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So kaputt sind die deutschen Sozialsysteme schon heute

Sie haben die Diskussionen in den letzten Tagen sicher auch verfolgt. Ganz plötzlich merkt die Politik, dass in Zukunft die Rentensysteme nicht mehr sicher sind. Aber jetzt werfen wir mal einen kurzen…

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FMW-Redaktion

Sie haben die Diskussionen in den letzten Tagen sicher auch verfolgt. Ganz plötzlich merkt die Politik, dass in Zukunft die Rentensysteme nicht mehr sicher sind. Aber jetzt werfen wir mal einen kurzen Blick darauf, wie denn die Wirklichkeit heute schon aussieht. Thema Rente. So sieht es jetzt schon bei der „Gesetzlichen Rentenversicherung“ aus: Wir haben uns mal die Originaldaten der Deutschen Rentenversicherung angeschaut.

Da sieht man für 2015: Ausgaben von 277 Milliarden Euro standen Einnahmen von 276 Milliarden Euro gegenüber. So weit so gut. Aber der Haken an der Sache ist: Ausgewiesen sind bei den Einnahmen 67 Milliarden Euro „Bundeszuschüsse“, die Teil der 276 Milliarden Euro sind. Also kommen diese Gelder aus dem Bundehaushalt, den Steuereinnahmen. Ohne diesen Zuschuss wäre die Rentenkasse also jetzt schon längst völlig pleite. Entweder müssten jetzt schon die Renten drastisch sinken, die Beiträge drastisch steigen, oder beides!

Da tut die aktuelle Ehrlichkeit der Arbeitsministerin Andrea Nahles ja mal richtig gut. Sie sagte nämlich Sonntag bei Anne Will bis 2045 müsste der jährliche Zuschuss von 67 Milliarden wohl auf 177 Milliarden Euro pro Jahr steigen. Und wie gesagt, das sind nur die offiziellen Schätzungen aus ihrem Haus! Aber gut, auch die 67 Milliarden Euro aus 2015 sind schon ein echter Batzen. Und was macht denn zum Beispiel neben der Rente das zweite verdammt wichtige Standbein des deutschen Sozialsystems? Die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) wird auch bereits Jahr für Jahr durch Steuern bezuschusst – sonst müssen auch hier die Beiträge steigen oder die Leistungen gekürzt werden.

Der Bundeszuschuss für die GKV stieg vom Jahr 2004 von 1 Milliarde Euro pro Jahr auf aktuell 11,5 Milliarden Euro! Oben drauf kommt auch eine weniger beachtete Umsatzsteuervergünstigung im Medizinbereich in Höhe von 15,4 Milliarden Euro, die das Institut für Weltwirtschaft erst gestern kritisiert hat. Man kann es so oder so sehen: Streicht man die Zuschüsse für die Sozialkassen aus dem Steuerhaushalt, müssten dort die Beiträge steigen und Leistungen sinken. Gleichzeitig könnte man die Steuern stark absenken. Aber definitiv ist die aktuelle „Stabilität“ des Sozialsystems oder das nur „geringe Ansteigen der Beiträge“ eine Art optische Täuschung.

Die Sozialsysteme sind nicht durch Beiträge abgedeckt. De facto zahlt derzeit jemand, der keinen Anspruch auf Rentenzahlungen hat, mit Verbrauchssteuern, Einkommensteuern und sonstigen Steuern die Renten mit. Andersrum könnte man auch argumentieren, dass Gutverdiener und Superreiche über diese „Umverteilung“ einen kleinen Teil zu einem gerechteren Miteinander beitragen, weil die Beitragszahler keine stark steigenden Sozialbeiträge schultern müssen. Aber so oder so: Das deutsche Sozialsystem ist schon jetzt nicht tragbar, und muss quersubventioniert werden. Die ach so schlimme Zukunft vom nicht mehr bezahlbaren Sozialstaat ist bereits Realität. Sie wird nur optisch mit Umbuchungen aus dem Steueraufkommen zugeschüttet!

