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Aktien steigen auf ganz lange Sicht immer weiter an? Wie falsch!

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Man denke an den „angeblichen“ Altmeister der langfristigen Aktien-Anlage Andre Kostolany. Wie man in Finanzkreisen weiß, war er auch gerne kräftig am Zocken. Er verkündete immer wieder öffentlich man solle einfach Aktien kaufen, liegen lassen, und schlafen gehen. Auch viele andere „Experten“ predigen, dass Aktien grundsätzlich ja auf ganz lange Sicht immer weiter steigen. Auch wenn es „zwischendurch“ Rezessionen und heftige Börseneinbrüche gebe, so sei die Aktienanlage am Ende des Tages doch unschlagbar, und auf ganz lange Sicht gesehen laufe die Aktie einfach besser als andere Kapitalanlagen.

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Diese grundsätzliche Sichtweise ist natürlich für die Fonds-Branche eine extrem wichtige verallgemeinerte Botschaft. Denn mit diesem Grundrauschen kann man viele Anleger davon überzeugen in monatlichen Einzahlplänen jahrzehntelang Aktien über Fondsanteile zu kaufen. Natürlich, so möchten wir anmerken, ist die Wahrscheinlichkeit recht gut, dass Qualitätsaktien und funktionierende Volkswirtschaften auf lange Sicht auch steigende Kurse zu bieten haben.

Aber die Grundaussage, dass Aktien ganz allgemein gesehen auch nach Krisenzeiten unterm Strich immer super laufen, ist eine fatale Falschaussage. An dieser Stelle möchten wir nämlich mal einen Vergleich anstellen. Wer nur auf Indizes in den USA und Deutschland schaut, hat aus heutiger Betrachtungsweise in Bezug auf die Vergangenheit gute Argumente, wenn es um Aktien als überlegene Anlageklasse geht.

Schauen wir mal zurück in die 80er-Jahre bis heute bei Dow Jones 30 und Dax. Der Dax als Index existierte in den 80ern noch nicht, von daher beginnt die hellblaue Linie hier nicht ganz links im Chart. Dax und Dow laufen von damals bis heute unterm Strich sehr gut! Der Dow ist von 3.000 auf über 26.000 Punkte gestiegen, Wahnsinn! Der Dax entwickelte sich von 2.000 auf 12.000 Punkte. Auch das ist eine tolle Wahnsinnsentwicklung. Die Einbrüche nach dem Tech-Crash und nach der Finanzkrise erscheinen da im Chart nur noch als „Randnotizen“ auf dem Weg nach oben.

Japanische Aktien als warnendes Beispiel

Wer nur auf diese beiden Indizes schaut, kann die Meinung der Dauer-Bullen doch eigentlich nur teilen, dass Aktien auf ganz lange Sicht immer weiter steigen, trotz noch so schwerer Krisen. Aber das hoch industrialisierte Japan zeigt, dass es auch ganz anders laufen kann. 1989 erreichte der japanische Leitindex für Aktien „Nikkei 225“ seinen Höchststand bei 38.915 Punkten. Die folgenden 90er-Jahre galten bei Börsianern in Japan als „verlorenes Jahrzehnt“.

Aktuell versucht die japanische Notenbank seit Jahren die Inflation und Wirtschaft anzuheizen, und kauft dabei mit immer obszöneren Aktionen immer größere Teile des japanischen Kapitalmarkts auf. Im Jahr 2009 erreichte der Nikkei 225 mit 7.000 Punkten seinen tiefsten Stand seit dem Allzeithoch 1989. 20 Jahre lang (!) ging es mit japanischen Aktien nur bergab, und jetzt? von 2009 bis 2019 ist der Nikkei von 7.000 auf über 21.000 Punkten kräftig gestiegen. Wer seitdem auf japanische Aktien setzte, machte gute Gewinne!


Der Nikkei 225 seit den 80er-Jahren.

