Folgen Sie uns

Indizes

Aktienmärkte: Abkühlung gefällig nach dem Novemberwunder?

Der Börsenmonat November wird in die Statistik eingehen, als Ausnahmemonat für die Aktienmärkte, wie es ihn in Jahrzehnten nicht gegeben hat!

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

am

Wenn es noch ein paar Tage so weitergeht, wird der Börsenmonat November in die Statistik eingehen, als Ausnahmemonat für die Aktienmärkte, wie es ihn in Jahrzehnten nicht gegeben hat. Doch gemach, zieht man die zwei vorherigen Monate mit in die Betrachtung, sieht es schon erheblich unspektakulärer aus. Dennoch lagen die Indizes am gestrigen Börsenschluss wieder deutlich im Plus und die Frage wird täglich aufs Neue gestellt: Wann kommt die Abkühlung?

Aktienmärkte: Die aktuelle Novemberbilanz

Vier Handelstage vor dem Monatsultimo – in den USA wegen Thanksgiving nur zweieinhalb – bahnt sich eine extrem gute Monatsbilanz der Aktienmärkte an. Am Ende des gestrigen Tages lagen sowohl Dow Jones, als auch S&P 500 mit 10 Prozent auf Monatssicht im Plus. Besonders spektakulär das Durchbrechen der 30.000-Punkte-Marke beim altwürdigen Index. Hatte nicht Präsident Trump davon gesprochen, dass die Aktienmärkte dramatisch einbrechen würden, falls er nicht wiedergewählt werden sollte? Ich hatte schon am 5.11. in einem Artikel („Aktienmärkte und Wahlausgang: Warum fallen die Märkte nicht?“) mit historischen Daten belegt, warum die Rolle des Präsidenten für die Aktienmärkte überschätzt werde, es geht um andere Kriterien. Erstaunlicherweise liegt der Dax mit 11,5 Prozent seit der US-Wahl plus noch vor den US-Indizes, sicher auch wegen der Branchenrotation hin zu Value und weil der deutsche Leitindex einfach stets volatiler daherkommt.

Damit hätte der Monat bereits die durchschnittliche Jahresperformance der großen Indizes, über mehrere Jahrzehnte gerechnet, übertroffen. Und dies in einer Phase, in der viele Staaten gerade wieder in eine Rezession abrutschen. Aber das ist wiederum sehr häufig an der Börse, auch wenn Beobachter wieder viele unheimliche Kräfte für das Spiel verantwortlich machen. Wenn ein Wirtschaftsabschwung auf ein Ende zugeht, kommen oft die größten Zuwächse, wenn er dokumentiert wird, die Gewinnmitnahmen. Oder, „wenn die Nacht am dunkelsten ist, ist die Dämmerung am nächsten.“

Die aktuelle Konjunkturlage

Am gestrigen Tag wurde das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts für das dritte Quartal in Deutschland veröffentlicht, es fiel mit plus 8,5 Prozent besser aus, als die vorherige Schätzung. Was aber kurstechnisch keine Rolle spielt, denn „fürs Gehabte gibts nichts“ so ein bekannter Börsenspruch aus der Vergangenheit. Aber vermutlich auch nicht für den Ifo-Index, der bereits zum zweiten Mal in Folge gefallen ist und die ständig weiter nach unten geschraubten Wachstumszahlen für Q4 des laufenden und Q1 des kommenden Jahres. Eine „Double-Dip-Recession“ steht in vielen Industriestaaten an, dennoch dürfte sich der Kursschaden (temporär) sehr in Grenzen halten, denn es gibt gewaltige Gegenkräfte. Doch dazu später mehr.

Die Branchenrotation

Auch wenn es bisher nicht zum Abverkauf der dominanten Hightech-Titel gekommen ist, wie ETFs auf „Information Technology“ beweisen, so ist doch eine gewaltige Rotation hin zu Value, zu Industrietiteln und vor allem zu Nebenwerten erkennbar (Russel 2000). Die Techwerte laufen seitwärts, die Zurückgebliebenen haussieren.

So im SPDR Industrial erkennbar, einem ETF auf amerikanische Industriewerte, genau wie in einem Sammelindex für die Luftfahrtindustrie, in einem Bankenindex, bei Versicherungen, bei Reise- und Freizeitindizes, im Energiesektor und bei Grundstoffwerten. Am stärksten lief die Rally bisher im Nebenwerte-Segment, dessen Index sich schon über 25 Prozent von seinem Aufwärtstrend nach oben abgesetzt hat.

