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Aktienmärkte: Einbruch des Nasdaq – Chance zur Rotation?

Die Aktienmärkte sind weiter im Sinkflug, vor allem die im Nasdaq gelisteten Tech-Werte fallen stark – aber kommt es jetzt zu einer großen Rotation raus aus Tech-Werten, rein in Value-Werte? Dafür mehren sich die Anzeichen – im Zuge des spektakulären Anstiegs der Techwerte im Nasdaq, insbesondere verbunden mit der fundamental eigentlich völlig unsinnigen Kursexplosion von Tesla und Apple infolge eines Aktiensplits im August, war das allerdings noch nicht wirklich bemerkt worden. Auch die Industrials geben Lebenszeichen von sich. Bietet die Korrekturphase der schweren Nasdaq-Titel für die Aktienmärkte die Chance auf ein Revival von Value? Eine Spurensuche.

Erstes Indiz – die Frühindikatoren

Betrachtet man sich den Chart und die Performance des Frühindikators für die alte Industrie par excellence, den Dow Jones Transportation Index, so fragt man sich, warum die dem Index zuzuordnende Industrie eigentlich noch keine stärkere Kursbewegungen nach oben gemacht hat. Der Index erreichte sein Tief am 23. März, wie nahezu alle Indizes, bei 6481 Punkten und war bis zu seinem Hoch am 4. September bis auf 11.488 Punkte gestiegen. Wo ist da ein Unterschied zum S&P 500? Der Index setzt sich aus 20 der größten Transportunternehmen an der New York Stock Exchange zusammen und gilt als vorlaufender Indikator der US-Konjunktur und damit auch für die Aktienmärkte. Dahinter verbergen sich Fluggesellschaften wie zum Beispiel American Airlines oder Delta Airlines, Lieferservices wie FedEx oder United Parcel Service, Bahngesellschaften, Speditionen, Schifffahrtsgesellschaften, aber auch eine bekannte Leihwagenfirma. Im Gegensatz zur Digitalbranche müssen Güter physisch auf allen Wegen und in allen Fertigungsstufen transportiert werden.

Ein weiter Frühindikator ist der Preis für Kupfer, ein Industriemetall, welches eine enorm wichtige Bedeutung für die Industrie besitzt. Auch hier hat man den Anstieg des Preises von 4700 Dollar im Märztief auf aktuell 6290 Dollar zu registrieren. Dies ist der höchste Stand seit Mitte 2018.

Aktienmärkte: Der exorbitante Bewertungsunterschied zwischen Growth und Value

Die letzte Hausse bei den Tech-Unternehmen, in einem neuen Akronym FATMAAN genannt, hat zu einer hohen Bewertung des Sektors geführt und zwar weltweit. Die großen Titel geben für nahezu alle Aktienmärkte und Indizes den Ton an – nicht nur beim Nasdaq, sondern etwa auch beim MSCI World, der kürzlich seinen Höchststand vom Februar 2020 übertroffen hat. Betrachtet man dagegen den Teilindex MSCI World Value, die Weltausgabe der Aktienmärkte mit den zyklischen Titeln, liegt dieser noch 20 Prozent unter seinem vorherigen Höchststand. Ein weiterer Vergleich bringt die ungewohnte Asymmetrie (Value hat sich in Dekadenzyklen fast immer besser entwickelt als Growth) noch deutlicher zum Vorschein. Das Kurs/Gewinn-Verhältnis des MSCI World Growth ist fast doppelt so hoch wie das des MSCI World Value das ist eine extreme Divergenz, die es nur während der Internet-Bubble um die Jahrtausendwende gegeben hat.

Spuren beim industrielastigen Dax

Nicht ohne Grund wird des Öfteren auf die schlechte Performance unseres Performance-Index Dax hingewiesen, der nicht nur unüblicherweise die Dividenden miteinrechnet, sondern auch noch sehr industrielastig aufgebaut ist. Jedoch ist der Performance-Blick durch die ständige Fixierung auf diverse Fahnenstangen an der Wall Street etwas getrübt. Wo stand der weltgrößte Index, der S&P 500 am 23. März im Corona-Tief – und wo der DAX?

