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Aktienmärkte: Neue Börsenhochs trotz Wirtschaftsflaute, warum?

Die Aktienmärkte weltweit auf hohen Ständen, der Dow Jones kämpft bereits mit der magischen Marke von 30.000 Punkten. Spielen die Börsen verrückt? Dabei hat die Corona-Pandemie in diesem Jahr eine bereits angeschlagene Wirtschaft in eine Rezession getrieben, weltweit bis auf China und ein paar kleinere asiatische Staaten. 2020 soll die globale Wirtschaft um über vier Prozent schrumpfen, führende Industriestaaten sogar noch mehr. Das Niveau der Volkswirtschaften wird sich erst wieder im Jahr 2022 auf Vorkrisenniveau erholt haben, so die allgemeine Erwartung.

Die Aktienmärkte klettern trotz Rückschlägen weiter

Man hört immer öfters: das Beste hätten die Aktienmärkte bereits eingepreist. Da ist sicherlich viel Wahres dran bezüglich des Wahlausgangs oder der neuen Impfstoffeuphorie. Die derzeitige Euphorie an den Märkten und der große Abstand der US-Indizes sind recht deutliche Zeichen für eine anstehende Korrektur, zum Abbau von Übertreibung – aber eben noch nicht zu einem Paradigmenwechsel.

Also, wie ist im Anschluss daran die allgemeine Anlegersituation zu bewerten?

32 Billionen Dollar an Anleihen gab es weltweit vor Kurzem, die real im negativen Bereich notieren. Die Summe der Staatsanleihen der Industrieländer war hingegen auf „nur“ 59,5 Billionen Dollar gestiegen. Fließen nicht täglich Milliarden Dollar an neuen Geldern in die Märkte, sei es durch die hohe Sparrate der Bürger oder durch Kundengelder bei Versicherungen, Pensionsfonds oder auch in die aktive oder passive Aktienfondsbranche? Wo soll dieses Anlagekapital hinfließen? Klar kann der ein oder andere das Argument des Anlagenotstands nicht mehr hören. Aber unser ganzes Finanzsystem ist auf die Erzielung von Rendite aufgebaut, ohne diese brechen die Vorsorgesysteme zusammen. Solange die Anleihe-KGVs im zwei- oder dreistelligen oder sogar im nicht feststellbaren Bereich liegen, bleiben vielen Anlegern kaum Alternativen übrig. Und da ist es nicht so relevant, ob die globale Aktienbewertung 107 Prozent zum Welt-Bruttosozialprodukt ausmacht oder das KGV der Aktienmärkte 18, 20 oder 22 beträgt. Es spielt auch keine Rolle, ob die Zinsen durch Käufe der Notenbanken oder durch Käufe von normalen Investoren niedrig geworden sind.

Da der Zins der Preis für die Zeit darstellt, verzerrt sich diese Korrelation bei Nullzinsen ins Absurde. Zukunftserträge müssen nicht mehr teuer abgezinst werden, künftige Aktienerträge werden immer wertvoller. Noch im Januar betrug die Rendite für die 10-jährige US-Treasury 1,80 Prozent, aktuell 0,84 Prozent. Selbst wenn die Wirtschaft bis Mitte nächsten Jahres nicht das Niveau von Ende 2019 erreicht hat, wären die Aktienmärkte aus dieser Sicht nicht teurer geworden – so skurril es sich auch anhört.

Sicherlich wird es zu guter Letzt immer auf die Gewinne der Unternehmen einer Volkswirtschaft ankommen, die die großen Indizes bestimmen. Aber das Anlagekapital mit seinen großen Sammelbecken Aktien und Anleihen wandert zwischen diesen beiden Anlageklassen hin und her – den derzeit 95 Billionen Dollar schweren Aktienmärkten und dem rund 60 Billionen großen Markt für Staatsanleihen. Letzterer wird durch die Notenbanken dominiert und verzerrt, ohne die Käufe von Federal Reserve, EZB, BoJ und anderen würden die Zinsen nicht bei zuletzt 0,18 Prozent weltweit bei den 7 bis 10-jährigen Staatsanleihen stehen.