Was sagt uns das alles? Die Aktienmärkte blicken nicht auf die Aktualität, wie eigentlich immer, auch wenn dies viele, gebannt durch die tägliche Berichterstattung nicht wahr haben wollen, sondern deutlich in die Zukunft. Und da erwartet man die Rückkehr zur Normalität, die Coronazeit wird ausgepreist.

Die Notenbankpolitik

Hat nicht vor kurzem eine US-Großbank von einem Re-Balancing bei Mischfonds gesprochen, dergestalt, dass man die Aktien/Anleihe-Relation von 60/40 wiederherstellen müsse und damit bis zum Jahresende weltweit Aktien in Höhe von 300 Milliarden Dollar zu verkaufen wären? Aber was ist diese Summe gegen die Geldflut der Notenbanken (Fed, EZB, BoJ, BoE, SNB), um nur die Größten zu nennen, die demnächst aktiv werden? Soll nicht Janet Yellen neue US-Finanzministerin werden, die ehemalige Chefin von Jerome Powell? Der Fed-Chef wird sich eher mit der Professorin in Verbindung setzen, als mit Steven Mnuchin zu diskutieren, der in gut 30 Handelstagen sowieso nichts mehr zu sagen hat und wenn, könnte es die Neue umgehend wieder korrigieren.

Was nichts anderes heißt, als dass man in der schwierigen Phase des nochmaligen Anschwellens der Coronazahlen die Notenpresse in Gang hält, um zu unterstützen, wie es Jerome Powell erst kürzlich betont hat. In Kürze jährt sich der Kommunikationsgau von Powell zum zweiten Mal, als er 2018 die Aktienmärkte mit „hawkishen“ Bemerkungen bis fast ins Bärenterritorium gejagt hatte. Er wird gerade in der Phase der „transition“, des Übergangs, alles Marktschädliche unterlassen.

Die Impfhoffnung und die möglichen Konsequenzen

Auch wenn die Kursreaktionen nach jeder Impfstoffmeldung abnehmen, verbleibt das Vakzin gegen Covid-19 der fast alles bestimmende Faktor. Hunderte Impfzentren entstehen allein in Deutschland und wie viele werden es wohl weltweit werden, demnächst? Wird die Meldung für die Zulassung eines Impfstoffes und damit dem Beginn der Impfungswelle nicht noch einmal für einen Kurssprung sorgen? Wenn es Realität würde, dass man in 2 Minuten einen Menschen impfen könnte, so wie es in Deutschland berichtet wurde und das tausendfach in hunderten Impfzentren.

Würde dann die Zahl der Geimpften nicht schneller steigen, als es die Zahl bei den Infektionen in der Spitze getan haben – nur dann kontinuierlich? Ist es das, was die Märkte für das nächste Halbjahr einpreisen?

Fazit

Es kommt schon Vieles zusammen im Nebelmonat November. Ein Wahlkrimi, der anlegertechnisch in eine gewaltige Short Squeeze mündete und in eine Branchenrotation, die es nur ganz selten in dieser Ausprägung gab. Dann kamen noch die Impfstoffmeldungen, als Game Changer oben drauf, die das Ganze noch verstärkten. Als Turbo für viele ängstliche Investoren, die plötzlich Licht am Horizont sahen und eine Notwendigkeit für viele Investmentfonds, wenn man nicht endgültig gegen die passiven Vehikel ins Hintertreffen geraten will.

Am 9. November wurde durch die Märkte das Ende von Corona ausgerufen. Das Ergebnis ist eine Euphorie, die in normalen Situationen in einen gewaltigen Kurseinbruch münden würde. Wahrscheinlich aber nicht zum Ende des Coronajahrs 2020, in dem sich zwei Kräfte gegenseitig potenzieren: Die Hoffnung auf einen Anstieg der Wirtschaft zur Jahresmitte 2021, wenn „tote“ Branchen aufgrund der Impfauswirkungen zum Leben erweckt werden und eine Geldversorgung durch Notenbanken, die die Kapitalanleger „noch“ in eine Anlageklasse zwingt. Dennoch: Sollte es tatsächlich noch bis zum Monatsende mit den Kursen weiter nach oben gehen, der Monat November zum Jahrhundertrekord avancieren? Ich denke spätestens dann im Anschluss sollte die Schwerkraft mal kurz und kräftig zuschlagen. Ich bin nur auf den Anlass gespannt, wenn es wieder heißt „die Kurse machen die Nachrichten“  und die Aktienmärkte dann eine Zwischenkorrektur einlegen..

