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Aktien

Aktien: Die Rally aus übergeordneter Sicht

Warum die Rally nicht so irrational ist wie Pessimisten glauben!

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

am

Klar sind die Aktien im Verlauf der 27 Prozent-Hausse des Jahres 2019 teuer geworden, klar gibt es eine Riesen-Schere zwischen den Aktienbewertungen und den Gewinnen in der Realwirtschaft – aber es gibt eben auch ein paar Argumente, die diese Lage einigermaßen sinnvoll erklären können.

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Aktien: Die Gründe für eine Katastrophenhausse

Kann sie tatsächlich Realität werden – oder stecken wir bereits drin – in einer aus fundamentalen Gründen geradezu irrealen Katastrophenrally, die von Hannes Zipfel und mir in der letzten Woche skizziert wurde? Unglaublich, aber einige Prämissen haben sich in letzter Zeit tatsächlich weiter in Gang gesetzt.

Hier noch einmal die Rahmenbedingungen für eine mögliche Fortsetzung der Hausse an den Börsen:

Zinssenkungen, eine immerhin schwach wachsende Weltwirtschaft, die Pause im Handelsstreit, keine Inflation, die Verstärkung von TINA (Alternativlosigkeit der Aktien) und Euphorie der Anleger – so könnte man die Zutaten für ein derartiges und seltenes Szenario salopp umschreiben, solange externe Schocks ausbleiben (die üblichen „unknown unknowns“).

In den letzten Tagen hat sich so etwas wie Gewissheit bei den Investoren entwickelt, dass der Handelsstreit zwischen den USA und China zumindest bis zu den Wahlen auf Eis gelegt werden könnte. Auch im Hinblick auf Zölle gegenüber der EU ist es in letzter Zeit ruhig geworden. Dazu geht der US-Wahlkampf geht bald in seine heiße Phase.

Die Euphorie der Anleger hinsichtlich der Aktien hat deutlich zugenommen. Was für Deutschland jetzt noch fehlt, ist ein Überwinden des Allzeithochs von 13559 Punkten im Dax, damit entstünde allein schon ein neues Kaufsignal – so absurd es sich aus fundamental-logischer Sicht auch anhören mag.

Was ist aber der Hauptgrund für die diesjährige Rally der Aktien an vielen Börsen, insbesondere an den europäischen, bei denen es zum Beispiel für den Anstieg des italienischen Leitindex MIB um bisher 30 Prozent angesichts eines Nullwachstum gewiss keinen streng wirtschaftlichen Grund geben kann. Ebenso dürfte der Handelsstreit dort nicht der Treiber gewesen sein.

TINA – Es gibt keine, oder zumindest wenige Alternativen

Nachdem ich schon mehrere Aktienzyklen hautnah miterleben durfte, muss ich feststellen, dass diese Hausse, allein schon was die Dauer betrifft, unter einem anderen Stern steht. Was hat denn die Aktienrallys seit dem Zweiten Weltkrieg stets beendet? Es waren stets Zinsanstiege von mehreren 100 Basispunkten, zumeist in Folge von Inflation,  die anschließend zu einem unvermeidlichen Absturz in die Rezession führten.

Derzeit aber ist die Lage völlig anders: In Europa und in Japan haben wir Minuszinsen, einen negativen Realzins – und in den USA ein Zinsniveau, welches gerade einmal die Inflationsrate ausgleicht. Hinzu kommt eine sehr geringe Inflation – was vordergründig auch stets das Argument der EZB ist für immer mehr geldpolitische Stimuli. Es besteht also TINA, wie es sie in der Vergangenheit noch nicht gegeben hat. Alle konservativen Kapitalsammelstellen in den westlichen Staaten laufen langsam in existenzielle Nöte, wenn es um die Erzielung von Rendite geht.

