief? Fachkräfte, vor allem in der IT, werden seit Jahrzehnten händeringend gesucht. Die Betonung liegt aber auf „Fachkräfte“. Wer nur einen Rechner ein- u. ausschalten kann, kommt nicht weit.

      Und wieso suchst Du einen Job seit nunmehr gut 14 Jahren? Das gesamte Handwerk ist seit mittlerweile 20 Jahren völlig unterbesetzt. Problem ist natürlich hier: es wird und muss hart gearbeitet werden. Ich kann ein Lied davon singen, bin selbst im Bäcker-u. Konditorenhandwerk aufgewachsen.

      Nur scheinst Du dein Glück in die Hände der öffentlichen Verwaltung zu legen. Mangelnde Disziplin und Arbeitsbereitschaft kann auch ein Jobcenter nicht ersetzen.

      Und wenn Du wirklich in die IT rein willst, bietet MS$ tolle und hochqualifizierte Weiterbildungen an. Musst Du allerdings selbst bezahlen, mein MCSE schlug mit 14 TSD DM in den 90ern gut in die Kasse. Oder eine Zertifizierung für UNIX. Ist zwar nicht billiger, aber hier sind gute Leute gefragt und zudem Mangelware.

      Also, Ar… hoch, und per Eigeninitiative das Ruder in die richtige Richtung drehen.

      Alles Gute…..Dieter

      • Avatar

        Peter

        9. August 2017 19:02 at 19:02

        Wovon soll ein Hartz IV Empfänger ihrer Meinung diese Zertifizierung oder Weiter-/Fortbildung denn bezahlen. Kredit aufnehmen ist nicht mit Hartz IV. Davon ab hat ein Hartz IV Empfänger den angeblich vorhandenen Arbeitsmarkt zu Verfügung zu stehen. Sollte ein Hartz IV sich selbstendig Weiter-/Fortbildung drohen ggf Sanktionen wenn ein Brief von der Arge eintrudelt mit bitte am Tag X zur Maßnahme X oder bei Leibude X vorstellen. Anbei no ich kann Programmieren in Basic, C, C#, desweiteren beschäftige ich mit Reverse Engineering (Programme oder Spiel Hacken/Cracken und Analysieren) mit Diversen Disassemblern, Hex-Editoren. Computer selbst zusammenstellen kann ich ebenfalls. Sowie Video Spiel Konsolen mit Modchips aus China umbauen. Alles selbst beigebracht!

  10. Avatar

    ilse

    2. April 2019 13:19 at 13:19

    früher gab es Journalisten, die recherchiert haben und Dinge hinterfragen konnten.
    Heute kommen die Meldungen Hinsichtlich offener Stellenangebote von den 3-5 großen Nachrichtenanbietern unter anderem REUTERS jeden Monat rein

    interessant sind immer die kommentarbereiche in den Meldungen. Diese spiegeln oft die realität wieder. Dort tummeln sich auch viele Rassisten aber man sollte sich mal fragen, warum die Leute im Osten zu rassisten wurden.

    Heute kostet es fast nix ein Stellenangebot zu schalten. Die in den Jobbörsen können fakes sein, das heisst sie dienen als Werbung, um zu suggerieren WIR WACHSEN UND EXPANDIEREN oder kriminelle Firmen die die Daten abgreifen wollen. Daten können pro Person 0,10-2,00 Euro wert sein. Bei Millionen von arbeitslosen kann sich ja jeder ausrechnen was die kriminellen da verdienen können

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Daniel Stelter: Buchauszug über konkrete Lösungsansätze zur Coronakrise

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

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Typisches Bild in der Coronakrise

Diese Woche hat sich die Bundesregierung dazu entschieden, dass man die betroffenen Betriebe des zweiten Lockdowns im November mit einer Umsatzausfallzahlung unterstützen wird, und nicht mit Krediten. Genau diese jetzt beschlossene Maßnahme hatte der Buchautor und anerkannte Wirtschaftsexperte Daniel Stelter (hier finden Sie seine Webseite) schon vor Monaten im Detail erläutert und vorgeschlagen. An dieser Stelle drucken wir mit freundlicher Genehmigung einen Auszug seines hochinteressanten Buches Coronomics: Nach dem Corona-Schock: Neustart aus der Krise ab, welcher im „Campus Verlag Frankfurt/New York“ erschienen ist. Absolut empfehlenswert, nehmen Sie sich die Zeit!

