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Fake-Inhalte auf Facebook abstellen: Da beißt sich die Katze in den Schwanz

Fake-Inhalte auf Facebook haben Donald Trump zum Präsidenten gemacht, so lautet momentan der unausgesprochene Vorwurf vieler Medien. Merkwürdig. Denn die Lawine von…

Redaktion

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FMW-Redaktion

Fake-Inhalte auf Facebook haben Donald Trump zum Präsidenten gemacht, so lautet momentan der unausgesprochene Vorwurf vieler Medien. Merkwürdig. Denn die Lawine von Fake-Inhalten war auch schon vorher da, und hat so richtig noch niemanden gestört. Gut, in Deutschland hat sich Heiko Mass des Themas angenommen um unsägliche rechte Hetze zu unterbinden. Aber im Großen und Ganzen ist doch allen bewusst, dass gerade Social Media von Schrott lebt. Schrott-Fotos, Fake-Inhalte, lustige aber inhaltsfreie Texe und Videos.

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Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Foto: Presidência do México/Wikipedia (CC BY 2.0)

Niemand braucht all das, aber es wird durch Klicks und Views schnell verkonsumiert, und generiert durch die Seitenaufrufe Platz für Werbung! Damit verdienen Facebook, Google und Twitter ihr Geld. Als Obama Präsident wurde, und noch mehr bei seiner Wiederwahl, waren Facebook und Twitter der Hort der Glückseligkeit, ein Instrument der Demokratie und der Bürgerrechte. Nur sind diese Personenkreise inzwischen alle verschwunden – oder nur verstummt?

Oder hat das konservative + rechte Lager inzwischen lediglich die „Meinungsvorherrschaft“ durch die schiere Masse an Posts übernommen, so dass alles andere untergeht? Dazu wird es mit Sicherheit keine Statistiken geben. Jetzt nach der Trump-Wahl häufen sich die Vorwürfe Facebook hätte zwar passiv, aber dennoch wissentlich zugelassen, dass unendlich viele Falschmeldungen, die dann von Usern verteilt wurden, Donald Trump unterstützt hätten – darauf hätte Facebook nicht reagiert.

Obwohl Mark Zuckerberg nach außen beteuert 99% des Contents auf Facebook seien keine Falschmeldungen (lach), scheinen intern viele Facebook-Mitarbeiter anderer Meinung zu sein. Ein Mitarbeiter einer Facebook-Arbeitsgruppe sagte (natürlich ohne Namensnennung) gegenüber Buzzfed, dass dies schon ein reales Problem sei, dass sich Fake-News in Windeseile verbreiten würden bei Facebook. Es sei falsch von Zuckerberg dies einfach so abzutun. Diverse Tech-Blogs aus den USA berichten über den internen Drang nach einer Veränderung der Geschäftspolitik von Facebook, also einen Filter, oder eine aktive Löschung von Fake-Inhalten oder deren Absendern. Laut Gizmodo sei man aber nach einer Analyse zu dem Resultat gekommen, dass so ein Vorgehen zu aller größten Teilen rechtskonservative Webseiten und Facebook-Seiten betroffen hätte – daher hätten man zunächst davon Abstand genommen.

Das bedeutet: Man will sich wohl nicht dem Vorwurf aussetzen als Filter eine Art Zensurmaschine im Sinne der demokratischen Partei zu sein. Und seien wir mal ehrlich: Dieser Vorwurf wäre dann definitiv auf Fox News das Dauerthema. Und seien wir noch ehrlicher: Solche Filter würden oder werden Facebook verdammt viel Klicks, Aufrufe und damit auch Geld kosten, wenn folgerichtig weniger Werbung ausgestrahlt werden kann.

Würde Facebook anfangen großflächig Inhalte oder Links zu externen Webseiten zu blocken, wäre das möglicherweise ein großer Block an Fläche, der für Werbeausstrahlung wegfällt. Gut möglich, dass das ein Grund dafür ist, dass man mit dem Thema so zögerlich umgeht. Und wenn man eine Seite des politischen Spektrums verprellt, könnte das eine Abkehr zahlreicher User vom Facebook-Universum nach sich ziehen, was noch mehr Verlust ausstrahlbarer Werbeflächen bedeuten würde.

