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Aktienmärkte: Kommt heute ein neuer Arbeitsmarktschocker?

Wolfgang Müller

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Die Aktienmärkte scheint nichts erschüttern zu können: Egal wie tief die internationalen Wirtschaftsorganisationen die kommende Rezession auch einschätzen oder wie stark Analysten Gewinne und Umsätze im Stundentakt nach unten schreiben – die Börsen steigen trotzdem. Gestern schien es aber so gewesen zu sein, als dass man die neuesten Konjunktur- und Bilanzzahlen der Unternehmen nicht mehr so einfach ignorieren konnte. Beginnt jetzt eine neue Phase? Doch zunächst zu den Faktoren, die bisher einen Rückenwind für die Aktienmärkte dargestellt haben.

Was stützt die Aktienmärkte?

Als es Ende Februar mit dem bisher höchsten Tempo aller Zeiten nach unten ging, wurde allen Staatenlenkern und Notenbanken dieser Welt klar, was im Raume steht. Ein Pandemie ungeahnten Ausmaßes – diese führte in rasanter Zeit zum größten wirtschaftlichen Stillstand aller Zeiten und zu den größten geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen, die es jemals gegeben hat. Bereits Ende März wurden Rettungspakete verschiedenster Art aufgelegt, die bei Inanspruchnahme die Summe von 10 Billionen Dollar erreichen sollten. Letzte Woche legte die Fed mit einer 2,3 Billionen Dollar-Bazooka noch einmal nach und die Bank of Japan ließ sich mit einem Stimulus von umgerechnet einer Billion Dollar oder 20 Prozent des japanischen BIP nicht lumpen. Diese Riesensummen sind in ihrer Bedeutung und Wirksamkeit mit dem Weltsozialprodukt in Relation zu setzen, welches 2019 – 86 Billionen Dollar betragen hatte.

In den USA lösten die jüngsten Arbeitslosenzahlen bei der Fed die höchste Alarmstufe aus, schließlich ist die Situation am Arbeitsmarkt der ureigenste gesetzliche Auftrag der Notenbank. Die Reaktion der Geldhüter fiel dementsprechend heftig aus und gilt als Haupttriebfeder für die wundersame Kursrally. Damit wird das US-Defizit aber in diesem Jahr vermutlich in die für Friedenszeiten unvorstellbare Dimension von 18 Prozent explodieren.

Zu diesem monetären Faktor gesellten sich weitere Hoffnungszeichen, die den Aufschwung der Aktienmärkte genährt haben. Da ist zum einen China zu nennen, das nach der bisher erfolgreichen Eindämmung von Covid-19 überraschend positive Daten zum Wirtschaftsgeschehen geliefert hat. Das könnte doch auch im Westen gelingen, sagen sich manche Börsianer. Der ein oder andere sieht auch bereits Signale der Begrenzung der Ausbreitung von Corona, was man für Europa durchaus feststellen kann, aber beileibe noch nicht für die USA. Dann kursierten auch bis gestern viele Erwartungen auf baldige Lockerungen des Lockdowns in manchen Ländern und selbst Donald Trump wird nicht müde von einem baldigen Start der US-Wirtschaft in einigen Bundesstaaten zu fabulieren. Und da gibt es auch noch die Hoffnung auf einen baldigen Impfstoff gegen das Virus oder vorher auf wirksame Medikamente. Das waren die Tailwinds, nun zu den Headwinds.

Was belastet die Aktienmärkte?

Während der Internationale Währungsfonds im Januar noch ein Wachstum der Weltwirtschaft von 3,3 Prozent für 2020 prognostiziert hatte – für die Länder der Euro-Zone 1,3 Prozent – so geht er jetzt von nicht weniger als der größten Rezession seit 100 Jahren aus. Mit Schrumpfungen der Jahreswirtschaftsleistung von minus 5,2% für Japan, minus 5,9 % für die USA, minus 6,5 % für Großbritannien oder minus 7,0 % für Deutschland, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Die US-Berichtssaison ist mit den Banken angelaufen und die gestrigen Konjunkturdaten zu den Einzelhandelsumsätzen (- 8,7%) und zum New York Empire State Index (- 78,2) geben einen Vorgeschmack auf kommende Horrorzahlen. So richtig auf das Gemüt der Aktienmärkte und ihrer Investoren schlug die Nachricht, dass die US-Industrie im März ihre Produktion so stark drosselte wie seit 1946 nicht mehr: Die Unternehmen stellten 6,3 Prozent weniger Waren her als im Vormonat, wie die US-Notenbank am Mittwoch in Washington mitteilte. Die gesamte Produktion schrumpfte um 5,4 Prozent.

