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Aktienmärkte: Geht die Pattsituation zwischen Bullen und Bären weiter?

Warum die Korrektur nicht kommen will

Die Aktienmärkte in einem Patt

Die letzten beiden Börsenwochen hatten ein Muster: Zu Beginn der Woche gab es einen Einbruch, ab Wochenmitte ging es nach oben und zum Ende schlossen die Aktienmärkte fast unverändert. Schlechte Nachrichten wurden damit immer wieder aufgekauft, auf Unternehmensergebnisse gab es kaum Reaktionen. Diese Woche beginnt anders, es ging für die Aktienmärkte der USA gleich einmal kräftig nach oben. Ein Ausreißer an einem Feiertag in vielen Ländern, oder gibt es wieder neue Höchststände?

Aktienmärkte: Der Abbau der Überbewertung

Wenn Kurse so stark gestiegen sind, wie sie es praktisch seit 14 Monaten ohne größere Korrekturen getan haben, wartet natürlich (fast) jeder auf einen Einbruch, der ein oder andere versucht dies mit Short-Spekulationen umzusetzen. Was natürlich zum Gegenteil führt, wenn diese sich nicht einstellen wird, denn das alles führt zu Kosten (Zeitwertverlusten) und zu stetigen kleinen Eindeckungen. Überbewertungen können natürlich auch über die Zeit abgebaut werden, durch längere Seitwärtsbewegungen, um kurstechnisch in die berühmte Spanne der Bollinger Bands zurückzukehren.

Die großen Gegenkräfte und ihre Waage

Bei der Beurteilung der wirtschaftlichen Lage ist immer zu beachten, ob das Wirtschaftsgeschehen auch etwas mit der Börse zu tun hat. Genauer gesagt, ob viele betroffene Unternehmen und Branchen überhaupt in entsprechender Weise Börsen-gelistet sind. So wie in Deutschland, dem Land des Mittelstandes. Der Dax mit seinen 30 Werten hängt mehr und mehr von seinen Märkten im Ausland ab, wenn der Export brummt. Die Dax-Werte sind seit trotz Hausse billiger geworden.

Hier wird die Seitwärtsbewegung auch besonders deutlich, sein Allzeithoch von 15.502 Punkten stammt schon vom 15. April und ist damit schon sechs Wochen alt. Gestern der starke Wochenauftakt in New York.

Wird der Dax seinen Rekord heute auf Schlusskursbasis brechen?

Auch die Bewegung beim S&P 500 ist bisher eine längere Querbewegung: Auf 4-Wochensicht liegt er in Summa bei plus/minus null – nur ein Prozent unter All-Time High, beim Nasdaq nur bei minus vier Prozent. Was hält also die Investoren davon ab, nicht nur hin und wieder die 50-Tage-Linie zu testen, sondern einen größeren Ausstieg zu wagen?

Wie in der letzten Woche öfters angedeutet: Die Aktienmärkte sind nach den letzten grandiosen Quartalsberichten in ihren KGVs deutlich billiger geworden. Wie man an dieser Grafik schön sieht.

Aktienmärkte: nach guten Zahlen günstiger

Die Realrenditen an den Zinsmärkten schießen inflationsbedingt in ungeahnte Tiefen, weil man anscheinend den Notenbanken mit ihrer Prognose einer vorübergehenden Inflation Glauben schenkt.

Wie sagte der bekannte Ökonom Mohamed El-Erian gestern in einem Interview mit dem „Handelsblatt“ zu dieser Thematik?

„Die Fed hat sich zum falschen Zeitpunkt eine neue Strategie gegeben. Sie hat früher versucht, vorausschauend Inflation zu verhindern. 2019 hat sie sich darauf festgelegt, erst zu reagieren, wenn die Inflation schon deutlich zu erkennen ist. Das schränkt sie nun extrem ein.“

Und auf der Frage nach den Risiken:

„Wenn die Fed massiv auf die Bremse treten muss, hat es bisher immer eine Rezession gegeben. Außerdem ergeben sich aus einer Geldpolitik, die zu lange zu locker war, Risiken für die Stabilität des Finanzsystems, vor allem außerhalb des Bankensektors.“

Wie reagiert Big Money?

„Unterschiedlich. Die einen, etwa die Fondsgesellschaft Blackrock, werden vorsichtiger und fahren ihre Barbestände hoch. Sie wollen vermeiden, dass ihnen bei einem Einbruch der Märkte die Liquidität ausgeht. Andere, etwa die Großbank JP Morgan bleiben voll investiert. Sie wissen zwar, dass es fundamental keine Rechtfertigung dafür gibt, aber sie verlassen sich immer noch auf die Fed.“

In Fed we trust.

Statistisch noch eine kurze gute Phase

Wenngleich man statistischen Daten im aktuellen Corona-Umfeld mit seinen ganzen Absonderlichkeiten nicht allzu viel Beachtung schenken sollte, hier dennoch ein Blick auf das langjährige saisonale Muster, welches noch einen kleinen Aufwärtsschub verspräche.

Der Mai hat nur noch ein paar Börsentage – am Montag, den 31.5. ist in den USA Memorial Day – also nur noch wenige Tage zu einem Sell in May.