Dies als Todesurteil für Facebook bezeichnen zu wollen, geht wohl zu weit. Aber die philosophische Frage lautet: Was ist Fake-Content, wo hört die Kategorisierung auf? Wenn der Schreiber eines alternativen Blogs eine Nachricht nimmt, und sie mit seinem Kommentar versieht, wo ganz exakt will der Facebook-Algorithmus da die Grenze ziehen, der den Schrott von „echten Nachrichten“ trennt? Es ist nämlich kaum vorstellbar, dass bei dem Wust an News echte Menschen (das müssten hunderte oder tausende sein) in Echtzeit Artikel lesen und auf Echtheit checken.

Wer prüft, wer entscheidet, was noch echt ist, was Meinung ist, was Satire ist? Verdammt viel Inhalt wird wahrscheinlich zukünftig nicht mehr auf Facebook stattfinden, wenn ein allumfassender Filter versucht wirklichen Schrott zu entfernen. Was ist mit kritischem Jounralismus, mit Kolumnen? Wie damit umgehen, wie Schrott von Qualität unterscheiden? Da wird Facebook in Zukunft wohl unter dem Druck eines gewissen Teils der Öffentlichkeit zu einer Filtermaschine, die aussieht wie eine Zensurmaschine.

Laut WSJ will Facebook demnächst Betreiber von Fake-Newsseiten aus seinem „Audience-Netzwerk“ verbannen. Das bedeutet in der Praxis, dass diese Seiten von da an als irreführende Seiten eingeordnet sind, und nicht mehr die Möglichkeit haben über Facebook an Werbeerlösen mitzuverdienen. Trotzdem würden die Seiten aber weiterhin auf Facebook dargestellt.

Wie viel Werbeeinnahmen das kosten wird? Die Frage dürfte sich der Facebook-Aktionär dann vielleicht zwei drei Quartale später stellen, wenn sich so ein Filter weltweit in geringeren Nutzerdaten niederschlägt. Sinn und Zweck soll ja sein: Politische Irreführung zu vermeiden, also Wähler-Beeinflussung, sowie das Verbreiten von unsäglicher Hetzte. Das mag nachvollziehbar sein, schließlich würde man Hetze  zum Beispiel gegen Ausländer genau so wenig im TV oder in Zeitungen zulassen – letztlich ist Facebook nur eine andere Art von Medium.

Aber die schiere Datenmenge, die in Echtzeit auf Facebook und Co immer weiter auf uns hineinstürzt, birgt doch die reale Gefahr, dass sehr viel mit gelöscht wird, was in keinster Weise verwerflich ist. Auch wird es wohl folgendes passieren: Jetzt nachdem Zuckerberg ankündigte die Meldefunktionen für Schrott verbessern zu wollen, könnten politische Lager (egal ob in Deutschland oder in den USA) die Chance ergreifen um „die Gegenseite“ als Fake-Inhalt bei Facebook per Meldebutton zu „denunzieren“. Dann beginnt als Folgeschritt eine Rechtfertigungswelle des Content-Schreibers, warum sein Content doch kein Schrott ist. Und so könnte das immer weiter gehen.

Google

Neben Facebook will auch Google nun vermehrt gegen Schrott vorgehen. So will man zum Beispiel Webseiten von der Nutzung von Werbebannern ausschließen, bei denen der Betreiber der Webseite nicht klar erkennbar ist (unglaublich, warum das bisher überhaupt möglich war). Auch sollen Webseiten, die falsche Informationen posten, keine Werbebanner von Google Adsense mehr nutzen dürfen. Auch hier stellt sich die selbe Frage wie bei Facebook: Prüft das ein Mensch? Wohl kaum. Auch hier dürfte wohl ein Algorithmus darüber entscheiden, ob mangels Werbeeinnahmen künftig Webseiten vor dem Aus stehen. Andererseits ist es natürlich grundsätzlich in der alleinigen Entscheidungsgewalt von Google, wem man Zugang zu seinen eigenen Produkten gewährt, und wem nicht. Denn schließlich ist Google kein staatlich betriebenes Unternehmen.

