Man sah es gestern wie auch heute: Die ganz großen Player an der Wall Street sind sich nicht einig. Gestern hieß es von Morgan Stanley und Citigroup, die Rally der Aktienmärkte sei intakt nach einem gesundem Einbruch letzte Woche Donnerstag und Freitag. Heute früh dann die Meldung der Bank of America, die dazu rät Gewinne mitzunehmen und auf einen drohenden Bärenmarkt hinweist. Und jetzt sind neue Aussagen von JPMorgan, Goldman Sachs und Barclays auf den Tisch gekommen. Auch hier sehen wir verschiedene Sichtweisen!
Goldman Sachs und Barclays warnen nach Einbruch der Aktienmärkte
Was war geschehen? Ein schwacher KI-Umsatzausblick von Broadcom letzte Woche Mittwoch hatte die KI-Rally ruckartig beendet. Dazu kamen am Freitag stark steigende Zinserhöhungserwartungen an die Fed aufgrund sehr starker US-Arbeitsmarktdaten. Fertig war der Mix für stark fallende Aktienkurse. Und gestern dann die kräftige Erholung, die sich heute fortzusetzen scheint. Dip-Käufer dürften kräftig zugreifen. Südkorea zum Beispiel war heute sehr stark mit +8 %. Nun ist die Frage: Steigen die Aktienmärkte in den USA heute und in den nächsten Tagen weiter an? Wird dieser jüngste Sturz schnell komplett aufgeholt, und man rennt auf neue Allzeithochs?
Überfüllte Positionen, eine geringe Marktbreite und die Aussicht auf längerfristig höhere Zinsen machen die Aktienmärkte anfälliger für abrupte Rückgänge, so hört man aktuell laut Bloomberg Aussagen aus den Handelsabteilungen von Barclays und Goldman Sachs. All dies schaffe ein Umfeld, in dem Faktor-Unwinds wesentlich heftiger ausfallen könnten, als es die Volatilität auf Indexebene vermuten lässt, so schrieben es Goldman-Händler, darunter Lee Coppersmith, in einer Mitteilung an Kunden.
Der Freitag gab Anlegern einen Vorgeschmack darauf, wie schnell sich das Blatt für die größten Gewinner des Aktienmarktes wenden kann, sollte sich die Stimmung umkehren. Der iShares MSCI USA Momentum Factor ETF verlor an diesem Tag 6 % und verzeichnete damit seinen stärksten Rückgang seit dem Ausverkauf am „Liberation Day“ im April 2025. Der Nasdaq 100 Index fiel um 4,8 %, als Händler sich beeilten, Megacap-Technologieaktien abzustoßen und defensive Titel zu kaufen.
Der Momentum-Handel, bei dem Marktgewinner gekauft und Verlierer verkauft werden, ist auf der Long-Seite überlaufen wie nie zuvor, wie Daten von Goldman zeigen. Gleichzeitig sind Short-Positionen nach wie vor untergewichtet, was das Risiko einer scharfen Trendwende der Aktienmärkte verstärkt, sollte Unsicherheit hinsichtlich des Handels mit KI-Aktien, des Zinspfads der Federal Reserve oder einer wieder aufflammenden Inflation aufkommen.
Systematische Anleger könnten den Druck noch verstärken. Rohstoffhandelsberater und Strategien zur Volatilitätskontrolle haben ihr Aktienengagement auf den höchsten Stand seit Februar erhöht, was sie anfällig für Zwangsverkäufe macht, sollten die Kursschwankungen anhalten. Volatilitätskontrollierte Fonds müssen nach dem Einbruch am Freitag möglicherweise ihre US-Aktienallokation um rund 14 Prozentpunkte reduzieren, so Alexander Altmann, Leiter der taktischen Strategien für globale Aktien bei Barclays. Das wäre der größte eintägige Risikoreduzierung seit dem 6. Februar.
Ein Teil der Risikoreduzierung fand wahrscheinlich bereits am Freitag statt, doch ein Großteil der Verkäufe erfolgt typischerweise mit einer kurzfristigen Verzögerung, was die Märkte zu Beginn der Woche belasten könnte. „Das kann die kurzfristige Kursentwicklung erheblich beeinflussen, wenn die Schwankungen extrem werden“, sagte Altmann. Die „ungewöhnlich asymmetrische Konstellation“ macht den Momentum-Handel „anfällig für stärkere Abwicklungen, falls sich die Positionen umkehren“, sagte Altmann von Barclays.
JPMorgan sieht Aktien trotz starker Rückgänge auf Kurs
Die Aktienmärkte in den USA haben noch Luft nach oben, da das Wachstum der Unternehmensgewinne die Stimmung stützt, obwohl einige Anzeichen darauf hindeuten, dass die Aktienkurse möglicherweise zu stark gestiegen sind. So sagte es heute Jack Caffrey von JPMorgan Asset Management. Selbst nachdem sich die Wirtschaft bereits seit mehreren Jahren in einer Expansionsphase befindet, sind die Gewinne laut Jack Caffrey auf Kurs für ein Wachstum von 22 % oder mehr im Jahr 2026. Im vergangenen Jahr sei ein Anstieg im mittleren Zehnerbereich zu verzeichnen gewesen, und dasselbe sei für 2027 wahrscheinlich, sagte Caffrey heute in der Bloomberg-Fernsehsendung „Surveillance“.
„Das ist wirklich eine von den Gewinnen getriebene Entwicklung“, sagte er. „Ich bin weiterhin optimistisch für diesen Aktienmarkt.“ Caffrey sagte, er erwarte nicht, dass kurzfristige Rückgänge das Gewinnbild auf den Kopf stellen würden. „Wenn Sie mich fragen, was in den nächsten 15 Minuten passieren wird, habe ich keine besonderen Erkenntnisse“, sagte er. „Wenn Sie mich fragen, was in den nächsten 15 bis 24 Monaten passiert, komme ich auf das Zusammenspiel zwischen Gewinnen und Erwartungen zurück.“
Er räumte ein, dass die Stimmung für die Aktienmärkte vielleicht etwas überhitzt gewesen sei, dass Indikatoren wie der VIX und die Kreditspreads jedoch „sicherlich zeigen, dass es hier nicht viel gibt, worüber man sich Sorgen machen müsste“. „Wenn wir weiterhin positive Gewinnrevisionen sehen, hat diese Geschichte noch Potenzial“, sagte er und fügte hinzu, dass es auf diesem Weg „unweigerlich“ Aufschwünge und Rückschläge geben werde, was zu Situationen führe, „in denen die Rückgänge zwar kurz, aber dafür heftig ausfallen werden“.
FMW/Bloomberg
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken















Die Investmentbanking-Analysten von Goldman Sachs gehen davon aus, daß sich Volatilität an der Wall Street verstärken könnte. US-Futures sind diesbezüglich wohl hilfreich.