Die Zinserwartungen in den USA drehen sich – und an der Wall Street ist das alte Börsenmantra „Bad News is Good News“ zurück. Schwächere Konjunkturdaten und eine nachlassende US-Inflation lassen die Erwartungen an weitere Zinserhöhungen der Fed deutlich sinken und treiben die Aktienmärkte zurück in Richtung ihrer Rekordstände. Goldman Sachs hält selbst die aktuellen Markterwartungen noch für zu restriktiv. Doch ausgerechnet der US-Anleihemarkt sendet ein anderes Signal und zeigt, dass die Risiken keineswegs verschwunden sind.
Goldman hält Märkte für zu restriktiv
Noch vor wenigen Wochen galt eine weitere Zinserhöhung der Federal Reserve im September als das wahrscheinlichste Szenario. Inzwischen hat sich das Bild grundlegend verändert. Nach den jüngsten Inflations-, Arbeitsmarkt- und Konjunkturdaten liegt die Wahrscheinlichkeit für unveränderte Zinsen im September laut CME FedWatch Tool bei rund 70 Prozent. Für Oktober werden mittlerweile 56 Prozent eingepreist.
Laut einem Bloomberg-Bericht geht Goldman Sachs noch weiter. Eine Zinserhöhung im September sei angesichts schwächerer Einzelhandelsumsätze, enttäuschender Arbeitsmarktdaten und einer nachlassenden Inflation inzwischen „sehr unwahrscheinlich“, schrieb Chefökonom Jan Hatzius.
Die US-Einzelhandelsumsätze legten im Juli lediglich um 0,2 Prozent zu und blieben damit hinter den erwarteten 0,5 Prozent zurück. Auch die sogenannte Control Group enttäuschte die Erwartungen.
Gleichzeitig hat der Inflationsdruck zuletzt etwas nachgelassen. Die US-Inflationsrate sank im Juli auf 3,4 Prozent nach 3,5 Prozent im Juni, während die Kernrate von 2,6 auf 2,5 Prozent zurückging. Damit bleibt die Teuerung allerdings deutlich oberhalb des Zwei-Prozent-Ziels der Fed.
„Auf Grundlage unserer wirtschaftlichen Basisszenarien dürfte sich die Inflationsentwicklung im weiteren Jahresverlauf eher weiter verbessern, als sich erneut zu verschlechtern“, erklärte Hatzius. Goldman hält die Marktbewertung für den weiteren Fed-Zinspfad deshalb weiterhin für zu restriktiv.
Bad News treibt Wall Street
Für die Aktienmärkte ist diese Entwicklung bislang nahezu das perfekte Szenario. Schwächere Wirtschaftsdaten reduzieren den Druck auf die Fed, während die Konjunktur noch nicht so stark einbricht, dass Anleger eine Rezession und einen massiven Gewinneinbruch befürchten.
Rückenwind erhalten die Aktienmärkte zudem von einer außergewöhnlich starken US-Berichtssaison. Rund 86 Prozent der S&P-500-Unternehmen, die ihre Quartalszahlen bereits vorgelegt haben, übertrafen die Gewinnerwartungen der Analysten. Damit liegt die Quote deutlich über dem Fünfjahresdurchschnitt von 78 Prozent.
Diese Kombination hat insbesondere den zuvor stark gefallenen Technologieaktien neuen Rückenwind gegeben. Der Nasdaq 100 erholte sich von seinem Zwischentief bei rund 27.100 Punkten am 30. Juli bis auf 30.180 Punkte am vergangenen Freitag und steht damit wieder unmittelbar unter seinem Allzeithoch. Der S&P 500 erreichte unterdessen ein neues Rekordhoch und überwand erstmals die Marke von 7.800 Punkten.
Anleihemarkt sendet Warnsignal
Doch die Euphorie hat einen entscheidenden Schönheitsfehler: Der Anleihemarkt bestätigt das Risk-on-Signal der Aktienmärkte bislang nicht.
Zwar ist die besonders Fed-sensitive Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen von 4,37 Prozent Ende Juli auf etwa 4,16 Prozent gefallen. Die zehnjährige Benchmark-Rendite verharrt jedoch bei 4,68 Prozent und damit nahe ihrer jüngsten Hochs. Noch deutlicher ist das Signal am langen Ende: Die 30-jährige Treasury-Rendite bewegt sich bei 5,25 Prozent und damit nahe dem höchsten Niveau seit 2007.

Bloomberg-Stratege Edward Harrison bringt die Diskrepanz auf den Punkt: „Während sich die Renditen am kurzen Ende der Zinskurve auf die gesunkenen Erwartungen an Zinserhöhungen in diesem Jahr stützen können, bleibt das lange Ende anfällig.“
Dahinter stehen Risiken, die eine vorsichtigere Fed allein nicht beseitigen kann: hohe US-Staatsdefizite, ein enormes Angebot neuer Staatsanleihen und eine erhöhte Laufzeitprämie. Zugleich ist keineswegs garantiert, dass die Inflation ihren jüngsten Rückgang fortsetzt.
Inflationsrisiko bleibt bestehen
Ein wichtiger Unsicherheitsfaktor bleiben die Energiepreise. Die U.S. Energy Information Administration (EIA) hatte bereits darauf hingewiesen, dass die faktische Schließung der Straße von Hormus insbesondere Diesel und andere Destillate verteuert hat. Ihre Prognosen für US-Dieselpreise wurden dadurch erheblich angehoben. Brent notiert trotz des jüngsten Rückgangs weiterhin bei rund 88,50 Dollar.
Genau deshalb dürfte sich der Fokus nach der starken Berichtssaison zunehmend zurück auf Konjunktur und Inflation verlagern. Entscheidend wird sein, ob die jüngste Abkühlung tatsächlich einen neuen Trend markiert oder nur eine kurze Verschnaufpause darstellt.
Goldman ist jedenfalls überzeugt, dass sich die Lage weiter entspannt. „Nach zwei Monaten mit deutlich schwächeren Arbeitsmarkt- und Inflationsdaten ist kaum vorstellbar, dass einer der geldpolitischen Tauben ins Lager der Befürworter von Zinserhöhungen wechseln wird“, so Hatzius.
Die Aktienmärkte setzen bereits auf dieses Szenario. Der Anleihemarkt bleibt dagegen skeptisch. Genau diese Diskrepanz könnte für die Wall Street in den kommenden Wochen zum entscheidenden Risikofaktor werden.
FMW/Bloomberg
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