Aber da wären wir beim Problem Monopol: Google ist de facto in vielen Bereichen Monopolist. Und kleine Seitenbetreiber sind oft von Google-Werbebannern abhängig. Da hat Google dann doch eine große Verantwortung, so lange man durch US-Justiz oder EU-Kommission nicht als Monopolist anerkannt und in Einzelteile zerlegt wird. Es geht bei dieser ganzen Sache ja darum inhaltlich unwahre Artikel zu löschen oder Seiten auszugrenzen, die solche Inhalte verbreiten. Das mag richtig sein. Aber die Verantwortung steigt mit solche Filtern, dass man trotzdem kritische und alternative Angebote nicht mit Fake-Müll in eine Tonne steckt.

Geschieht das nämlich, bleiben bei Google und Facebook langfristig nur noch Nachrichten der großen Verlage und TV-Sender übrig. Jetzt beginnt so langsam die heiße Phase. Die entscheidende Frage lautet: Wie wollen Facebook und Google ihrem Algorithmus beibringen, was Qualität und was Schrott ist, und wie wollen sie ihm beibringen, was grässliche Hetze ist, und was zur freien Meinungsäußerung oder zur kulturellen Entfaltung/Satire gehört? Da müssen eigentlich Menschen sitzen, die sowas entscheiden. Und dann müssten diese beiden Konzerne quasi als Internet-Regierung entscheiden, wo die Grenze zwischen Schrott und Qualität, und wo die Grenze zwischen Hetze und Meinungsäußerung zu ziehen ist. Eigentlich ist das eine hoheitlich Aufgabe (Gesetzgeber), aber in unser aller globalen Welt wird dies wohl von diesen beiden Unternehmen entschieden!

10 Kommentare

10 Comments

  1. Avatar

    frank.trg

    15. November 2016 16:56 at 16:56

    Seit der Trump-Wahl ist das Meinungsmonopol der MSM gebrochen. Es gibt kein Zurück mehr. Die „alternaitven“ Medien haben gesiegt.

  2. Avatar

    Dr. Watson

    15. November 2016 17:40 at 17:40

    Markus Fugmann würde sich auch gut als Qualitätsjournalist der öffentlich rechtlichen Medien machen.

  3. Avatar

    Günter Mertens

    15. November 2016 18:10 at 18:10

    Also Leute, wie und wer, welches Heer von Mitarbeitern (die es gar nicht gibt) soll da wo was kontrollieren? Vollkommen absurd! Soziale Medien wie Facebook, Google usw. haben eine Eigendynamik der Massen. Da kann man nicht in der Breite kontrollieren. Höchstens abschalten (was ja lokal, z.B. Türkei) schon gemacht wurde.
    An die Aktionäre solcher Aktien: Da gleiche gilt für den „Wert“ solcher Firmen. Sie sind Luft. Keine Substanz, nur zeitliche Einbildung, die (finanziell) so lange funktioniert, wie die Masse daran glaubt (ähnlich Papiergeld). Alles nur Computerzahlen (Null oder Eins) – mehr nicht. Wie bei Bitcoins. Die gibt’s real gar nicht. Nur solange man daran glaubt (solange haben sie natürlich Berechtigung). Ein heftiger Sonnensturm oder ein anderes globales Ereignis und alles ist Geschichte…

  4. Avatar

    Joachim

    15. November 2016 18:14 at 18:14

    :) oder als migrationspolitischer Sprecher des Regimes.

    • Markus Fugmann

      Markus Fugmann

      15. November 2016 18:25 at 18:25

      @Dr.Watson, @Joachim, der Sinn Ihres Kommentars erschließt sich mir nicht! Was wollen Sie damit sagen?

  5. Avatar

    Joachim

    15. November 2016 18:48 at 18:48

    Sie verstehen es auf bemerkswerte Weise, das Kritische mit dem Alternativlosen zu verbinden und so den Leser subtil auf Linie zu halten ;)

  6. Avatar

    joah

    16. November 2016 08:25 at 08:25

    »Da müssen eigentlich Menschen sitzen, die sowas entscheiden.«

    Wenn man sich Erkennungsfähigkeit (Intelligenz) zu Ironie und Sarkasmus mancher Menschen ansieht, dürfte das ein Algorithmus bisweilen besser können – und nein: das ist definitiv kein Loblied auf irgendwelche Codezeilen. Wahrheitlich betrachtet kann es gar keiner entscheiden, denn – so ungern man es hören mag – auch „Müll“ gehört nun mal zur freien Meinungsäußerung dazu. Die Verantwortung der Informationsverarbeitung liegt beim Empfänger dieser selbst, welcher es im Falle einer Diskrepanz schlicht einfach besser wissen sollte. Alles andere bleibt immer Zensur.

