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Aktienmärkte: Hohe Kurse, Mini-Umsätze – wo bleibt die Korrektur?

Apathie vor dem Sturm?

Die Aktienmärkte in einer Pattsituation

Auch wenn am gestrigen Montag die Aktienmärkte aufgrund der Nachrichten aus China zunächst etwas schwächelten, so schlossen die Indizes wieder über oder nur knapp unter ihren erst vor Kurzem erreichten Allzeithochs. Ob S&P 500, EuroStoxx oder Dax, die Erholung der Aktienmärkte ist auch im langfristigen Vergleich sehr ungewöhnlich. Anstiege von 70 bis 100 Prozent seit dem Tief in der Corona-Krise und dies bei einer ganz seltsamen Gemengelage.

Aktienmärkte: Viele Widersprüchlichkeiten

Rekordhohe Zuflüsse in Aktienfonds im ersten Halbjahr, Investmentfonds, die nur noch ganz wenig Cash halten, derzeit 56 Prozent aller Empfehlungen an der Wall Street für Einzelaktien als Kaufempfehlungen – aber wenig Euphorie am Gesamtmarkt, ablesbar am Fear&Greed-Index (aktuell 49 Punkte). Wie passt das zusammen? Jetzt fiel auch noch das Verbrauchervertrauen der Uni Michigan auf 70,2 Punkte, auf den tiefsten Stand seit 2011 und dennoch gab es keine Kursreaktion an den Märkten.

Es scheint sich eine gewisse Apathie breitzumachen, zu erkennen an den dünnen Umsätzen der Aktienmärkte. Nicht nur in den USA, auch bei unserem heimischen Leitindex. Obwohl mit 16.000 Punkten kurz vor dem Wochenende die nächste runde Rekordzahl erklommen werden konnte, geschah dies bei nur 40 Millionen gehandelten Aktien. Wie aus Berechnungen des Handelsblatts hervorgeht, waren es bei der 15.000er-Marke 70 Millionen Stück, bei der 14.000 sogar 86 Millionen Aktien.

Da die Zahl der deutschen Aktionäre in diesem Jahr aber um zwei Millionen Neuanleger gestiegen ist, mutmaßen Analysten, dass es dafür eine Erklärung geben muss: Die Großen haben Bestände abgeladen, die von den Kleinen abgenommen wurden. So auch die Aussage von Goldman Sachs: „Institutional positioning has decreased, while retail positioning has massively increased..“

Aber insgesamt muss sich an den Märkten dennoch ein Gleichgewicht gebildet haben, welches für dieses langsame Nachobenschaukeln verantwortlich ist.

Die negativen Faktoren für die Aktienmärkte

Hierbei ist zunächst einmal die Entwicklung der Inflation zu nennen. Kein Tag vergeht, wo Anleger und Konsumenten nicht mit neueren Steigerungsraten konfrontiert werden. Bei Frachtraten, Produzentenpreisen oder auch an den Ladenkassen. Was dazu geführt, hat, dass Investoren die künftigen Teuerungsraten bereits über drei Quartale hinweg schon etwas nach oben gesetzt haben, die Verbraucher sich angesichts steigender Lebenshaltungskosten ärmer fühlen. Von einem flächendeckenden Lohnanstieg ist noch wenig zu erkennen, die Teuerungen von 5,4 Prozent in den USA und 3,8 Prozent in Deutschland schlagen aber mächtig auf die Stimmung. Der Tariflohnindikator der Europäischen Zentralbank zeigte im ersten Vierteljahr einen Lohnanstieg im Euro-Raum von ganzen 1,4 Prozent. Die Kaufkraft schwindet, in den USA sind sechs Millionen Arbeitnehmer noch ohne Job.

Aber: Ohne ausgabefreudige US-Konsumenten wackelt ein US-Aufschwung.

Von vielen Analysten wird auch das Risiko des vorzeitigen Ausstiegs der Federal Reserve aus der ultralaxen Geldpolitik genannt – Stichwort Tapering. Eine reale Bedrohung für die Aktienmärkte, sollte sich aufgrund der Inflationsraten eine Zwangslage für die Notenbank ergeben. Vor allem, wenn sich diese Befürchtung noch vor dem Jahresende als Notwendigkeit erweisen sollte.

Das nächste Gefahrenmoment ist die Entwicklung von Corona, besonders in Fernost, wo die Impfrate erst bei circa 20 Prozent liegt. Mit all den Implikationen auf Lieferketten und der Preisentwicklung. Für die USA selbst dürfte sich die Beeinträchtigung nicht als besonders gravierend herausstellen. Zunächst, weil sich die Impfquote gegenüber Monatsfrist bereits wieder auf eine Million täglich verdoppelt hat und Coronawellen nach vier bis sechs Wochen immer wieder deutlich zurückgingen (Beispiele Indien, GB).

Die stützenden Faktoren

Auch wenn die Berichtssaison für das zweite Quartal noch nicht ganz zu Ende ist, zeichnet sich dennoch eine große überragende Bilanz ab. Die Unternehmen im S&P 500 haben im zweiten Quartal ihre Gewinne um 30 Prozent und ihre Umsätze um 8 Prozent gesteigert – nicht gegenüber dem Coronajahr, sondern gegenüber 2019. Damit haben sich die großen Überbewertungen des Jahres 2020 doch deutlich relativiert. Ein Entwicklung, die analog auch für die Aktienmärkte in Europa feststellbar ist.

Auch wenn stets die Geldflut als Treiber für die Aktienindizes genannt werden, die Unternehmensergebnisse spielen schon noch eine Rolle.

Wobei wir einmal mehr bei der Universalbegründung – Anlagenotstand – wären. Aber extreme Negativrealrenditen sind von Groß-Anlegern nicht einfach zu ignorieren. Ein Weiteres ist bei all der Furcht vor dem Tapering nicht zu vergessen. Sollten sich die Prognose über die Maßnahmen der Federal Reserve als real erweisen, so flössen immer noch fast 500 Milliarden Dollar durch die Anleihekäufe bis Jahresende an die Märkte.

Auch kaum zu vernachlässigen: Noch stehen dreistellige Dollarbeträge für Aktienrückkäufe vor einer Umsetzung.

Fazit

Egal welche Argumente auch gegen die Aktienmärkte sprachen, egal welche kleine wirtschaftlichen oder außerwirtschaftlichen Hiobsbotschaften auch veröffentlicht werden, es will sich einfach keine nennenswerte Korrektur einstellen.

Anscheinend sind die aktuellen Unternehmensmeldungen zu gut, die Zinsen zu niedrig, die Inflation hoch aber nicht zu bedrohlich – und nach wie vor gilt: „In Fed we trust“. Aber da liegt ein Unsicherheitsfaktor. Sollte ein Tapering vielleicht schneller notwendig werden, als angenommen?

Börse mag keine Unsicherheit, lautet ein Spruch an der Börse – was eigentlich Unsinn ist, denn jede Börsenentscheidung wird im Zustand unvollkommener Informationen getroffen, schließlich geht es um die Zukunft. Was die Aktienmärkte nicht mögen ist, wenn sich die Unsicherheit aufgrund neuer Fakten verstärkt. Dies dürfte die aktuelle Situation zumindest ein wenig beschreiben.



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