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Aktienmärkte im Spannungsfeld von Wirtschaftserholung und Zinsanstieg

Seit ein paar Tagen korrigieren die Aktienmärkte: sie antizipieren eine starke Wirtschaftserholung, Inflation und Kapitalmarktzinsen steigen

Der Monat Februar ist vorüber, es war für die Aktienmärkte in Summa eine gute Periode. Aber seit ein paar Tagen korrigieren die Aktienmärkte, wie statistisch eigentlich total üblich noch einem Präsidentenwechsel. Aber es gibt eine Entwicklung, die vollkommen konträr zum Coronajahr 2020 verläuft. Die Märkte antizipieren eine starke Wirtschaftserholung, Inflation und Kapitalmarktzinsen steigen, schneller und stärker als es den Notenbanken und den Regierungen lieb sein kann. Das Verhältnis Aktien zu Renten versucht sich neu zu kalibrieren.

Der Fortgang der großen Impfaktion, das zentrale Thema

Damit die Wirtschaft global dauerhaft wieder ins Laufen kommen kann (und damit die Anstiege der Aktienmärkte ein reales Fundament haben), ist eine Eindämmung von Covid-19 unerlässlich, sozusagen die „Conditio sine qua non“. Das ist nur über die Impfung der Menschen möglich, eine natürliche Immunisierung würde in ihrer Dauer und ihren medizinischen und wirtschaftlichen Schäden inakzeptable Folgen nach sich ziehen.

Was wird derzeit nicht alles geschimpft und gemeckert über den Fortgang eine Impfaktion mit Hunderten Millionen an Impfdosen, von denen man vor einem halben Jahr noch gar nicht wusste, ob es sie jemals geben würde? Trotz der Anlaufschwierigkeiten in einigen Staaten ist eine Impfwelle am Anrollen, wie es sie noch nie gegeben hat. Neben BioNTech/Pfizer, Moderna, AstraZeneca, Sinopharm, Gamaleya (Sputnik V), die bereits verimpft werden, stehen mit Johnson &Johnson, Novavax und der deutschen CureVac weitere Firmen vor dem Eintritt in den Impfprozess – insgesamt zählt die WHO noch 256 laufende Impfprojekte gegen Covid-19, weltweit.

Schon in kurzer Zeit wurden 225 Millionen Dosen verimpft (Stand 26. 2. laut statista), die tägliche Zahl an Vakzinationen dürfte rasch die 10 Millionen übersteigen, bei derzeit 400 bis 500.000 Neuinfektionen.

Was aber seltsamerweise nach wie vor nicht auf dem Radar der Berichterstattung erscheint, ist das Akzeptieren der Dunkelziffer, also der Zahl der Menschen, die Covid-19 bereits überstanden haben. Hat nicht ein führender Virologe in den USA davon gesprochen, dass die dort stark rückläufigen Infektionszahlen nicht nur auf den 70 Millionen verimpften Impfdosen beruhen, sondern auf der Tatsache, dass 30 bis 40 Prozent der Amerikaner auf natürliche Weise immun geworden sind?

Hat die indische Regierung nicht berichtet, dass in der Riesenmetropole Neu-Dehli bereits 56 Prozent der Menschen Antikörper im Blut aufweisen sollen, so das Ergebnis einer Studie. Das wären bereits fast so viele wie die Zahl, die für den ganzen 1,4 Milliarden-Staat angegeben wird. Die Zahl von 114 Millionen offiziell mit Covid-19 betroffenen Menschen auf der Welt stimmt nie und nimmer. Allein in ein paar Metropolen von Mumbai über Kairo, Rio de Janeiro bis Mexiko City, dürfte es schon so viele Fälle geben. Selbst in Europa liegen die offiziellen Fallzahlen in Tschechien, Großbritannien, Spanien und anderen Ländern bei 6 bis 11 Prozent der Bevölkerung, die Ziffer der wirklich Infizierten dürfte aber schon ein Mehrfaches davon betragen. Außer in Deutschland: Mit 2,9 Prozent Bevölkerungsanteil – offiziell – steht man selbst mit Faktor drei in der Dunkelziffer noch ziemlich am Anfang, deshalb auch die Sorge der deutschen Gesundheitsbehörden vor den Mutationen.

Dennoch: Sollten sich nicht noch weitere Mutanten entwickeln, für die die derzeitigen Impfstoffe keine Wirkung zeigen, ist bereits im Sommer mit einer riesigen Anzahl an immunisierten Menschen zu rechnen. Die Wirtschaft könnte in einem selten erlebten Ausmaß anspringen.

Aktienmärkte: Eine boomende Wirtschaft, aber dennoch Zinsen wie in der Rezession?

