Die Aktienmärkte stehen vor einer neuen Bewährungsprobe: Während der S&P 500 unaufhaltsam seine Rally fortsetzt und von Rekord zu Rekord klettert, rücken plötzlich die Bewertungen jenseits der großen Technologiewerte in den Fokus. Immer deutlicher zeigt sich, dass nicht nur die sogenannten Magnfiicent Seven, sondern auch viele andere Aktien inzwischen auf wackligem Fundament stehen könnten.
Aktienmärkte: Bewertungsängste nehmen zu
Seit Wochen wächst die Sorge, dass der Rekordaufschwung der US-Aktienmärkte zu einer Blase führen könnte. Laut einem Bericht von Bloomberg wird am häufigsten die überhöhte Bewertung des Leitindex S&P 500 als Grund für die Besorgnis genannt.
Kritiker verweisen auf den übergroßen Einfluss des Technologiesektors auf den diesjährigen Anstieg: Nur fünf Aktien – allesamt Megacap-Technologieunternehmen – machen die Hälfte des 12-prozentigen Anstiegs des S&P 500 aus. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die Technologiegiganten ihre hohen Bewertungen weitgehend mit einem Gewinnwachstum gerechtfertigt haben, das die Kurssteigerungen unterstützt.
Laut Seaport Research Partners ist es der Rest des Aktienmarktes, der allmählich überbewertet erscheint.
Ein Index der S&P-500-Unternehmen ohne den Technologiesektor ist im letzten Jahr um solide 13 % gestiegen, doch laut Daten von Bloomberg Intelligence sind die Gewinne nur um 6,4 % gewachsen. Der S&P-500-Index für Informationstechnologie ist hingegen um 27 % gestiegen – eine Rate, die im Vergleich zum Gewinnwachstum des Sektors von 26,9 % eher angemessen erscheint.
Nachdem eine hervorragende Berichtssaison für Big Tech die beunruhigenden Trends in anderen Bereichen der Aktienmärkte überdeckt hat, verlagern sich die Sorgen. Der Rohstoffsektor, der vorwiegend aus Chemie- und Bergbauunternehmen besteht, ist in diesem Jahr um 9 % gestiegen, während die Gewinne um 13 % zurückgegangen sind. Eines der deutlichsten Beispiele in diesem Sektor ist Dow Inc., derzeit die teuerste Aktie im gesamten S&P 500, die mit dem 914-fachen des Gewinns gehandelt wird.
„Wo findet die Spekulation statt? Sie findet nicht im Technologiebereich, sondern im Nicht-Technologiebereich statt“, sagte Jonathan Golub, Geschäftsführer und Chef-Aktienstratege bei Seaport Research Partners, am Telefon.
Teure Aktienmärkte
Der S&P 500 wird mit dem 27-fachen des erwarteten Gewinns gehandelt. Das Shiller-KGV liegt hingegen bei knapp 40, während der Buffett-Indikator auf eine Rekordniveau von 217 % notiert. Solche Niveaus wurden zuletzt in Zeiten extremer Hausse, wie beispielsweise während der Dotcom-Blase, erreicht. Auch Technologieaktien weisen derzeit hohe Bewertungen auf. Einige Unternehmen wie Oracle und Broadcom werden sogar mit dem 67- bzw. 86-fachen ihres Gewinns gehandelt, was durchaus besorgniserregend ist.
Die „Magnificent Seven”, zu denen Tech-Giganten wie Nvidia, Microsoft, Meta Platforms und Alphabet gehören, haben jedoch 2025 einen Rückgang ihres KGV um 7,9 % verzeichnet, obwohl ihre Aktien um 18 % gestiegen sind. Und obwohl das KGV der Gruppe mit 43 im Vergleich zum breiten Aktienmarkt erhöht ist, könnte die Gewinnprognose von 20 % für die kommenden zwölf Monate die Kurse teilweise rechtfertigen.
Ein breiterer Blick auf Technologie- und technologieintensive Aktien zeigt laut Daten von Seaport ein ähnliches Bild. Dabei werden alle Technologieunternehmen im S&P 500 sowie Alphabet, Meta und Amazon.com aus dem Kommunikationsdienstleistungssektor zusammengefasst. Ihre Aktien sind in diesem Jahr um rund 15 % gestiegen, was im Wesentlichen dem Wachstum des Gewinns pro Aktie von ebenfalls 15 % entspricht.
S&P 500 überhitzt
Laut dem viel beachteten Anlagestrategen Jim Paulsen sieht der Rest des S&P 500 etwas überhitzt aus, wenn man die Gewinnentwicklung im Verhältnis zu den Aktien betrachtet.
„Der Gewinnserfolg während dieser Hausse war im Wesentlichen auf Unternehmen der Informationsbranche beschränkt”, sagte er. „Es ist verlockend zu sagen, dass die Unternehmen der neuen Ära ihre derzeit hohen Bewertungen nicht verdient haben”, so Paulsen weiter, „aber sie sind während dieser Hausse so stark gewachsen”, was zum Teil auf ihre „kolossale fundamentale Performance” zurückzuführen ist.

Dennoch sind längerfristige Bedenken hinsichtlich der Bewertungen im Allgemeinen und der Bewertungen von Technologieunternehmen im Besonderen aufgekommen. Ed Clissold, Chefstratege für die USA bei Ned Davis Research, weist darauf hin, dass der S&P 500 seit dem Tiefpunkt des Bärenmarktes im Jahr 2022 um 83 % gestiegen ist, während die Gewinne im selben Zeitraum nur um 16 % gestiegen sind. Ein klares Warnsignal für überzogene Bewertungen an den Aktienmärkten.
„Es ist daher kein Wunder, dass die Bewertungen gestiegen sind”, schrieb Clissold in einer Research-Notiz vom 11. September.
Clissold weist jedoch auch darauf hin, dass die überzogenen Bewertungen nicht auf den Technologiesektor beschränkt sind. Selbst wenn man die Ausreißer – also die Mega-Cap-Aktien – herausnimmt, sind laut Clissold sowohl „die durchschnittlichen Aktien teuer“ als auch „die sonst günstigsten Aktien teuer“.
FMW/Bloomberg
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