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Aktien: Die aktuelle Schwäche von Growth: Es sind nicht nur die Zinsen

Seit November läuft eine Branchenrotation: Aktien aus dem Sektor Value entwickeln sich besser als die Tech-Werte (Growth). Das war überfällig!

Aktien Growth und Value

In schöner Regelmäßigkeit wird von Analysten an schwachen Tagen von Aktien aus dem Nasdaq stets die Argumentation mit den steigenden Zinsen herausgeholt. Aus Tagessicht sicherlich relevant und nachvollziehbar – aber in größeren zyklischen Zeitebenen gedacht, vollzieht sich etwas, was an dieser Stelle schon seit August 2020 öfters thematisiert wurde: Der Ausgleich zwischen Growth und Value.

Aktien im Höhenflug: 12 Jahre Anstieg an der Nasdaq

Diese Überschrift habe ich im letzten Jahr verwandt und im Artikel vom 12. Oktober 2020 mit dem Titel „Aktienmärkte: Dominiert Growth Value auf Dauer?“ in Frage gestellt.

An der Argumentation hat sich kaum etwas verändert, im Gegenteil, die Gründe für eine Stagnation beziehungsweise einer Korrektur für die großen Nasdaq-Titel haben sich sogar noch gefestigt.

Die aktualisierte Entwicklung:

Der marktbreite S&P 500 ist seit seinem Tief in der Finanzkrise im März 2009 von 676 Punkten auf 4217 Punkte gestiegen. Ein Anstieg von gewaltigen 523 Prozent, obwohl auch in diesem Index die Aktien aus dem Tech-Sektor ein großes Gewicht auf die Waagschale bringen.
Der Nasdaq 100 hingegen brachte es von seinem Start nach der letzten Krise mit 1043 Punkten bereits auf 14.041 Punkte, bei seinem Hoch am 19. April. Eine Verdreizehnfachung oder 1257 Prozent Wachstum.

Dabei stellt sich sofort die Frage, ob ein derartiges Wachstum, welches schlussendlich immer von den Unternehmensergebnisses getragen werden muss, auf Dauer so weiter gehen kann? Jetzt brachte die Coronakrise noch einmal einen Schub für Tech – aber der lange Chart zeigt, was nach der Jahrhundert-Bubble 2000 schon einmal mit den Kursen bei den Nasdaq-Titeln passierte.

Nasdaq Performance

Erinnerungen an die 1990-er-Jahre werden wach, mit dem großen Einbruch zwischen 2000 und 2003, der NASDAQ verlor über 80 Prozent, selbst der Dax stürzte über 72 Prozent in die Tiefe. Sicherlich waren viele Aktien in der Dotcom-Blase extremer überspekuliert und so manche Titel haben stabile Geschäftsmodelle aufgebaut, die Kurs/Gewinnverhältnisse seither gesenkt.

Aber der Anstieg der Amazon-Aktie von 35 Euro (2009) auf 2979 Euro (2020), aber auch der von Apple mit dem Emporschnellen von 2,18 Euro (2009) auf 118 Euro ist nicht wiederholbar. Die Schwerkraft muss bei diesen Dimensionen in den Aktien zuschlagen, im Billionen-Dollar-Bereich müssen Kurven abflachen, zwangsläufig korrigieren, sonst droht Ungemach.

Die letzte Dekade im Zeichen von Growth

Insgesamt waren die 2010-er-Jahre natürlich eine Periode der Wachstumstitel nicht erst seit Corona, dies zeigt auch die Übersicht zum Ende des letzten Jahres, die sich seither etwas in Richtung der allgemeinen Indizes verändert hat.

Speziell auf 5-Jahressicht:

MSCI Information Technology plus 23,1 Prozent per annum
MSCI World plus 9,4 Prozent p.a.

Das Kurs/Gewinn-Verhältnis des MSCI World Growth war zur Jahreswende fast doppelt so hoch wie das des MSCI World Value, eine extreme Divergenz, die es nur während der Internet-Bubble um die Jahrtausendwende gegeben hat.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis der FAANG-Aktien betrug Ende September 2020 etwa 61, vor dem Einsetzen einer milden Korrektur, somit fast das Dreifache des KGVs des Gesamtmarktes.