    • Avatar

      Günter Mertens

      16. November 2016 13:28 at 13:28

      @joah
      Wow! Daumen hoch!

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Gastronomie-Krise: Harte Fakten, weniger Insolvenzen, großes Problem

Claudio Kummerfeld

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am

Umgedrehtes Glas

Es ist kein Geheimnis. Die Gastronomie ist zusammen mit anderen Branchen wie Reisebüros, Airlines, Solo-Selbständigen uvm von der Coronakrise brutal getroffen worden, frontal und mit voller Wucht. Für den Zeitraum März bis August hat das Statistische Bundesamt heute harte Fakten für die Gastronomie geliefert. Der Umsatz der Branche lag im Vergleich zu März bis August 2019 um 40,5 Prozent tiefer. Man überlege sich das Mal. 40 Prozent weniger Umsatz in so einem großen Vergleichszeitraum. Das kann doch eigentlich kein Unternehmer überleben.

Hinzu kommt, was inzwischen auch kein Geheimnis mehr ist, dass die Insolvenzen in Deutschland in den letzten Monaten deutlich geringer ausfielen als im Vorjahr. Dies lag einerseits an Finanzhilfen des Staates und am Kurzarbeitergeld. Aber vor allem lag es an der großen staatlich genehmigten Insolvenzverschleppung. Bis vor Kurzem war die Insolvenzantragspflicht nämlich seit März ausgesetzt. Nun aber dürften ab Oktober und ab Januar die Insolvenzzahlen vermutlich deutlich ansteigen. Zitat von den Statistikern:

Von März bis Juli 2020 meldeten in dieser Branche 753 Unternehmen Insolvenz an – das waren 126 weniger als im Vorjahreszeitraum und 135 weniger als von März bis Juli 2018. Ein Grund dafür ist, dass die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen zum 1. März 2020 ausgesetzt wurde, was über alle Wirtschaftszweige hinweg zu einem Rückgang der Insolvenzen führte. Im Juli 2020 beantragten bundesweit 146 Gastronomie-Unternehmen Insolvenz, das waren 16,1 % weniger als im Juli 2019. Dieser Rückgang entspricht der Gesamtentwicklung: Insgesamt wurden im Juli 2020 in Deutschland 16,7 % weniger Insolvenzen angemeldet als im Vorjahresmonat.

Grafik zeigt Umsätze in der Gastronomie in der Coronakrise

Unsere Meinung dazu: Die Charts zeigen eine spürbare Erholung in der Gastronomie. Der größte Teil des Tals ist für einige Bereiche der Branche demnach durchschritten. Selbst wenn man annehmen würde, dass von nun an die Umsätze in der Gastronomie wieder laufen wie früher, ist für die breite Öffentlichkeit unsichtbar ein Riesenproblem für die Branche entstanden. Oft wurden Bankkredite und Ladenmieten gestundet. Sie müssen nun zusätzlich zu den wieder aufgenommenen monatlichen Zahlungen nachgezahlt werden. Und im Zuge der Krise haben viele Unternehmer Kredite in aufgenommen. Das bedeutet: Selbst wenn die Umsätze wieder laufen sollten, wäre die monatliche Kostenbelastung für viele Betriebe deutlich höher als vor der Krise, und für viele Unternehmer ist das wohl dauerhaft nicht tragbar. Eine auf mehrere Quartale ausgedehnte Pleitewelle könnte folgen, und das nicht nur in der Gastronomie.

Weitere Details zu Umsatzrückgängen in der Gastronomie von den Statistikern im Wortlaut:

Innerhalb der Gastronomie besonders stark betroffen waren all jene Lokale, die ihr Geld mit dem Ausschank von Getränken verdienen: In dieser Sparte fiel der Umsatz von März bis August 2020 um 45,5 % geringer aus als im Vorjahreszeitraum. Dagegen konnten Restaurants, Gaststätten und Imbisslokale offenbar mit Lieferdiensten und Ab-Haus-Verkäufen einen Teil des Gästeschwunds kompensieren: Hier lagen die Umsätze von März bis August 2020 um 29,3 % unter denen des Vorjahreszeitraums (Caterer: -42,1 %).

