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Aktienmärkte: Kommt heute ein neuer Arbeitsmarktschocker?

Die Aktienmärkte scheint nichts erschüttern zu können: Egal wie tief die internationalen Wirtschaftsorganisationen die kommende Rezession auch einschätzen oder wie stark Analysten Gewinne und Umsätze im Stundentakt nach unten schreiben – die Börsen steigen trotzdem. Gestern schien es aber so gewesen zu sein, als dass man die neuesten Konjunktur- und Bilanzzahlen der Unternehmen nicht mehr so einfach ignorieren konnte. Beginnt jetzt eine neue Phase? Doch zunächst zu den Faktoren, die bisher einen Rückenwind für die Aktienmärkte dargestellt haben.

Was stützt die Aktienmärkte?

Als es Ende Februar mit dem bisher höchsten Tempo aller Zeiten nach unten ging, wurde allen Staatenlenkern und Notenbanken dieser Welt klar, was im Raume steht. Ein Pandemie ungeahnten Ausmaßes – diese führte in rasanter Zeit zum größten wirtschaftlichen Stillstand aller Zeiten und zu den größten geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen, die es jemals gegeben hat. Bereits Ende März wurden Rettungspakete verschiedenster Art aufgelegt, die bei Inanspruchnahme die Summe von 10 Billionen Dollar erreichen sollten. Letzte Woche legte die Fed mit einer 2,3 Billionen Dollar-Bazooka noch einmal nach und die Bank of Japan ließ sich mit einem Stimulus von umgerechnet einer Billion Dollar oder 20 Prozent des japanischen BIP nicht lumpen. Diese Riesensummen sind in ihrer Bedeutung und Wirksamkeit mit dem Weltsozialprodukt in Relation zu setzen, welches 2019 – 86 Billionen Dollar betragen hatte.

In den USA lösten die jüngsten Arbeitslosenzahlen bei der Fed die höchste Alarmstufe aus, schließlich ist die Situation am Arbeitsmarkt der ureigenste gesetzliche Auftrag der Notenbank. Die Reaktion der Geldhüter fiel dementsprechend heftig aus und gilt als Haupttriebfeder für die wundersame Kursrally. Damit wird das US-Defizit aber in diesem Jahr vermutlich in die für Friedenszeiten unvorstellbare Dimension von 18 Prozent explodieren.

Zu diesem monetären Faktor gesellten sich weitere Hoffnungszeichen, die den Aufschwung der Aktienmärkte genährt haben. Da ist zum einen China zu nennen, das nach der bisher erfolgreichen Eindämmung von Covid-19 überraschend positive Daten zum Wirtschaftsgeschehen geliefert hat. Das könnte doch auch im Westen gelingen, sagen sich manche Börsianer. Der ein oder andere sieht auch bereits Signale der Begrenzung der Ausbreitung von Corona, was man für Europa durchaus feststellen kann, aber beileibe noch nicht für die USA. Dann kursierten auch bis gestern viele Erwartungen auf baldige Lockerungen des Lockdowns in manchen Ländern und selbst Donald Trump wird nicht müde von einem baldigen Start der US-Wirtschaft in einigen Bundesstaaten zu fabulieren. Und da gibt es auch noch die Hoffnung auf einen baldigen Impfstoff gegen das Virus oder vorher auf wirksame Medikamente. Das waren die Tailwinds, nun zu den Headwinds.

Was belastet die Aktienmärkte?

Während der Internationale Währungsfonds im Januar noch ein Wachstum der Weltwirtschaft von 3,3 Prozent für 2020 prognostiziert hatte – für die Länder der Euro-Zone 1,3 Prozent – so geht er jetzt von nicht weniger als der größten Rezession seit 100 Jahren aus. Mit Schrumpfungen der Jahreswirtschaftsleistung von minus 5,2% für Japan, minus 5,9 % für die USA, minus 6,5 % für Großbritannien oder minus 7,0 % für Deutschland, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Die US-Berichtssaison ist mit den Banken angelaufen und die gestrigen Konjunkturdaten zu den Einzelhandelsumsätzen (- 8,7%) und zum New York Empire State Index (- 78,2) geben einen Vorgeschmack auf kommende Horrorzahlen. So richtig auf das Gemüt der Aktienmärkte und ihrer Investoren schlug die Nachricht, dass die US-Industrie im März ihre Produktion so stark drosselte wie seit 1946 nicht mehr: Die Unternehmen stellten 6,3 Prozent weniger Waren her als im Vormonat, wie die US-Notenbank am Mittwoch in Washington mitteilte. Die gesamte Produktion schrumpfte um 5,4 Prozent.