Sehr schmerzhaft dürfte für die Amerikaner auch die ständig steigende Zahl von Firmen werden, die ihre Dividende für das kommende Jahr aussetzen. Viele Bürger und auch die US-Pensionsfonds sind auch die vierteljährlichen Ausschüttungen der Unternehmen angewiesen. Die erzwungene Schrumpfung des bisherigen Aktienrückkaufprogramms ist ein weiterer Bremsfaktor für die Aktienmärkte, viele staatliche Rettungsmaßnahmen sind mit einem Verbot der Kurspflege verbunden.

Heute kommt aber eine Konjunkturzahl, die für die US-Wirtschaft und auch die Federal Reserve von extremer Bedeutung sein wird. Es sind die neuen Daten zu den wöchentlichen Erstanträgen zur US-Arbeitslosigkeit. Ein enorm wichtiger Faktor für die US-Volkswirtschaft, weil mit einer stark steigenden Arbeitslosigkeit der Konsum unter die Räder kommt und dieser ist mit seinem 16 Billionen Dollar Volumen die entscheidende Größe (70 Prozent Anteil am BIP) für den Wohlstand der Wirtschaftsmacht Nummer eins.

Für die Federal Reserve ist das Niveau der Arbeitslosigkeit Teil des gesetzlichen Auftrages, nämlich für diese Stabilität zu sorgen, auch aus diesem Grund resultierte die unglaublich wuchtige Bazooka der US Notenbank. Man kleckert nicht, sondern klotzt, auch im Vergleich zu anderen Staaten – ausgenommen Japan. In den USA gibt es derzeit um die 158 Millionen Arbeitnehmer, die Arbeitslosigkeit lag vor wenigen Wochen noch beim 50-Jahrestief von 3,5 Prozent. Nach den beiden letzten Schockwochen gab es plötzlich 16 Millionen Amerikaner ohne Job. Die Märkte haben aber die selbst die erheblich schlechter als erwarteten Daten weggesteckt. Aber jetzt stellt sich die Frage: Sollten heute noch einmal sechs oder sieben Millionen Anträge (jobless claims) dazu kommen, werden dies die extrem gestiegenen Märkte ein weiteres Mal wegstecken?

Wird sich das Fundamentale durchsetzen?

Die (Geld)Flut hebt die Boote. Das war vermutlich in den letzten Wochen der Hauptantriebsfaktor für eine Bärenmarktrally erster Güte der Aktienmärket. Die Bazookas wirken ohne Zweifel – aber jetzt hat die Saison der Wirtschaftsdaten begonnen, die den Lockdown in konkrete Zahlen packt. Auch wenn es immer sehr spektakulär und theatralisch klingt: für die kommenden Daten gibt es kein historisches Vorbild – es müssen Rekordzahlen im Negativen werden. Vieles ist bekannt und damit schon eingepreist.

Am heutigen Tag kommt mit den neuesten Arbeitslosenzahlen ein großer Test, ob dies wirklich der Fall ist. Denn die Höhe der Arbeitslosigkeit hat unmittelbar Einfluss auf den US Konsum, die Stärke und zugleich Achilles-Ferse der amerikanischen Wirtschaft.
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2 Kommentare

2 Comments

  1. Avatar

    Peter

    16. April 2020 09:56 at 09:56

    Für mich ein sehr interessanter Artikel. Bus es wieder rund läuft, wird es länger dauern als uns lieb ist. Die Corona-Entwicklung verläuft eben sehr ungleichförmig. Wir als Exportland sind hier stärker betroffen als z. B. Frankreich. Hinzu kommt, dass dieses Mal die Chinesen nicht wirklich helfen können und sicherlich auch nicht (mehr) wollen.

    • Avatar

      Scheer

      16. April 2020 11:07 at 11:07

      Hi Peter,
      ich bin da anderer Meinung. Sie (die Chinesen) werden sehr wohl helfen, aber nicht ohne Gegenleistung.
      Siehe Italien, wo die Texilindustrie in chinesischer Hand ist.