S&P 500: 2226 Punkte – gestern 3331 Punkte
DAX: 8741 Punkte (Tagestief 8255) – gestern 12968 Punkte

Trotz Alphabet, Apple, Facebook und Microsoft – hier ist kein großer Unterschied in der Entwiclung beider Aktienmärkte zu erkennen. Dabei könnte sich der Nachteil des deutschen Aktienbarometers, die unterproportionale Tech-Gewichtung, sich kurzfristig sogar in einen Vorteil umwandeln. Denn sowohl in Deutschland, aber auch in Europa hat bereits so etwas wie eine Branchenrotation eingesetzt: Der europäische Sektor mit 23 Technologiewerten (mit unserem Branchenprimus SAP), verlor in den letzten 5 Tagen 1,7 Prozent, in vier Wochen aber auch 0,5 Prozent.

Recht überraschend entwickelt sich hingegen ein Wert aus der „alten“ Industrie, der Automobilkonzern Volkswagen. Plus 7 Prozent in einer Woche und 12 Prozent in vier Wochen. Obwohl auf dem derzeitigen Automobilgipfel gerade wieder über Staatshilfen diskutiert wird, hat der Konzern mit den 12 Marken schon um 50 Prozent seit dem Märztief zugelegt – und verkündete gerade, den Elektroautopionier Tesla bei der Herstellung von E-Autos bis 2023 überholen zu wollen. Auch bei BMW und Daimler ging es deutlicher nach oben als beim Dax. Dies gilt auch für die europäischen Automobilwerte, die in den beiden Vergleichszeiträumen mit 4,7 Prozent beziehungsweise 9,7 Prozent stärker zulegen konnten als der deutsche Leitindex.

Aber selbst die Bankenwerte scheinen sich nach oben orientieren zu wollen: Der europäischen Bankenindex hat sich mit einem Plus von 1,6 Prozent auf Wochensicht (beziehungsweise von 3,4 Prozent in der Monatsbetrachtung) besser als die europäischen Techwerte entwickelt.

Schlecht lief es in der letzten Woche mit dem europäischen Branchenindex Reise und Freizeit. Die Sorgen um Covid-19 führten zu einem Wochenverlust von 4,2 Prozent, jedoch konnte man auch in dieser Sorgenbranche der Aktienmärkte ein kleines Plus binnen Monatsfrist feststellen. Jetzt könnte man wagemutig die Frage stellen: Was wird mit den Aktien von Lufthansa und Co passieren, sollte es tatsächlich etwas werden mit einem effektiven Impfschutz? Vermutlich eines der heißesten Wetten des Herbstes.

Fazit

Sicherlich wird es keinen stürmischen Anstieg der alten Industriewerte geben. Zu niedrig sind die Wachstumsraten der alten Value-Titel und zu sehr haben sich Millionen von neuen Anlegern auf die vielen Corona-Gewinner eingeschossen, mit denen man schon ohne Hebel in kurzer Zeit große Gewinne einfahren konnte. Septembereinbruch oder Branchenrotation auf leisen Sohlen, hatte ich vor gut einer Woche getitelt. Klar, geht es an schwachen Tagen auch mit den Nachzüglern nach unten. Aber sollte sich die Wirtschaftserholung tatsächlich weiter fortsetzen, wie es manche Frühindikatoren andeuten (z.B. der Ifo-Index in Deutschland), kann diese nicht ohne die alte Industrie geschehen. Die Renaissance von Value wird kommen, vermutlich wirklich auf leisen Sohlen, denn an den Börsen wird nicht geklingelt, nicht vor dem Einbruch bei Tech und nicht vor Renaissance der Industrials.

Zum Schluss noch ein Aspekt, dem im Wahljahr 2020 noch besondere Bedeutung zukommt: Der Nasdaq 100 hat mit seinem Einbruch von minus 11 Prozent in Wochenfrist den Korrekturmodus erreicht. Wann werden sich Donald Trump und seine Gefolgsleute um eine verbale Unterstützung des so „wahlrelevanten“ Aktienmärkte bemühen?

Die Aktienmärkte stehen vor einer Rotation zulasten der zuvor so bullischen Aktien im Nasdaq



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