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Aktienmärkte in der Komfortzone – das dürfte sich 2026 rächen

Aktienmärkte in der Komfortzone – das dürfte sich 2026 rächen
Grafik: ChatGPT

Die Wall Street startet mit Rückenwind in das neue Börsenjahr – doch unter der Oberfläche wächst ein Mix aus Hoffnung und Unsicherheit, der die Aktienmärkte 2026 auf eine harte Probe stellen könnte. Der S&P 500 zeigt sich robust, selbst nachdem die USA überraschend militärisch in Venezuela intervenierten und Präsident Nicolás Maduro festgesetzt wurde. Dass die Wall Street darauf kaum reagierte, wirkt zunächst wie ein Zeichen von Stärke. Doch gerade diese Gelassenheit ist es, die Strategen als Warnsignal interpretiere.

Wall Street ignoriert wachsende Risiken

Wenn Anleger bei geopolitischen Schocks nicht einmal mehr zusammenzucken, kann das auf gefährliche Selbstzufriedenheit hindeuten – in einem Umfeld, in dem bereits hohe Bewertungen, Handelskonflikte und ein unklarer Zinsausblick aufeinandertreffen.

Laut einem Bericht von Bloomberg brauchen die Börsenbullen an der Wall Street eine Menge günstiger Entwicklungen, damit 2026 das vierte Jahr in Folge zweistellige Renditen liefert. Denn mehrere Risikofaktoren stehen längst auf der Liste: Die Handelsspannungen zwischen den USA und ihren Nachbarn bleiben hoch, die US-Wirtschaft zeigt Anzeichen von Trägheit, und die Zinsen sind trotz dreier Senkungen weiterhin erhöht. Selbst der KI-getriebene Boom an den Aktienmärkten ist längst kein Selbstläufer mehr. Hinzu kommt die Geopolitik als Störfaktor: Die Operation in Venezuela traf die Stimmung nicht, doch ihr überraschender Charakter erinnerte Investoren daran, wie schnell sich Börsenthesen in einer Welt im geopolitischen Umbruch als fragil erweisen können.

„Wir glauben, dass viele die Makro-Risiken verschlafen – und das hier ist ein Makro-Risiko, das wir nicht einmal kommen sahen“, sagte Christopher Harvey, Leiter für Aktien- und Portfoliostrategie bei CIBC Capital Markets, am Montag in einem Interview mit Bloomberg Television über die US-Intervention in Venezuela.

Aktienmärkte in der Komfortzone

Bislang wurde die Aktion, bei der Maduro gefasst wurde, an der Wall Street mit einem Achselzucken quittiert. Der S&P 500 stieg am Montag um 0,6%, der Ölpreis legte leicht zu. Einige klassische Schutzanlagen gewannen ebenfalls an Boden – vor allem Gold, Silber und US-Staatsanleihen. Der Volatilitätsindex VIX blieb jedoch niedrig und notierte unter 16. Für Harvey ergibt diese Reaktion zwar grundsätzlich Sinn, sie unterstreicht aber zugleich seine Sorge: Nach einer dreijährigen Rally, die die US-Aktienmärkte um rund 80% nach oben trieb, hätten sich Investoren an Risiken gewöhnt.

Aktienmärkte: Wall Street geht Risiko - Gefahren für den S&P 500 in 2026
Die Volatilität im S&P 500 bleibt gedämpft

Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren nur wenige ernsthafte Störungen. Einer der auffälligsten „Wackler“ war der mehrtägige Kurseinbruch im April, nachdem Präsident Donald Trump erstmals seine Zollpläne vorgestellt hatte. Doch selbst dieser Schock wurde schnell verdaut. Seitdem hat der S&P 500 eine kräftige Rally von 39% hingelegt, und jede Schwächephase wurde als Einstiegschance interpretiert.

„Seit dem Liberation Day gab es eine enorm starke Rendite, und ich glaube, die Leute sind dadurch sehr, sehr bequem geworden“, sagte Harvey. Genau diese Komfortzone könnte sich im Jahr 2026 rächen, warnt er – weil Anleger zunehmend dazu neigen, selbst klar erkennbare Risiken auszublenden.

Sell-side-Strategen rechnen dennoch mit einem vierten positiven Jahr. Im Durchschnitt erwarten 21 von Bloomberg befragte Prognostiker für 2026 ein Plus von mehr als 9% im S&P 500. Keiner rechnet mit einem Minusjahr. Doch Unsicherheit sei für Investoren immer präsent, und Harvey sieht das Problem weniger in einzelnen Risiken als in der wachsenden Bereitschaft, sie einfach zu ignorieren.