Was sollen denn Pensionsfonds, Versicherungen oder auch Stiftungen machen (ich kenne persönlich Verwalter von kirchlichen Stiftungen, die über den Notstand klagen), um Einnahmen zu erzielen? Immobilien sind unglaublich teuer geworden. Und weil es in Europa keine Zinsen mehr gibt, kann man nicht einmal mehr ein KGV für die europäischen Anleihemärkte berechnen.

Das ist die bittere Wahrheit!  Im Dax aber gibt es eine Dividendenrendite von 3 Prozent, selbst im S&P 500 liegt diese bei circa 1,8 Prozent. Wenn es also keinen Zinsanstieg ( zumindest bei den Kapitalmarktzinsen) und keine deutlich steigende Inflation gibt, bleibt den Vermögensverwaltern derzeit kaum eine Alternative, als im Aktienmarkt zu verbleiben. Soll etwa eine deutsche Allianz auslaufende 10-jährige deutsche Staatsanleihen (mit drei Prozent Verzinsung) durch neue Staatsanleihen mit Minusverzinsung ersetzen? Dann kann sie aus den Einnahmen bald nicht einmal mehr die Heizkosten ihrer Verwaltungspaläste bezahlen, geschweige denn die Verträge ihrer Kundschaft erfüllen.

Da kann man als Pessimist täglich Dutzende von Argumenten und Charts heranziehen, die beweisen, warum Aktien überbewertet sind. Das Ganze hat aber dann keine Bedeutung, wenn es – anders als in früheren Zeiten – derzeit schlicht keine Alternative gibt. Was wäre denn passiert, wenn Allianz oder Münchner Rück in diesem Jahr ein paar Milliarden ihrer Kundengelder am europäischen Geldmarkt geparkt hätten? Millionenverluste! Welcher Vermögensverwalter kann es sich leisten, bei Minuszinsen mehrere Monate sein Kapital zu parken?

Bitte klicken Sie hier um Teil 2 des Artikels zu lesen

Seiten: 1 2

10 Kommentare

10 Comments

  1. Avatar

    Columbo

    18. Dezember 2019 09:42 at 09:42

    Man sollte allerdings den Fehlschluß vermeiden, Alternativlosigkeit mit Risikolosigkeit gleichzusetzen.

  2. Avatar

    Katja Wohmann

    18. Dezember 2019 09:44 at 09:44

    Man braucht doch gar nicht viel Fantasie um die unendliche Housse der Aktien zu begründen. Man nehme einfach mal eine Nationalbank mit ihrer Gelddruckmaschine und kaufe sich in alle wichtigen Branchen dieser Welt über Aktien ein. Gläubiger die einen Rückzahlungstermin anmahnen gibt es dann ja auch nicht, oder? Auch Insolvenzen sind keine Probleme für gedrucktes Geld…
    Dann kommt so langsam die unendliche Geschichte an die Oberfläche die zeigt, dass sich der grösste Staat dieser Erde über viele Stillhalter in die wichtigsten Konzerne und Technologien dieser Welt eingenistet hat und weiter tut… Das ergibt eine Strasse aus Seiden, mit liebevoll lächelnden neuen Besitzer der Westtechnologien, aber ein Drache sobald man etwas von ihnen will.
    Gelddrucken gibt es in der Theorie der Ökonomen gar nicht, deshalb existiert auch keine längst überfällige Reaktion auf die aktuellen Vorgänge.
    Ich setze mich dafür ein, dass die Leute an den Spitzen von Nationalbanken dringend einen Intelligenztest absolvieren sollten.

  3. Avatar

    Lucki -Drucki

    18. Dezember 2019 10:09 at 10:09

    Ich würde einen Handwerker als Notenbankchef vorschlagen, der wüsste nämlich ganz genau, dass man aus Nichts ohne Arbeit Nichts machen kann. ( Gelddrucken ohne Hinterlegung eines Gegenwertes )

  4. Avatar

    Shorti

    18. Dezember 2019 10:20 at 10:20

    Also normalerweise löst der Aktienmarkt als Vorläufer die Rezession aus.Jetzt unterdrückt man die Aktienkorrektur, wenn dann die Rezession trotzdem kommt, werden die Aktien nachträglich im so heftiger reagieren.