Die Saisonalität der Aktienmärkte

Was als Damoklesschwert über den Aktienmärkten schwebt, ist neben allerlei Exzessen in Einzelwerten und Branchen, vor allen Dingen das auf das Rekordniveau von 847 Milliarden Dollar gestiegene Volumen an Wertpapierkrediten (Margin Debt). Dies ist natürlich kein Timing-Indikator, aber jeder Tag kostet Zinsen und ist nur rentierlich, wenn die beliehenen Assets weiter ansteigen

Anleihenkurse steigen

Die zehnjährigen US-Staatsanleihen steigen weiter im Kurs, sprich die Rendite (1,606%) fällt. Passiert einmal wieder das Gegenteil, wie vor Kurzem geschrieben, dass die massive Spekulation auf fallende Kurse als einer der „Most crowded Trades“ zu einem ungewöhnlichen Szenario führt? Immer, wenn die Mehrheit sich in eine Richtung bewegt, passiert zumindest kurzfristig das Gegenteil, wie seit Tagen beobachtet.

Paradoxon Fear&Greed

Die meisten Aktienmärkte stehen auf Rekordständen oder nur kurz darunter und das Angstbarometer auf den großen S&P 500 liegt bei 35 Punkten – also im Bereich zunehmender Angst – wie passt das zusammen? Schließlich setzt sich dieser Stimmungsindikator aus sieben Einzelindikatoren zusammen und symbolisiert damit, dass es nicht Euphorie oder Überspekulation gibt, sondern eher das Gegenteil: Die Neigung zur Absicherung, zur Vorsicht, in Erwartung von Rückschlägen. Betrachtet man sich die Vergangenheit, so kamen solche Indexstände vor allem in stärkeren Korrekturphasen vor.

Die Furcht der Aktienmärkte

Spricht eigentlich nicht für einen größeren Einbruch.

Was steht an?

Für unseren DAX war der neueste Ifo-Index heute um 10:00 Uhr sehr bedeutsam. Nach seinen 96,8 Punkten im Vormonat, dem höchsten Stand seit Juni 2019. Ein Frühindikator, der sehr mit der Entwicklung des Index korreliert. Warum läuft der auf der alten Industrie basierende und wachstumschwache deutsche Leitindex seit Monaten so gut?

Klar ist er ein Exportindex, ein Call auf die Weltwirtschaft, aber er ist zugleich eine Ansammlung von Value-Titeln und diese laufen seit Monaten insgesamt besser als Tech. Man achte nicht so sehr auf die täglichen Schwankungen der Teilindizes – einmal Hü, einmal Hott – sondern eher auf die mittelfristige Entwicklung. Und da liegt der über 660 Milliarden Dollar schwere Value-Titel Berkshire Hathaway seit Jahresanfang mit 26 Prozent im Plus, gegenüber 13 Prozent beim S&P 500 und 5,5 Prozent beim Nasdaq 100 und auch der deutsche Leitindex hat es bis zum Wochenschluss auf plus 12 Prozent gebracht. Größere Rotationen wie zwischen Growth und Value, Big- und Smallcaps laufen nicht in kurzen Zyklen.

Fazit

Die Aktienmärkte sind anscheinend hin- und hergerissen zwischen Wachstumshoffnung und Inflationssorgen. Gefangen in der großen Gemengelage, geschaffen durch die Notenbanken, die weiter an ihren Ankaufprogramm festhalten (don’t fight the Fed) und die die Inflation als vorübergehend betrachten. Damit einen Notstand verursachen, der fast historisch ist – zum Beispiel eine negative US-Realrendite von minus 2,5 Prozent.

Auf der anderen Seite gibt es die Erkenntnisse der Großinvestoren, dass sich jeder Aufwärtstrend in Korrekturphasen hinein bewegen wird. In jedem Jahr seit der Jahrtausendwende gab es eine Korrektur beim S&P 500 von mindestens 6,5 Prozent. Nur noch nicht im Jahr 2021.

Tägliche Schlagzeilen gibt es viele, eine Spielweise für Trader. Doch die Aktienmärkte als Ganzes, suchen ständig den Horizont ab, nach Hinweisen ob sich an der großen Gemengelage etwas ändert. Die Märkte sind bekannt dafür, dass sie ihre Marktmeinung rasend schnell ändern, zuletzt gesehen im Jahr 2019 nach der 180 Prozent-Kehrtwende von Jerome Powell.

Im Moment sieht es eher nach einem guten Mai-Finale aus.



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3 Kommentare

  1. Avatar

    Wichtige Aussage, schuldenfinanzierten Aktien müssen steigen um rentabel zu sein.Das heisst, je länger das Spiel dauert oder getrieben wird, desto gefährlicher für das gesamte Finanzsystem.Die Notenbänker machen genau das was sie nicht haben möchten.Statt das Finanzsystem zu stärken vergiften sie mit ihrer Medizin den Patienten.Das PERPETUM MOBILE geht lange vorwärts, dann knallt es zurück.

  2. Hallo Herr Müller,
    eine Kehrtwende ist immer noch eine Richtungsänderung und die
    wird in Grad angegeben und nicht in Prozent.

    1. @Wolf Korn. Da haben Sie recht. Sorry für den Verschreiber. Habe darüber schon einmal einen Artikel geschrieben, in Grad!
      Gruß

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