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Aktienmärkte: Ist auf die Jahresendrally auch 2020 Verlass?

Das Muster steigender Aktienmärkte in den letzten drei Monaten des Jahres ist keine Erfindung optimistischer Investoren. Was spricht für, was gegen eine Jahresendrally?

Das Coronajahr ist für den Dax und für die Aktienmärkte in vielerlei Hinsicht aussergewöhnlich: Nicht einmal wegen der Tiefe des Aktieneinbruchs oder der Höhe der Erholung, da gab es bereits extremere Perioden (allerdings nicht in punkto Geschwindigkeit der Markt-Amplituden). Außerdem stellt sich das aktuelle Börsenjahr so ziemlich als das Gegenteil des Jahres 2019 dar, in dem für die Aktienmärkte jedes saisonale Muster vom Januareffekt bis zur Jahresendrally im Sinne der langjährigen Statistiken ablief. Wir befinden uns nun im letzten Quartal, kommt es also zur typischen Jahresendrally – oder ist da auch wieder alles anders?

Aktienmärkte: Jahresendrally beim Dax, eine (bisher) recht zuverlässliche Konstellation

Dass das Muster steigender Aktienmärkte in den letzten drei Monaten des Jahres keine Erfindung optimistischer Investoren ist, zeigen die Daten seit der Gründung des Dax in seiner jetzigen Form. Eine Untersuchung der Großbank HBSC brachte seit 1988 folgendes Ergebnis:

27- mal stiegen die Kurse im letzten Quartal – und nur 5-mal fielen die Notierungen.

Das letzte Mal war dies im Jahr 2018 der Fall – in dem Jahr, als Jerome Powell versucht hatte, die Leitzinsen auf ein höheres Niveau zu heben, um im Falle einer Rezession Pulver für Zinsmaßnahmen zu generieren. Auch der DAX reagierte verschnupft und sank im Schlussquartal um 15 Prozent. Bemerkenswert auch die durchschnittliche Rendite in diesem Zeitraum: Wäre man nur während dieser drei Monate investiert gewesen, hätte man mit 6,25 Prozent auch fast die gesamte Rendite eingefahren, die der deutsche Leitindex sonst per annum vorweisen kann. Damit dürfte dieses saisonale Muster für die Aktienmärkte zu den treffsichersten des Jahres gehören – vor dem Januareffekt, Sell in May u.a. -, mit der bisher festgestellten 84-prozentigen Trefferquote hinsichtlich seines Auftretens.

Fazit

Auch die ausgeklügeltste Analyse kann an der Börse die eingangs gestellte Frage nicht seriös beantworten: Die Unwägbarkeiten durch Corona, Nachwahl- Irritationen, Brexit und vor allem die „The Unknown Unknowns“ machen dieses Jahr für die Aktienmärkte besonders unkalkulierbar. Einerseits.

Aber andererseits besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass insbesondere der überragende Treiber der Aktienmärkte in diesem Jahr gerade im Schlussspurt wirksam wird: Weitere Anleihekäufe durch die Notenbanken (speziell durch die EZB) zur Stütze der fragilen Volkswirtschaften, was in den letzten Tagen fast schon angekündigt worden ist. Zusätzlich noch die Umsetzung oder zumindest die Erwartung eines fünften Konjunkturpakets in Höhe von etwa zwei Billionen Dollar durch den Sieger der Wahl am 3. November.

Hinzu kommt noch eine Besonderheit, die beim Ausbleiben eines größeren Rückschlags der Aktienmärkte in den nächsten Wochen so richtig kursrelevant werden könnte: Der Markt für die preiswerten passiven Investmentfonds (ETFs) ist auch 2020 weiter dynamisch gewachsen – von 1,4 Billionen Dollar (2012) auf zuletzt 6,5 Billionen Dollar. Diese gebührenreduzierten Produkte brachten schon das ganze Jahr die aktiven Fondsmanager ins Schwitzen, man rannte praktisch das ganze Jahr der Benchmark hinterher. Angesichts der möglichen Wahlturbulenzen und dem Anschwellen der zweiten Coronawelle wurde die Investmentquote der aktiven Fonds in letzter Zeit wieder etwas nach unten gefahren. Sollten sich die Befürchtungen nicht in Abschlägen der Aktienmärkte materalisieren, kommen die aktiven Fondsmanager, die auf über vier Billionen Dollar Cash sitzen, nicht nur in Zugzwang, sondern gelegentlich auch in ein persönliches Karriereproblem. Mögliches Szenario: Ein verschärftes Window Dressing.

Aber ich möchte nicht in die Rolle von Analysten schlüpfen, für die das Bonmot von Larry Williams (erfolgreicher Trader) gilt: „Menschen, die davon leben in Kristallkugeln zu schauen, sind verdammt dazu, sehr viele Scherben zu essen.“

Erleben die Aktienmärkte wie der Dax auch in 2020 eine Jahresendrally?



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