An den Aktienmärkten wächst die Nervosität: Der S&P 500 gerät ins Straucheln, während Wall Street-Strategen zweifeln, ob die ersehnte Jahresendrally noch rechtzeitig zünden kann. Zwischen schwächelnder KI-Dynamik, defensiven Umschichtungen und technischen Warnsignalen steht der Markt vor einer entscheidenden Bewährungsprobe.
Aktienmärkte: Abkühlung statt Rally
An der Wall Street wächst die Sorge, dass den Aktienmärkten die Zeit davonläuft, um doch noch eine klassische Jahresendrally zu starten. Die jüngsten Rückschläge und die Schwäche der Tech-Schwergewichte werfen Zweifel auf, ob die Aktienmärkte ausgerechnet in einer der saisonal stärksten Phasen wieder in Schwung kommen kann.
Auslöser der Unsicherheit ist vor allem die abrupte Abkühlung der Technologiebranche, die den S&P 500 seit seinem Tief im April um beeindruckende 34 Prozent nach oben getrieben hatte. Doch die Dynamik rund um den Hype der künstlichen Intelligenz ist ins Stocken geraten. Da Tech-Titel nicht mehr ziehen, hängt die Marktentwicklung zunehmend von konjunktursensitiven Sektoren ab – und diese geraten ebenfalls unter Druck, weil sich die US-Wirtschaft zunehmend abkühlt und die Konsumenten an Kaufkraft verlieren.
Allein am Montag fiel der S&P 500 um 0,9 Prozent und verbucht damit im November bereits ein Minus von 2,5 Prozent. Seit 14 Handelstagen hat der Index kein Rekordhoch mehr erreicht – statistisch kein Drama, aber die längste Durststrecke seit dem Frühjahr. Besonders hart trifft es die „Magnificent Seven“: Sie liegen diesen Monat fast fünf Prozent im Minus, mit Alphabet als einzigem positiven Ausreißer. Dabei stellte dieses Tech-Segment bislang praktisch den gesamten Gewinn des laufenden Börsenjahres und war die treibende Kraft an der Wall Street.
Auch die einst gefeierte KI-Rally zeigt Risse. Anleger sorgen sich zunehmend über die gewaltigen Investitionen, die für den Ausbau der Infrastruktur nötig sind und sich zu einer finanziellen Belastung entwickeln könnten. Allein Amazon nahm am Montag 15 Milliarden US-Dollar am Anleihemarkt auf – ein Signal dafür, wie kapitalintensiv der KI-Ausbau geworden ist. Gleichzeitig mehren sich Hinweise auf eine Abschwächung der US-Wirtschaft, vor allem am Arbeitsmarkt. Niedrige Einkommen geraten stärker unter Druck, und wichtige Marktindikatoren senden Warnsignale: Sowohl der S&P 500 als auch der Nasdaq 100 fielen unter ihre 50-Tage-Durchschnitte, ein klassisches technisches Alarmzeichen.
Wall Street zweifelt an der Jahresendrally
Für viele Wall-Street-Strategen beginnt nun eine entscheidende Phase an den Aktienmärkten. Laut Adam Turnquist, Chefstratege bei LPL Financial, starten Jahresendrallys üblicherweise Anfang November – nicht erst in der zweiten Monatshälfte nach deutlichen Rücksetzern. Er warnt vor „mehr Schmerz“, da wichtige US-Indizes zentrale Unterstützungszonen nach unten durchbrochen haben.
Die kommenden Tage könnten zum Testfall werden: Schwergewichte wie Walmart, Home Depot und Target legen ihre Zahlen und Prognosen für das Weihnachtsgeschäft vor. Nvidia als letzter Big-Tech-Konzern veröffentlicht ebenfalls heute Abend Quartalszahlen. Zudem kehren erstmals seit sieben Wochen zentrale Konjunkturdaten zurück – ein Faktor, der frische Impulse geben oder neue Sorgen auslösen kann.
Einige Analysten sind bereits überzeugt, dass der S&P 500 sein Jahreshoch gesehen hat. John Roque von 22V Research verweist auf eine problematische Entwicklung: An der Nasdaq verzeichnen mehr Aktien neue 52-Wochen-Tiefs als -hochs – ein historisch schlechtes Vorzeichen. „Die Aktienmärkten können nicht steigen, wenn neue Tiefs neue Hochs übertreffen“, sagt Roque. Er sieht Meta als möglichen Taktgeber der aktuellen Korrektur, da der Konzern früher als andere Tech-Schwergewichte ins Minus rutschte und erst ein neues Tief markieren müsse, bevor die Markterholung einsetzen könne. Die Aktie liegt inzwischen 24 Prozent unter ihrem August-Hoch.

Anleger schichten um
Parallel dazu hat sich eine deutliche Rotation an der Wall Street entwickelt: Anleger ziehen Kapital aus großen Tech-Titeln, unprofitablen Wachstumswerten, Bitcoin, Meme-Aktien und stark geshorteten Papieren ab. Stattdessen fließt Geld in defensivere Bereiche. Gesundheitswerte waren zuletzt die stärksten Gewinner im S&P 500, da kapitalstarke Anleger dort Schutz vor der zunehmenden Volatilität suchen.
Auch andere Marktexperten warnen vor einem gefährlichen Momentumverlust. Analysten von Manulife John Hancock Investments betonen, dass der US-Momentum-Faktor an einer mehrmonatigen Unterstützung kratzt. Die jüngsten Bewegungen erinnerten an den „Sell America“-Trade vom April – ein Muster, das auf steigende Risikoaversion an der Wall Street hindeutet.
Trotz aller Risiken sehen einige Analysten weiterhin Chancen für die Jahresendrally – wenn auch unter Vorbehalten. Die aktuelle Rotation hin zu defensiven Sektoren könne übermäßige Übertreibungen in Wachstumsbereichen abbauen, sagt Sam Stovall von CFRA. Zwar waren die letzten zwei Wochen turbulent, doch die Rücksetzer seien bislang „nicht tief genug, um als ausgewachsene Korrektur zu gelten“. Auch Ned Davis Research hält eine Rally grundsätzlich für möglich, warnt jedoch: Je länger die Konsolidierungsphase andauert, ohne dass der Aufwärtstrend zurückkehrt, desto größer die Gefahr eines Tops an den Aktienmärkten.
FMW/Bloomberg
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