Aber wer in den 80ern oder frühen 90ern auf japanische Aktien setzte (zum Beispiel über Index-Fondsanlagen), der wird womöglich auch heute noch auf Verlusten sitzen. 30 Jahre, das ist eine verdammt lange Zeit. Und der nächste globale Börsenabschwung könnte den Nikkei wieder jahrelang davon abhalten auch nur annähernd die alten Hochs von 1989 anzulaufen. Hier folgt ein sehr schöner Chart-Vergleich zwischen Nikkei und Dow seit den 80er-Jahren. Was für eine eindeutig abweichende Entwicklung. Und man sage bitte nicht, dass so etwas wie in Japan hierzulande niemals passieren könne, nur weil aktuell alles so rosig aussieht!

Aktien Dow Nikkei

4 Kommentare

4 Comments

  1. Avatar

    Altbär

    12. April 2019 18:34 at 18:34

    Genau so ist es, zudem sagte der Amazon Chef, dass heute ganz grosse Firmen kaum mehr als 30 bis 40 Jahre überstehen. Und wer gehebelt unterwegs ist, was heute üblich ist, der muss dann im dümmsten Moment verkaufen. Zudem reden wir von der Vergangenheit, wo die Börsen noch weniger künstlich auf schwindelerregende Höhen getrieben wurden.Anderseits gab es schon 1950/ 1970 lange Zyklen ohne Kursgewinne. Ich glaube im Moment können wir uns ruhig am Japan Beispiel orientieren.
    Über dieses vielerzählte Märchen des langfristigen Aktiensparens könnte man mit mir nach einer
    Korrektur von 40bis 50% reden, aber die soll es oder darf es ja anscheinend nie mehr geben.
    Wenn man sieht wie im Moment eine Boeing, eine Tesla u. tausende Zombifirmen künstlich am Absturz
    gehindert werden hätte ich im Moment Mühe die Börse als Langfristanlage zu sehen.

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    Michael

    12. April 2019 21:24 at 21:24

    Auch hier ist die Interpretation und Sichtweise sehr relativ und vom Betrachtungszeitraum abhängig. Wir reden hier von Langfristanlagen, Altersvorsorge via Aktien.

    14 Jahre lang von Mitte 1998 bis Mitte 2012 war der DAX eine Nullnummer, erst seit dem Draghi- und speziell dem darauffolgendem Trump-Wahnsinn expandierte die Blase für relativ kurze Zeit. Wer innerhalb dieser 14 Jahre zum falschen Zeitpunkt das Rentenalter erreicht hatte, durfte schon damals „Nullzinsphasen“ zu allerdings höchstem Risiko erfahren.

    Seit exakt Anfang 2015 dümpelt der Index schon wieder 4 Jahre lang vor sich hin, teilweise sogar im Minus. Wer also in den vergangenen 21 Jahren nicht gerade die kurzen günstigen Phasen als Einstieg erraten oder zum falschen Zeitpunkt das Rentenalter erreicht hat, dürfte also ebenfalls die Nullnummer fahren. Und zum Auszahlungszeitraum noch mitgeteilt bekommen, dass die Fonds- und Vwerwaltungsgebühren 10% zusätzlich verschlingen.

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    Beobachter

    13. April 2019 16:51 at 16:51

    Interessant: Anscheinend haben eben gerade die sichersten u.besten Länder , Japan u. CH( wegen starker Währung) schlechte Aktien-Performance.
    So hat die CH – Börse gerade letzte Woche erst wieder den Höchststand von 2007 erreicht, u.das in einer noch nie dagewesenen Tiefzinsphase.
    Fazit: Währungsbereinigt wäre das Märchen der“ langfristig immer steigenden Aktien“ auch bei den Amis noch weniger märchenhaft.
    Dies ist natürlich die gute Taktik des schlauen CH Notenbankpräsidenten.Die CH Notenbank kauft mit dem wertlosen gedruckten Geld US Aktien u. treibt sie hoch bis zum Kollaps. ( Spass ) Die vernünftig bewerteten CH Aktien überleben dann die nächste Krise. Das ist die Revanche gegen die Amis, die die CH Banken fast zu Tode gebüsst haben.Man muss die Banken nicht in Schutz nehmen, störend ist nur, dass die Amis die ungeliebte Konkurrenz genau für etwas straften, was sie tagtäglich selber noch immer machen.
    Die EU wird sich noch wundern mit welch arroganter Art gegen ungeliebte Konkurrenz vorgegangen wird.
    Man stelle sich vor,die grobfahrlässigen Unfälle der Boeing wären mit Airbus passiert, tausend Anwälte hätten die Schadenersatzformulare schon ausgefüllt u.wären für die nächsten 10 Jahre saniert.

