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Aktienmärkte: Hat eine Salami-Korrektur begonnen?

New York Stock Exchange als Symbol für die globalen Aktienmärkte

Vor genau einem Jahr hatte eine Korrektur der Aktienmärkte begonnen, die sich bis Ende Oktober hinzog und den Indizes einen Abschlag von etwa 10 Prozent (beim S&P 500 von 3580 auf 3269 Punkte) einbrachte – die letzte größere Korrektur seither. Eigentlich stehen die Chancen recht groß, dass es im aktuellen Umfeld eine Replik des Vorjahres geben könnte. Aber da man die letzten Tage überall von einer möglichen bevorstehenden Korrektur lesen konnte, ist es eigentlich nicht sehr wahrscheinlich, dass diese gleich kommt, oder dass diese zumindest in anderer Weise als erwartet ablaufen wird. Seit Dienstag fallen die Kurse an der US-Börse – scheibchenweise.

Das unheimliche Patt der Aktienmärkte

Am gestrigen Donnerstag wunderten sich Kommentatoren an der Wall Street anfangs, wieso sich die US Märkte so stabil zeigen, trotz zahlreicher negativer Wirtschaftsmeldungen. Denn lange Zeit lag man in New York mit den Kursen im Plus, obgleich unser Dax am Vormittag bis 15.454 Punkte so richtig abgetaucht war.

Meldungen zuhauf, die eigentlich auch für negative Kurse hätten sorgen müssen. So wie der Anstieg der Produzentenpreise in China um 9,5 Prozent, dem stärksten Anstieg seit 2008 (weshalb China seine Öl-Reserven anzapft), die sich zugespitzende Liquiditätskrise des chinesischen Immobilienkonzerns China Evergrande und allgemein neue Sorgen um die Corona-Pandemie, die auch in den USA zu reihenweisen Gewinnwarnungen bei den Fluggesellschaften geführt hatten. Die Probleme um die Anhebung der Schuldenobergrenze, die neue Steuerpolitik Bidens bei den Unternehmenssteuern, die großen Angebots- und Lieferengpässe, die Probleme am Arbeitsmarkt mit den vielen offenen Stellen, die beginnende Lohninflation, die großen Mietpreissteigerungen, nichts scheint die Aktienmärkte stark zu beunruhigen. An den Vortagen gab es leichte Kursabgaben, am Donnerstag ging es zunächst leicht nach oben und am frühen Nachmittag hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Märkte mit ihrer Ankündigung von moderaten Reduzierungen der Anleihekäufe zum Jahresende beruhigt. Kein Tapering, sondern eine Rekalibrierung von PEPP sollte es werden, was einer Beruhigungspille für nervöse Investoren gleichkam.

Die positive Sicht der Dinge

Noch scheint man die zweite Seite der Medaille zu sehen. Angebotsengpässe stellen keinen Einbruch der Nachfrage dar, wie bei einer Rezession, sondern eine Verlagerung der Nachfrage in die Zukunft. Damit vertraut man immer noch auf die Notenbanken, die wegen der Sorgen um die Pandemie die Geschwindigkeit der Drosselung der Anleihekäufe verringern könnten.

Ebenso die fast schon koordiniert erscheinenden Begründungen der großen Notenbanken für die geldpolitischen Schritte, die man in Relation stellt, zur Entwicklung von Corona, der Entwicklung der Arbeitsmärkte und der Fortschritte bei der konjunkturellen Entwicklung. Ob die Bank of Japan, die Europäische Zentralbank oder die Federal Reserve, stets werden zwar Sorgen über die ausufernde Inflation genannt, aber dennoch die Ansicht vertreten, dass das Meiste davon auf die besondere Situation wegen Corona zurückzuführen sei und die Basiseffekte 2022 zu einer deutlichen Milderung führen würden.

Die Beruhigungsspritze durch Madame Lagarde

Die Worte der EZB-Chefin Christine Lagarde bei ihrem Statement (und bei der Pressekonferenz) zum Zustand der europäischen Wirtschaft und den Folgen der Geldpolitik waren in großer Vorsicht formuliert worden und hatten ein großes Ziel: Die Märkte nicht zu verunsichern, ein langfristiges Tapering einzuleiten und dennoch Zeit zu gewinnen. Ein großer verbaler Spagat mit vielen kleinen Ungereimtheiten. Trotz der Erwartung großer Wachstumsraten in der EU von 5,0 Prozent für 2021 und 4,6 Prozent für 2022 sprach die Französin von einer noch unvollständigen Erholung, golfsportlich betrachtet: Man sei noch nicht auf dem grün.

Bei der Inflationsrate hebt man das erwartete Niveau für das Gesamtjahr 2021 auf 2,2 Prozent an (von 1,9 Prozent im Frühsommer), bleibt aber bei einem Rückgang in den nächsten beiden Jahren auf 1,5 beziehungsweise 1,4 Prozent. Jahrelang sei die Teuerungsrate zu niedrig gewesen, aktuell läge man über dem Ziel der EZB. Lagarde ließ als Politikerin aber auch eine andere Variante offen: „Wenn die Versorgungsengpässe länger anhalten und sich in höheren als den erwarteten Lohnsteigerungen niederschlagen, könnte der Preisdruck auch anhaltender sein.“

Die Strategie des Zeitgewinns äußerte sich auch in ihrer Bemerkung zur nächsten EZB-Sitzung im Oktober, dann habe man neue Daten und könne dann sogar bis ins Jahr 2024 blicken. Oder auf die Frage auf das Ende des Anleihekaufprogramms PEPP: Man habe im Rat noch nicht über eine künftige Einstellung der Käufe beraten. Soll man so etwas glauben?