  5. Avatar

    Lausi

    18. Dezember 2019 10:39 at 10:39

    Man kann es auch als Zweikampf zwischen Notenbanken und Konjunktur ansehen. Die letzte Geldflut der Notenbanken hat offensichtlich die Manager wieder optimistischer in die Zukunft sehen lassen, und so zu einem Stop der Wirtschaftsschrumpfung geführt. Man darf die Psychologie dabei nicht unterschätzen. Ob aber die Weltwirtschaft wirklich mit dieser Geldflut noch einmal in ein nachhaltiges Wachstum gepusht werden kann, ist zu bezweifeln. Wenn die realen Wirtschaftsdaten keine deutliche Verbesserung anzeigen, oder vielleicht sogar schlechter werden, dann dürfte es ungemütlich an den Börsen werden. Die Frage ist, wieweit die Notenbanken es noch treiben wollen, und wie groß der daraus resultierende Effekt ist. Beim Helikoptergeld als ultimative Kapitulation wäre dann wohl der Ofen aus – nur mit dem Ende einer Hyperinflation statt einer Deflation in Richtung Depression.

  6. Avatar

    Altbär

    18. Dezember 2019 11:35 at 11:35

    @ Columbo. Richtig , wenn Alle etwas hoch bewertetes kaufen, nur weil alles Andere noch höher bewertet ist, wird dieses ALTERNATIVLOSE sehr schnell ALTERNAIVLOS.
    Vor allem US Aktien sind nicht mehr erste Priorität u.gemäss J. Gundlach werden diese am meisten leiden wenn es korrigieren sollte. Können sich dann die andern Regionen abkoppeln? Die letzte kleine Immokrise in den USA hat doch im 2008 auch die ganze Aktienwelt erschüttert. Die Trump- Blase wird den ganzen Erdball
    erschüttern.

  7. Avatar

    Gixxer

    19. Dezember 2019 13:39 at 13:39

    Herr Müller, sie meinen immer wieder, dass es nur bei einer Rezession abwärts gehen wird. Es ist aber doch so, dass die Rezession erst nach dem Abschwung an den Börsen sichtbar wird. Wie soll das dann also gehen? Irgendwas muss sich vom anderen abkoppeln!

    • Avatar

      Columbo

      19. Dezember 2019 14:11 at 14:11

      @Gixxer
      Ich glaube wir müssen uns von jeglichen Regeln verabschieden. Die Aktienkurse bleiben in jedem Falle oben. Bei einer atomaren Auseinandersetzung zwischen USA und China oder beim Verglühen der Erde in der Sonne, gäbe es vielleicht eine klitzekleine Korrektur. Bei einer Besetzung der Erde durch Aliens hingegen würden die Kurse stark steigen.

      • Avatar

        Carambolage

        19. Dezember 2019 16:40 at 16:40

        …. weil die Erde wieder eine Zukunft hätte????

  8. Avatar

    Wofgang M.

    19. Dezember 2019 14:17 at 14:17

    @Gixxer. Hallo, ich glaube Sie haben mich etwas missverstanden. Korrekturen an den Aktienmärkten bis zum Bärenmarkt passieren öfters, ohne dass es anschließend zu einer Rezession kommt. Aber dass eine Rezession ins Haus steht, ohne dass es vorher zu einem Aktieneinbruch kommt, wäre schon äußerst ungewöhnlich. Meines Wissens nach gab es in den letzten Jahrzehnten nur einen Fall, in dem Rezession und Aktieneinbruch im selben Monat starteten. Die Erklärung ist relativ einfach. In einem Großunternehmen gibt es so viele Aktionäre, die natürlich merken, wenn es zu so einem starken Geschäftseinbruch kommt, wie er bei einer richtigen Rezession der Fall ist. Selbst der Pförtner oder die Logistiker merken, wenn die Umsätze einbrechen. Von der Einkaufsseite, der Verwaltung oder den Personalern gar nicht zu reden. Und so viele richtige Rezessionen gab es auch noch nicht in unserem Leben. In den USA waren es in über 100 Jahren gerade mal 12.
    Grüße

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Aktien: Die Rally und die Cocktail-Theorie von Peter Lynch

Ibrahim Sonay

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am

Klar, Corona ist das Gesprächsthema Nummer-Eins, doch dicht auf den Fersen folgt derzeit schon das Thema Aktien!