  4. Avatar

    Momme

    15. April 2019 16:06 at 16:06

    Oh je, vergleicht da wirklich jemand einen Performanceindex mit zwei Kursindizes und schafft es kein Wort über Dividenden zu verlieren?!

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Genial: Unternehmen macht aus Luft reinstes Trinkwasser

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Lieber Börsianer,

die Welt ist voller Innovation und großartiger neuer Ideen. Erst vor wenigen Tagen bin ich auf ein junges israelisches Unternehmen gestoßen, das ein wirklich revolutionäres Geschäftsmodell verfolgt. Watergen gewinnt aus Luft reinstes Trinkwasser. Ist das ein Wunder? Nein, natürlich nicht, sondern exakte Naturwissenschaft. So funktionierte die Technologie: Ein Generator zieht Außenluft ein und reinigt diese Luft zunächst von Schmutz- und Staubpartikeln. Anschließend wird die Luft stark heruntergekühlt, so dass die in der Luft enthaltene Luftfeuchtigkeit kondensiert.

Im letzten Schritt wird das Rohwasser schließlich gefiltert und um einige Minerale ergänzt. Am Ende zapft der Verbraucher das so gewonnene Trinkwasser aus einem handelsüblichen Wasserspender. Größere Anlagen können das Trinkwasser allerdings auch gleich ins öffentliche Versorgungsnetz einspeisen. Die Fachwelt steht Kopf. Die Politik ist begeistert. So machte Bundeskanzlerin Merkel oder etwa der brasilianische Präsident Bolsonaro dem Unternehmen ihre…..

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Netflix-Aktie: Wieso es Zeit sein könnte von der Story Abschied zu nehmen

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Netflix Beispielfoto eines Konsumenten

Wird die Netflix-Aktie den Bach runtergehen? War es das jetzt mit der großen Wachstumsstory? Bevor ich darauf näher eingehe, möchte ich an die Worte von Amazon-Chef Jeff Bezos erinnern. Der sagte grundsätzlich zum Thema Unternehmenspleiten, dass auch große schillernde Unternehmen der jeweiligen Zeit irgendwann vom Markt verschwinden. Auch Amazon werde früher oder später dieses Schicksal erleiden. Unternehmen würden kommen und gehen. Meint er damit eine grundsätzliche natürliche Fluktuation beziehungsweise Veränderung, die gesund ist? Alte Angebote, die nicht mehr vom Konsument nachgefragt werden, können durch neue Angebote ersetzt werden. Mir fällt da zum Beispiel das Medium Internet ein, dass die Zeitungsbranche nach und nach pulverisiert. Im Fall Netflix trifft dieser Vergleich nicht so ganz zu – hier geht es mehr darum, dass der erste Anbieter am Markt nun Probleme bekommt, weil andere Anbieter mitbekommen haben, dass da Geld zu verdienen ist. Bloße Verdrängung statt Disruption!

Konkurrenz macht ernsthafte Probleme

Aso, wo ist jetzt das Problem für die Netflix-Aktie? Nun, Netflix als Unternehmen ist sozusagen der Pionier der Streaming-Industrie. Man war als erster am Markt. Und nun kommen große Konkurrenten, die wie zum Beispiel Walt Disney einen riesigen Berg an eigenen Medieninhalten mitbringen, den sie in ihre eigenen Angebote packen können. „Disney+“ gewann schon ziemlich schnell nach dem Start des eigenen Angebots im November viele Kunden. Das Problem für Netflix: Die großen Konzerne wie Apple und Disney graben nun Kunden ab. Und noch wichtiger: Diese Konkurrenz ist unendlich finanzkräftiger als Netflix, kann also mit jeder Menge Cash die eigenen Produkte günstig anbieten, und notfalls immer weiter nachlegen mit mehr Inhalten, Preissenkungen etc. Die Frage ist, ob Netflix diesen „Streaming War“ dauerhaft überleben kann.