18 Kommentare

18 Comments

  1. Avatar

    rote_pille

    29. November 2016 17:32 at 17:32

    Es gibt keine Superreichen, die das noch finanzieren könnten. Die Vermögenssteuern haben nur ein paar Mrd. eingebracht, die gesamten Kapitalertragssteuern würden schon jetzt nicht ausreichen, um nur den Zuschuss zu decken. Die Subventionen für die medizinische Versorgung von Älteren sollten eingestellt werden, damit sich das von selbst regelt.

    • Avatar

      tibu2912@hotmail.com

      29. November 2016 18:06 at 18:06

      und wer zahlt mir dann das Geld zurück, das ich jahrzehntelang den Alten zur Subvention gezahlt habe?

  2. Avatar

    Marcus

    29. November 2016 17:52 at 17:52

    In Deutschland muss man endlich mal kapieren, das die beitragsfinanzierten Sozialsysteme am Ende sind! Es wird und muss zwangsläufig auf steuerfinanzierte Sozialsystem hinauslaufen, selbstverständlich bei gleichzeitigen Einsparmaßnahmen.

    Oder wir privatisieren die Sozialsysteme so das jeder für sich, seine Alters- und Gesundheitsvorsorge selbst verantwortlich ist. Was die Krankenversicherung betrifft, schreiben wir eine gesetzliche Grundversorgung fest wie beispielsweise in Kanada, der Rest Cash aus eigener Tasche.

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      pappnase

      29. November 2016 18:23 at 18:23

      „Oder wir privatisieren die Sozialsysteme so das jeder für sich, seine Alters- und Gesundheitsvorsorge selbst verantwortlich ist.“

      Fehlen da die Ironietags?

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    asyoulike

    29. November 2016 18:03 at 18:03

    Moin, moin,
    wer Geld für Südeuropa, soziale Experimente, Türkei, Afrika etc. hat, der muss ja auch Geld für die Renten und Co. haben. Aber das wollte niemand bis vor einiger Zeit hören. Langsam läßt sich das alte Prinzip, wir kehren alles unter den Tisch, nicht mehr durchhalten. Immer mehr Journalisten und BRD-Michels geht langsam ein Licht auf. Erkenntnis ist, dass hier etwas mehr als nicht stimmt. Wenn jetzt noch die Wirtschaftsleistung rückläufig ist, dann werden die Probleme kumulieren. Was nach der Bundestagswahl an steuerlichen Änderungen auf uns Steuerzahler wartet, dass wird teuer. Eines aber ist schon jetzt sicher: Niemand ist es gewesen, niemand ist verantwortlich! Game over.

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    Thomas K

    29. November 2016 18:28 at 18:28

    > Es gibt keine Superreichen, die das noch finanzieren könnten.
    Natürlich gibt es die. Die Deutschen haben ein Geldvermögen von 5 Billionen.
    Wenn man davon jedem, der über 1. Mio. Kapitalvermögen verfügt, in den nächsten 10 Jahren jeweils 5% zur Senkung der Stattsschulden als Vermögenssteuer abnehmen würde, wäre der Staat schuldenfrei. Fragt sich nur, was dann mit den ganzen Staatsanleihen, die die Lebensversicherungen halten passiert, und womit die ihr Geld verdienen.

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      rote_pille

      29. November 2016 20:26 at 20:26

      Es wäre schon eine wirtschaftliche Katastrophe, wenn ein Politiker so etwas öffentlich in Erwägung ziehen würde.

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      Lange

      29. November 2016 22:01 at 22:01

      Ach, ein Volker Pispers Fan!

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    Denker

    29. November 2016 18:35 at 18:35

    Die Rente ist sicher….sagte schon Blüm an der Litfaßsäule.
    Seit jahrzehnten die 1000ste Reform…
    Und es wird noch 100 geben in einem auf Schulden basierenden Geldsystem. Punkt

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    Mulinski

    29. November 2016 18:42 at 18:42

    Dank der Fehlgeburt EURO und der EZB-Politik der 0% ist es ja nicht einmal mehr möglich privat vorzusorgen, aber hauptsache der EURO retten den Frieden in EURO. Wenn die kommende Massenverelendung die Wähler zu den radikalen Parteien treiben wird, dann wird sich zeigen was für ein Friedensprojekt dieser Schwachsinn von einheitlicher Währung war.