Es ist das Thema in allen Berichten über Börse und Aktienmärkte: der Anstieg der Kapitalmarktzinsen, der sich nicht nur auf der Sorge vor einem Anstieg der Inflation fußt – über die vielen Parameter von Rohstoffen, über Transportkosten u.v.m. wurde auf FMW schon ausführlich berichtet. Die Aussicht auf ein Wirtschaftswachstum von fünf Prozent plus, und dazu Zinsen im Bereich der Null-Zone, das passt nicht zusammen. Schon zu allen Zeiten wurde die Inflationsrate in die Rendite der Bonds eingearbeitet, die Notenbanken können dagegen eine zeitlang gegenhalten (QE), aber nicht auf Dauer.

Die Auktion mit der Emission 7-jähriger US-Staatsanleihen ging daher in der letzten Woche sehr gründlich daneben, mit der geringsten Nachfrage seit 2009.

Was die Notenbanken weltweit in ein großes Dilemma stürzt. Man hat sich wegen Corona in Billionen neuer Schulden gestürzt, Rettungspakete aufgelegt, die Zinsen weit abgesenkt und Anleihekaufprogramme aufgelegt. Mit den Leitzinssenkungen können Notenbanken den kurzfristigen Zins bestimmen, die langfristigen werden an den Kapitalmärkten durch Angebot und Nachfrage gebildet. Die schnell steigenden Zinsen der Langläufer haben die Notenbanken wachgerüttelt. Zunächst wurde verbal interveniert, wie von der EZB (Christine Lagarde, Philip Lane, Isabel Schnabel), in Australien wurde die Zentralbank sogar schon aktiv. Der Kauf von australischen Staatsanleihen in Höhe von zwei Milliarden Euro konnte die Renditen aber nur kurz drücken, am Ende des Tages lag man bei den 10-jährigen sogar bei 1,92 Prozent, dem höchsten Stand seit Jahren.

Kurzum: Die Wirtschaftswelt kämpft sich mühsam aus dem Konjunkturtal in Folge der Pandemie. So scheint es absolut sachlogisch, dass Regierungen und Notenbanken alles tun werden, um einen zu raschen Anstieg der Renditen und damit der Finanzierungskosten für die Unternehmen zu verhindern. Nur von der Federal Reserve kamen bisher keine Signale – noch nicht.

Was machen die Aktienmärkte?

Die Branchenrotation der Aktienmärkte läuft seit einem halben Jahr. Ob Aktien aus dem Value-Bereich, aus dem Bereich der Nebenwerte (Russell 2000), ob aus der Old Economy und speziell aus dem großen Umfeld der Coronaopfer: die Zurückgebliebenen holen auf. Die Werte aus dem Überindex-Nasdaq sind zinsempfindlich, nicht alle haben Gewinne und Kapitalrücklagen. Was selten angesprochen wird: Der Technologieindex Nasdaq 100 ist von seinen Tiefs von knapp 1000 Punkten in der Finanzkrise 2009 auf weit über 13.800 Punkte zu Jahresbeginn 2021 gestiegen, eine Hausse von weit über 1200 Prozent.

Die Gewinne für Amazon, Alphabet und Facebook mögen sich in dieser Periode ja verzehnfacht haben, aber was ist bei der großen Masse der Firmen geschehen? „Mean Reversion“, Regression zum Mittelwert ist angesagt in Zeiten steigender Zinsen oder die Jahrzehnte alte Angleichung von Growth und Value, auch wenn die Wachstumsstory bei einzelnen Titeln erhalten bleibt.

Aber auch Großanleger sehen diese Outperformance. Warren Buffett hat sich von sechs Prozent seiner Apple-Aktien getrennt, Bill Gates hat eine Million Stück veräußert. Die teuerste Firma der Welt hat in der Spitze bereits 15 Prozent ihrer Marktkapitalisierung verloren, beim großen Highflyer des Jahres 2020, Tesla, waren es bereits 25 Prozent.

Im Gegensatz dazu die Gewinner der Aktienmärkte in der letzten Woche: Royal Caribbean Cruises, Marathon Oil oder American Airlines, die auf Wochensicht weitere 10 bis 15 Prozent zulegen konnten.

Dann gibt es das zweite und noch dominantere Thema. Aktienmärkte und Rentenmärkte stehen seit Urzeiten in direkter Konkurrenz, weil sie die Grundlage für die großen Institutionen im Bereich der Kapitalanlage bilden. Mit jedem Zehntel Renditeanstieg wird die manipulierte Anlageklasse Renten etwas attraktiver, mal mehr (USA), mal weniger (Europa). Die Kurs/Gewinnverhältnisse beim S&P 500 und der 10-jährigen US-Staatsanleihe haben sich zuletzt schon wieder deutlich angenähert. Bei einer Rendite von 1,61 Prozent für die US-Treasury sah dieses Anlagevehikel gar nicht mehr so entsetzlich überteuert aus (KGV 61).

Unter Berücksichtigung der Inflation schon, aber wenn die Entwicklung weitergeht?

Der liquideste Anleihemarkt der Welt ist nach wie vor die US-Rentenmarkt, nach denen sich weltweit die Kapitalmärkte ausrichten.