Schon jetzt kurz nach dem Start von Disney+ sieht man, dass Netflix im Heimatmarkt USA Probleme hat. Die gestrigen Quartalszahlen zeigen das deutlich. Das Nutzerwachstum in Nordamerika ist auf 0,55 Millionen in drei Monaten geschrumpft. Das insgesamt tolle Nutzerwachstum von insgesamt 8,76 Millionen neuen Abonnenten verdankt man dem Wachstum im Ausland. Das ist kurzfristig vielleicht eine Rettung für Netflix. Aber man darf ja wohl annehmen, dass die großen Konzerne ihre Angebote nach und nach auch im Ausland anbieten werden. Wie man sieht… Disney bietet seinen Streaming-Dienst ab März schon in Deutschland an.

Von daher dürften die guten Finanzdaten und Abo-Wachstumsraten, die Netflix gestern präsentiert hat, nur kurzfristig die gute Laune am Leben halten. Bisher geht die Wachstumsstory weiter. Aber die Daten für die USA zeigen schon, wie es auch in ausländischen Märkten bald aussehen könnte. Und nochmal… Apple, Disney und Co haben in Sachen Finanzkraft den viel längeren Atem als Netflix. Der Finanzvorstand des Unternehmens Spencer Neumann sagte gestern zur Präsentation der Quartalszahlen, dass es in den USA einen verschärften Konkurrenzkampf gebe. Im Vergleich zur Konkurrenz habe Netflix hohe Preise, und es gebe bereits eine leicht erhöhte Abwanderungsrate von Kunden.

Die Party in der Netflix-Aktie ist vorbei?

Die aktuellen Daten wie Gewinn und Abo-Wachstum waren gestern richtig, richtig, richtig gut! Auf den ersten Blick durfte man sich wundern, warum die Netflix-Aktie gestern nachbörslich nicht kräftig nach oben schoss, sondern 1,5% verlor. Aber die Beobachter sahen, dass das Unternehmen für das laufende 1. Quartal „nur“ ein Abo-Wachstum von 7 Millionen anpeilt, bei bisherigen Erwartungen von +7,8 Mio. Das Wachstum dürfte sich mehr und mehr aufs Ausland verlagern.

Meine These: Zuerst in den USA (neben Apple und Disney gibt es da ja noch Anbieter wie Amazon, Viacom, Hulu und Comcast) wird die Verdrängung einsetzen. Alle Anbieter können dauerhaft nicht parallel überleben. Ob Netflix die Preise senken oder noch mehr in Eigenproduktionen pumpen muss? Vermuten darf man, dass die Gewinne leiden werden, dass die Abo-Zahlen sogar schrumpfen usw. Wird damit das Ende der Erfolgsstory für Netflix eingeläutet? Ist die große tolle Wachstumsstory für die Netflix-Aktie damit nun so langsam zu Ende? Möglich ist das. Das Ausland könnte kurzfristig die Laune oben halten. Aber die Glaskugel habe ich ja auch nicht. Wissen kann man es vorher nie, wie dieser Streaming-Krieg ausgehen wird. Vielleicht wird Netflix von einem der großen Konzerne vielleicht aufgekauft? Oder es passiert sonst irgendetwas Unvorhersehbares? Als Anleger sollte man sich zumindest Gedanken darüber machen, dass die ganz rosigen Zeiten für Netflix vorbei sind, wo man fast alleine am Markt war.

Im Chart sieht man die Netflix-Aktie seit dem Jahr 2007. Die große Wachstumsstory lief jahrelang wie geschmiert. Die Aktie stieg von nur 4 Dollar (!) auf 422 Dollar im Jahr 2018. Gigantische Gewinne! Aber seitdem stagniert die Entwicklung. Sieht der Markt seit zwei Jahren, dass dank der Konkurrenz die Party vorbei ist?

Netflix-Aktie im Verlauf seit 2007

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Warum Boeing die Probleme der 737 MAX nicht in den Griff bekommt

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Zwei tragische Unglücke, anhaltende Softwareprobleme, technische Mängel und Konstruktionsfehler bringen den Bestseller des vormals weltweit größten Flugzeugbauers Boeing ins Trudeln. Was ist da schiefgelaufen?

