Vor dem wichtigen Treffen der Notenbanker in Jackson Hole, bei dem Fed-Chef Powell neue Hinweise zum Zinspfad geben wird, äußert sich Mike Wilson, Chefstratege bei Morgan Stanley, zur Lage an den Aktienmärkten. Während die Märkte bereits hohe Erwartungen an bald sinkende Zinsen haben, mahnt Wilson zur Vorsicht. Die Kombination aus geldpolitischer Unsicherheit, den jüngsten Trump-Zöllen und einer fragilen Gewinnentwicklung vieler Unternehmen schafft eine Gemengelage, in der Investoren auf jedes Signal der Notenbank achten. Insbesondere Powells Rede in Jackson Hole wird zeigen, ob die Rally an den Aktienmärkten neuen Schwung erhält oder in eine Phase der Ernüchterung übergeht.
Aktienmärkte: Powell als Lackmustest
Die bevorstehende Konferenz in Jackson Hole rückt einmal mehr in den Fokus der internationalen Finanzwelt. Nach der Rekordjagd des US-Leitindex S&P 500 könnte das Ereignis zur Bewährungsprobe für die Rally werden. Anleger blicken daher gespannt auf die Rede des Fed-Vorsitzenden Jerome Powell am Freitag. Diese soll die Frage beantworten, ob die Fed im September die Zinsen senken wird. Derzeit preisen die Märkte eine Zinssenkung im September mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 bis 90 Prozent ein. Mike Wilson, Chief US Equity Strategist bei Morgan Stanley, mahnt jedoch zur Vorsicht: Sollte diese Erwartung nach der Konferenz deutlich sinken, droht eine Enttäuschung an den Aktienmärkten. Powell und die US-Notenbank wollen keinesfalls in den Verdacht geraten, Investoren bewusst zu enttäuschen. Doch die Inflationslage bleibe ein entscheidender Unsicherheitsfaktor, sagt Wilson.
Die Einschätzungen der Morgan-Stanley-Ökonomen zeichnen ein Bild von einer sich abschwächenden Konjunktur bei gleichzeitig hartnäckiger Teuerung. Dennoch mehren sich laut Wilson Anzeichen, dass die jüngsten Trump-Zölle nicht in dem Maße inflationsfördernd wirken wie zunächst befürchtet. Damit könnten die Chancen auf eine baldige Lockerung der Geldpolitik steigen. Gleichwohl lasten die gegenwärtig hohen Zinsen schwer auf vielen Unternehmen und Konsumenten. Zins-sensitive Sektoren seien bereits seit zwei bis drei Jahren in einer Art Rezession gefangen, was den Handlungsdruck der Fed zusätzlich erhöhe.
Trump-Zölle werden zur Belastung
Parallel zur geldpolitischen Debatte sorgen die Unternehmensberichte der großen Einzelhändler wie Walmart, Home Depot und Target für Schlagzeilen. Während die Aktienmärkte insgesamt stark von positiven Gewinnrevisionen getragen werden, sieht Wilson in der Konsumgüterbranche Risiken. Vor allem dort, wo Unternehmen über geringe Preissetzungsmacht verfügen, könnten die Trump-Zölle zu Margendruck führen. Ob Importeure, Exporteure oder Verbraucher letztlich die Kosten tragen, sei offen, doch in jedem Fall drohe in bestimmten Segmenten eine Belastung der Gewinne im dritten und vierten Quartal.
Im Technologiesektor dagegen hellt sich das Bild auf. Nach einer Phase rückläufiger Investitionen in IT-Kapazitäten, verstärkt durch eine zeitweilige Abkühlung der Investitionen in Künstliche Intelligenz, scheinen die Talsohlen durchschritten. Wilson sieht darin den Hauptgrund für die jüngste Rally von Technologiewerten und betont, dass viele Marktteilnehmer die Erholung im Softwarebereich unterschätzt haben. Hier eröffne sich auf Sicht von sechs bis zwölf Monaten weiteres Potenzial.
Bullenmarkt mit Rückschlagspotenziel
Trotz der anhaltenden Unsicherheiten zeigt sich Wilson insgesamt optimistisch. Er erkennt seit April den Beginn eines neuen Bullenmarktes, auch wenn er im dritten Quartal mit Rückschlägen an den Aktienmärkten rechnet. Diese möglichen Korrekturen stellen seiner Ansicht nach jedoch Kaufgelegenheiten dar. Die eigentliche Zäsur könnte schließlich mit der Entscheidung der Fed über künftige Zinsen erfolgen. Erst wenn eine nachhaltige Lockerung der Geldpolitik einsetzt, dürften auch bisher vernachlässigte Marktsegmente, wie kleinere Werte und Teile des Konsumsektors, wieder Tritt fassen. Das würde die derzeit schwache Marktbreite verbessern.
Damit bleibt das Bild an den Aktienmärkten zwiespältig: Die Hoffnung auf Zinssenkungen steht den Belastungen durch Trump-Zölle sowie dem zentralen Signal von Fed-Chef Powell aus Jackson Hole gegenüber. Dies wird darüber entscheiden, ob die gegenwärtige Aufwärtsbewegung weiter trägt oder einer Phase der Ernüchterung weichen muss.
Nachfolgend der Podcast des Bloomberg-Interviews mit dem Wall-Street-Strategen Mike Wilson von Morgan Stanley.
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