Künstliches Koma für die Wirtschaft

Es mangelt nicht an Programmen, die Notenbanken und Staaten weltweit ankündigen, um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie aufzufangen. Dabei kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Verantwortlichen die gewaltigen Schäden zwar erahnen und entsprechend großzügig und kämpferisch agieren, zu- gleich aber nicht so richtig wissen, wo sie ansetzen sollen. Einen Vorwurf kann man ihnen daraus nicht machen, ist es doch eine für uns alle neue Situation. Zwar gibt es die Lehren aus der Finanzkrise, doch diese passen nicht. Heute genügt es nicht, die Bilanzen der Banken zu sanieren – durch Kapitalzuschuss, durch Manipulation der Vermögenspreise nach oben und durch Schönen der Bücher. Stattdessen muss man echte Einnahmen ersetzen. Das ist ungleich schwerer zu organisieren und vor allem ungleich teurer.

Die Politik setzt auf Liquiditätshilfen

Die Politik setzt nicht nur in Deutschland auf Liquiditätshilfen. Als ich diese Zeilen schrieb, war Folgendes angekündigt:1

• Ein Hilfspaket von 50 Milliarden Euro für Soloselbstständige und andere Kleinstfirmen. Selbstständige und Unternehmen mit bis zu fünf Beschäftigten erhalten bis zu 9000 Euro, Selbstständige und Unternehmen mit bis zu zehn Beschäftigten erhalten bis zu 15000 Euro. Außerdem erhalten Selbstständige leichter Zugang zur Grundsicherung (Hartz IV), wobei die Vermögensprüfung für sechs Monate ausgesetzt wird.
•Anpassung der Kurzarbeiterregelung: Betroffene Unternehmen können Lohnkosten und Sozialabgaben von der Bundesagentur für Arbeit bezahlen lassen. Leiharbeitnehmer sind künftig einge- schlossen und es müssen nur zehn Prozent der Beschäftigten von Kurzarbeit betroffen sein, damit die Regelungen greifen. Zugleich wird eine Anhebung des Kurzarbeitergeldes diskutiert.
• Unbegrenztes »Milliarden-Schutzschild« für Betriebe und Unternehmen. Über ihre Hausbanken erhalten Unternehmen Zugang zu Krediten und Bürgschaften der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Dazu gründet der Staat einen »Wirtschaftsstabilisierungsfonds«, der 400 Milliarden Euro für Bürgschaften und 100 Milliarden Euro für »Kapitalmaßnahmen«, also direkte staatliche Beteiligungen, umfasst.
•Steuerstundungen auf Antrag, wenn Unternehmen »unmittelbar vom Corona-Virus betroffen sind«. Bis Ende des Jahres 2020 wird auf Vollstreckungsmaßnahmen und Säumniszuschläge verzichtet. Auch die Voraussetzungen, um Vorauszahlungen von Steuerpflichtigen anzupassen, werden »erleichtert«.

Abgesehen von den Direkthilfen für Kleinunternehmen und Selbstständige handelt es sich um Liquiditätshilfen in Form von Krediten und Staatsbeteiligungen. Diese laufen über die Hausbanken der Unternehmen, die die Finanzlage am besten kennen. Die Banken müssen jedoch bei der Vergabe der Kredite, die sie von der KfW durchreichen, darauf achten, dass der Schuldner kreditwürdig ist. Dies auch, weil sie zehn Prozent der Summe aus eigenen Mitteln ausreichen müssen. Die Folge: Es häufen sich die Probleme mit der Kreditvergabe, weil die Sicherheiten und die Ertragskraft der Unternehmen nicht ausreichen. Die Banken forderten deshalb schon Anfang April 2020 eine völlige Freistellung von den Risiken.2 Dies zu Recht, haben wir doch bereits gesehen, dass das europäische Bankensystem – und auch die deutschen Banken – durch Finanzkrise und Nullzinspolitik nachhaltig geschwächt sind.

