Die kommenden zwei Wochen könnten über das Schicksal der Aktienmärkte entscheiden. In den nächsten 14 Handelstagen stehen mit dem US-Arbeitsmarktbericht, wichtigen Inflationsdaten und der Zinsentscheidung der US-Notenbank Fed gleich mehrere Schlüsselmomente an. Während der S&P 500 nach seinem Rekordhoch in den traditionell schwachen September startet, kehren Anleger aus der Sommerpause in eine Phase zurück, in der die Märkte an einem Scheideweg stehen.
Aktienmärkte am Scheideweg
Der S&P 500 verzeichnete zuletzt den geringsten monatlichen Anstieg seit Juli 2024 und startet nun in den traditionell schwächsten Börsenmonat September. Gleichzeitig herrscht eine auffällige Ruhe: Der Volatilitätsindex VIX notierte seit Ende Juni nur einmal über der Marke von 20. Seit 91 Sitzungen hat der S&P 500 keinen Rückschlag von zwei Prozent erlitten – die längste Phase dieser Art seit Juli 2024. Ende August erreichte der Index mit 6.501,58 Punkten ein neues Rekordhoch und liegt seit Jahresbeginn 9,8 Prozent im Plus, seit dem Tief im April sogar 30 Prozent.
„Die Anleger sind zu Recht vorsichtig im September“, sagt Thomas Lee, Forschungschef bei Fundstrat Global Advisors. „Die Fed startet nach einer langen Pause erneut einen eher lockeren Zinssenkungszyklus. Das macht es für Händler schwierig, sich richtig zu positionieren.“ Lee, ein langjähriger Optimist, erwartet im Herbst zunächst Rückschläge von 5 bis 10 Prozent, bevor der S&P 500 bis Jahresende wieder zwischen 6.800 und 7.000 Punkte steigen könnte.

Frische Impulse für die Märkte
Auch andere Wall-Street-Strategen teilen die Skepsis. Die Ruhe an den Aktienmärkten gilt manchen Beobachtern als Warnsignal, da sie in einem historisch schwachen Monat auftritt. Im Durchschnitt verlor der S&P 500 im September der vergangenen 30 Jahre 0,7 Prozent. Vier der letzten fünf Jahre endeten mit einem Minus.
Die anstehenden Impulse beginnen mit dem US-Arbeitsmarktbericht, für den Ökonomen rund 75.000 neue Stellen erwarten. Die Zahlen waren zuletzt politisch brisant: Im August reduzierte das Statistikamt die Beschäftigungszahlen für Mai und Juni um 260.000 Stellen. Dies führte zu einer Tirade von Präsident Donald Trump, der die Behördenleiterin entließ und Manipulationen aus politischen Motiven unterstellte.
Am 9. September folgt die turnusgemäße Revision der Beschäftigungsstatistik. Zwei Tage später wird der Verbraucherpreisindex veröffentlicht. Am 17. September entscheidet die Fed über die Zinsen und legt ihre Projektionen vor. Notenbankchef Jerome Powell wird anschließend in einer Pressekonferenz Rede und Antwort stehen. Laut Terminmärkten liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung bei knapp 90 Prozent. Nur zwei Tage später folgt der sogenannte Hexensabbat (engl. Triple Witching Day), wenn zahlreiche Optionen auslaufen und die Volatilität zusätzlich verstärken könnten.
Die trügerische Ruhe
Trotz dieser Unsicherheiten scheinen viele Marktteilnehmer unbeeindruckt. Hedgefonds und große Spekulanten wetten massiv auf anhaltend niedrige Schwankungen und gehen Short-Positionen im VIX ein – so aggressiv wie seit drei Jahren nicht mehr. „Der Arbeitsmarktbericht wird mit einer impliziten Schwankungsbreite von nur 85 Basispunkten eingepreist“, warnt Stuart Kaiser, Aktienstratege bei Citigroup. Das deute darauf hin, dass die Aktienmärkte das Risiko deutlich unterschätzen.
Doch die Erfahrung zeigt: Solch ein Gleichgewicht kann abrupt kippen. Schon im Februar und April stieg die Volatilität sprunghaft, als Trumps Zollpolitik die Märkte verunsicherte und viele Profis auf dem falschen Fuß erwischte. Ähnliches passierte im Sommer 2024, als die Auflösung des Yen-Carry-Trades die globalen Aktienmärkte erschütterte. Der VIX notiert unter der Marke von 15 Punkten und bleibt damit weiterhin rund 20 Prozent unter seinem Einjahresdurchschnitt.

Fundamentale Stärke und Bewertungsrisiken
Auf der anderen Seite gibt es Gründe für die starke Performance: Die US-Wirtschaft zeigt sich trotz Zöllen widerstandsfähig, die Unternehmensgewinne entwickeln sich robust. Laut einer Umfrage der Bank of America sind Investoren so optimistisch wie seit Februar nicht mehr, die Cashquoten sanken auf 3,9 Prozent – ein historisch niedriger Wert.
Gleichzeitig wächst die Sorge vor einer Überbewertung an den Aktienmärkten. Der S&P 500 wird aktuell zum 22-fachen der durchschnittlichen Gewinnprognose der Analysten für die nächsten zwölf Monate gehandelt. Seit 1990 war der Index nur auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase und während der Technologie-Euphorie nach dem Tiefpunkt der Corona-Pandemie im Jahr 2020 teurer. Der bekannte Buffett-Indikator notiert derweil bei 217 % – ein Rekordniveau.
„Wir legen unseren Fokus auf große Technologiewerte“, erklärt Tatyana Bunich, Präsidentin von Financial 1 Tax. „Aber diese Aktien sind derzeit sehr teuer. Deshalb halten wir etwas Bargeld zurück und warten auf eine Korrektur, bevor wir unsere Positionen weiter ausbauen.“
Auch der bekannte Marktstratege Ed Yardeni zeigt sich vorsichtig. Er zweifelt daran, dass die Fed im September tatsächlich die Zinsen senkt. „Ich erwarte, dass diese Aktienrally bald ins Stocken gerät“, sagt Yardeni. „Die Akitenmärkte preisen gerade sehr viel Positives ein. Wenn die Inflationszahlen hoch ausfallen und gleichzeitig ein starker Arbeitsmarktbericht veröffentlicht wird, könnten Händler plötzlich glauben, dass Zinssenkungen keineswegs sicher sind. Das könnte zu einem kurzen Ausverkauf führen. Aber die Aktien werden sich erholen, sobald klar wird, dass die Fed ohnehin nicht viel senken kann – und zwar aus einem guten Grund: Die Wirtschaft ist nach wie vor stark.“
FMW/Bloomberg
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