Im Spätherbst hatte ich die Branchenrotation mit dem ewigen Kampf zwischen Value und Growth bezeichnet und mich auf Daten des Wirtschaftsprofessors Ken French bezogen. Dieser hat lange Datenreihen ausgewertet und die Outperformance des Hightech-Sektors gegenüber dem Gesamtmarkt auf kurze Sicht zwar bestätigt, aber eben auch auf lange Sicht widerlegt.

Im langfristigen Vergleich zwischen Hightech und dem US-Gesamtmarkt kam er zu folgenden Ergebnissen:

2015 bis 2020: 19,2 Prozent p.a. zu 8,5 Prozent p.a
1970 bis 2020: 6,8 Prozent p.a. zu 6,9 Prozent p.a.
Aufgeteilt in zwei Hälften:

1970 bis 1995: 4,8 Prozent p.a. zu 6,8 Prozent p.a.
1995 bis 2020: 8,9 Prozent p.a. zu 7,1 Prozent p.a.

Aber gerade die oben erwähnten Wunderjahre bei den Hightech-Titeln zeigen, dass exponentielle Entwicklungen in Aktiengattungen immer wieder korrigiert müssen.

Übrigens: Der 9. November vergangenen Jahres war der Tag mit der größten Renditedifferenz seit Beginn der Datenerfassung 1993 – zugunsten von Value-Titeln. An diesem Tag kam die große Impfstoffmeldung von BioNTech/Pfizer und der oft schon beschriebene Paradigmenwechsel bei vielen Aktien.

Branchenrotation bei Aktien seit November

Fazit

Haben die von mir vorgetragenen Argumente, die zum großen Teil noch aus den Berichten zum Beginn der Branchenrotation stammen nach wie vor Gültigkeit? Ich denke schon, dafür sorgt schon die Schwerkraft bei der erreichten absoluten Größe einiger Aktien. Es ist kaum vorstellbar, dass sich der Tech-Gigant Apple noch einmal nur annähend so schnell verdoppelt, binnen eines Jahres und auch schon seit seinem Hoch vor Corona. Bei seiner Marktkapitalisierung von aktuell 1,84 Billionen Euro besäße die Firma dann ein größeres Gewicht als das Bruttoinlandsprodukt von Deutschland, der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt mit aktuell 44,3 Millionen Werktätigen.

Aber es wirkt nicht nur die finanzielle Schwerkraft.

Vergessen wir nicht: wenn eine Firma eine überragende Marktkapitalisierung einnimmt, wie wir sie schon längere Zeit bei Aktien wie etwa Tesla beobachten, so ist dies eine Wette der Investoren, dass die Geschäftsmodelle von fast allen Konkurrenten nicht funktionieren werden.

Wenn diese aber scheitern würden, müsste der Index Schaden nehmen, wenn nicht, dann der Marktführer, was aber auch den Index belasten würde.

Noch ein weiterer Gedanke: Wachstum wird irgendwann zu Value, weil sich eben hochprozentuale Wachstumsraten nicht aufrechterhalten lassen.

Ob Aktien wie Apple oder auch Amazon – absolute Größe mit Monopolstruktur wird irgendwann eingebremst – durch Regulation oder Zerschlagung (Rockefeller, AT&T) oder man wird eben zu einem Wachstumswert mit niedrigen Wachstumsraten. Deshalb gab es im letzten Jahrhundert stets die Zyklen des Ausgleichs zwischen Growth und Value. Die letzte Dekade brachte eine gewaltige Underperformance von Value gegenüber Growth.

Die ständig sinkenden Zinsen und die allgemein niedrigen Finanzierungskosten waren natürlich eine überragende Antriebskraft.

Aktien - Value gegen Growth

Änderungen in der Zins- und damit der Finanzierungslandschaft beschleunigen Zyklenänderungen. Der Ausgleich zwischen Aktien aus dem Sektor Value und Growth ist lange überfällig.

Sind wir seit ein paar Monaten schon wieder in einem solchen Wechsel?



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