Doch was bedeutet es, wenn Banken keine Kredite vergeben wollen, obwohl sie nur zehn Prozent des Risikos tragen sollen? Es bedeutet, dass die Banken es für äußerst unwahrscheinlich halten, dass die Unternehmen in der Lage sind, die Kredite zu bedienen. Wenn nun der Staat die Risiken zu 100 Prozent übernimmt, ändert das nichts am eigentlichen Kernproblem der Maßnahmen. Diese laufen darauf hinaus, dass die betroffenen Unternehmen Schulden machen und im Extremfall den Staat als stillen Eigentümer bekommen. Nicht selten dürften die Schulden den Unternehmer überlasten. Und wer hat schon gern den Staat als Eigentümer? Deshalb ist die rationale Entscheidung jedes Unternehmens, diesen Punkt so weit wie möglich zu vermeiden. Dies bedeutet: Kosten senken, so schnell es geht, also Entlassungen und Auftragsstornierungen, was den Abschwung verstärkt. Anders als es die Schlagzeilen zu den großen Beträgen suggerieren mögen, wirkt das Programm nicht, wie es sollte.

Ein Systemwechsel als unvermeidliche Folge?

Hinzu kommt, dass die staatliche Rettung, wenn sie in dieser Form organisiert wird, unsere Wirtschaftsordnung massiv verändert. Wir beschreiten einen Weg zu einer immer stärker staatlich dominierten Wirtschaft, was nur umso wahrscheinlicher wird, je länger die Krise andauert und je tiefer der Einbruch der Wirtschaftstätigkeit ist. Nicht wenige Beobachter sehen darin einen guten Weg, weil es ja nur richtig sei, dass der Staat als Gegenleistung für seine Hilfe einen Anteil an Unternehmen bekommt. Dabei wird gern auf die Finanzkrise Bezug genommen und angemerkt, dass es nur so möglich sei, sicherzustellen, dass wir nicht wieder eine Situation haben, in der wir Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren.

Diese Logik hinkt aber. Während die Unternehmen, die in der Finanzkrise in Schwierigkeiten gerieten, diese selbst zu verantworten hatten, ist es diesmal eine Krise, die alle unschuldig trifft, wenn auch unterschiedlich. Sollte hier nun der Staat zu einem wichtigen Akteur werden, so hat dies erhebliche negative Folgen:3

• Der Staat wird vor allem Großunternehmen helfen, einfach schon aus Effizienzgründen. Dabei ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft der Mittelstand. Diesem muss geholfen werden, und wenn dies über Kredite erfolgt, schwächt das die Unternehmen auf Jahre.
• Wettbewerbsverzerrungen sind ebenfalls zu erwarten. Unternehmen mit Staatsbeteiligung werden einen Vorteil gegenüber jenen haben, die mit eigenen Mitteln versuchen, über die Runden zu kommen. Damit werden diejenigen bestraft, die eigene Mittel in ihren Unternehmen einsetzen. So dürften die Finanzierungskosten der Unternehmen mit Staatsbeteiligung dauerhaft unter jenen der freien Wirtschaft liegen.
•Der Staat muss seine Beteiligungen kontrollieren und managen. Man darf skeptisch sein, ob es gelingt, ausreichend qualifizierte Beamte und Politiker für diese Aufgabe zu finden.
•Aus der Finanzkrise wissen wir – siehe Commerzbank –, dass es Jahrzehnte dauern kann, bis der Staat wieder aussteigt. Es droht ein Postenparadies für Politiker, was weder gut für die Unternehmen ist noch dafür spricht, dass sich der Staat schnell wieder zurückzieht.
• Auch droht der Erhalt von Unternehmen, die ohnehin keine Zukunft haben. Entweder weil sie schon vor der Corona-Krise nur dank Nullzinspolitik lebensfähig waren oder aber weil in der neuen Welt nach Corona ihre Dienstleistungen und Produkte nicht mehr wie zuvor nachgefragt werden. Ökonomen sprechen bei solchen Unternehmen von »Zombies« und der starke Anstieg des Anteils solcher Unternehmen wird als eine Ursache des Rückgangs der Produktivitätsfortschritte in den letzten Jahren gesehen.4 Eine weitere »Zombifizierung« würde das noch verstärken und so das künftige Wachstum hemmen.