Die Aktienmärkte erleben im November eine Art Wunder

3 Kommentare

3 Comments

  1. Avatar

    Peter Sallister

    25. November 2020 13:05 at 13:05

    Vergessen Sie Wirtschaftsnachrichten, Äußerungen von Trump, Powell oder sonstwem, vergessen Sie Impfstoffe und Stimuli Herr Müller.

    Das ist genau der Punkt warum sich viele so schwer tun mit Deutungen der Börsen-Zukunft!

    Es geht nur um eines. Vorher zu wissen wie sich die Mehrheit der Anleger verhalten wird. D. h. der Gewinner an der Börse muß wissen, wie sich andere Anleger morgen und übermorgen verhalten werden.

    D.h. wir haben es daher in erster Linie mit Dingen der Verhaltensforschung zu tun und NICHT mit dem Abgleich vom Zustand der Wirtschaft mit Börsenkursen. Ansätze in diese Richtung werden zu oft fehlschlagen.

    Gewinner an der Börse wird sein wer die Verhaltenspsychologie am besten beherrscht. Das findet im stillen Kämmerlein statt. Angenommen jemand beherrscht diese Kunst, wird er das groß heraustrompeten?

  2. Avatar

    Wolfgang M.

    25. November 2020 15:22 at 15:22

    @Peter Sallister. Wie bitte? „Vergessen Sie den Impfstoff?“ Haben Sie die Börsenreaktionen am 9. November vergessen und auch noch danach? Börse ist viel Psychologie, mein Thema, dˋaccord, aber nicht alles.
    Viele Grüße

  3. Avatar

    Aufmerksamer Leser

    25. November 2020 18:05 at 18:05

    @Wofgang M., ich finde @Peter Sallister hat vollkommen recht. Das was am 09.11. mit der Impfstoffnews passiert ist, bestätigt ja Herrn Sallisters Äußerung erst recht. Denn außer ein spike nach oben und bis heute nicht vom Fleck gekommen ist ja nichts passiert. Eine news beschleunigt oder verlangsamt einen bereits vorhandenen Trend, der sowieso in die Richtung läuft die vorgegeben ist. Die News wird dann immer hinterher presentiert, damit wir Menschen auch eine plausible Erklärung bekommen, die wir Kontrollfreaks sehr wichtig finden um uns alles erklären zu können. Solche Spike News sind die letzten der Börsenlaien die auf den bereits lange fahrenden Zug aufspringen und dadurch solche Fahnenstangen produzieren. Wir können beruhigt davon ausgehen, das der aktuelle Trend noch bis in den März 2021 laufen wird. Das dazwischen immer kleinere Gewinnmitnahmen kommen werden, ist nur das auftanken um weiteren Treibstoff zum steigen zu haben. Die news sind alle durch. Impstoff, Trump Wahl, Stimulus, FED, etc. etc.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Aktien

Markus Koch LIVE vor dem Handelsstart in New York – die Woche der Quartalszahlen

Redaktion

Veröffentlicht

am

Von

Markus Koch meldet sich im folgenden Video LIVE vor dem Handelsstart in New York. Er bespricht die nun anstehende wichtigste Woche bei den Quartalszahlen in den USA.

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen

weiterlesen

Indizes

Dax: Wieviel Luft ist jetzt noch nach oben?

Avatar

Veröffentlicht

am

Die zurückliegenden Tage konnte den deutschen Leitindex Dax 30 Performance, nicht wirklich zu einer richtungsweisenden Entscheidung hinreißen. Wie der Chart es zeigt, hat sich die seit geraumer Zeit laufende seitliche Performance weiter fortsetzen können. Der Chart zeigt ein relativ zerklüftetes Bild, dessen Grundaussage auch mit Nervosität tituliert werden kann. Mit Hinblick auf die Geschehnisse in den Vereinigten Staaten, kann man diesem Bild sehr schön ablesen, dass politische Entscheidungen so gut wie keinen Einfluss auf das Treiben an den Finanzmärkten nehmen. Das war auch 2016/12/08 und so weiter und so fort so!

Ausblick für den Dax:

Mit der Ausbildung von (B) ist der Dax nunmehr seit Ende Oktober beschäftigt. Die aktuelle Situation deutet auch nicht daraufhin, dass der Trendabschluss unmittelbar bevorsteht. Aktuell hat der Dax auf der 0.38-Unterstützung bei 13.712 Punkten Platz genommen. Der ausgebliebene nachhaltige Bruch dieser Supportline lässt auf die baldige Wiederaufnahme des Aufwärtstrends schließen. Diese Unterstützung ist im Grunde eine Art Limes, denn ein eventueller schlusskursbasierter Bruch würde das lehrbuchhafte Anforderungsprofil an eine Welle „4“ infrage stellen.