Aktien: Woher stammt die Cocktail-Theorie?

Der berühmte Magellan-Fonds Manager Peter Lynch, ein Maestro der Investment-Welt aus den 80er-Jahren, stellte damals die Interessante Cocktail-Theorie auf, um die unterschiedlichen Marktprognosen darzulegen, die er über Jahre entwickelt hatte, während er auf Partys herumstand.

Phase Eins

Gar nicht über Aktien sprechen die Leute in der ersten Phase, eines leichten Marktanstiegs, nachdem sie längere Zeit am Boden lagen, ohne Bewegung und Beachtung. Fragte man Lynch auf der Party, was er denn so beruflich treibe, antwortete er, dass er einen Aktienfonds manage. Daraufhin nickten die Leute freundlich und gingen weiter, um sich mit dem Nächsten auf der Party über Belangloses zu unterhalten. War dies der Fall, so wusste Lynch, dass der Markt vor einer Erholung stand.

Phase Zwei

Nachdem Lynch seinen Beruf nannte, blieben die Partygäste meist etwas länger – aber auch nur so lange, um ihn klar zu machen, wie gefährlich doch Aktien seien. Danach sprachen die Partygäste wieder übere andere Themen. Auch dies beobachtete er und stellte somit fest, dass die Börse in der zweiten Phase steckt, denn die Aktien stiegen bereits, doch es interessierte (noch) niemanden.

Phase Drei

Der Markt war bereits um 30 % gestiegen und Lynch wusste, dass ihn auf der Party eine neugierige Schar von Menschen umringen würde. Viele euphorische Zeitgenossen nahmen ihn beiseite, um herauszufinden, in was sie denn nun investieren sollten und fast jeder sprach von Aktien. Damit war klar, Phase Drei ist erreicht.

Phase Vier

In der vierten Phase umzingelten ihn die Leute erneut, aber diesmal nicht um zu erfragen, worin sie investieren sollten, sondern um ihn Tipps und Ratschläge zu geben, welche Aktien er kaufen solle. Erfuhr er Tage später, dass die Empfehlungen der Partygäste aufgingen, so erkannte Lynch, dass der Markt in Phase Vier steckt: Das Hoch war erreicht – ein Rückschlag der Märkte stand kurz bevor.

Das aktive Zuhören kann sehr wertvoll sein. Halten Sie also ihre Augen und Ohren auf. Auf lange Sicht sollte jeder für sich selber entscheiden, worin er sein Geld investieren möchte – ob er dabei Prinzipien, Ethik oder Trends berücksichtigt. Eines zeigt uns die Vergangenheit der Aktienmärkte jedoch: wenn man Aktien von Qualitäts-Unternehmen findet und das zu einem guten Preis, erzielt man über Jahre Rendite.

Aktien und die Cocktail-Theorie

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Aktien: Die 2020-er, wieder das Jahrzehnt der Aktie?

Die Jahre 2010 bis 2020 war ein Jahrzehnt für die Aktien – den Notenbanken sei Dank! Aber wie sieht es für die 2020er-Jahre aus?

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

am

Die Jahre 2010 bis 2020 war ein Jahrzehnt für die Aktien – den Notenbanken sei Dank! Aber wie sieht es für die 2020er-Jahre aus?