Was droht, ist ein Systemwechsel durch die Hintertür. Die Öffentlichkeit steht – so zumindest das Stimmungsbild Anfang April 2020 –, hinter diesen Maßnahmen. Ohnehin zeigten Umfragen schon weit vor Corona, dass sich die Bürger eine größere Rolle des Staates wün- schen.5 Politiker träumten vom »demokratischen Sozialismus« und Enteignungen sowie Verstaatlichungen zur Verwirklichung einer »gerechten Gesellschaft«.6 Nun scheinen wir auf dem besten Weg in diese Richtung zu sein.

Hierin liegt eine enorme Gefahr, denn die Nebenwirkungen wären erheblich: zunehmende Konzentration und weniger Wettbewerb, Bevorzugung von Großunternehmen, staatliche Einflussnahme statt betriebswirtschaftlicher Effizienz. Kurzgefasst, ein Weg, der zwangs- läufig weniger Wachstum und damit Wohlstand bedeutet. Wir sollten einen anderen Weg gehen.

Ein künstliches Koma wäre die Lösung gewesen

Damit kommen wir zu der Frage, was denn zu tun wäre, um die Krise zu dämpfen und die Wiederholung der Großen Depression zu vermeiden. Die Maßnahmen müssen meiner Meinung nach am Existenzproblem der Unternehmen ansetzen, und zwar beginnend beim Einzelunternehmer und bis hin zum Weltkonzern. Das zeigt bereits, wie schwierig es für die Politik ist, sind doch Rettungsaktionen für große Unternehmen viel leichter zu organisieren als für viele kleine Unternehmer. Da kann es gut sein, dass die Hilfe zu spät kommt. Im März 2020 erklärte ich in verschiedenen Beiträgen, wie wir es machen könnten:7 Die Wirtschaft müsste in ein künstliches Koma versetzt werden. Aus der Medizin kennen wir das: »Ein künstliches Koma ist eine lange Vollnarkose, die über Tage – in seltenen Fällen über Wochen – eingesetzt wird. Mithilfe von Narkose- und Schmerzmitteln wird der Patient kontrolliert in einen Zustand versetzt, in dem Bewusstsein und Schmerz ausgeschaltet sind.«8 Bezogen auf die Wirtschaft würde das bedeuten, dass wir für eine bestimmte Zeit alles einstellen: Lohnzahlungen, Mieten, Zinszahlungen. Wir täten einfach so, als würde ein Quartal ökonomisch nicht stattfinden. Es gäbe keine Umsätze, aber es gäbe auch keine Verpflichtungen.

Beispiel Miete: Der Betreiber eines Kaffees kann die Miete nicht mehr bezahlen, weil er geschlossen hat. Der Vermieter verzichtet auf die Miete und im Gegenzug muss er keine Zinsen und keine Tilgung bezahlen und die Bank wiederum keine Löhne und keine Zinsen. Wir stellen alles ein und in drei Monaten – wenn wir annehmen, dass das Koma solange andauert – fangen wir dort an, wo wir aufgehört haben, und tun so, als hätte es die Zeit dazwischen nicht gegeben.

In diese Richtung ist die Bundesregierung gegangen, aber eben nur ein bisschen. So darf Mietern nicht gekündigt werden, wenn sie, bedingt durch den Kampf gegen COVID-19, ihre Mieten zwischen dem 1. April und dem 30. Juni nicht bezahlen können. Die Miete wird bis zum Juni 2022 gestundet. Eine Stundung ist allerdings nichts anderes als eine Art Zwangskredit des Vermieters und damit auch keine völlige Entlastung des Mieters. Zudem fehlt eine korrespondierende Entlastung des Vermieters, der ja ebenfalls finanzielle Verpflichtungen hat, beispielsweise für Zins und Tilgung. Um die Banken zu schonen, wird hier einseitig die Last auf die Vermieter verlagert, die – entgegen der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung – nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) meist mit geringen Renditen von ein bis zwei Prozent arbeiten.9

Das künstliche Koma wie oben beschrieben geht offensichtlich nur in der Theorie. In der Praxis haben wir keinen kompletten Shutdown der Wirtschaft, wir haben echte Ausgaben – zum Beispiel für Nahrungsmittel – und viele Menschen haben unabhängig von der Wirtschaftslage ein Einkommen, so Rentner.

