Die Aktienmärkte erreichen nach der jüngsten Rekordrally zunehmend extreme Niveaus, während ein Quant-Modell von Bloomberg Intelligence bereits Warnsignale sendet. Vor allem die starke Konzentration auf wenige Tech- und KI-Gewinner treibt die Euphorie an der Wall Street weiter an. Gleichzeitig wächst kurzfristig das Risiko eines stärkeren Rücksetzers.
Aktienmärkte senden Warnsignale
Die Erholung von den Tiefständen im März wurde vor allem von Hoffnungen auf eine Entspannung im Iran-Konflikt, einer starken Berichtssaison sowie der anhaltenden KI-Rally angetrieben. Dadurch hat sich die Anlegerstimmung laut einem quantitativen Modell der Bloomberg-Intelligence-Strategen in einen Bereich bewegt, der als „manisch“ gilt und kurzfristig Warnsignale für die Aktienmärkte sendet. Das Modell analysiert sechs verschiedene Komponenten, wobei insbesondere drei Faktoren ausschlaggebend waren: die Spreads von Hochzins-Unternehmensanleihen, die geringe Volatilität sowie niedrige paarweise Korrelationen.
Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass ein Crash an den Aktienmärkten bevorsteht. Historisch ging ein solches Umfeld häufig weiterhin mit Kursgewinnen einher – allerdings in deutlich moderaterem Tempo. Zwischen 2012 und 2023 erzielte der Russell 3000 Index laut dem Market-Pulse-Modell von Bloomberg Intelligence in den drei Monaten nach wiederholt hohen Stimmungswerten durchschnittlich 2,9 % Rendite. In diesen Phasen schnitten vor allem Large Caps besser ab: Der US-Leitindex S&P 500 übertraf den Small-Cap-Index Russell 2000 im Schnitt um rund 178 Basispunkte.
Rally erreicht neue Extremwerte
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Dennoch unterscheidet sich die aktuelle Entwicklung von früheren Rallys. Historisch traten derart starke monatliche Kursanstiege meist nach Börsencrashs auf – etwa im April 2009 oder April 2020, als sich Aktienmärkte von krisenbedingten Tiefständen erholten. Diesmal stiegen die Kurse hingegen ausgehend von einem bereits hohen Bewertungsniveau auf neue Rekorde, was das weitere Aufwärtspotenzial begrenzen könnte.
„Wenn plötzlich alles gleichzeitig funktioniert – Growth vor Value, zyklische Werte vor defensiven Titeln –, ist das meist ein Zeichen einer späten Marktphase und nicht der Beginn eines neuen Zyklus“, schrieben Christopher Cain und Nathaniel Welnhofer von Bloomberg Intelligence. „Die Historie zeigt, dass positive Renditen weiterhin möglich sind, aber weniger attraktiv ausfallen und sich die Marktführerschaft wieder stärker auf Large Caps konzentriert.“
Der S&P 500 legte im April um mehr als 10 % zu und verzeichnete damit den fünftbesten Monat der vergangenen 35 Jahre. Gleichzeitig erreichte der Leitindex mehrere neue Allzeithochs. In der ersten Maiwoche kamen bereits weitere 2,2 % hinzu, sodass der Index seit dem Tief Ende März in der Spitze um fast 17 % zulegte. Die Futures auf den S&P 500 lagen am Donnerstagmorgen in New York weitere 0,1 % im Plus. Der folgende SPX-Chart verdeutlicht die fulminante Rally seit dem Tief im April 2025 und zeigt zugleich, wie stark der Index inzwischen überkauft ist und sich von seinen wichtigsten Durchschnittslinien entfernt hat.
Tech-Aktien dominieren den Markt
Trotz steigender Energiepreise, die den Ausblick für den Rest des Jahres belasten, wird die Rekordrally weiterhin von soliden Fundamentaldaten unterstützt. Die Gewinne im ersten Quartal dürften im Jahresvergleich um fast 27 % steigen – mehr als doppelt so stark wie die Prognose von 12,4 % vor Beginn der Berichtssaison. Zudem übertrafen bis Mittwochabend mehr als 83 % der Unternehmen die Erwartungen. Das ist laut Bloomberg Intelligence der stärkste Wert seit 2021, während negative Überraschungen auf dem niedrigsten Niveau seit über drei Jahrzehnten liegen.
Allerdings bleibt die Marktkonzentration eng, da die jüngste Aufwärtsbewegung vor allem von Technologie- und KI-Aktien getragen wurde. Nur etwa die Hälfte der S&P-500-Unternehmen notiert derzeit über ihrem 50-Tage-Durchschnitt. Gleichzeitig bewegt sich der Philadelphia Semiconductor Index auf dem stärksten überkauften Niveau seit der Dotcom-Blase.
Viele Strategen an der Wall Street sind daher überzeugt, dass sich die Rally auf andere Sektoren ausweiten muss, damit sie nachhaltig bleibt.
„Wir gehören zu denen, die davon ausgehen, dass sich die Rally an den Aktienmärkten verbreitern wird“, sagte Katrina Dudley, Senior Investment Strategist für Public Markets bei Franklin Templeton. Sie verwies darauf, dass die meisten großen Branchen im S&P 500 zweistellige Gewinnzuwächse beim Gewinn je Aktie erzielt hätten.
Wall Street warnt vor Überhitzung
Das könnte die Risiken begrenzen, falls die Tech-Aktien, die den Aktienmarkt derzeit antreiben, wieder deutlich zurückfallen. Strategen von BTIG warnen jedoch, dass die Euphorie rund um Chip-Hersteller und andere KI-Gewinner inzwischen „extremer“ sei als während des Technologiebooms von 1999. Dies könnte eine Korrektur im Halbleitersektor auslösen und den S&P 500 zurück an seinen 50-Tage-Durchschnitt führen, der aktuell bei rund 6.850 Punkten verläuft.
„Wir haben uns definitiv von maximalem Pessimismus hin zu einem gewissen Maß an überhöhtem Optimismus bewegt“, sagte Joe Gilbert, Portfoliomanager bei Integrity Asset Management. „Die Sorge betrifft die Nachhaltigkeit der Rally. Diese zunehmende Verengung des Marktes deutet darauf hin, dass mit jeder weiteren Aufwärtsbewegung weniger Aktien an der Entwicklung teilnehmen.“
Kurzfristig wirkt die Rally an den Aktienmärkten überdehnt, was sich auch im Momentumindikator RSI widerspiegelt, der bereits tief im überkauften Bereich notiert. Die starke Konzentration auf wenige KI-Gewinner, der rasante Kursanstieg seit Ende März sowie die zunehmend euphorische Marktstimmung erhöhen damit kurzfristig das Risiko eines stärkeren Rücksetzers.
FMW/Bloomberg
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