Derzeit wird viel spekuliert über die Zukunft nach Corona. Ein Jahrzehnt hat begonnen, in dem die Schulden weltweit auf noch nie gesehene Höhen gestiegen sind. Für einen Dollar Wachstum mussten in den USA bisher bereits sieben Dollar neue Schulden aufgenommen werden, um dieses zu generieren – die Demographiefalle schlägt in vielen Industriestaaten unbarmherzig zu. Deshalb sollte es schwierig werden, das Potenzialwachstum der letzten Jahrzehnte überhaupt zu halten. Man kann sich vieles vorstellen und darüber diskutieren, es gibt aber ein paar fundamentale Gesetzmäßigkeiten in neuzeitlichen Gesellschaften. Auch wenn das durch Geldhäuser ausgerufene Jahrzehnt der Aktien recht interpretationsbedürftig ist.

Aktien: Die Wirtschaft ist der Ast, auf dem wir alle sitzen

Bei allen Dikussionen über das FIAT-Geld, über Schulden und einem Auseinanderdriften der Gesellschaften in der Einkommensverteilung, darf man eines nicht übersehen: Ohne eine funktionierende Wirtschaft, ohne Steuereinnahmen funktioniert kein Gemeinwesen. Die Aufwendungen für einen Staat mit seiner Regierung, seiner Verwaltung, seiner Justiz, seiner Polizei, seinem Militär, seinem Gesundheits- und Bildungssystem, können nicht durch die Druckerpresse der Notenbanken produziert werden, zumindest nicht für lange. Die Kosten müssen durch Steuereinnahmen der Unternehmen und bei den Bürgern erwirtschaftet werden.

Was passiert denn in einem Staat, in dem durch Krieg oder Aufstände Polizei und Militär ausgeschaltet werden? Eine erste Reaktion in einem solchen Land (beispielsweise nach den Umstürzen im Irak oder Lybien) sind stets sofort Plünderungen, aber auch Vergewaltigungen und andere Abscheulichkeiten.

Anleihen können auf null gesetzt und entwertet werden, Schulden durch Währungsreformen vernichtet, aber ein Teil der Wirtschaft bleibt immer erhalten und damit auch der Aktienmarkt und die Aktien.

Denn was stellt der Aktienmarkt dar? Die Beteiligung an Unternehmen, an der Volkswirtschaft, bei allen stets immer wieder zu korrigierenden Entgleisungen. Damit wird auch im Jahrzehnt nach Corona höchstwahrscheinlich der Spruch von Warren Buffett, aus den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts weiter gelten:

“Langfristig werden die Aktienmärkte für gute Nachrichten sorgen. Im 20. Jahrhundert durchlebten die USA zwei Weltkriege und weitere traumatische und teure militärische Konflikte. Eine Depression, mehrere Rezessionen, Börsenpaniken, Ölschocks, Virenpandemie und den Rücktritt eines Präsidenten. Dennoch stieg der Dow Jones von 66 auf 11.497.”

Sondersituation Deutschland

Deutschland wird im Anleihebereich als ein sicherer Hafen angesehen – mit fatalen Folgen für Sparer und Vorsorgesysteme. Denn wie sollen selbst bei leicht steigenden Zinsen Vorsorgeleistungen, Versicherungs- und Pensionsleistungen erwirtschaftet werden? Deutschland sitzt inmitten von Ländern, die sich keine höheren Zinsen leisten können. Der Zinseszinseffekt schafft erst ab einem Zinssatz von drei Prozent in überschau- und erlebbaren Zeiträumen einen Vermögensaufbaueffekt. Aber wie würden die Belastungen für die Staatshaushalte ausfallen, wenn die Renditen für Staatsanleihen in diese Regionen zurückkehren sollten. Die europäische Staatengemeinschaft mit ihrer Zentralbank wird also versuchen über die Zeit aus diesem Dilemma herauszukommen. Die Anleihelaufzeiten auf 30/50 Jahre plus verlängern, wie in Griechenland im Ansatz geschehen.