Deshalb müssen wir uns mit den Maßnahmen in der Praxis so nah wie möglich an den Zustand des künstlichen Komas annähern. Für Menschen, die aufgrund des Virus weniger oder keine Einnahmen haben, muss es einen Ausgleich geben, der wirtschaftlich dem Gedanken des künstlichen Komas am nächsten kommt. Dieser Ausgleich muss dafür sorgen, dass es nach der Komaphase keine Schmerzen mehr gibt. Also auch keine zusätzlichen Verpflichtungen, die vor dem Koma nicht bestanden haben. Ich wiederhole es nochmals: Es muss so sein, als hätte es diese Monate nicht gegeben. Wenn nun von der Politik Liquiditätshilfen in Form von Darlehen oder direkten Beteiligungen des Staates an Unternehmen an- geboten werden, ist diese Bedingung nicht erfüllt. Wenn die Betroffenen nämlich aus dem Koma erwachen, sehen sie sich mit finanziellen Lasten konfrontiert, die sie vorher nicht hatten und die sie oftmals nicht abtragen können. Gerade Restaurants, Hotels, Reiseveranstalter und Kinos – um ein paar Beispiele zu nennen – können den verlorenen Umsatz nicht wieder wettmachen. Ein Auto mag man ein paar Monate später kaufen, aber in das Restaurant geht man nicht doppelt oder dreimal so häufig, um frühere Mahlzeiten nachzuholen.

Staatliche Umsatzausfallzahlung

Wir müssen also als Gesellschaft den Umsatzausfall ersetzen. Die künftigen Umsätze kennen wir nicht, aber wir kennen die Steuerzahler Deutschlands. Getrost dürfen wir davon ausgehen, dass nur Steuerzahler von dem Einbruch der Wirtschaft getroffen sind.
Dabei haben wir die folgenden verschiedenen Gruppen von Steuerzahlern auf Einkommen:

•Bei Arbeitnehmern wird die Lohn- und Einkommensteuer direkt an der Quelle abgezogen. Tritt Arbeitslosigkeit ein, wird Einkommen durch Sozialleistungen aufgefangen. Weitere unternehmerische Verpflichtungen sollten hier nicht bestehen, nur eventuelle private finanzielle Verpflichtungen aus Krediten.10 Hier wäre es denkbar, dass wir pauschal die Arbeitslosengelder und die Kurzarbeiterzahlungen (bereits teilweise geschehen) deutlich erhöhen. Diese sollten ab Tag eins gezahlt werden.
• Im Fall von Selbstständigen und Unternehmen, die Einkommensteuer zahlen, sind die Einkünfte der vergangenen Jahre bekannt. Das Finanzamt kennt diese aus den Steuererklärungen der vergangenen Jahre. Hier sollte das Finanzamt in jedem Monat, den die Komaphase andauert, einen Betrag in Höhe von einem Zwölftel des Jahresumsatzes des letzten verfügbaren Jahres auf das Konto des Unternehmens überweisen.
•Bei Unternehmen, die Körperschaftsteuer zahlen, wird genauso vorgegangen. Auch sie bekommen den geschätzten entgangenen Umsatz gutgeschrieben.

Entscheidend ist, dass dies ohne Antrag und ohne Bedürftigkeitsprüfung erfolgt. Alle werden so gestellt, als wäre nichts passiert. Im kommenden Jahr müssen dann alle Bürger, die Zahlungen vom Staat erhalten haben, dem Fiskus ihren Geschäftsverlauf des Jahres 2020 erklären. Davon ausgehend würden sich die folgenden Zahlungsverpflichtungen der Empfänger ergeben:

•Entspricht der erzielte Umsatz – inklusive der erhaltenen Umsatzausfallzahlungen des Staates – dem Umsatz im Jahr 2019, so behält der Empfänger die Zahlung und versteuert den sich ergebenden Gewinn.
•Liegt der erzielte Umsatz – inklusive der erhaltenen Umsatzausfallzahlungen – über dem Niveau von 2019, so ist der Teil der Ausfallzahlungen zu erstatten, der nicht erforderlich war, um das Umsatzniveau 2019 zu halten.
•Wenn ein Unternehmen einen Teil oder den gesamten Umsatzausfallzuschuss des Staates behält, darf der Gewinn ebenso wie der Umsatz nur auf dem Niveau des Vergleichsjahres liegen. Er- zielt ein Unternehmen einen höheren Gewinn, so wird die Differenz zu 100 Prozent besteuert. Damit gibt es auch einen Anreiz, Mitarbeiter nicht zu entlassen.