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    Emm wie Meikel

    29. November 2016 18:52 at 18:52

    Wenn die Entwicklung so weitergeht, stammt die Rente fast vollständig aus der Druckerpresse der EZB, indem sie vom Staat über Neuverschuldung finanziert wird. Dann kann er sich Sachen wie Steuereintreibung und Zwangsbeiträge gleich ganz sparen.

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      Denker

      29. November 2016 19:55 at 19:55

      Alles wird nur über die Druckerpresse finanziert,…alles, dein ganzes verdammtes Leben.
      Geld entsteht nur durch Schulden,…nur durch Schulden die nie zurückbezahlt werden können.,… NIE !!! So ist das Ponzischema nun mal aufgebaut.

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    Gixxer

    29. November 2016 21:05 at 21:05

    Es gibt da sozusagen ein „Problem“ in Deutschland und das ist Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
    Aus diesem Grund ist es nicht möglich, alles zu privatisieren. Es muss jedem Deutschen immer so viel bleiben, dass er ohne Verlust seiner Würde leben kann. Daher gibt es ja auch die Grundsicherungssysteme (Hartz IV oder GruSi im Alter).
    Also abschaffen kann man es nicht. Was soll man dann machen? Vielleicht mal darüber nachdenken, wie man es tatsächlich reformieren kann und zwar sinnvoll. Dazu gehört sicher auch diejenigen zur Kasse zu bitten, die bis jetzt nicht mit einzahlen.
    In der Schweiz heißt es zB: Die Reichen brauchen keine Rente, aber die Rente braucht die Reichen. Da gibt es zB keine Beitragsbemessungsgrenze.
    In Österreich klappt es ja auch.
    Hierzu gab es einen Beitrag bei Illner in ihrer letzten Sendung. Leider habe ich nur noch einen Artikel im Focus dazu gefunden.
    http://www.focus.de/finanzen/altersvorsorge/rente/selbst-wirtschaftsweiser-war-ueberfragt-staunen-bei-illner-warum-gibt-es-in-oesterreich-40-prozent-mehr-rente_id_6255294.html

    Wie man es jetzt genau machen kann oder muss, weiß ich nicht, aber ich bin mir sicher, dass es möglich ist.

    • Avatar

      Petkov

      30. November 2016 07:49 at 07:49

      Hallo Gixxer, sicherlich wissen Sie, dass Art.1 GG kein deutsches „Phänomen“ ist, sondern in so gut wie jeder Verfassung der zivilisierten Welt verankert. In vielen sogar mit einem sehr ähnlichen Wortlaut. Nicht das Grundgesetz ist das Problem. Da steht etwas, was so stehen bleiben muss. Für die nicht zukunftsfähige deutsche Sozial- und Rentenpolitik ist allein die inkompetenteste Regierung seit Ende des 2. Weltkrieges verantwortlich. Die GruSi ist trotz der alternden Bevölkerung nicht das große Problem. Das größte Problem ist die sinkende Wettbewerbsfähigkeit des Landes bei gleichzeitig verstärkter Zuwanderung ins Sozialsystem und damit verbunden die Verarmung der deutschen Mittelschicht. Letztere muss aufgrund des stetig erstarkenden internationalen Konkurrenz und der Stagnation der deutschen Innovationskraft reelle Lohneinbußen hinnehmen. Heute spielt die Musik in der IT. Im DAX gibt es nur ein ernst zu nehmendes IT-Unternehmen: SAP. Leider hat Deutschland wirklich ein Problem damit, gute oder gar visionäre ITler selber zu produzieren oder zumindest ins Land zu locken. Früher hat Deutschland aufgrund der niedrigen Kriminalität und des beispielhaften (früher!!!) sozialen Gleichgewichts ganz viele bestens ausgebildete Leute anlocken können. Und wer heute ins Land strömt, dürfte jedem klar sein. Aber diese Politik wird aller Voraussicht nach 2017 fortgesetzt. Also will das die Bevölkerung so. Was man durch diesen Masochismus heilen will, ist mir unklar.