Das Grundproblem der Boeing 737 MAX

Am 25. September 2014 bringt der Boeing-Rivale Airbus den Schmalrumpf-Mittelstreckenjet A320neo erstmals in die Luft. Mit effizienteren Triebwerken und neuester Technik ausgestattet ist dieses Passagierflugzeug der damaligen Modellreihe der bereits in den Sechzigerjahren entwickelten Boeing 737 überlegen. Die Amerikaner stehen unter Druck und der damalige Boeing-Vorstand Walter James „Jim“ McNerney, Jr. entschied sich für eine schnelle Lösung: keine komplette Neuentwicklung, wie etwa bei der Boeing 787 „Dreamliner“, sondern eine Weiterentwicklung auf Basis des bereits stark in die Jahre gekommenen Flugzeugrumpfes.

Doch die Maschine hat trotz bereits verlängerter Fahrwerke nicht genügend Bodenfreiheit für die neuen, spritsparenden Hochleistungstriebwerke. Damit diese dennoch unter die Flügel der neuesten 737-Modelle passen, werden sie unten abgeflacht und weit vor die Tragflächen gehängt. Damit verändert sich aber die Aerodynamik so stark, dass vor allem beim Start relativ schnell ein zu steiler Anstiegswinkel erreicht werden kann, der wiederum zu einem gefährlichen Strömungsabriss führt, der die Maschine kaum noch kontrollierbar macht.

Um dieses Problem zu lösen, setzte Boeing die Steuerungssoftware MCAS ein, die bei Bedarf direkt in die Flugzeugsteuerung eingreift und die Nase des Flugzeugs automatisch nach unten drückt. Anders als normalerweise üblich in der Luftfahrt wurde jedoch auf eine permanente Redundanz bei den Sensoren verzichtet, die dem MCAS den Steigungswinkel der Maschine doppelt anzeigen. Statt auf zwei Sensoren zuzugreifen, wurden jeweils nur Daten von einem der zwei vorhandenen Sensoren, die an der Nase des Jets verbaut sind, abgerufen.

Diese technische Einschränkung führte kurz vor dem Absturz der Maschine der indonesischen Lion Air zu falschen Informationen von einem defekten Sensor, die die Piloten fehlinterpretierten und dann unbewusst falsch reagierten. Da auch eine wichtige, aufpreispflichtige Anzeige für das MCAS auf dem dafür vorgesehenen Kontrollmonitor fehlte, schalteten die Piloten das fehlerhaft funktionierende Steuerungssystem nicht komplett ab. Die Piloten waren zudem nicht ausreichend bezüglich des MCAS geschult und konnten mit manueller Kraft die vom MCAS fehlerhaft gesteuert Flugzeugmechanik nicht überwinden. Eine unglückliche Verkettung mehrerer zum Teil vermeidbarer Faktoren.

Die Probleme bei Boeing hören nicht auf

Im Zuge der Aufarbeitung der Absturzursachen vom 29. Oktober 2018 und vom 10. März 2019 treten immer mehr Probleme zu Tage.

Angefangen mit der zynischen internen Kommunikation von Boeing-Mitarbeitern, die mittlerweile bereits einen eigenen Kongressausschuss beschäftigen, bis hin zu der Tatsache, dass die bereits während des Entwicklungsprozesses bekannten Schwierigkeiten nicht adäquat kommuniziert und behoben wurden. Normalerweise herrscht bei Flugzeugbauern eine Fehlerkultur, die sicherstellen soll, dass Mitarbeiter gezielt nach Fehlern suchen, diese aufdecken und beheben. Bei Boeing wurde diese, für die Sicherheit der Flugzeuge wichtige Fehlerkultur, offenbar nicht optimal gelebt. Es scheint so, als wurde bei der Entwicklung, dem Testen und dem Bau des neuen Brot- und Butterflugzeugs des US-Herstellers zu vieles dem Zeitplan der Zulassung untergeordnet.

Im Zuge des Führungswechsels an der Spitze von Boeing am 23. Dezember 2019 kommen nun immer neue Details über versandete Fehlerinformationen und Unsauberkeiten bei den konzerninternen Zertifizierungsprozessen ans Licht. Der neue Mann auf dem Chefsessel, David L. Calhoun, möchte nun reinen Tisch machen. Doch das hat zunächst negative Konsequenzen für den Flugzeugbauer.