Wieviel Luft hat der Dax noch nach oben?
Diesen Schritt sehe ich indes nicht, zumindest nicht auf absehbare Zeit. Auf der anderen Seite sind auch keine astronomischen Ausflüge beim Dax zu erwarten. Denn mit dem größeren 1.38-Retracement (14.315 Zähler) liegt eine für sich genommen sehr mächtige Barriere in überschaubarer Entfernung. Bis zum Erreichen dieser Linie wird sich die zerrissene Performance weiter etablieren können. Größeres Ungemach kann ich dem Chart nicht ablesen.

Fazit:

Der Dax bewegt sich weiterhin in einer aufwärtsgerichteten Korrektur. Dieser Aspekt sollte Beachtung finden, weshalb ich aktuell von einer erneuten Positionierung abrate..

weiterlesen

Indizes

Aktienmärkte: Haben sie sich von der Realwirtschaft entkoppelt?

Jedermann spricht von der großen Rally der Aktienmärkte: haben sie sich inzwischen von der Realwirtschaft komplett entkoppelt?

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

am

Jedermann spricht von der großen Rally der Aktienmärkte, von den Kursfahnenstangen bei Tesla, Plug Power oder dem Bitcoin. Von der wundersamen Hausse des Nebenwerte-Index Russel 2000. Die marktbreiten Indizes sind im Monat Januar gar nicht so stark gestiegen, selbst der viel beachtete Januareffekt (so wie der erste Monat, so das Gesamtjahr), ist noch nicht in trockenen Tüchern.

Aktienmärkte: Der positive Start ins Jahr 2021

Das neue Jahr hat begonnen, wie das alte geendet hat, mit Kursanstiegen. S&P 500 und Dax kletterten noch bis zum Ende der ersten Woche, aber anschließend ging es nicht mehr richtig weiter, außer beim Nasdaq, in dem einige „Stay-at-Home-Titel“ infolge der Lockdown-Maßnahmen wieder an Dynamik gewannen. Und natürlich die Nebenwerte, die zum einen weiter die Branchenrotation widerspiegeln, aber auch zum Spielfeld der vielen Kleinanleger wurden, die zum Teil frisches Geld zum wilden Zocken verwenden.

Bisherige Performance nach drei Wochen des neuen Jahres:

Dax plus 1,2 Prozent, S&P 500 plus 4,1 Prozent, Nasdaq plus 5,6 Prozent und Russell 2000 plus 10 Prozent.

Die Aufwärtstrends der Aktienmärkte sind noch intakt, allerdings haben sich die schon oft beschriebenen Risiken im Vergleich zu den Vorwochen nicht wesentlich verändert. Geblieben ist die große Euphorie bestimmter Anlegergruppen (speziell in den USA), die ungesunde Call-Spekulation, die Übertreibungen bei Nebenwerten (Russell 2000) sowie die Spekulationsblasen zum Beispiel in Wasserstofffirmen oder im Bereich der Elektromobilität. Vor allem auch bei die Hyperspekulation mit Penny-Stocks, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Totale Entkoppelung Wirtschaft – Aktienmärkte? „Jein“

Klar befinden sich Teile der US-Aktien in einer Bubble, allen voran Tesla, Wasserstoff- und Solarwerte, vielleicht auch der Russell 2000 mit seinem exorbitanten Anstieg seit November 2020 und viele Pennystocks. Aber auch der breite S&P 500, der 75 Prozent der US-Aktienmärkte abdeckt? Er liegt mit seinem Kurs/Gewinn-Verhältnis (2021) bei 23, der historische Durchschnitt beträgt 17. Dabei ist aber der Vergleichsmaßstab, der US-Anleihemarkt, nicht zu vernachlässigen.

Die Aktienmärkte haben es im Jahr 2020 eingepreist: Die fallenden Zinsen, die Geldflut der Notenbanken und die Erholung der Wirtschaft bis zu einem unvollständigen „V“. Jetzt hat es in den USA der Einkaufsmanagerindex „Verarbeitendes Gewerbe“ gezeigt. Er steht auf einem 6-Jahreshoch – und das inmitten der zweiten Coronawelle. Dass es vielen Unternehmensbereichen im Dienstleistungsbereich (Restaurants) schlecht geht, wird zum einen durch Helikoptergeld (fünf Rettungspakete) und zum anderen durch die niedrigen Zinsen ausgeglichen.