So oder so ist in diesem Modell der Umsatz auf dem Niveau von 2019 garantiert. Unternehmer können die Erstattung der Umsatz- ausfallzahlung umgehend leisten, wenn sie nicht auf die Zahlungen angewiesen sind; spätestens bei Abgabe der Steuererklärung für das Jahr 2020 wären die unnötig zugeflossenen Gelder zurückzuzahlen. Die Politik könnte auch einen Anreiz geben, unnötige Umsatzausfallzahlungen sofort zurückzuzahlen, zum Beispiel, indem bei Rückzahlung innerhalb eines Monats ein Skonto gewährt wird. Der Vorteil einer solchen Vorgehensweise liegt auf der Hand: Sie wirkt wirtschaftlich wie das Koma, ist einfach umzusetzen und kann im Nachhinein, wenn die Krise überwunden ist, korrigiert werden, indem jene, die die Zahlung des Staates nicht benötigen, den entsprechenden Betrag nach Abgabe der Einkommensteuererklärung erstatten müssen.

Wäre das gerecht? Im Einzelfall vielleicht nicht, in der Summe schon. Natürlich mag es Unternehmen geben, die auch ohne Corona einen Umsatzrückgang erlebt hätten. Es wird auch Fälle geben, in denen das Geld verloren ist, weil die Empfänger die Zahlungen falsch verwenden. Die korrespondierenden Beträge dürften aber relativ zum Gesamtvolumen vernachlässigbar sein. Ebenso mag die Gefahr bestehen, dass einzelne Empfänger sich über die Zahlung freuen und gar kein Interesse daran haben, zu arbeiten. Dies dürften aber vor allem Solo-Unternehmer sein – und auch diese nur in begrenzten Umfang. Unternehmer mit Angestellten und Infrastruktur – Büroräume oder Ladengeschäft – werden ei- nem solchen Modell nicht folgen, weil sie andernfalls ihr Unternehmen nachhaltig gefährden würden. Außerdem wäre der Gewinn auf dem Niveau von 2019 gedeckelt. In der Summe also ein vernachlässigbarer Punkt.

Kritiker dieses Vorschlags bemängelten, es sei nicht gut, den Unternehmen auch noch den Gewinn zu garantieren. Dieser Einwand kam von Nicht-Unternehmern, die meist keine Vorstellung davon haben, wie gering die Margen und Gewinne der meisten Selbstständigen sind. Wir haben das Beispiel des Restaurants aus Berlin gesehen. Bei einem Umsatz von rund 500 000 Euro im Jahr und immer- hin 13 Mitarbeitern bleiben den zwei Eigentümern nach Steuern jeweils nur rund 25000 Euro in der Tasche. Das ist wahrlich kein hohes Gehalt, wenn man an die erheblichen persönlichen Risiken (Haftung für Miete etc.) und die langen Arbeitszeiten denkt. Hier zu helfen, ist aus meiner Sicht gerechtfertigt.

Der entscheidende Vorteil ist, dass jedes Unternehmen weiß, welchen Umsatz es inklusive der staatlichenÜberweisung erzielt. Niemand muss sich Sorgen machen, zu viele Schulden anzuhäufen, niemand damit rechnen, dass sein Eigentum auf den Staat übergehen könnte. Vor allem ist das Verfahren unbürokratisch und transparent. Die Mitarbeiter des Finanzamts müssten sich für die Dauer der Krise auf diese Aufgabe konzentrieren.

Wir reden von einem theoretischen Maximalbetrag von 25 Prozent des deutschen BIP des Jahres, wenn wir davon ausgehen, dass die wirtschaftliche Aktivität drei Monate lang komplett brachliegt. Dem wird aber nicht so sein, weshalb wir eher mit einer Größenordnung von zehn Prozent des BIP rechnen sollten. Selbst bei 25 Prozent stiege die Verschuldung des deutschen Staates auf die Größenordnung von 90 Prozent des BIP. Dieser Satz liegt weit unter dem Niveau, das die meisten anderen EU-Staaten schon vor dem Corona-Schock zu verzeichnen hatten.

