Der Ausverkauf bei Chip- und KI-Aktien sorgt derzeit für Nervosität an den Aktienmärkten. Auf den ersten Blick wirkt es, als würde die bislang so starke Börsenrally ins Wanken geraten. Doch genau dieser Eindruck könnte täuschen. Unter der Oberfläche verdichten sich die Hinweise, dass Anleger ihr Kapital nicht aus dem Aktienmarkt abziehen, sondern zunehmend in andere Branchen umschichten. Immer mehr spricht dafür, dass die Börsenrally in ihre nächste Phase eintritt – und eine beginnende Rotation die bisherigen KI-Aktien als wichtigsten Kurstreiber ablöst.
Aktienmärkte: Die Rotation läuft bereits
Ein Blick auf die Entwicklung seit dem Zwischentief am 9. Juni liefert erste Hinweise auf einen möglichen Führungswechsel an den US-Börsen. Während der Russell 2000 mit einem Plus von 6,36 Prozent die stärkste Entwicklung zeigte, legte auch der Dow Jones mit 5,30 Prozent deutlich zu. Der S&P 500 Equal Weight gewann 4,76 Prozent und entwickelte sich damit besser als der klassische S&P 500, der im gleichen Zeitraum um 4,08 Prozent zulegte.
Das Schlusslicht bildet dagegen ausgerechnet der Nasdaq 100. Der KI- und technologielastige Index gewann seit dem 9. Juni lediglich 2,92 Prozent. Noch deutlicher fällt das Bild bei den Halbleiter-Aktien aus: Der Philadelphia Semiconductor Index (SOX) legte lediglich 0,59 Prozent zu und hat seit seinem Hoch vom 22. Juni bereits rund 19 Prozent verloren.
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Noch handelt es sich nicht um den endgültigen Beweis einer großen Sektorrotation. Die Daten liefern jedoch mehrere unabhängige Hinweise darauf, dass sich die Marktführung an den US-Aktienmärkten zunehmend verschiebt.
Citi sieht den Wendepunkt
Wie Bloomberg berichtet, sieht auch Citigroup-Strategin Beata Manthey genau diese Entwicklung. „Der Markt beginnt darauf zu hoffen, dass sich die Rally endlich verbreitert“, sagte sie im Gespräch mit Bloomberg Television.
„Damit das geschieht, braucht es eine Sektorrotation. Und solche Rotationen verlaufen manchmal sehr heftig – genau das erleben wir derzeit“, so Manthey.
Besonders optimistisch zeigt sich die Strategin für europäische Finanzwerte. Citigroup bezeichnet die Übergewichtung von Banken sogar als einen „Anti-KI-Trade“. Nach Einschätzung der Analystin verfügen Banken über eigene fundamentale Kurstreiber und könnten unabhängig von der Entwicklung der großen Technologiewerte weiter zulegen.
Die Entwicklung der einzelnen Sektoren stützt diese Einschätzung. Seit dem 9. Juni zählt der Finanzsektor mit einem Plus von 9,47 Prozent zu den stärksten Gewinnern. Auch Healthcare (+6,50 Prozent) und Industriewerte (+5,56 Prozent) entwickelten sich deutlich besser als der Technologiesektor, der lediglich um 3,76 Prozent zulegte. Damit gewinnen ausgerechnet jene Branchen an relativer Stärke, die in den vergangenen Monaten deutlich hinter den großen KI-Gewinnern zurückgeblieben waren. Gleichzeitig verlieren Chip- und KI-Aktien zunehmend an Dynamik.
Marktbreite verbessert sich
Auch unter der Oberfläche zeigt sich ein konstruktives Bild. Mehr als 60 Prozent der S&P-500-Unternehmen notieren weiterhin über ihrer 50-Tage-Linie. Gleichzeitig entwickelten sich zuletzt deutlich mehr Einzelwerte positiv, als der Gesamtindex vermuten lässt. Der Grund: Die Schwäche einiger weniger, hoch gewichteter KI- und Technologiekonzerne belastet den kapitalgewichteten S&P 500 überproportional, obwohl viele andere Aktien weiter steigen.
Genau deshalb entwickelte sich der gleichgewichtete S&P 500 Index zuletzt besser als sein klassisches Pendant – ein typisches Merkmal einer zunehmenden Marktbreite.
Erst der Anfang der Rotation?
Ob aus den aktuellen Entwicklungen tatsächlich eine nachhaltige Rotation entsteht, dürfte sich erst mit dem weiteren Verlauf der Berichtssaison zeigen. Die bisherigen Daten sprechen jedoch dafür, dass die Börsenrally zunehmend auf eine breitere Basis gestellt wird. Während KI- und Chip-Aktien an Dynamik verlieren, gewinnen Banken, Healthcare, Industrie und Small Caps an relativer Stärke.
Sollte sich dieser Trend mit einer robusten Berichtssaison und weiteren positiven Gewinnrevisionen fortsetzen, könnte die aktuelle Rotation erst der Anfang sein. Dann würde die Rally an den Aktienmärkten nicht mehr nur von wenigen KI-Schwergewichten getragen, sondern von einer deutlich größeren Zahl an Unternehmen und Branchen – ein Szenario, das mittelfristig sogar für einen gesünderen und stabileren Bullenmarkt sprechen würde.
FMW/Bloomberg
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