  9. Avatar

    Werner

    29. November 2016 21:12 at 21:12

    http://www.anonymousnews.ru/2016/11/23/staatlicher-betrug-im-grossen-stil-25-der-rentenbeitraege-werden-veruntreut/
    Seht interessant. Hier ist sichtbar wofür die Beiträge zweckentfremdet werden.

  10. Avatar

    erna weisnix

    30. November 2016 05:28 at 05:28

    Selbst vorsorgen,wie soll das gehen bei einem normalen Einkommen?Man müsste erst Draghi und seine Schmierlappen Rückstandslos entfernen.Dann gibt eventuell wieder Zinsen und dann könnte es unter Umständen klappen.

  11. Avatar

    Nachdenklicher

    30. November 2016 07:50 at 07:50

    Was ist mit den Beamtenpensionen? Darüber spricht niemand. Beamte zahlen nicht in die Rentenkasse ein, erhalten vom Staat (Steuerzahler) vergleichsweise üppige Pensionen im Vergleich zu den Renten der Steuerzahler. Darüber hinaus genießen diese neben einer unkündbaren Stelle noch weitere teure Privilegien (Zuschüsse zur Krankenversicherung etc.). Warum sollen Beamte für ihr Alter nicht auch vorsorgen, indem diese in die Rentenkasse einzahlen und dann auch nur das übliche Rentenniveau erhalten? Wielange lässt sich das steuerzahlende Volk das noch gefallen?

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Daniel Stelter: Die Zeitbombe tickt für Deutschland! Was jetzt passieren muß

Markus Fugmann

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am

Daniel Stelter zählt fraglos zu den besten Köpfen in Deutschland: Er zeigt immer wieder, dass das scheinbar so reiche Land in Wirklichkeit gar nicht so reich ist – und vor allem ab dem Jahr 2030, wenn die Babybommer in Rente gehen, die demografischen Probleme faktisch zu einer Unfinanzierbarkeit der Rentenversprechen führen.

Daniel Stelter über die tickende Zeitbombe Deutschlands

Was also tun? Als Pionier das Klima retten, wie Bundesregierung und EU propgaieren durch eine „Klimaplanwirtschaft„? Überall mehr Staat angesichts der massiven Einbrüche der Wirtschaft in der Coronakrise? Daniel Stelter plädiert für das Gegenteil: für einen funktionierenden Kapitalismus – denn die weiter ausgreifenden Versuche des Staates, die Wirtschaft zu lenken, wird die Wirtschaftstätigkeit bremsen statt zu beschleunigen.

Kürzlich hat Thorsten Polleit in seinem Buch  „Der Antikapitalist: Ein Weltverbesserer der keiner ist“ genau darauf aufmerksam gemacht: der Kapitalismus ist nicht unser Problem, sondern die Lösung – wenn man ihn denn funktionieren lassen würde. Aber der Ruf nach staatlicher Lenkung wird gerade in der Coronakrise immer lauter, immer tiefer mischt sich die „Obrigkeit“ in die Wirtschaft ein (etwa indem man die Insolvantragspflicht aussetzt und damit Zombie-Firmen weiter durchschleppt). Man kauft Zeit durch staatliche Rettungsmaßnahmen, ohne diese Zeit für Reformen zu nutzen. Alle reden „vom Verteilen und Besteuern“, statt die Wohlstandmehrung im Fokus zu haben – so formuliert es Daniel Stelter.