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Wie die Entwicklungsländer versuchen die Krise zu überleben

Hannes Zipfel

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am

Coronakrise sorgt in Entwicklungsländern für immense Probleme

Viele Schwellenländer standen bereits vor dem Ausbruch der Pandemie vor großen finanziellen Problemen. Einige von ihnen waren bereits unmittelbar vom Staatsbankrott bedroht. Wie gehen die Entwicklungsländer mit der Zusatzbelastung durch die Corona-Krise um, trotz bereits zum Teil überbordender Schuldenstände und weniger effizienter Staatsstrukturen und Sozialsysteme? Können sie die Krise finanziell überhaupt überleben oder lösen sie eine globale Pleitewelle bei Staaten aus?

Lage der Entwicklungsländer spitzt sich zu

Momentan schauen in Zeiten der Pandemie die westlichen Ökonomen vor allem auf die Entwicklungen vor der eigenen Haustür. Doch gerade das stark vom Export abhängige Deutschland sollte auch die Entwicklungen jenseits der Hauptabsatzmärkte Europa und USA im Auge behalten. Der Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer für die Weltwirtschaft betrug bislang immerhin drei Viertel des globalen Gesamtwachstums. Dieser Trend soll sich laut dem Analysehaus Ashmore und dem IWF auch in Zukunft fortsetzen (Daten aus 2019). Doch dazu müssen die Schwellenländer zunächst die Pandemie ökonomisch und gesellschaftlich überleben.

Grafik zeigt globalen Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer

Wuchsen die Ökonomien der als Schwellenländer eingestuften Staaten in den letzten 20 Jahren durchschnittlich um 5,9 Prozent pro Jahr, so droht ihnen im Jahr 2020 die erste Rezession mit einer wirtschaftlichen Kontraktion in Höhe von durchschnittlich 3,3 Prozent. Davon geht der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner aktuellen Publikation „Emerging And Frontier Markets: Policy Tools In Times Of Financial Stress“ aus. Doch es könnte noch viel schlimmer kommen, wenn sich die Konjunkturlage im Zuge wirtschaftlicher Einschränkungen durch die Pandemie nochmals verschlechtert und bereits jetzt stark geschwächte Länder weitere Belastungen verkraften müssen.

Besonders Staaten wie Venezuela, Argentinien, Pakistan, die Türkei, Chile, Indien etc. haben jetzt schon massive wirtschaftliche Probleme bis hin zu Währungskrisen und der teilweisen Zahlungsunfähigkeit zu meistern. Am Anfang der Pandemie hatte eine beispiellose Kapitalflucht eingesetzt, bei der innerhalb kürzester Zeit über 100 Milliarden US-Dollar von internationalen Investoren aus Schwellenländern abgezogen wurden. Die Situation war von der Dimension her damit bereits im Frühling 2020 dramatischer als während der Weltfinanzkrise. Länder wie Argentinien, die Ukraine und Chile gerieten an den Rand des Staatsbankrotts. Und so könnte die sich mit der Pandemie weiter ausbreitende Rezession lediglich der Vorbote einer neuen Schwellenländerkrise sein.

Ein globales Problem

Die Budgets und logistischen Möglichkeiten zur Stützung der heimischen Wirtschaft, zur Gesundheitsversorgung und zur Aufrechterhaltung sozialer Mindeststandards sind im Gegensatz zu den entwickelten Volkswirtschaften in den Schwellenländern deutlich geringer ausgeprägt und damit anfälliger für Krisen. Selbst der Kollaps einzelner Entwicklungsländer ist nicht mehr auszuschließen (Failed States).

