Die Aktienmärkte suchen 2026 nach dem nächsten großen Treiber: Während der Hype rund um Künstliche Intelligenz an Schwung verlieren könnte, rücken Wall-Street-Strategen neue Chancen ins Rampenlicht. Besonders Goldman Sachs sieht eine klare Antwort: US-Verbraucher – vor allem die Mittelschicht – könnten den S&P 500 und den breiteren Markt in eine weitere Rally tragen. Statt auf die ohnehin teuren Tech-Aktien zu setzen, schauen Investoren zunehmend auf Bereiche, die direkt von steigender Kaufkraft profitieren – etwa Value- und Konsumaktien.
Aktienmärkte: Neue Impulse jenseits von KI
Strategen an der Wall Street suchen nach frischen Motoren für den Bullenmarkt bei US-Aktien. Der Grund: Viele Anleger sorgen sich, dass der KI-Trade, der die Aktienmärkte in den vergangenen Jahren angetrieben hat, an Dynamik verlieren könnte.
Ein Team von Goldman Sachs rund um Ben Snider setzt deshalb auf Unternehmen, die profitieren, wenn die amerikanische Mittelschicht ihre Ausgaben hochfährt. Besonders attraktiv finden Sniders Analysten Gesundheitsdienstleister, Materialproduzenten sowie Hersteller von Alltagskonsumgütern. Am optimistischsten sind sie jedoch bei Unternehmen, deren Produkte eher „nice to have“ als „need to have“ sind – also Dinge, die man sich gönnt, wenn das verfügbare Einkommen steigt.
Konsumgüter als Börsenchance
Zu dieser Gruppe zählen Händler für hochwertige Kleidung und Accessoires, Hersteller von Haushaltswaren sowie Anbieter aus den Bereichen Reisen, Tourismus und Casinos. Die Goldman-Strategen argumentieren: Die US-Wirtschaft dürfte an Tempo gewinnen – und genau das spielt Unternehmen in die Karten, bei denen das Wachstum relativ stabil ist, die Margen aber eher dünn ausfallen. Diese Aktiengruppe habe seit Oktober bereits überdurchschnittlich abgeschnitten.
„Aktien mit Bezug zu Ausgaben der Mittelschicht sind besonders attraktiv“, schrieb Sniders Team in einer Mitteilung vom 6. Januar an Investoren. Außerdem erwarten die Wall-Street-Strategen, dass Value-Aktien Anfang 2026 besser laufen könnten als klassische Wachstumswerte. Hintergrund sei eine Beschleunigung des realen Einkommenswachstums der Mittelschicht – was sich in stärkerem Umsatzwachstum der entsprechenden Unternehmen niederschlagen sollte.
Ein Beleg für diese Rotation: Der S&P Retail Select Industry Index, in dem unter anderem Carmax, Etsy und Academy Sports & Outdoors enthalten sind, liegt seit Jahresbeginn 3,5 % im Plus. Seit Anfang November – also seit Beginn der intensiven Holiday-Shopping-Saison – beträgt das Plus sogar 8,8 %.
Goldman erwartet eine Entlastung für Konsumenten, da der Gegenwind durch die Zölle von Präsident Donald Trump nachlässt, der Arbeitsmarkt sich stabilisiert und Steuerrückerstattungen aus dem großen Gesetzespaket des Vorjahres wirken.

Rotation aus den „Magnificent 7“
Der Goldman-Call kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Investoren nach Alternativen zum KI-Trade suchen, der die Aktienmärkte in den vergangenen drei Jahren geprägt hat – angeführt von den „Magnificent 7“ unter den Tech-Giganten.
Laut einer von Bloomberg zitierten Umfrage unter Ökonomen wird für die US-Wirtschaft in diesem Jahr ein Wachstum von 2,1 % erwartet, gestützt durch Konsumausgaben. Das wiederum lenkt Kapital in Aktien, die in den letzten Jahren hinterherhinkten.
„Wir sehen eine Neubewertung des Wirtschaftswachstums nach oben“, sagte Charlie McElligott, Cross-Asset-Makrostratege bei Nomura Securities International. Sollte dieses Szenario eintreten, spreche vieles für eine Marktrotation in traditionellere Value-Sektoren.
Breiterer Markt statt Einzelstars
„Im vergangenen Jahr gab es eine massive Spreizung – zwölf Namen haben praktisch die gesamte Arbeit an den Aktienmärkten verrichtet“, sagte McElligott in einem Interview. „Jetzt wird die Rally breiter.“
Er beobachtet zudem, dass Investoren beginnen, in volatilere Marktbereiche umzuschichten – also in Aktien mit höherem Beta, die oft eng mit der wirtschaftlichen Lage der US-Mittelschicht verknüpft sind.
Ein frühes Gewinner-Beispiel einer möglichen Rotation ist Dick’s Sporting Goods. Der Händler aus Coraopolis (Pennsylvania) – bekannt für Golf-Schläger, Fußballschuhe und Tennisrackets – hat 2026 stark begonnen: Die Aktie legte in vier Handelstagen um 6,1 % auf 210,08 US-Dollar zu, nachdem sie im Vorjahr um 13 % gefallen war. Am Dienstag setzte ein Optionshändler darauf, dass der Kurs wieder Richtung Rekordhoch von 250 US-Dollar steigen könnte – ein Niveau, das die Aktie Anfang 2025 erreicht hatte. Der Trade könnte laut Chris Murphy, Co-Head der Derivate-Strategie bei Susquehanna International Group, einen maximalen Gewinn von 3,5 Millionen US-Dollar erzielen – bei einem Einsatz von 84.000 US-Dollar Optionsprämie.
Dick’s gehört zu einer Gruppe von rund einem halben Dutzend Ladenketten, die Goldman als Profiteure eines wachsenden Mittelschicht-Vermögens nennt – darunter Burlington Stores, Best Buy, Five Below, Levi Strauss und Gap.
Value feiert Comeback
Zwar tun sich stationäre Händler weiterhin schwer im Wettbewerb mit E-Commerce-Riesen wie Amazon. Doch angesichts der extrem hohen Bewertungen der größten Tech- und KI-getriebenen Unternehmen richten Anleger ihren Blick zunehmend auf Chancen in anderen Marktsegmenten.
Und zumindest zu Beginn von 2026 scheint klar: Value könnte dort liegen, wo die Schnäppchen warten.
„Wachstumswerte sind deutlich teurer“, sagte McElligott.
FMW/Bloomberg
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