Was nach wie vor immer wieder fehlinterpretiert wird, ist der Vergleich Gegenwart in der Wirtschaft und Aktienmärkte: Letztere blicken sechs bis neun Monate in die Zukunft, bei gleichzeitiger Berücksichtigung des Zins- und Inflationsniveaus. Hatten wir denn nicht in den Monaten April, Mai und bis in den Juni 2020 hinein den größten Anstieg der Aktienmärkte, fast weltweit, obwohl wir parallel den größten Wirtschaftseinbruch in der Nachkriegszeit erlebten. Deshalb ist die öfters zu vernehmende Mahnung von der Inkongruenz zwischen aktueller Wirtschaft und Börsenkursen oft irreführend. Wenn sich Wirtschaft und Zinsen aber anders entwickeln, als es die Aktienmärkte auf lange Sicht zu antizipieren versuchen, kommt es zur sehr raschen Anpassung. Wenn sich also das Delta zwischen Wirtschafts- und Zinslandschaft der Gegenwart und der Zukunft verkleinert. Immer wieder schön erkennbar auch im Kleinen: Wenn ein Unternehmen für ein Quartal Rekordergebnisse meldet, aber die Zukunftsaussichten nur ein bisschen zurücknimmt – sofort kommen zum Teil heftige Gewinnmitnahmen.

Kurseinbrüche geschehen sehr viel schneller als die Kursanstiege.

Wie wurden zum Jahresende 2020 die Aussichten für die durchschnittlichen Gewinne aller Unternehmen im S&P 500 im Vergleich dargestellt?

2019: 162,93 Dollar

2020: 135,66 Dollar

2021: 167,24 Dollar

Der amerikanischen Aktienmärkte blicken aber langsam schon in Richtung 2022 – und da könnte sich Absonderliches abzeichnen. Zum Beispiel, dass die Kurse im laufenden Jahr fallen, eben, weil sich die US-Wirtschaft in allen Bereichen nach Covid-19 wieder erholt, „Sell on News“ stattfindet und man sich um das Wachstum, die Zinsen und die Inflation im Jahr 2022 sorgt.

Nicht überall Aktienmarkt-Bubbles

Die schwere Aufgabe der Notenbanken nach Covid-1: Klar manipulieren die Notenbanken mit ihren Anleihekäufen den Zinsmarkt als Konkurrenz für Aktienmärkte und heben ihre Bilanz auf nie gesehene Höhen. Immer wieder schön erkennbar an einem Chart, der die globale Geldmenge in Relation zum S&P 500 darstellt.

Und so lange es der Zentralbank gelingt, die Renditen von Anleihen und die Inflation im Zaum zu halten, wird es den großen Einbruch der Aktienmärkte nicht geben. Der Anstieg der Renditen war fast immer der Auslöser für Rezessionen seit dem Zweiten Weltkrieg (Ausnahme Februar/März 2020 mit der Pandemie). Aber wird dies auch gelingen, sollte sich der Lockdown-bedingte Nachfragestau nach Monaten der Entbehrungen im weiteren Verlauf des Jahres 2021 entladen? Damit verbunden könnte sich die Gefahr für die Aktienmärkte entwickeln, abseits der nicht antizipierbaren medizinischen Gefahren von Covid-19?

Renditeanstieg der 10-jährigen US-Staatsanleihen

Betrachtet man nur die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe in den letzten 25 Jahren, so erkennt man eindeutig die Ursache für das große TINA („There is no Altenative“) der Kapitalmärkte.

Die Spanne bei den Renditen verlief in dieser Zeitspanne zwischen 6,5 (2000) und 0,511 Prozent (2020), der Durchschnitt lag etwas unter 3 Prozent. Das heißt, dass das Kurs/Gewinnverhältnis vor dem Platzen der Bubble 2000 bei 15/16 und vor der Finanzkrise bei 20 gelegen hat. Da gab es eine Alternative. Heute hat sich die Rendite von ihrem Tief bei 0,51 Prozent (KGV 195) auf 1,10 Prozent erholt, man lag auch schon bei 1,19 Prozent, was einige Marktteilnehmer sichtlich erschreckt hatte.