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Goldpreis: Gestern Bitcoin-Absturz, heute Gold! Marktgeflüster (Video)

Gestern stürzte Bitcoin ab, heute fällt der Goldpreis mit einer schnellen Bewegung unter die Unterstützung bei 1800 Dollar. Was ist da los?

Markus Fugmann

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Gestern stürzte Bitcoin ab, heute fällt der Goldpreis mit einer schnellen Bewegung unter die Unterstützung bei 1800 Dollar (und das im buchstäblich selben Moment, als auch der VIX deutlich fiel). Was ist da los? Wiederholt sich das Geschehen aus dem März, als ein heftiger Abverkauf von Bitcoin das Vorspiel für den Absturz der Aktienmärkte im März-Crash war? Auffallend ist die Schwäche im Goldpreis und gestern die Schwäche bei Bitcoin) vor allem deshalb, weil der Dollar alles andere als Stärke zeigt – normalerweise unterstützt ein schwacher Dollar das gelbe Edelmetall. Die heute in den USA verkürzt handelnden US-Aktienmärkte nun immer mehr im „Gier-Modus“ – wie lange geht das noch?

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Rüdiger Born: Die aktuelle Lage am verkürzten US-Handelstag

Rüdiger Born

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Nikkei 225: Das Comeback des japanischen Leitindex

Hatte es der Großinvestor Warren Buffett geahnt, oder war er sogar ein kleiner Auslöser dafür: Nämlich die Stärke des japanischen Nikkei 225 – trotz explodierender Schulden

Wolfgang Müller

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Hatte es der Großinvestor Warren Buffett geahnt, oder war er sogar ein kleiner Auslöser dafür: Nämlich die Stärke des japanischen Sammelindex Nikkei 225, inmitten der Corona-Krise und bei explodierenden Staatsschulden. Dieser bemüht sich nach Kräften, endlich das Trauma des Immobilien-Crashs von 1989 zu neutralisieren, der Index kletterte jüngst auf ein fast 30-Jahreshoch.

Der japanische Index – auf dem Weg zu alten Höhen?

Immer wieder wird von Aktienpessimisten Japan als Negativbeispiel angeführt. Der unheimliche Aktien-Boom in den 1980-er-Jahren, verbunden mit der Immobilienblase (Hans-Werner Sinn: Für Tokyo hätte man ganz Kanada kaufen können!) führte zu abstrusen Börsenbewertungen:

 

Die Mutter aller Index-Fahnenstangencharts (bis zur Corona-Krise):

Die Aktienmärkte - hier der Nikkei

Der Höchststand des Nikkei 225 vom 29. Dezember 1989 lag auf Schlusskursbasis bei 38.913 Punkten, dann erfolgte ein Absturz ohnegleichen mit vielen erratischen Schwankungen und einem Tief am Ende der Finanzkrise von 7054 Punkten.

Aber wer hat im Jahr 1989 all sein Geld in den Nikkei 225 investiert und nicht vorher und danach? Im Übrigen hätte ein monatlicher Sparplan auf den Index über viele Jahre eine gewaltige Rendite gebracht, durch den Cost-Average-Effekt, nur muss der Index irgendwann einmal kräftig anziehen, dann schießt der Wert mit all den billig erworbenen Anteilen kräftig in die Höhe. So wie es beim Nikkei 225 schon seit geraumer Zeit aufwärts geht.

Ein Vergleich der Marktperformance:

Seit dem Corona-Tief:

S&P 500: plus 60 Prozent
Dax: plus 52 Prozent
Nikkei: plus 50 Prozent

Seit dem Tief in der Finanzkrise 2009:

S&P 500: plus 436 Prozent
Dax: plus 362 Prozent
Nikkei: plus 364 Prozent
Jetzt ist der Index noch weiter gestiegen und erreichte gestern 26.537 Punkte.

Wobei hier wieder einmal festzustellen ist, dass bei unserem Dax als Performanceindex die ausgeschütteten Dividenden mit eingerechnet wurden, anders als bei den international üblichen Kursindizes. Was im Jahresvergleich nicht viel ausmacht, verzerrt das Bild bei einem 11-Jahreszeitraum durch den Zinseszinseffekt doch sehr deutlich.

Was also fast nach einem Gleichlauf aussieht, wird im 3-Monatsvergleich nach dem Einstieg von Warren Buffett deutlicher, Japan fiel im Oktober nicht mehr so stark und erholte sich stärker.