Wird diese Entwicklung zum Massenphänomen, bekommen auch die Industrieländer ernste Probleme. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Kosten, die über die Anteile der Industriestaaten an der Weltbank und dem IWF in Form von Nothilfen oder Kreditstundungen gewährt werden, sondern auch um massive Migrationsbewegungen, die sich längst in Gang gesetzt haben und zu gesellschaftliche Spannungen führen können. So sind allein wegen der sich weiter zuspitzenden humanitären Katastrophe in Venezuela ca. 4,8 Millionen Menschen oder 15,6 Prozent der Gesamtbevölkerung seit 2016 aus dem Land geflohen. Diese Massenbewegung, auch bekannt als Bolivarian diaspora, wirkt sich auch auf die Aufnahmeländer belastend aus.

Dabei ist Venezuela alles andere als ein Einzelfall: Laut der UNO Flüchtlingshilfe waren noch nie so viele Menschen wie heute auf der Flucht vor Armut und bewaffneten Konflikten. Ende 2019 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei knapp 80 Millionen – mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Im Vergleich zum Vorjahr waren das fast neun Millionen Menschen mehr. Seit 2010 hat sich die Zahl der Menschen auf der Flucht verdoppelt. Für das kommende Jahr wird mit einer deutlichen Intensivierung der globalen Fluchtbewegung in Folge steigender Armut gerechnet. Für die Entwicklungsländer und vor allem für ehemalige Kriegsgebiete wie Syrien bedeutet dies, dass für den Wiederaufbau und für die Erwirtschaftung von Wohlstand und Steuereinnahmen dringend benötigte Menschen dauerhaft verloren gehen.

Maßnahmen gegen den Kontrollverlust in den Entwicklungsländern

Der IWF und die Weltbank haben bereits im April Mittel mobilisiert, um die Corona-Folgen für die Entwicklungsländer abzufedern. Dadurch sind zunächst die akuten Zahlungsbilanzprobleme vieler ärmerer Länder abgemildert worden. Doch das war lange vor der zweiten Corona-Welle. Im Sommer war es durch Notkredite des IWF in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar, die in Rekordgeschwindigkeit ausgezahlt wurden, noch gelungen, den sofortigen finanziellen Kollaps der Entwicklungsländer abzuwenden.

Zusätzlich zu den Notfallmaßnahmen des IWF hatten die G20-Staaten ein Schuldenmoratorium für die ärmsten 43 Entwicklungsländer beschlossen. Laut Weltbank sorgt diese Maßnahme in den betroffenen Staaten für eine Entlastung beim Schuldendienst von 11,5 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr. Nun ist in Anbetracht der zweiten Corona-Welle bei den G-20-Staaten bereits eine Verlängerung des Schuldenmoratoriums bis Mitte 2021 im Gespräch. Doch auch das könnte nicht reichen, wenn die Pandemie und deren ökonomische Folgen den nach wie vor recht optimistischen Prognosen der IWF-Ökonomen folgen.

Geld spielt keine Rolle

Auch der am 27. Dezember 1945 gegründeten IWF war in seiner 75-jährigen Geschichte bisher noch nie mit einer derartigen Krise globalen Ausmaßes konfrontiert. Und so fordert die Direktorin dieser supranationalen Institution, Kristalina Georgieva, das Vermögen des Fonds von einer Billion Euro auf 2 Billionen Euro zu verdoppeln, da andernfalls im Zuge einer zweiten oder sogar dritten Corona-Welle dem Fonds die Mittel auszugehen drohen.

Doch woher kommt das Geld des Internationalen Währungsfonds (IWF)? Zum einen kann der IWF sogenannte Sonderziehungsrechte vergeben, die nichts anderes als Buchkredite der Institution an seine Mitglieder darstellen. Zum anderen kommt Geld (und Gold) über Quotenregelungen direkt von den Mitgliedsstaaten, die zu den Nettozahlern gehören, wie z B. Deutschland oder die USA. Diese Staaten müssen sich gleichwohl für die Zahlung dieser gigantischen Summen selbst zusätzlich verschulden. Da der private Kapitalmarkt diese Schuldenmassen zu für die Schuldner tragfähigen Zinsen nicht mehr schultern kann, springen die Notenbanken ein und drucken das Geld (digital).

Nichts anderes tun aktuell auch die Zentralbanken vieler Entwicklungsländer, um ihre Staaten flüssig zu halten. Da dies bei Staaten mit ohnehin schwachen Währungen gleichwohl gefährlich ist und schnell zu einem Kollaps des Außenwertes der Währung führen kann, müssen die Geldpolitiker der Schwellen- und Entwicklungsländer andere Wege zur Unterstützung der Wirtschaft und des Staates gehen.