Fakt ist: „Die Lasten steigen, während unsere Wirtschaftskraft sinkt“, so der Ökonom. Also müsste die Struktur geändert werden – etwa bei der tickende Zeitbombe, der Rente. Hier schlägt Daniel Stelter einen Staatsfonds im Stile Norwegens vor, bei dem der Staat jedem Bürger unter 65 Jahren 25.000 Euro schenkt, die dann in die Finanzmärkte investiert werden. Auch in der EU müsste sich einiges ändern – und hier hat Stelter einen ungewöhnlichen Vorschlag: Deutschland und die andere Euro-Länder sollten sich auf Kosten der EZB entschulden können!

In folgendem Video fasst Stelter das zusammen, was für Deutschland und die Lösung seiner Probleme jetzt zwingend notwendig wäre:

 

Daniel Stelter über die tickende Zeitbombe in Deutschland

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Der Stimulus kommt garantiert!

Hannes Zipfel

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USA Flagge

Ohne die massiven Geldzuflüsse der letzten Monate an die westlichen Finanzmärkte, allen voran in den USA, wären die Kursstände heute ganz andere. Bricht dieser Zustrom an frischem Geld mangels neuem Stimulus ab oder das Kapital flieht aus Angst vor neuen Lockdowns in Cash, dann folgt der nächste Corona-Crash. Daher wird es einen Stimulus geben. Die Frage ist nur: von wem?

Der Stimulus ist systemrelevant

Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet in seinem jüngsten „World Economic Outloook“ mit einem Rückgang der globalen Wirtschaftsleistung in diesem Jahr in Höhe von 4,4 Prozent (Seite 29). Für die größten acht Industrienationen (G-8) sogar mit einer Kontraktion in Höhe von 5,8 Prozent.

Demgegenüber stehen fiskalische COVID-19-Hilfen in durchschnittlich zweistelliger prozentualer Höhe des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Im Falle Deutschlands würde dies gemäß der aktuellen Schätzung des IWF zum deutschen BIP-Wachstum in 2020 bedeuten, dass ohne finanzpolitische Hilfen unsere Wirtschaft in diesem Jahr um 14,9 Prozent einbrechen würde. Die der USA um 17,5 Prozent und das Bruttoinlandsprodukt Japans würde ohne fiskalische COVID-19 Stimuli gar um -26,4 Prozent kollabieren.

Grafik zeigt Stimulus je nach Land

Sollte es also, wie es sich nun in den weltweiten Statistiken abzeichnet, zu einer erneuten Covod-19-Welle kommen, wären sowohl die Projektionen des IWF hinfällig als auch die exorbitanten Hilfsgelder nicht ausreichend, um eine ökonomische Katastrophe zu verhindern. Dieser Tatsache sind sich die Regierungen aller betroffenen Staaten sicher bewusst. Daher ist entsprechend den wirtschaftlichen Belastungen in Folge erneuter signifikanter Einschränkungen des öffentlichen Lebens mit neuen Finanzhilfen zu rechnen. Es wäre jedenfalls politisch sehr nachteilig für die Verantwortlichen, einen solchen fiskalischen Stimulus abzulehnen. Die ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen wären unabsehbar.

Der Ausgang der US-Wahlen ist für den Stimulus nicht entscheidend

Momentan schauen die Marktteilnehmer sehr genau auf die Umfragewerte zu den US-Wahlen am 3. November sowie den Äußerungen der politischen Führer beider Lager (Demokraten und Republikaner) zum Thema neuer Stimulus.

Dabei ist es grundsätzlich für neue Finanzhilfen völlig unerheblich, wer die Wahlen Anfang November gewinnt, sofern es ein Ergebnis gibt. Als im März dieses Jahres der „Coronavirus Aid, Relief, and Economic Security Act“ (CARES) unterzeichnet wurde, gab es weder einen Präsidenten Joseph Biden, auf den viele Marktteilnehmer aktuell in Sachen Stimulus die größeren Hoffnungen setzen, noch einen einheitlich dominierten Kongress. Dennoch initiierten sowohl das Weiße Haus als auch die beiden Kammern des Kongresses, also der republikanisch dominierte Senat, als auch das demokratisch dominierte Abgeordnetenhaus seit dem 3. März insgesamt vier Hilfsprogramme, die bis heute eine Dimension von insgesamt 2,8 Billionen US-Dollar angenommen haben.