Die erzielbaren Renditen reichen nicht für das bisherige Vorsorgesystem. Wird man etwa den norwegischen Weg gehen und die Quote an Aktien erhöhen? Das Börsen-Urgestein Gottfried Heller (Partner von André Kostolany) hat auf einem Börsentag schon vor zwei Jahren die Prognose gewagt, dass Versicherer ihre Statuten ändern werden (müssen), um eine auskömmliche Rendite zu erwirtschaften und ihren ständigen Auszahlungsverpflichtungen nachzukommen. Die langlaufenden Anleihen im Bereich von 10 Jahren und mit ertragreichen Kupons, sind am Auslaufen. Allzu viele 30-jährige hat man sicher nicht in den Portfolios. Also wohin mit den Kundengeldern in Zukunft? In grüne Projekte, Private Equity u.ä.?

Was macht eine Allianz, eine der großen Dividendenzahler (4,8 Prozent aktuell), wenn es nicht einmal mehr am (nicht nutzbaren) Markt für Junk Bonds solche Renditen gibt? Der Zyklus der sinkenden Zinsen seit dem Jahr 1980 ist mit den großen Zinsschritten in den USA im März am Ende angelangt. Bis zuletzt konnte man wegen der Durationseffekte stets Gewinne mit den Anleihen erwirtschaften, so auch noch einmal im Jahr 2020. Aber wenn die Zinsen nicht unter null fallen, gibt es künftig kaum noch etwas – keine Kupons und keine Kursgewinne bei fallenden Zinsen.

Was machen Großfirmen mit ihren Betriebsrenten, Stiftungen mit ihren Anlagegeldern in den nächsten Jahren? Es spricht sehr viel für die Dividendentitel in diesem Jahrzehnt. Mit all ihren Schwankungen und vermutlich sind die jahrelangen Renditen von acht Prozent plus per annum auch bei Weitem nicht mehr realistisch. Aber wo sind die Alternativen?

Fazit

Obwohl ich absolut nichts davon halte, größere Zukunftsprognosen zu stellen – daran verbrennen sich schon ständig ganze Organisationen und Thinktanks die Finger, mit einer Heerschar von Professoren – so bin ich schon davon überzeugt, dass das jetzige Jahrzehnt wieder das Jahrzehnt der Aktien sein wird. Mit großen Schwankungen, Crashs, die Exzesse bereinigen werden, aber auch begründet in der Tatsache, dass man zwar Geldsysteme verändern und vernichten kann, aber nicht die Produktionsanlagen oder die Betriebe in einer Volkswirtschaft, ohne die es kein Überleben gibt, apokalyptische Szenarien einmal ausgenommen.

Es ist aber auch wahrscheinlich, dass es ein wesentlich langsameres Wachstum an den Börsen geben wird, nach Preisexzessen und deren Bereinigung, wie man es in Japan seit 31 Jahren nun schon beobachten kann. Aber selbst wenn Euro oder Kryptowährungen scheitern, wofür hat man nach 250 Staatsbankrotten seit 1800 (sowie 68 internen Pleiten) noch keinen Ersatz gefunden? Für Aktien..

Werden die 2020er-Jahre ein Jahrzehnt für Aktien?

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JP Morgan-Quartalszahlen: Deutlich besser als erwartet – Milliarden-Rücklagen für faule Kredite aufgelöst

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Soeben wurden JP Morgan-Quartalszahlen veröffentlicht. Hier die wichtigsten Kennzahlen. Der Umsatz liegt bei 30,16 Milliarden Dollar (Vorjahresquartal 29,2/Erwartungen 28,7). Der Gewinn liegt bei 3,79 Dollar pro Aktie (Vorjahresquartal 2,57/Erwartungen 2,62).

In der Grafik unten sieht man es in der dritten Spalte. JP Morgan hat im letzten Quartal die Risikofürsorge für faule Kredite um 1,9 Milliarden Dollar reduziert, wodurch natürlich der Gewinn erhöht wird. JPM ist der Meinung, dass sich das wirtschaftliche Umfeld (im Sinne der Zahlungsmoral der Kunden) bessert, und vor allem dass Firmenkunden nach wie vor frisches Geld am Kapitalmarkt aufnehmen können. Insgesamt spricht die Bank davon, dass sogar 2,9 Milliarden Dollar an Kreditreserven umgewandelt und in den Gewinn von 12,1 Milliarden Dollar verschoben wurden. Ohne diese Buchung wären es nicht 3,79, sondern nur 3,09 Dollar Gewinn pro Aktie, so die Headline-Aussage der Bank.