Nahezu alle Zentralbanken senkten daher zunächst die Zinssätze. Die größten Notenbanken intervenierten an den Devisenmärkten, entweder mit eigenen Reserven oder mit Geldern des IWF bzw. US-Dollar-SWAP-Linien der US-Notenbank Fed. Etwa die Hälfte der Institute senkte die Mindestreserveanforderungen für Banken, um das Finanzsystem liquide zu halten und die Kreditbedingungen zu lockert. Rund 20 Zentralbanken der Entwicklungsländer haben zum ersten Mal überhaupt quantitative Lockerungen vorgenommen (Geldmengenausweitung), um Staats- und Privatschulden am Sekundärmarkt zu erwerben, die sonst keine Käufer mehr fanden.

Die Folgende Grafik zeigt sehr anschaulich, dass anders als in den Industrieländern mit vermeintlich starken Währungen die Notenbanken der Entwicklungsländer primär über qualitative Maßnahmen agierten. Aber nicht aus purer Vernunft, sondern weil ihnen schlicht und einfach das Privileg der momentan noch konsequenzlosen Gelddruckens in beliebiger Höhe verwehrt ist. Daher ist es nur fair, dass Staaten wie die USA oder Länder der Eurozone ihre Geldschöpfungsprivilege im Interesse der durch die Pandemie in Existenznöte geratenen Entwicklungsländer einsetzen.

Grafik zeigt Unterstützung der Notenbanken

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Bundesbank: Erholung der Industrie läuft, Dienstleistungen problematisch

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Deutschland Flagge

Die Bundesbank hat heute ihren Monatsbericht für Oktober veröffentlicht. Demnach verliert der wirtschaftliche Aufschwung deutlich an Schwung. Die Wirtschaftsleistung in Deutschland dürfte im dritten Vierteljahr 2020 stark angestiegen sein. Gemessen am vierteljährlichen Bruttoinlandsprodukt könnte die deutsche Wirtschaft damit bereits etwas mehr als die Hälfte des drastischen Einbruchs im ersten Halbjahr wieder wettgemacht haben. Trotzdem dürften noch etwa 5 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau vom letzten Vierteljahr 2019 fehlen.

Aus heutiger Perspektive dürfte sich die wirtschaftliche Erholung im laufenden Vierteljahr zwar fortsetzen, dabei jedoch eine erheblich langsamere Gangart einlegen. Die Industrie ist gemäß der Bundesbank-Aussagen nicht das Problem, sondern der Bereich Dienstleistungen, der ja von erneuten Corona-Restriktionen direkt betroffen ist. Die deutsche Exportindustrie profitiert derweil zum Beispiel durch die wieder gut laufende Konjunktur in China. Hier die Bundesbank mit ihrer Headline-Aussage zur Industrie:

Dem Monatsbericht zufolge hat die Industrie nach dem besonders starken Einbruch im Frühjahr bis Juli bemerkenswert aufgeholt. Im August habe die Erholung zwar eine Verschnaufpause eingelegt, im Mittel der Monate Juli und August sei die Industrieproduktion dennoch gegenüber dem stark gedrückten Frühjahrsquartal kräftig angestiegen (+13,5 %). Gleichwohl verfehlte sie das Vorkrisenniveau aus dem vierten Quartal 2019 immer noch um gut ein Zehntel. Die Auftragseingänge hätten jedoch weiter zugenommen und beinahe wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Und hier die Headline-Aussagen zum Dienstleistungssektor:

Während sich die Stimmung bei den Industrieunternehmen laut Umfrage des ifo Instituts etwas aufhellte, trübte sie sich bei den Dienstleistungsunternehmen im September zum ersten Mal seit dem Frühjahr wieder etwas ein, schreibt die Bundesbank. Insbesondere Branchen wie das Gastgewerbe dürften durch die zuletzt stark gestiegenen Infektionszahlen und die deshalb in einigen Regionen ausgeweiteten Eindämmungsmaßnahmen belastet werden. Die Fachleute gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im laufenden Vierteljahr wohl nur noch vergleichsweise wenig steigen wird.

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