Die europäischen Aktien stehen trotz Iran-Krieg und steigender Ölpreise weiter im Fokus der Strategen, die laut einer Bloomberg-Umfrage mit einer Rückkehr zu Rekordständen rechnen. Die jüngste Eskalation im Nahen Osten und die steigenden Ölpreise schüren Inflationssorgen und belastet die Aktienmärkte kurzfristig. Große Häuser wie JPMorgan, HSBC und Goldman Sachs bleiben dennoch konstruktiv positioniert. Entscheidend für den Stoxx 600 Index wird sein, ob sich die geopolitischen Risiken rasch abschwächen und das Wachstumsszenario stabil bleibt.
Aktienmärkte: Strategen bleiben optimistisch
Laut einem Bericht von Bloomberg zeigen sich Marktstrategen gelassen gegenüber zunehmenden Inflationsängsten infolge des Iran-Kriegs und erwarten weiterhin, dass europäische Aktienmärkte neue Höchststände erreichen werden. Der Stoxx Europe 600 Index dürfte laut Median von 16 Prognosen das Jahr etwa 11 % über dem Schlusskurs vom Freitag bei 635 Punkten beenden. Aktuell betrachten die Strategen den Konflikt und den Anstieg der Ölpreise als temporäre Faktoren, die eine Beschleunigung des europäischen Wirtschaftswachstums nicht nachhaltig gefährden.
Keiner der befragten Strategen hat seine Kursziele für den europäischen Leitindex in diesem Monat gesenkt, während Unicredit und Deka Bank ihre Erwartungen sogar leicht angehoben haben. Letztere gehört gemeinsam mit HSBC zu den optimistischsten Stimmen mit einem Kursziel von 670 Punkten, was einem Aufwärtspotenzial von rund 17 % entspricht. Die pessimistischsten Einschätzungen kommen von TFS Derivatives und Bank of America, die ein moderates Rückschlagrisiko von etwa 2 % sehen.

Kurzfristige Marktreaktionen und Risiken
Werbung.
Die Umfrage wurde durchgeführt, bevor US-Präsident Donald Trump ein Ultimatum stellte, wonach der Iran die Straße von Hormus innerhalb von 48 Stunden vollständig wieder öffnen soll. Entsprechend verhalten ist die Stimmung zu Wochenbeginn: Der Stoxx 600 fiel um 1,6 % und steuert auf eine technische Korrektur zu, während der DAX zeitweise um 2,2 % abrutschte.
Der Konflikt im Nahen Osten hat die globalen Energiemärkte durcheinandergebracht und Befürchtungen ausgelöst, dass Notenbanken angesichts steigender Preise die Zinsen anheben müssen – und das in einer Phase schwächelnder Konjunktur. Dennoch blenden die optimistischsten Strategen diese Risiken aus und setzen auf ein rasches Ende des Iran-Kriegs, das die zu Jahresbeginn vorhandene positive Ausgangslage für Wachstum und Gewinne wiederherstellen könnte.
„Die dramatischen Ereignisse im Nahen Osten werden kurzfristig zu einer Risk-off-Haltung an den Aktienmärkten führen, aber bei einem Anlagehorizont von drei, sechs oder zwölf Monaten sollte die Schwäche unserer Ansicht nach zum Einstieg genutzt werden“, so ein Team von JPMorgan unter Leitung von Mislav Matejka. „Militärische Konflikte sind zwar unvorhersehbar, doch wir gehen davon aus, dass eine Eskalation angesichts politischer Zeitpläne nicht lange anhalten wird, während das fundamentale Umfeld konstruktiv bleibt.“
Stimmungswandel unter Investoren
Die Zuversicht gegenüber europäischen Aktien ist laut der jüngsten Fondsmanager-Umfrage der Bank of America „geschwächt, aber nicht gebrochen“. Allerdings haben Sorgen, Aktienpositionen zu stark zu reduzieren, inzwischen den Befürchtungen Platz gemacht, zu wenig abzubauen.
Der Anteil der Befragten, die in den kommenden Monaten weiteres Aufwärtspotenzial an den Aktienmärkten sehen, fiel deutlich auf netto 36 % nach 67 % im Vormonat. Auch die Erwartung steigender Kurse im nächsten Jahr ging zurück – auf netto 71 % von zuvor 89 %.