Deshalb ist die Marktkapitalisierung der globalen Aktienmärkte auf fast 100 Billionen Dollar gestiegen. Wenn die Analysten von Société Generale davon sprechen, dass ohne den Einsatz der Notenbanken der S&P 500 eher bei 2000 als bei 3600 Punkten stehen würden, dann ist dies sicherlich nicht unrealistisch. Als die Federal Reserve im Jahr 2018 die Leitzinsen vier Mal bis auf 3,25 Prozent angehoben hatte, bei gleichzeitiger Reduzierung der Fedbilanz, kam es im Dezember zum Absturz des S&P 500 um fast 20 Prozent auf 2350 Punkte. Fed-Chef Powell hatte durch seine Ankündigung weiterer Zinsanhebungen einen GAU verursacht – und rasch wieder korrigiert. Die Gewinnsituation für die Unternehmen war sicherlich in der Summe nicht sehr weit entfernt, von der 2021-er Aussicht. Aber der Anleihemarkt warf eine auskömmliche Rendite ab, deshalb die temporäre Big Rotation.

Kleines Fazit

Die große Wende der Aktienmärkte dürfte dann erfolgen, wenn die (Kapitalmarkt)-Zinsen ein Stück steigen, so dass es Alternativen zum Aktienmarkt gibt oder das Geld in die Wirtschaft fließt. Beides ist auf kurze Sicht nicht zu erwarten. Korrekturen der Aktienmärkte sind aufgrund überbordender Spekulation auf den Aktien- und Terminmärkten jederzeit möglich und wahrscheinlich. Aber diese sind für gewöhnlich von kurzer Lebensdauer – und dann beginnt das Anlageproblem von Neuem!

warum stehen die Aktienmärkte trotz schwacher Wirtschaft so hoch?



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3 Kommentare

  1. Aber es gibt doch noch Riesenvolumen von Unternehmensanleihen die besser rentieren als Aktien und auch nicht fallengelassen werden können.Könnte man da wieder einmal ein paar Statistiken ausgraben ? Risikomässig sind Firmenanleihen noch höher gewichtet als die entsprechenden Aktien. ( Verlust bei Konkurs). Und wieder die alte Platte, es gibt Regionen und Länder mit besserem CRV als die US-Aktien.

  2. „so dass es Alternativen zum Aktienmarkt gibt oder das Geld in die Wirtschaft fließt. Beides ist auf kurze Sicht nicht zu erwarten. „…bei dem was in die Wirtschaft fließen wird bin ich mir ab dem Zeitpunkt der Machtübernahme von Biden nicht sicher…er wird mit Sicherheit nicht dafür sorgen, dass das Ganze Geld ungezügelt in die Börsen fließt, sondern eher echte Anschaffungen in der Wirtschaft belohnen (Infrastruktur, etc.), was sich langfristig auch in den Aktienkursen sichtbar machen wird, aber kurzfristig eben nicht…ich denke das könnte ein kurzfristiges Risiko sein, bis dann irgendwann der Ruf kommt…die Börse bewertet die Zukunft und die zukünftigen Quartalszahlen sehen dann aufgrund höherer Investitionssummen des Staates nicht ganz so schlecht aus…aber dafür muss vorher eben richtig gearbeitet werden und das bedarf schließlich etwas Zeit…

  3. @ Ranzentier, genau das habe ich auch schon überlegt und geschrieben.Unabhängig wieviel Geld investiert wird, Bidens Hauptziel werden nich die kurzfristigen Börsenkurse sein. Das Mantra, dass gedrucktes Geld ohne Umweg direkt an die Börsen geht war bis vor Trump und wird auch nach der Ära Trump nicht mehr die Regel sein. Normalerweise führen Investitionen über Wirtschaft / Firmengewinne und Einkommen erst am Schluss zu guten Börsenkursen.Die vielen Hilfsprogramme werden gemäss F.Zulauf kein Stimulus sein sondern höchstens Kompensationen für Verluste.Bis die schon vor Corona rezessive Wirtschaft wieder die Normalität erreicht braucht es einige Jahre, da ja noch der Hemmschuh der stark erhöhten Verschuldung durch Corona wirkt.Man muss auch kein Hellseher sein, dass die verschuldeten Staaten die Habenden durch irgendwelche Steuern oder Abgaben schröpfen werden müssen.

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