S&P 500: plus 4 Prozent
Dax: plus 1 Prozent
Nikkei: plus 13 Prozent

Die Entwicklung der Wirtschaft

Dass die Börse in Japan so stark gestiegen ist, liegt zum einen natürlich an der Bank of Japan, die bereits 53 Prozent der japanischen Staatsanleihen in ihren Büchern hält und immer wieder ETFs auf den Aktienmarkt erwirbt.

Der Nikkei 225 mit seinen über 12 Billionen Euro Marktkapitalisierung hat natürlich noch andere Investoren.

Aber vonseiten der Wirtschaft gibt es auch einige Signale der Hoffnung.

Doch zunächst zum Einstieg von Warren Buffett. Seine Gesellschaft Berkshire Hathaway kaufte im Herbst etwas mehr als fünf Prozent der Aktien der fünf großen japanischen Handelshäuser, die jahrzehntelang Japans Außenhandel bestimmt haben. Für uns relativ unbekannte Namen wie Itochu, Marubeni, Mitsubishi, Mitsui und Sumitomo. Und seine Gesellschaft sei bereit, den Einsatz auf bis zu 9,9 Prozent zu erhöhen.

Japan ist verglichen mit den USA erheblich preiswerter. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) des Dow Jones liegt bei 2,9, jenes des Nikkei 225 hingegen nur mit bei 1,1.

Japans Wirtschaft erholt sich derzeit von einer Rezession, die schon im vierten Quartal 2019 begonnen hatte. Japans Konsumenten erhöhten ihre Ausgaben im Sommer um 4,7 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt stieg im dritten Quartal auf Jahresbasis um 21,4 Prozent, 2,5 Prozent stärker als von Analysten erwartet wurde.

Hinzu kommt, dass die XXVII. Olympischen Sommerspiele in Tokyo doch vom 23. Juli bis zum 8. August 2021 stattfinden sollen, wie IOC-Präsident Dr. Thomas Bach bei seinem letzen Besuch in Japan angekündigt hat.

Ein Schub durch das Freihandelsabkommen RCEP

Das vor knapp zwei Wochen abgeschlossene Freihandelsabkommen RCEP, abgekürzt für Regional Comprehensive Economic Partnership, zwischen 15 Ländern Ostasiens und Ozeaniens, gab der Börse einen weiteren Kick. Japan erhält dadurch erstmals bevorzugten Zugang zu China und Südkorea. Die Annäherung der drei Länder gilt als historischer Vorgang. Das Abkommen wird als Wegbereiter für ein künftiges asiatisches Wirtschaftswachstum gesehen, auch zu einer Zeit, in der sich die Region ohnehin aufgrund der Eindämmung der Pandemie konjunkturell besser als der Rest der Welt entwickelt.

Fazit

Was kann man aus der diesjährigen Entwicklung des Nikkei für Lehren ziehen? Staatsschulden, selbst in astronomischer Höhe (über 250 % zum Bruttoinlandsprodukt), führen nicht zwangsläufig zum Einbruch. Nämlich dann, wenn die Bürger an die Stabilität der eigenen Währung glauben und genügend Sparvermögen bilden und natürlich von der Funktionsfähigkeit der eigenen Notenbank überzeugt sind, die viele der Staatssschulden in ihren Büchern hält. Das Vertrauen in das Geld ist Grundvoraussetzung für die Schuldentragfähigkeit.

Dann sollte die eigene Währung eine gewisse Stabilität aufweisen, damit die Exportwirtschaft nicht unter die Räder gerät, aber auch ausländische Produkte für die Bürger erschwinglich bleiben. Ganz besonders wichtig ist natürlich die Stabilität des Geldes im Hinblick auf die Inflation. In Japan lag die Teuerungsrate über 20 Jahre gerade mal bei 0,5 Prozent per annum. Aber aus dieser Argumentation könnte man auch schlussfolgern, dass es dann krachen wird, wenn auch nur einer der drei Faktor nicht mehr gegeben ist, insbesondere wenn die Inflation zu galoppieren beginnt. Inflation, das Thema der nächsten Jahre nach der epochalen Geldschwemme des Corona-Jahres 2020?

 

Der Nikkei in Japan mit zuletzt starker Entwicklung

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