Was noch als nach geringer Rendite aussieht, ist jedoch die Gefahr für die Aktienmärkte schlechthin: der bekannte Analyst von Pimco, Mohamed-El-Erian, spricht schon von einer Schwelle, die bei 1,5 Prozent für die 10-Jährigen liegen könnte. Der Auslöser könnte zeitgleich auch von einer anderen Seite kommen.

Inflationsanstieg?

Noch ist ein unglaublicher deflatorischer Effekt durch die Corona-Krise erkennbar und China überschwemmt weiterhin die Welt mit billigen Gütern. Aber wie oft gingen kleine aber auch sehr große Inflationsschubs von den steigenden Energie- und Rohstoffpreisen aus? Müssen diese nicht zwangsläufig auf die Inflationsrate durchschlagen, wenn die Weltwirtschaft wieder anspringt – vor allem, wenn ein Vergleich mit dem Pandemie-Quartal Q2 des Jahres 2020 ansteht?

Erst recht in Deutschland mit dem Anstieg der Energiepreise (CO2-Abgabe), der Mehrwertsteuererhöhung – und wer hat sich schon einmal die Anhebung der Kommunalgebühren für Müll, Kanal, Wasser u.v.m. betrachtet, den Strompreis oder in Erwägung gezogen, dass verschiedene Branchen im Sommer an der Preisschraube drehen könnten, um die monatelangen Ausfälle zu kompensieren? Ich wage zu prognostizieren, dass wir ab dem Spätsommer die größte Reisewelle seit langer Zeit in Deutschland sehen werden, wenn alle impfwilligen Ü50-Bürger an der Reihe waren und sich viele Ältere nach der Eindämmung der Pandemie fragen: Wofür soll ich sparen, das Leben kann so schnell vorbei oder zumindest eingeschränkt sein, wie man gerade schmerzlich erleben musste? Den vielen Menschen, denen heute schon die Decke auf den Kopf fällt, zuhause – das kann nur eine entantiodrome Situation nach sich ziehen.

Was die Vereinigten Staaten betrifft, lag bei der Inflation die Wohlfühlzone in den letzten Dekaden bei 1 bis 3 Prozent. Stieg die Inflationsrate über diese Marke, musste die Notenbank einschreiten „Gesetzlicher Auftrag: Gewährleistung der Preisstabilität“ und es kam zu Einbrüchen der Aktienmärkte.

Fazit

Die Aktienmärkte sind auch im Januar 2021 weiter gestiegen – aber nicht so stark, wie in manch anderen Phasen des Vorjahres. Was den Januareffekt betrifft, könnte es in den nächsten Handelstagen noch zu Überraschungen kommen. Die Überspekulation der vielen übermütigen Anlegern (RobinHooder) in Pennystocks und Call-Optionen sowie die Übertreibungen vieler Investoren in den Biden-Effekt, könnten jederzeit zu einer Marktabkühlung führen.

Dies zeigt auch eine Statistik über typische Börsenreaktionen nach dem Beginn einer Amtsperiode eines neuen US-Präsidenten.

Aktienmärkte in den USA nach Antritt eines neuen Präsidenten

Den großen Einbruch der Aktienmärkte sollte es aber aktuell nicht geben, zu stark sind noch die monetären Kräfte (Geldmengenanstieg). Wurde nicht letzten Donnerstag sogar von einem Lagarde-Put gesprochen, in Anlehnung an den berühmten Greenspan-Put zur Unterstützung der Märkte? Aber langfristig sind die Gefahren für die Hausse schon jetzt spürbar, sie liegen im Umfeld von Zinsen und Inflation und in der Asymmetrie von Wirtschaft und Börsenkursen. Was hilft ein „Sugar Rush“ in der Wirtschaft im zweiten Halbjahr 2021, wenn es bald darauf wirtschaftlich zu einem Anpassungsschock kommt? Auch wenn die Börse kein absolut zuverlässlicher Indikator sein kann, gibt es doch keinen Signalgeber, der schneller in der Perspektive auf Änderungen des wirtschaftlichen Umfelds reagiert. Nicht im Bereich der „Religionsgemeinschaft“ bei diversen Einzeltiteln, wie es der Chefredakteur von FMW immer wieder bezeichnet. Aber wie oft gab es eine Rezession, ohne dass diese durch die Aktienmärkte vorher nicht angezeigt wurde oder auch Aufschwünge, die nicht vorher in den Kursen absehbar waren – externe Schocks ausgenommen?

Haben sich die Aktienmärkte von der Realwirtschaft entkoppelt?

weiterlesen

Anmeldestatus

Meist gelesen 7 Tage