Zitat aus dem aktuellen Bericht von JPM:

The provision for credit losses was a net benefit of $1.9 billion, compared to an expense of $1.4 billion in the prior year driven by reserve releases in the current quarter. The Wholesale reserve release was $2.0 billion, reflecting an improvement in the macro-economic scenarios and the continued ability of clients to access liquidity and capital markets. The Consumer reserve release was $0.9 billion, in Home Lending, primarily due to improvements in HPI expectations and portfolio run-off. The prior year included a net reserve release in the Consumer portfolio and a net reserve build in the Wholesale portfolio. Net charge-offs of $1.1 billion were down $444 million from the prior year, driven by Card.

Die Aktie notiert vorbörslich mit +0,7 Prozent.

Hier das Headline-Statement von JPM-CEO Jamie Dimon:

Jamie Dimon, Chairman and CEO, commented on the financial results: “JPMorgan Chase reported strong results in the fourth quarter of 2020, concluding a challenging year where we generated record revenue, benefiting from our diversified business model and dedicated employees. While we reported record profits of $12.1 billion, we do not consider the reserve takedown of $2.9 billion to represent core or recurring profits – essentially reserve calculations, while done extremely diligently and carefully, now involve multiple, multi-year hypothetical probability-adjusted scenarios, which may or may not occur and which can be expected to introduce quarterly volatility in our reserves. While positive vaccine and stimulus developments contributed to these reserve releases this quarter, our credit reserves of over $30 billion continue to reflect significant near-term economic uncertainty and will allow us to withstand an economic environment far worse than the current base forecasts by most economists.”

Dimon added: “In Consumer & Community Banking, deposits grew 30% or over $200 billion driven primarily by growth in the Federal Reserve’s balance sheet and the continuation of modest market share gains. Within our consumer lending franchise, auto and retail mortgage originations were both up more than 20%. Consumer spending continued to recover, as reflected in combined debit and credit card spend being up for the full quarter. The Corporate & Investment Bank delivered another impressive quarter with growth in Global Investment Banking fees of 34% and Markets revenue of 20%. With a record quarter, Commercial Banking earned $3.3 billion of investment banking revenue in 2020, surpassing its previous $3 billion long-term target. In Asset & Wealth Management, AUM grew 17% due to higher asset values and net inflows of over $190 billion into long-term and liquidity products over the last twelve months.”

Dimon concluded: “We ended the year with a CET1 ratio of 13.1% (vs. 12.4% at the beginning of the year) and capital above $200 billion, providing us with meaningful capacity to further invest in our business and communities, while returning capital to
our shareholders. This increase in capital was after raising over $2 trillion of credit and capital for our consumer and institutional clients around the world, which includes nonprofits and U.S. government entities, including states, municipalities, hospitals and universities and adding net $12 billion to credit reserves. We also hold $1.4 trillion of cash and marketable securities, which is currently over $450 billion in excess of what is required. We opened branches in new markets, improved our digital capabilities, and made acquisitions that will enhance our product offerings and deepen our engagement with our customers. We also continued to invest in our communities – for example, through our initial commitments to support those most impacted by the pandemic and our longer-term commitment to advance racial equality and promote economic growth. Our earnings power and healthy capital position also provide us the flexibility to pay dividends and return excess capital to shareholders through share repurchases. I want to end by thanking our frontline colleagues and those working from home who quickly adapted to the pandemic and safely helped our clients, customers, communities and governments.”

Grafik zeigt aktuelle JP Morgan-Quartalszahlen

JP Morgan-Quartalszahlen - Jamie Dimon
Jamie Dimon. Foto: Steve Jurvetson Creative Commons Attribution 2.0

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