Indizes

Bullen vs. Bären mal anders Aktienmärkte im Clinch: Mensch gegen Maschine – wer gewinnt?

Aktienmärkte im Clinch: Mensch gegen Maschine - wer gewinnt?
Grafik: ChatGPT

An den Börsen tobt derzeit ein ungewöhnlicher Wettstreit zwischen Bullen und Bären – und diesmal verläuft die Frontlinie zwischen Mensch und Maschine. Während computergesteuerte Strategien den S&P 500 weiter in die Höhe treiben, setzen viele menschliche Anleger auf Vorsicht und warnen vor einer möglichen Korrektur. Wer am Ende Recht behält, könnte die Richtung der Aktienmärkte für den Rest des Jahres bestimmen.

Aktienmärkte: Mensch (Bär) vs. Maschine (Bulle)

An den Aktienmärkten zeichnet sich derzeit ein ungewöhnliches Bild ab: Während computergesteuerte Handelsstrategen so optimistisch sind wie seit Anfang 2020 nicht mehr, überwiegt bei menschlichen Anlegern Skepsis. Laut Parag Thatte, Stratege bei der Deutschen Bank, hat es diese deutliche Divergenz zwischen Mensch und Maschine seit dem Vor-Covid-Zeitalter nicht mehr gegeben. Der Grund liegt in den unterschiedlichen Bewertungsansätzen: Quant-Fonds orientieren sich systematisch an Momentum- und Volatilitätssignalen, während diskretionäre Investoren vor allem Konjunktur- und Unternehmensgewinne im Blick haben. Historisch gesehen hält ein solches Auseinanderdriften der Einschätzungen jedoch selten lange an. „Diskretionäre Anleger warten auf eine Wende, sei es ein nachlassendes Wachstum oder eine durch Zölle bedingte Inflation in der zweiten Jahreshälfte“, so Thatte. Entweder werde ihre Vorsicht bestätigt, wenn die Aktienmärkte wegen Wachstumsängsten fallen, oder sie erhöhen ihre Aktienquote, falls sich die Wirtschaft als robust erweist.

Source: Deutsche Bank

Die Unsicherheit ist hoch, denn weder die Entwicklung der US-Handelspolitik unter Präsident Donald Trump noch der Kurs der US-Notenbank Fed sind klar vorhersehbar. Der S&P 500 markiert zwar immer neue Rekorde, doch viele professionelle Investoren haben in der Woche bis zum 1. August ihre Aktienquote von neutral auf leicht untergewichtet gesenkt – aus Sorge um globale Handelskonflikte, Unternehmensgewinne und Konjunkturaussichten. „Niemand möchte teurere Aktien kaufen, die bereits auf Rekordniveau stehen. Daher hoffen einige auf einen Ausverkauf, um einen Grund zum Kauf zu haben“, erklärt Frank Monkam von Buffalo Bayou Commodities.

Markttechnik vs. fundamentale Lage

Während diskretionäre Anleger auf die Seitenlinie treten, nutzen trendfolgende Algorithmen die Kursdynamik und setzen massiv auf steigende Kurse. Nach einer Phase extrem niedriger Aktienquoten im Frühjahr haben diese Strategien kräftig zugekauft, beflügelt vom fast 30%-Anstieg des S&P 500 seit dem April-Tief. In der Woche bis zum 1. August erreichten die Long-Positionen systematischer Strategien den höchsten Stand seit Januar 2020. Dieses Kräfteverhältnis zwischen technischen und fundamentalen Faktoren sorgt dafür, dass der S&P 500 in einer engen Handelsspanne verharrt, nachdem er im Juli die längste Phase niedriger Volatilität seit zwei Jahren verzeichnet hatte. Der VIX, das gängige Maß für erwartete Schwankungen an den US-Aktienmärkten, schloss zuletzt bei 15,15 – nahe dem Jahrestief. „Ein Gummiband lässt sich nur bis zu einem gewissen Punkt dehnen, bevor es zurückschnellt“, warnt Colton Loder von Cohalo, der in der aktuellen Marktkonzentration ein erhöhtes Rückschlagsrisiko sieht.

UBS sieht Systematische Fonds nahe dem maximalen Long-Engagement.

Solche Extrempositionierungen kommen bei computergesteuerten Strategien immer wieder vor. Anfang 2023 etwa stiegen Quants massiv ein, nachdem der S&P 500 im Vorjahr um 19 Prozent gefallen war, bis die Turbulenzen im US-Regionalbankensektor im März die Volatilität in die Höhe trieben. Ähnliches war Ende 2019 zu beobachten, als Fortschritte in den Handelsgesprächen zwischen Washington und Peking die Aktienmärkte antrieben. Dieses Mal dürfte die Spaltung zwischen Mensch und Maschine laut Thatte nur wenige Wochen andauern. Sollten diskretionäre Anleger aufgrund schwächerer Konjunktur oder rückläufiger Unternehmensgewinne verkaufen, würden systematische Strategien bei steigender Volatilität vermutlich ebenfalls Positionen abbauen.

S&P 500: Risiko eines Rückschlags

Scott Rubner von Citadel Securities rechnet zudem damit, dass kurzfristig orientierte Investoren bis September ihre volle Aktienquote erreichen. Das würde die Aktienmärkte anfälliger für abrupte Kursrückgänge machen und könnte Gewinnmitnahmen auslösen. Loder verweist auf das Risiko, dass sogenannte Commodity Trading Advisors (CTAs) als Erste ihre extremen Long-Positionen abbauen. CTAs halten derzeit rund 50 Milliarden US-Dollar in US-Aktien – im 92. Perzentil der historischen Exponierung, so Goldman Sachs. Laut UBS-Experte Maxwell Grinacoff müssten die Kurse des S&P 500 allerdings erst um etwa 4,5 Prozent auf 6.100 Punkte fallen, bevor diese Akteure zum Verkauf gezwungen wären.

Die entscheidende Frage lautet daher: Kann eine Rallye der Aktienmärkte unter diesen Bedingungen überhaupt nachhaltig sein? „Die Lage beginnt sich wie eine Toppbildung anzufühlen“, so Grinacoff. Das kurzfristige Aufwärtspotenzial sei „wahrscheinlich erschöpft“, da die CTA-Positionierung bereits nahe dem Maximum liege. Dennoch sei dies „nicht alarmierend“. Ein durch systematische Verkäufe ausgelöster Rückgang könnte diskretionären Vermögensverwaltern, die bisher nicht investiert sind, eine Einstiegschance bieten und damit einen größeren Einbruch an den Aktienmärkten verhindern. „Was auch immer den nächsten Rückgang auslösen wird, ist derzeit noch unklar“, sagt Loder. Doch wenn es soweit ist, könnten die niedrigen Aktienquoten dieser Anleger den bekannten „buy the dip“-Reflex auslösen – und so den potenziellen Rückschlag begrenzen.

Mike Wilson, Chefstratege für US-Aktien bei Morgan Stanley, ist hingegen optimistisch und sagt: „Wir befinden uns in einem neuen Bullenmarkt.“

FMW/Bloomberg



Stefan Jäger
Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Meist gelesen 7 Tage