Das Fass zum Überlaufen brachten jüngst vom Konzern selbst veröffentlichte Dokumente, in denen Mitarbeiter die Konstruktion des Pannenfliegers verspotteten und zum Ausdruck brachten, dass sie oder ihre Familien niemals mit dieser Maschine fliegen würden. Ausschlaggebend für die weitere Verschiebung einer möglichen Wiederzulassung waren neu entdeckte Softwareprobleme, in Folge derer ein Kontrollmonitor abstürzte und sich nicht wieder hochfahren ließ.

Das grundsätzliche Problem der 737 MAX Modellreihe (MAX 8 und MAX 9) ist jedoch die Grundkonstruktion der Maschinen, die auf einem in den Sechzigerjahren konstruierten, sehr dicht über dem Boden liegenden Flugzeugrumpfs basiert. Damals war das kein Problem, da der Durchmesser einer Turbine noch wesentlich geringer war als der Durchmesser heutiger Turbinen. Der Rumpf des Konkurrenzmodells A320neo/A320ceo stammt hingegen aus dem Jahr 1987 und ist mit seiner höheren Lage für deutliche größere Triebwerke ausgelegt.

Die Zulassungsbehörde FAA kämpft um ihre Reputation

Die US-Flugaufsichtsbehörde FAA (Federal Aviation Administration) hatte Teile des Zulassungsprozesses unter Aufsicht eigener Mitarbeiter an den Hersteller Boeing delegiert. Zum einen, weil die Behörde selbst unter Personalmangel litt, und zum anderen, weil der Zulassungsprozess so zeitlich beschleunigt werden konnte.

Diese Vorgehensweise, mit einer großen Portion Vertrauensvorschuss gegenüber dem Hersteller, stellt sich nun im Nachhinein für die Behörde als Problem dar, da sie damit de facto eine Mitverantwortung für die Krise trägt. Noch tragischer ist, dass sich weltweit alle anderen Zulassungsbehörden auf die Zertifizierung der als eine der besten Flugaufsichtsbehörden der Welt geltenden FAA verlassen hatten und die Zertifizierung ohne aufwendige eigene Prüfungen und Tests übernahmen.

Um den Imageschaden wieder zu reparieren und das Vertrauen in die FAA wiederherzustellen, stellte der Chef der Behörde, Stephen Dickson, gestern klar, dass Boeing für die Zulassung der 737 MAX-Reihe die höchsten Zulassungs- und Sicherheitsstandards erfüllen müsse. Das wiederum beansprucht mehr Zeit.

Die Wiederzulassung der 737 Max verzögert sich immer weiter

Nachdem Boeing noch unter seinem alten Vorstandschef Dennis Muilenburg seit Mai letzten Jahres permanent die kurz bevorstehende Wiederzulassung propagierte, zuletzt im November 2019 für Mitte Dezember, steht nun fest, dass die 737 MAX frühestens im Sommer wieder zugelassen werden könnte.

Da bereits 400 Maschinen auf Halde gebaut wurden, ist mit einer Wiederaufnahme der Produktion nicht vor November dieses Jahres zu rechen.

Noch ist nicht völlig auszuschließen, dass es zu weiteren Verzögerungen kommt, da sich alle internationalen Zulassungsbehörden eigene Prüfungen und Tests der Baureihe vorbehalten haben. Im Worst-Case erhält der Krisenjet nicht überall auf der Welt ab Sommer wieder eine Zulassung.

Die wirtschaftlichen Folgen des 737 Max Desasters

Während Airbus im Jahr 2019 weitere Bestellungen für seine Top-Seller A320neo und A320ceo (current engine option) einsammelte und nun mit der A320-Familie auf insgesamt 8.666 Bestellungen kommt, hagelte es bei Boeing Stornierungen. Netto betrug der Auftragseingang in der zivilen Luftfahrtsparte bei dem Unternehmen mit Sitz in Chicago -85 Flugzeuge.