Das Staatsdefizit spielte dabei selbst für die größten Gegner staatlicher Verschuldung keine Rolle. Warum sollte das im Falle einer Wiederholung einer solchen ökonomischen Notlage anders sein? Die Finanzierung ist auf jeden Fall über die US-Notenbank Fed sichergestellt.

Die Fed positioniert sich bereits

Sollte es jedoch zu keinem Wahlergebnis kommen bzw. für eine längere Zeit kein Wahlsieger feststehen, könnte immer noch ein Notkompromiss zwischen den Parteien von einer neuerlichen akuten Notlage erzwungen werden. Und selbst wenn aus unbekannten Gründen tatsächlich kein neuer fiskalpolitischer Stimulus kommen sollte, stünde immer noch die Geldpolitik bereit um einzuspringen. Verbal haben sich die US-Notenbanker längst positioniert: Sie fordern permanent neue fiskalpolitische Stimuli und haben sich selbst zusätzlich dem Ziel verschrieben, auch mithilfe der Geldpolitik die soziale Schere in den USA zu schließen.

Auch ganz praktisch war die US-Notenbank Fed in die Stützung der größten Volkswirtschaft der Welt involviert: Seit Beginn der Epidemie im Februar dieses Jahres hat die Fed ihre Bilanz durch den Ankauf von Schuldpapieren um 3 Billionen US-Dollar aufgestockt. Mit in dieser Summe enthalten sind Kreditfazilitäten für größere Unternehmen.

Um eine Kaskade an Insolvenzen zu verhindern, nahm die Fed seit Mitte Juni dieses Jahres Anleihen von Unternehmen mit weniger als 15.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von unter 5 Milliarden US-Dollar mit auf ihre Bilanz. Die eigens hierfür gestartete „Main Street Lending Facility“ ist mit einer Staatsgarantie abgesichert. Damit schließt die Fed eine Finanzierungslücke, kommen doch für staatliche Hilfen aus dem Paycheck Protection Program (PPP) ausschließlich nur Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern in Frage.

Das Besondere an diesen Kreditfazilitäten ist die Tatsache, dass die Fed erstmals direkt als Kreditgeber auftrat, ohne den Umweg über das US-Finanzministerium zu gehen. Zählt man nun diesen Tabubruch, die permanente Forderung nach neuen Stimuli und das selbst gesteckte Ziel der Schließung der sozialen Schere in den USA zusammen, dann ist der Schritt hin zu Finanzhilfen für weite Teile der US-Unternehmen, Selbstständigen und Privathaushalte direkt aus der Notenpresse nicht mehr weit. Zumindest ist es eine Art Rückversicherung für einen Stimulus in den USA im Falle einer nicht handlungsfähigen Regierung. Dies gilt übrigens auch für die anderen großen Notenbanken dieser Welt, die zum Teil mit direkten Aktienkäufen in Sachen Tabubruch in diesem Fall schon weiter sind als die US-Notenbank Fed.

Das Timing-Problem

Selbst im Falle der Entwicklung eines marktreifen Impfstoffs wird es wohl noch bis weit ins Jahr 2021 dauern, bis die Pandemie durch Impfungen und Therapien weltweit eingedämmt werden kann. Bis dahin bleiben aus Sicht der Politik v. a. Präventionsmaßnahmen die einzige effektive Möglichkeit. Dies wiederum bedeutet anhaltende wirtschaftliche Schäden bis hin zum de facto Entzug der Existenzgrundlage für ganze Branchen.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Börsen auch in den USA dies verstehen. Bereits bei der ersten Pandemiewelle fiel der sprichwörtliche Groschen an den US-Märkten recht spät, dann aber sehr schnell und sehr heftig. Erst Ende Februar realisierte die Wallstreet, dass die Pandemie keinen Bogen um Amerika macht.