Andererseits würden die Anleihekäufe zum Jahresende reduziert werden, Lagarde vermied es aber über die Höhe der Senkung konkret zu werden. Dass dies alles in allem die Märkte beruhigte, sah man an der Reaktion beim Dax. Dieser wanderte während der Pressekonferenz ins Plus. Der entscheidende Satz für viele Anleger war wohl dieser: „Unser Job ist noch nicht erledigt.“ Vor allem, wenn man die Inflationserwartungen für 2022 und danach ins Kalkül zieht. Ergo: EZB-Chefin Lagarde blieb sehr im Ungefähren, wie stark die Anleihekäufe genau sinken werden, verrät sie nicht, ebenso Aussagen über das genaue Ende von PEPP.

Die überragende Stütze der Aktienmärkte: Der Realzins

Was einen größeren Einbruch der Aktienmärkte nach wie vor verhindert, ist die absonderliche Situation um den Realzins, die Differenz zwischen den zehnjährigen Staatsanleihen und der Inflationsrate, die sich auch gestern nicht wesentlich verändert hat. Es sind wie seit Generationen nicht mehr gesehene Negativrenditen, konkret: Die 10-jährigen US-Staatsanleihen notierten zur Börsenschluss bei 1,30 Prozent, damit liegt der Realzins bei einem Verbraucherpreisindex von 5,37 Prozent immer noch bei über minus vier Prozent.Genauso wie in Deutschland bei einer zehnjährigen Bund mit minus 0,37 Prozent und einer Inflationsrate von 3,9 Prozent. Daraus entsteht weiter eine gewaltige Zwangslage.

Was sollen Vermögensverwalter tun? Es fließt ständig Kapital in die Aktienmärkte, so viel wie nie zuvor, aber und jetzt kommt das Problem: immer mehr in passive Fonds, in die Exchange Traded Funds. Was soll ein aktiver Fondsmanager machen, der in seiner Performance noch hinter der Benchmark liegt? Aussteigen im schlechten Börsenmonat September, was sicherlich eine gute Gelegenheit wäre aufzuholen, aber was passiert, wenn die Korrektur doch nicht so aus geprägt kommt, wie erwartet? Wohin mit dem Kapital aus dem Aktienmarkt? In den Geldmarkt oder in den Anleihemarkt, in dem es nur Gewinne gibt, wenn die Zinsen fallen? Aber würden dann die großen Tech-Titel nicht weiter steigen? Sollten die Zinsen aber ansteigen, macht er sofort Kursverluste, vor allem mit den Langläufern. Eine große Psychoschaukel, in der sich die Fondsbranche befindet und verantwortlich für diese Malaise ist natürlich – Sie wissen schon.

Fazit

Im Tagesverlauf war der Dax nach seinem Rutsch aus der fünfwöchigen Seitwärtszone zwischen 15.600 und 16.000 Punkten zunächst wieder in die alte Range zurückgekehrt. Allerdings konnte dieses Niveau nachbörslich durch eine nachgebende Wall Street mit Abgaben zwischen 0,4 und 0,5 Prozent bei den drei großen Indizes nicht gehalten werden. Die amerikanischen Börsen setzten ihren stufenförmigen Abwärtstrend fort, schlussendlich setzten sich wieder die Sorgen durch.

Trotz eines möglicherweise sehr dosierten Vorgehen beim „Tapering“ diesseits und jenseits des Atlantiks, was eben noch keiner aggressiven Geldpolitik entspricht, sondern nur moderater Anpassungen, gibt es auch die Sorgen um das Wachstum und die Gewinne der Unternehmen. Es hagelt täglich neue Abstufungen über die kommenden Gewinne, die „Bottlenecks“ bei den Unternehmen sind in aller Munde. Die Entwicklung der Aktienmärkte ist zudem alles andere als breit unterstützt. Es sind vor allem die ganz großen Titel in den Indizes, und etwa 50 Prozent der erwarteten Gewinne sollen allein aus drei Sektoren kommen: Technology, Communication Services und Healthcare. Da darf es zu keinen Enttäuschungen kommen.

Zudem sinkt der Kreditimpuls in den USA ganz stark ab, auf ein Niveau wie schon ein Jahrzehnt nicht mehr gesehen. Auch wenn dies erst so nach und nach wirksam würde, auf welchen Zeitraum blicken denn die Börsen? So könnte man formulieren: Nach der Notenbanksitzung ist vor der Notenbanktagung. Die nächste Fed-Sitzung findet am 21./22. September statt. Wie erwartet, blieb Christine Lagarde bezüglich einer Timeline beim Tapering äußerst vage. Dieses Thema ist höchstwahrscheinlich abgesprochen mit Fedchef Powell, dem vermutlich der „First-Mover-Step“ zukommt, aber bei welchem Meeting? Es könnte also sein, dass die Waage zwischen Belastungs- und Stützfaktoren für die Aktienmärkte noch ein Weilchen in der Schwebe bleibt. Erleben wir nach einem wochenlangen langsamen Hochschmelzen der Kurse jetzt so etwas wie ein langsames Abschmelzen?



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