Unter der Oberfläche zeigt sich insbesondere kurzfristig ein deutlicher Stimmungsumschwung. Inflations- und Konjunktursorgen dämpfen die Begeisterung für europäische Fiskalimpulse und Erwartungen an starkes Gewinnwachstum. Seit Beginn des Kriegs sind die Brent-Ölpreise um mehr als 50 % gestiegen, während sich die Preise für Erdgas nahezu verdoppelt haben. Der Stoxx 600 steuert auf den schwächsten Monat seit sechs Jahren zu und hat im März bereits 11 % verloren. Der DAX hat von seinem Rekordhoch bei 25.507 Punkten in der Spitze bereits rund 14 % eingebüßt.
Gegenwind kommt zudem von der Geldpolitik, da sich die Erwartungen an Zinssenkungen gedreht haben. Während zu Jahresbeginn noch sinkende Zinsen erwartet wurden, preisen Händler inzwischen drei Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank für 2026 ein.
Sektorrotation und Bewertung im Fokus
Laut Bloomberg Intelligence markieren steigende Ölpreise eine kritische Schwelle für die europäischen Aktienmärkte: In früheren Phasen konnten die meisten Sektoren bis zu einem Brent-Preis von 100 Dollar positive Renditen erzielen, darüber hinaus verengt sich jedoch die Marktführerschaft und die wirtschaftlichen Risiken steigen. Besonders anfällig ist der DAX aufgrund seiner negativen Ölpreis-Sensitivität und energieintensiven Struktur, während FTSE 100 und CAC 40 von höheren Energieanteilen profitieren.
Während Anleger bislang zögerlich waren, Aktien massiv zu verkaufen, hat bereits eine Umschichtung in defensivere Sektoren wie Telekommunikation und Versorger eingesetzt. Gleichzeitig wurden Gewinne bei den stärksten Performern sowie bei konjunktursensiblen Titeln wie Banken, Minen, Automobil- und Baustoffunternehmen mitgenommen. Energieaktien profitieren hingegen vom Ölpreisanstieg, während Fluggesellschaften stark unter Druck geraten sind.
„Wir haben Kontinentaleuropa im Januar aufgrund steigender geopolitischer Risiken und zunehmender Belastungen für Exporteure von Übergewichten auf Neutral herabgestuft“, erklärte Beata Manthey von Citigroup. Ihr Kursziel für den Stoxx 600 liegt weiterhin bei 640 Punkten. „Anhaltend hohe Energiepreise dürften energieintensive Industrien in Europa belasten, auch wenn die Sensitivität geringer ist als 2022. Positiv ist jedoch, dass zuvor stark optimistische Positionierungen mittlerweile vollständig abgebaut wurden.“
Großbritannien im Fokus
Die Citi-Strategen bevorzugen Großbritannien, das historisch als effektiver geopolitischer Hedge gilt. Seit Beginn des Iran-Kriegs ist der FTSE 100 um 8 % gefallen, während der Eurozonen-Index in Dollar gerechnet 10 % verloren hat.
Gleichzeitig erscheinen europäische Aktien nach dem jüngsten Rückgang nicht mehr so attraktiv bewertet. Sie handeln aktuell beim rund 15-Fachen der erwarteten Gewinne, verglichen mit einem 20-Jahres-Durchschnitt von 13,3.
„Europa bleibt im Vergleich zu den USA attraktiv bewertet, ist jedoch nicht mehr günstig und bietet daher einen geringeren Bewertungspuffer, falls geopolitische Risiken anhalten oder sich verschärfen“, schreiben Goldman-Sachs-Strategen um Sharon Bell. „Wir erwarten weiterhin ein Gewinnwachstum je Aktie von 5 % und 7 % für 2026 und 2027 – deutlich unter dem Konsens von 11 % bzw. 12 %, aber unter unseren Annahmen weiterhin positiv.“
FMW/Bloomberg
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken
Die Investmentbanking-Analysten von Goldman Sachs profitieren eben von ihrer Kompetenz, was die Beurteilung der Situation der Ölindustrie anbelangt. Ansonsten versucht der 47. US-Präsident Donald John Trump aktuell die Öffentlichkeit iranpolitisch hinter die Fichte zu führen, was ihm jedoch nicht gelingen wird.