Ob die Amerikaner im Zuge der aktuellen Datenlage in Sachen COVID-19-Pandemie schneller schalten, ist ungewiss. Daher bleibt für Anleger das Timing-Problem die eigentliche Herausforderung. Auch deshalb, weil der Druck auf die Institutionen einen neuen Stimulus zu liefern erst dann zu Handlungen führt, wenn die Börsenkurse als Krisenbarometer hellrot aufleuchten.

Fazit und Strategieansatz

Nach wie vor ist Timing an der Börse eher eine Kunst als eine Wissenschaft und oft vom Glück begleitet. Wolfgang Müller schrieb dazu vor Kurzem einen interessanten Artikel mit dem Titel: „Aktienmärkte: Buy and Hold – nach wie vor im Vorteil?“.
In Anbetracht der Tatsache, dass ein Stimulus im Falle einer erneuten deutlichen wirtschaftlichen Abschwächung systemrelevant und damit so gut wie sicher ist, besteht wenig Grund, Vermögenswerte zu veräußern, die man mittelfristig halten möchte.

Für Trader bietet sich eine simpel anmutende Strategie an, die bereits im Frühjahr dies Jahres sehr profitabel war: Zunächst jetzt etwas Pulver trocken halten. Kommt es im Zuge sich wieder verschlechternder Konjunktur- und Unternehmenszahlen zu einem nochmaligen heftigen Rücksetzer an den Aktienmärkten, kann man in mehreren Tranchen ab dem Unterschreiten der einfachen gleitenden 200-Tage-Durchschnittslinie, z. B. beim S&P 500, in den Markt einsteigen und abwarten, bis der neue Stimulus kommt und die Märkte wieder nach oben zieht.

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DIW-Konjunkturbarometer aktuell: Aussichten verdüstern sich

Claudio Kummerfeld

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Das DIW-Konjunkturbarometer wird vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung einmal im Monat veröffentlicht. Heute hat man das Barometer für Oktober präsentiert mit der Headline-Aussage „Rückschlag mit Ansage“. Die zweite Corona-Infektionswelle sei in Deutschland angekommen und drohe den wirtschaftlichen Aufschwung abzuwürgen. Nachdem die Wirtschaft im abgelaufenen dritten Quartal dem Konjunkturbarometer zufolge noch deutlich um etwa sechs Prozent gewachsen sein dürfte, würden sich die weiteren Aussichten erheblich verdüstern. Das DIW-Konjunkturbarometer fällt für das Schlussquartal dieses Jahres von 122 Punkten auf 105 Punkte. Das DIW im Wortlaut:

Der Aufschwung wird sehr wahrscheinlich deutlich ausgebremst werden“, sagt DIW-Konjunkturchef Claus Michelsen. „Es drohen wieder schärfere Einschränkungen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens – das Pandemiegeschehen nimmt Verbraucherinnen, Verbrauchern und Unternehmen die Zuversicht. Und das in einer Zeit, in der viele Unternehmen noch mit den Folgen des Lockdowns vom Frühjahr kämpfen und kaum noch finanzielle Reserven haben“, so Michelsen. Stand jetzt werde die Wirtschaftsleistung in Deutschland zum Jahresende noch leicht steigen, der kräftige Aufholprozess aus dem Sommer dürfte sich aber nicht fortsetzen.

Das DIW-Konjunkturbarometer lässt den Rückschlag bereits erahnen, obwohl sich die zweite Infektionswelle in vielen aktuellen Zahlen noch so gut wie gar nicht widerspiegeln kann. Lediglich die jüngst veröffentlichten Unternehmensumfragen weisen auf die zunehmende Sorge vor einem erneuten Lockdown hin. „Das Wirtschaftsgeschehen wird wohl stellenweise wieder lahmgelegt werden – wenn auch nicht in dem Maße wie im Frühjahr,“ warnt Michelsen. Das Risiko, dass die Produktion – abhängig vom konkreten Infektionsverlauf – wieder deutlich zurückgefahren wird, sei in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen.

DIW-Konjunkturbarometer als Grafik

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