Fed, Gewinne und Zölle

Harvey hält etwa die Markterwartung, dass die US-Notenbank Fed in diesem Jahr noch zwei weitere Zinssenkungen liefern könnte, für möglicherweise zu optimistisch – vor allem angesichts hartnäckiger Inflation. Zudem könnte Corporate America, nach den enormen Kursanstiegen der vergangenen Jahre, die Erwartungen an weiteres Gewinnwachstum zurückschrauben. Damit würde eine zentrale Säule des Bullenmarkts an den Aktienmärkten wackeln.

Hinzu kommt die Unberechenbarkeit von Trumps Zollpolitik. Der US-Präsident nutzt Zölle weiterhin als Druckmittel in Verhandlungen – mit Freunden wie mit Gegnern. Das Handelsabkommen mit Mexiko und Kanada aus seiner ersten Amtszeit steht vor Anpassungen, doch Fortschritte kommen nur schleppend voran. Auch global bleibt die Lage angespannt: Russlands Krieg in der Ukraine, Unruhen im Iran und Spannungen in Südostasien sorgen für ein dauerhaft fragiles Umfeld.

Laut Harvey zeigen die Ereignisse in Venezuela zudem, dass das Jahr 2026 jederzeit von einer unerwarteten „Unbekannten“ geprägt sein kann. Er rechnet mit „akuten Phasen der Risikoaversion“ und rät Investoren, Portfolios defensiver aufzustellen – etwa durch eine stärkere Ausrichtung auf Qualitätswerte. Harvey gilt als jemand, dem die Wall Street zuhört: Er gehörte zu den wenigen Strategen, die im vergangenen Jahr korrekt vorhersagten, dass die Aktienmärkte nach Trumps Zoll-Turbulenzen im April schnell und kräftig zurückfedern würden.

Gefährliche Ruhe vor Stürmen

Auch andere Strategen betonen, dass Venezuela für sich genommen zwar begrenzt sei, Anleger aber wachsam bleiben sollten.

„Was am Wochenende passiert ist, ist eine klare Erinnerung daran, dass Investoren Politik – ob fiskalisch, geldpolitisch oder geopolitisch – weiterhin als Quelle von Volatilität betrachten sollten, nicht als deren Unterdrücker“, sagte Frank Monkam, Leiter für Makro-Trading bei Buffalo Bayou Commodities. „Das Risiko, dass sich Volatilität über mehrere Anlageklassen hinweg ausbreitet, erhöht die Verwundbarkeit der Aktienmärkte in einer Phase, in der wir nahe an Allzeithochs stehen und historisch hohe Bewertungen sehen.“

Dan Suzuki, Investmentstratege bei Schroders, erklärt die Gelassenheit mit einem „Recency Bias“: Korrekturen seien in den vergangenen Jahren kurz gewesen, während Investoren drei Jahre in Folge zweistellige Renditen erzielten – in sieben der letzten neun Jahre. „Wirtschaft und Gewinne haben sich gut gehalten, und kurzfristige Unterstützung kommt unter anderem durch die Wiederöffnung der Regierung, hohe erwartete Steuerrückzahlungen und beschleunigte Unternehmensinvestitionen“, sagte Suzuki. „Diese Kombination lässt Investoren wahrscheinlich stärker darüber nachdenken, wie sie weiteres Aufwärtspotenzial mitnehmen – statt darüber, wie sie sich gegen Abwärtsrisiken schützen.“

Kurzfristig könnte zudem die Saisonalität helfen: Der sogenannte Januar-Effekt scheint sich zu bestätigen. Der S&P 500 liegt nach den ersten zwei Handelstagen des Jahres mit 0,8% im Plus. Doch an der Wall Street bleibt die entscheidende Frage, wie lange die Aktienmärkte diese Mischung aus Optimismus, hoher Bewertung und geopolitischen Überraschungen wie in Venezuela ausblenden können.

FMW/Bloomberg



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2 Kommentare

  1. Wohl eine etwas gefährliche Entspannung.

  2. …wenn ich es richtig gesehen habe, dann hat der DAX heute wieder ein ATH gemacht…das bedeutet an 2 von 3 Handelstagen ein ATH, also 66 %…wenn das morgen auch klappt, dann werden es 75 % und wenn die Quote dann über das gesamte Jahr gehalten wird, dann wird es phantastisch für alle Investierten…

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