Chinas Wirtschaft wächst zwar mit Riesenschritten, der chinesische Kapitalmarkt ist aber (noch) keine konkurrenzfähige Alternative.

Das Thema GameStop und Co

Natürlich ist die große Spekulation mit den Nebenwerten eine Folge von allerlei Ursachen: Stimuluspakete (mit Helikoptergeld), niedrige Zinsen, verursacht durch Notenbanken (für Depotbeleihungen), der Wegfall der Tradinggebühren durch die Neobroker und das Entstehen von Plattformen in den sozialen Medien zum gemeinsamen Agieren.

Einen sehr interessanten Aspekt der Aktienmärkte brachte eine frühere Regulatorin der amerikanischen Börsenaufsicht SEC, Amy Lynch, ins Gespräch. Jeweils in der letzten Woche des Monats sprängen Institutionelle auf den Zug der Robinhooder auf – in Kenntnis der geplanten Aktionen, auch durch WallStreetBets -, um die eigene Performance zu steigern. Insbesondere bei kurzlaufenden Call-Optionen, um den Gamma-Squeeze zu befeuern. Geschehen Ende Januar, dann Ende Februar – und die Dame erwartet dies noch einmal verstärkt Ende März, wo das Window Dressing zu Quartalsende sehr bedeutsam ist. „Is it Pump&Dump, is it Insider Trading and Market Manipulation?“, so ihre Worte und es wäre an der Zeit für die SEC Maßnahmen zu ergreifen.

Fazit

Für die Aktienmärkte hat sich eine diffizile Lage ergeben: Der zu erwartende Fortgang bei den Impfungen, die riesigen Summen der Rettungspakete, die auf Umwegen in die Märkte gelangen, das gesparte Kapital der Mittel- und Oberschicht, welches in den (Freizeit)Konsum fließen könnte. Auf der einen Seite wird sich die Situation für Unternehmen und Verbraucher (Rückgang der Arbeitslosigkeit) verbessern, auf der anderen Seite bringt dies zwangsläufig Druck auf die Preise und damit die Kapitalmarktzinsen. Was wiederum die Finanzierungsbedingungen für Wirtschaft und Konsumenten mit ihren hohen Schulden verschlechtert.

Aktienmärkte profitieren von niedrigen Zinsen, aber auch von einer leichten Inflation. Rentenmärkte werden durch steigende Zinsen, bei Neuanlagen, die es zuhauf gibt, interessanter. Großdepots könnten zumindest etwas neu ausbalanziert werden.

Art Cashin, ein Urgestein der Wall Street, brachte die Gemengelage sehr schön auf den Punkt: Einerseits seien steigende Zinsen ein gutes Zeichen, weil die Wirtschaft wieder anspringt, andererseits bestehe die große Gefahr darin, dass die Aktienmärkte erwarten könnten, die Federal Reserve habe die Kontrolle über die Zinsentwicklung verloren.

In diesem Spannungsfeld könnten sich in der künftigen Entwicklung der Börsenkurse durchaus mächtige Schwankungen ergeben.

Die Aktienmärkte und die Sorge vor starker Inflation



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2 Kommentare

  1. Sehe ich anders das eine natürliche Immunisierung wirtschaftlich & gesundheitlich Grosse Schäden anrichten würde.

    Der Durchschnittlich verstorbene ist 84.5 Jahre alt, dieser ist in tatsächlicher Hinsicht eine Belastung (eventuell nicht wirtschaftlich, da lebt eine Branche davon (die aber auch eher unterbesetzt ist)) aber aus Gesamtkosten Sicht Kosten Rentern die Gesellschaft viel Geld und Anfangs übernehmen Sie noch Soziale Aufgaben, aber mit 84.5 Kosten Sie nur noch.

    Natürlich kann man Sagen es würden dann auch Jüngere Sterben, das glaube ich nicht, wenn so Triagiert würde das die die sowieso keine Überlebenschance haben halt auch nicht noch Totgepflegt werden.

    Unsere Gesellschaft hat ein Mass an Dekadenz erreicht, in welcher sogar dennen die geschützt werden sollen, ein Grossteil diesen Schutz gar nicht will, sondern einfach die Einschränkungen nicht. Es gibt kein Recht auf unbegrenztes Leben, sondern nur auf Leben in Würde. Zum Leben in Würde gehört auch das sterben in Würde und das Annerkennen das das Leben endlich ist.

    Ich glaube das hat man oft vergessen, genau so wie das 84.5 sowieso die Durchschnittliche Lebenserwartung ist in diesem Land (und dieses Durschnittsalter ja schon riesige Herausforderungen für unsere Rentensysteme bedeuten)

  2. …einzige Lösung das die Wirtschaft und die Märkte nicht überhitzen ist demnach, dass die Pandemie noch etwas verlängert wird und die Wirtschaft nur ganz langsam startet und auch nur punktuell…

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