Ein »gedankliches Koma« ist effektiv und effizient

Wir haben verschiedene Probleme, die sich gegenseitig verschärfen und in der Summe zu einem sich verstärkenden Abschwung führen. Die Unternehmen wissen nicht, wie heftig und wie lange sie unter der Krise leiden werden. Sie wissen nicht, ob und wie die Hilfe des Staates wirkt, und sie fürchten die längerfristigen Konsequenzen. Wer künftig Schulden tilgen oder den Staat als Miteigentümer los- werden müsste, der setzt alles daran, erst gar nicht in diese Situation zu kommen, sondern sie zu verhindern. Also baut er Kosten um jeden Preis ab, und das verstärkt die Krise. Der Komaansatz ist im Vergleich damit besser.

Die kurzfristige Finanzierung der mit dem Komaansatzverbundenen Ausgaben ist im heutigen Nullzinsumfeld gar kein Problem. Die Bundesregierung dürfte die Gelder umsonst bekommen oder gar daran verdienen. Die langfristige Finanzierung sollten wir im Zusammenhang mit der Eurozone klären.

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Allgemein

Coronakrise: Die wirtschaftlichen Folgen des Lockdown

Markus Fugmann

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Die Coronakrise geht durch den „differenzierten Lockdown“ (O-Ton Markus Söder) in eine zweite Runde. Zwar erlebte die Wirtschaft nicht nur in Deutschland im 3.Quartal eine deutliche Erholung, aber mit den zunächst für November verfügten Maßnahmen kehrt die Coronakrise mit voller Wucht zurück. Das trifft bekanntlich die schon der ersten Welle betroffenen Branchen (Touristik, Veranstaltung, Gastronomie etc.) besonders hart – da werden auch Kompensationszahlungen der Bundesregierung nur wenig daran ändern.

Coronakrise – nach der vermeintlichen „V-Erholung“ der 2. Lockdown

Haben wir zuvor wirklich eine V-Erholung gesehen? Nicht wirklich, sagt etwa Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts – denn die V-Erholung in den Daten war wesentlich geprägt von der Hoffnung auf Besserung, also der Erwartungs-Komponente: Firmen werden befragt, ob es schlimmer, gleichbleibend oder besser wird. Wenn aber die Dinge schon extrem schlecht sind, sei es fast schon „mechanisch“, dass eine Besserung erwartet werde.

Was aber bedeutet nun der neue Lockdown? Fuest verweist auf die Studien, die zeigen, dass schnelle restriktive Maßnahmen zwar der Wirtschaft zunächst schaden, dann aber durch die bessere Beherrschung der Pandemie zu einer schnelleren und kräftigeren Erholung führt als in Ländern/Regionen, in denen solche Maßnahmen nicht ergriffen werden. Das gilt etwa cuh für Schweden: dort war in Gefolge der ersten Welle der Coronakrise die Wirtschaft trotz der weniger restriktiven Maßnahmen deutlich stärker eingebrochen als etwa in Norwegen, bei gleichzeitig sehr viel mehr Opfern in Schweden.

Clemens Fuest fasst in folgendem Vortrag die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise gleichsam kompakt und kompetent zusammen:

Die Coronakrise und die wirtschaftlichen Folgen des Lockdown

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Aktien

Experte Andre Stagge über die Tech-Zahlen, US-Wahl und EZB

Claudio Kummerfeld

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Der Tradingexperte Andre Stagge (hier mehr zu seiner Person) bespricht im folgenden Video mehrere aktuelle Börsenthemen. Vermutlich wird die EZB ab Dezember aktiver werden in Sachen Rettungsmaßnahmen. Gestern Abend haben die vier großen Tech-Konzerne Apple, Google, Amazon und Facebook ihre Quartalszahlen veröffentlicht. Andre Stagge weist darauf hin, dass alle vier zwar die Erwartungen bei Umsatz und Gewinn übertroffen haben – und er geht auf die Gründe ein, warum die Aktien nachbörslich nicht entsprechend positiv reagierten. Auch wirft Andre Stagge einen Blick auf die große Wahrscheinlichkeit, dass Joe Biden die US-Wahl nächste Woche gewinnen könnte.

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