Das Opfer des ersten Absturzes einer Boeing 737 MAX, die indonesische Fluggesellschaft Lion Air, hat mittlerweile ihr Vertrauen in Boeing vollständig verloren und will nach eigenem Bekunden im Interesse der Sicherheit seiner Mitarbeiter und Passagiere keine neuen Maschinen des Typs 737 MAX mehr ordern.

Zu den Kosten der Entschädigung der insgesamt 338 Opfer der Abstürze vom 29. Oktober 2018 und vom 10. März 2019 kommen noch Entschädigungen für die Airlines und für die Zulieferer. Vor allem Letztere bekommen den jetzigen Produktionsstopp schmerzlich zu spüren. Der Triebwerkshersteller GE Aviation hat bereits 70 Mitarbeitern in Quebec gekündigt. Der Zulieferer der Flugzeugrümpfe, Spirit AeroSystems, musste sich sogar von 2.800 Mitarbeiter trennen. Die Ratingagentur Moody’s hat die Anleihen von Spirit AeroSystems von „Investmentgrade“ auf „Speculative“ herabgestuft.

Außerdem muss Boeing mindestens zehn Milliarden US-Dollar Kredit aufnehmen. Sechs Milliarden davon seien laut Auskunft des Unternehmens bereits zugesagt. Das könnte zu einer schlechteren Bonitätsbewertung und damit höheren Zinslasten führen. Der Flugzeughersteller braucht das Geld für die finanziellen Kosten der 737-MAX-Krise und um die Übernahme des vier Milliarden US-Dollar teuren Mitbewerbers Embraer zu stemmen.

Da Boeing einer der größten Industriekonzerne der USA sowie der größte Exporteur des Landes ist, wird sich die Aussetzung der Produktion des meistverkauften Boeing-Produkts bis weit in den Herbst dieses Jahres negativ auf das gesamte US-BIP-Wachstum in den ersten drei Quartalen 2020 auswirken.

Fazit

Abgesehen von der unglücklichen Kommunikation des Managements seit dem Absturz der ersten Maschine im Oktober 2018 scheint es auch einen hohen Optimierungsbedarf bei den internen Entwicklungs-, Produktions- und Kontrollmechanismen zu geben. Die Unternehmenskultur und die Prioritäten müssen sich in Richtung Sicherheit und Produktqualität verschieben. Dazu gehört auch eine „Fehlerkultur“, also der offene Umgang mit Fehlern, deren Aufdeckung und Behebung belohnt und nicht sanktioniert wird.

Die Zulassungsprozesse der US-Luftfahrtbehörde müssen wieder unabhängig vom Konzern organisiert werden. Die Sicherheit der Flugzeuge muss im Vordergrund stehen, nicht der zeitliche Vorsprung gegenüber internationalen Wettbewerbern. Diese Strategie, die in der überhasteten Zulassung der 737 MAX resultierte, zeitigte für das Unternehmen, die Airlines, die Zulieferer, die Opfer und die gesamte US-Volkswirtschaft vermeidbares Leid und Schäden.

Der Imageschaden wird durch die neuerlichen Enthüllungen um die Entwicklung und Zulassung der Unglücksmaschine und die nochmalige Verschiebung der Wiederzulassung für die 737 MAX weiter zunehmen. An einem Re-Branding des Produkts und der zügigen Entwicklung eines völlig neu konstruierten Nachfolgers der Schmalrumpfmaschine wird wohl kein Weg vorbeiführen.

Die Chancen, dass Boeing und die zuständigen Aufsichtsbehörden diese Herausforderungen meistern werden, stehen gut, da der Flugzeugbauer ein strategischer Bestandteil der amerikanischen Rüstungsindustrie und damit systemrelevant ist. Pleite gehen wir der Konzern also nicht, doch die Aktionäre müssen sich auf weitere Rückschläge einstellen, denn die Gesamtkosten des Skandals sind aktuell noch gar nicht bezifferbar, werden aber wohl mindestens einen mittleren zweistelligen US-Dollar-Milliardenbetrag erreichen.

Boeing bekommt die Quittung für Konstruktionsfehler bei der 737Max

Das Boeing-Hauptwerk nördlich von Seattle. Foto: Jetstar Airways (jetstar.com) CC BY-SA 2.0

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