Sehr schmerzhaft dürfte für die Amerikaner auch die ständig steigende Zahl von Firmen werden, die ihre Dividende für das kommende Jahr aussetzen. Viele Bürger und auch die US-Pensionsfonds sind auch die vierteljährlichen Ausschüttungen der Unternehmen angewiesen. Die erzwungene Schrumpfung des bisherigen Aktienrückkaufprogramms ist ein weiterer Bremsfaktor für die Aktienmärkte, viele staatliche Rettungsmaßnahmen sind mit einem Verbot der Kurspflege verbunden.

Heute kommt aber eine Konjunkturzahl, die für die US-Wirtschaft und auch die Federal Reserve von extremer Bedeutung sein wird. Es sind die neuen Daten zu den wöchentlichen Erstanträgen zur US-Arbeitslosigkeit. Ein enorm wichtiger Faktor für die US-Volkswirtschaft, weil mit einer stark steigenden Arbeitslosigkeit der Konsum unter die Räder kommt und dieser ist mit seinem 16 Billionen Dollar Volumen die entscheidende Größe (70 Prozent Anteil am BIP) für den Wohlstand der Wirtschaftsmacht Nummer eins.

Für die Federal Reserve ist das Niveau der Arbeitslosigkeit Teil des gesetzlichen Auftrages, nämlich für diese Stabilität zu sorgen, auch aus diesem Grund resultierte die unglaublich wuchtige Bazooka der US Notenbank. Man kleckert nicht, sondern klotzt, auch im Vergleich zu anderen Staaten – ausgenommen Japan. In den USA gibt es derzeit um die 158 Millionen Arbeitnehmer, die Arbeitslosigkeit lag vor wenigen Wochen noch beim 50-Jahrestief von 3,5 Prozent. Nach den beiden letzten Schockwochen gab es plötzlich 16 Millionen Amerikaner ohne Job. Die Märkte haben aber die selbst die erheblich schlechter als erwarteten Daten weggesteckt. Aber jetzt stellt sich die Frage: Sollten heute noch einmal sechs oder sieben Millionen Anträge (jobless claims) dazu kommen, werden dies die extrem gestiegenen Märkte ein weiteres Mal wegstecken?

Wird sich das Fundamentale durchsetzen?

Die (Geld)Flut hebt die Boote. Das war vermutlich in den letzten Wochen der Hauptantriebsfaktor für eine Bärenmarktrally erster Güte der Aktienmärket. Die Bazookas wirken ohne Zweifel – aber jetzt hat die Saison der Wirtschaftsdaten begonnen, die den Lockdown in konkrete Zahlen packt. Auch wenn es immer sehr spektakulär und theatralisch klingt: für die kommenden Daten gibt es kein historisches Vorbild – es müssen Rekordzahlen im Negativen werden. Vieles ist bekannt und damit schon eingepreist.

Am heutigen Tag kommt mit den neuesten Arbeitslosenzahlen ein großer Test, ob dies wirklich der Fall ist. Denn die Höhe der Arbeitslosigkeit hat unmittelbar Einfluss auf den US Konsum, die Stärke und zugleich Achilles-Ferse der amerikanischen Wirtschaft.
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2 Kommentare

  1. Für mich ein sehr interessanter Artikel. Bus es wieder rund läuft, wird es länger dauern als uns lieb ist. Die Corona-Entwicklung verläuft eben sehr ungleichförmig. Wir als Exportland sind hier stärker betroffen als z. B. Frankreich. Hinzu kommt, dass dieses Mal die Chinesen nicht wirklich helfen können und sicherlich auch nicht (mehr) wollen.

    1. Hi Peter,
      ich bin da anderer Meinung. Sie (die Chinesen) werden sehr wohl helfen, aber nicht ohne Gegenleistung.
      Siehe Italien, wo die Texilindustrie in chinesischer Hand ist.

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