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Aktienmärkte: Kurzzeitige Korrektur – oder geht Märkten die Luft aus?

Zeichen für eine größere Korrektur - oder einfach Verschnaufpause vor dem Quartalsende?

Der große Leitindex der Aktienmärkte, der S&P 500, kommt seit zwei Wochen nicht mehr richtig von der Stelle, es gibt Warnzeichen, dazu Umschichtungen und Rotation von der Rotation, von Growth zu Value und zurück. Ist dies bereits das Zeichen für eine größere Korrektur der großen Rally, oder ganz einfach eine Verschnaufpause vor dem Quartalsende, mit den üblichen Umschichtungen in den großen Depots?

Aktienmärkte: Gewinnmitnahmen nach einem Jahr Rally

Vor zwei Tagen wurde eine Rally ein Jahr alt, die vieles in den Schatten gestellt hat: Seit dem 23. März des Jahres 2020 ist der mittlerweile über 33 Billionen Dollar schwere S&P 500 nicht weniger als 77 Prozent seit seinem Tief gestiegen. Von einem Kurseinbruch von 35 Prozent, der gerade mal 34 Tage gedauert hat.

Seit ein paar Wochen aber ist der Gegner schlechthin aufgetaucht, der für Aktienmärkte gefährlich werden kann: Ein Anstieg der Renditen der 10-jährigen US-Staatsanleihe, von 0,92 Prozent zu Jahresanfang bis auf 1,75 Prozent vor wenigen Tagen. Es scheint, dass große Zyklusbewegungen immer schneller vonstatten gehen. Hierzu gleich mehr.

Aber es gibt Sektoren, die noch viel stärker gestiegen sind, als der führende Leitindex. Ich meine nicht den Nasdaq 100, der trotz seiner Korrektur der letzten Wochen auf Jahressicht immer noch über 86 Prozent im Plus liegt. Es sind Nebenwerte-Indizes, wie der Russel 2000, der es auf 126 Prozent plus gebracht hat oder Branchen-ETFs, wie auf Banken, Transport oder Energie, die sich mehr als verdoppelt haben.

Aber den Vogel abgeschossen haben jedoch ETFs wie:

  • Clean Energy + 324 Prozent
  • Online Retail + 303 Prozent oder der Topperformer von Cathie Wood
  • Ark Innovation + 231 Prozent, wenn dies nicht nach Korrektur schreit?

Auch die fast risikolos erscheinende Wette auf einen Anstieg der Zinsen am langen Ende brauchte eine Abkühlung. Die 10-Jährigen hatten flugs von 1,75 auf 1,60 Prozent nachgegeben. Auch ohne Hebel schon eine gewaltige Veränderung auf Kursbasis, die Duration lässt grüßen.

Die kürzeste Rezession aller Zeiten?

Ein gewaltiger Einbruch der Wirtschaft 2020, fast parallel in den westlichen Industrieländern, führte zu noch nie da gewesenen Rettungsaktionen von Staaten und Notenbanken und damit zu einer Rally der Aktienmärkte, die es in der Neuzeit aus einer Rezession heraus noch nie so gegeben haben dürfte. Ein Lockdown löste Einbrüche in Branchen aus, die ohne Vorbild sind – deshalb hat es mich stets gewundert, wenn Schlagzeilen über die ach so extreme Erholung in manchen Sektoren die Runde machten. Es ist einfach der Mathematik geschuldet. Wenn ich die Reisebranche 90 Prozent in den Keller schicke, habe ich eben 900 Prozent Luft nach oben, bis zum Status quo ante.

Nichtsdestotrotz gibt es keine Rally ohne Unterbrechung, dafür sorgt schon die Gier der Anleger, die mit steigenden Kursen immer größer wird.

Zunächst hat der 9. November mit der großen Impfstoffmeldung zu einem richtigen Gamechanger geführt. Da 2021 in den USA die Impfstory immer größere Auswirkungen zeigt (über 125 Millionen verabreichte Impfdosen in gut drei Monaten), gerät die Anlagerwelt in einen Zustand der Neuorientierung durch konträre Entwicklungen. Nur ein paar Faktoren: Die US-Regierung flutet die Wirtschaft mit einem 1,9 Billionen Stimuluspaket, die Fed setzt ihr monatliches, 120 Billionen Dollar schweres Anleihekaufprogramm fort, die Wachstumsaussichten schießen in Größenordnungen wie bei Entwicklungsländern, gleichzeitig sprechen die Notenbanken von vorübergehender Inflation und die Zinsen spielen Jo-Jo.

Schlussfolgerungen

Wirtschaft und Aktienmärkte befinden sich in einer Transformationsphase. Die Anzeichen für eine starke Wirtschaftserholung mehren sich, man blickt durch die Pandemie hindurch, selbst in Deutschland schießen die Frühindikatoren durch die Decke (aktueller Einkaufsmanagerindex, Verarbeitendes Gewerbe auf sagenhafte 66,6 Punkte).

Und was macht die Börse? Diese hat die Erholung von Teilbereichen der Wirtschaft wie immer vorweggenommen und in manchen Bereichen übertrieben. Ich kann mich an keine Situation an den Märkten erinnern, dass erst bei der Bekanntgabe von Wirtschaftswachstum die Aktienmärkte reagiert hätten. Es geschah immer vorher, mit allerlei Fehlsignalen.

Jetzt ist es anscheinend an der Zeit etwas Gewinne mitzunehmen, bei Nebenwerten, wie dem Russell 2000, dessen Performance (>126% vom Tief) einfach sehr viel vorweggenommen hat. Die Wetten auf steigende Zinsen waren auch zu heiß gelaufen, eine Short Squeeze lag in der Luft. Ist das schon das Ende des Aufwärtstrend? Systembedingt kann niemand eine Antwort auf diese Frage geben, aber die entscheidenden Stützen sind noch intakt. Die Renditen der 10-jährigen US-Treasuries sind (noch) keine Konkurrenz für die Aktien (KGV 60 – kaum Realrendite) und die Geldflut hebt noch die Aktienboote (120 Mrd. Dollar monatlich durch die Fed, PEPP durch die EZB). Außerdem hat die Inflation noch keinen deutlichen Niederschlag in den Statistiken gefunden. Jerome Powell betonte bei der gestrigen Anhörung vor Abgeordneten ein weiteres Mal: „We are strongly committed to our two percent inflation target – it’s half of our mandate.“

Die jetzigen Kursschwankungen mit der Rotation der Rotation scheint eher eine Anpassung an das Quartalsende zu sein.

Noch gilt für die Aktienmärkte: „The trend is your friend“ und ein Trendbruch ist eigentlich noch nicht zu erkennen. An der Börse gibt es oft das 2:1-Prinzip, zwei Schritte vor und einer zurück. Man sollte nicht den Fehler machen, einzelne Tage oder kurze Phasen schon für eine Trendwende zu halten. Die Statistik spricht vehement dagegen. Ab April könnte es aber deutlich schwieriger werden, wegen der Saisonalität, aber erst recht wegen einer Mean Reversion für die Indizes für den schnellsten und steilsten Kursanstieg an den Börsen nach einer Rezession – seit Menschengedenken, oder zumindest seit sehr langer Zeit.

Aktienmärkte - Korrektur oder Trendwende?



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