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Aktienmärkte: Powells Verlängerung, zunächst Aufatmen der Märkte

Aktienmärkte - Powell und die Jahresendrally

Die Aktienmärkte waren gestern zunächst begeistert: Nachdem sich in letzter Zeit Zweifel an der Verlängerung der Amtszeit von Jerome Paul als Fedchef breitgemacht haben, entschied sich US-Präsident Biden für Kontiniutät. Damit wurde die als etwas taubenhafter eingeschätzte Fed-Gouverneurin Lael Brainard zur Stellvertreterin Powells gesetzt, die Gefahr einer etwas heftigeren Bankenregulierung ist vorerst etwas vom Tisch – die Kurse der Großbanken zeigten dies eindrucksvoll. Auch wenn man den Eindruck gewinnen könnte, dass es nicht „dovisher“ kommen könnte als mit Powell, so unterschätzt man doch die Standfestigkeit des Republikaners, der viele Monate den Forderungen von US-Präsidenten Trump nach Zinssenkungen getrotzt hatte, obwohl er von diesem öffentlich als „Dummkopf“ beschimpft worden war. Daß Jerome Powell als „hawkisher“ eingeschätzt wurde als Brainard, sieht man an der Reaktion der Zinsen sowie am Nasdaq, der seine Anfangsgewinne abgab. Eigentlich ein Automatismis, denn bei den Techwerten werden künftige Gewinne abdiskontiert und diese verlieren bei höheren Zinsen an Wert.

Aktienmärkte: Gut oder schlecht für die Jahresendrallye?

Ein Urgestein an der Wall Street, der Director of Floor Operations der Großbank UBS, Art Cashin, beantwortete diese Frage mit einem deutlichen „Gut“. Denn es zeichne sich ab, dass sich die Fed damit weiter in ruhigem Fahrwasser bewegen wird, das Tapering dürfte wie angedacht ablaufen, die erste Zinsanhebung im Juli 2022 erfolgen. Es ist auch etwas unverständlich, dass die Aktienmärkte so vor einer ersten Zinsanhebung zittern, historisch verliefen die ersten beiden Schritte zumeist harmlos, weil diese Ausdruck einer Wirtschaft waren, die auf eigenen Beinen stehen kann. Wahrscheinlich ist eine Abkehr von der ultralaxen Geldpolitik in der jetzigen Lage sogar konstruktiv, weil eben damit ein Signal gesetzt wird, der Inflation nicht untätig gegenüberstehen zu wollen.

Heimlich still und leise gibt es Besserung auf dem Transportsektor

Auch wenn es in der Tagespresse nicht oft zum Ausdruck kommt: Die Lage an den weltweiten Logistikmärkten bessert sich langsam. Der Baltic Dry-Index, der die Entwicklung der Preise für Frachtraten von Containerschiffen darstellt, ist in der vergangenen Woche weiter gefallen. Aber auch die Frachtkosten für Container sind in den vergangenen zwei Wochen um 13 Prozent zurückgegangen.

Daher gaben bei uns hierzulande die Aktien der Firmen, die Luftfracht befördern, wie bei Lufthansa oder Fraport, deutlich nach. Bei sinkenden Frachtraten und mehr Containern, muss man nicht mehr so auf das Flugzeug zurückgreifen.

Aktienmärkte und Inflation - Ausblick

Auch aus dem großen Hafen in Los Angeles gibt es ein positives Signal. Der dortige Hafenchef hat einen Rückgang der lagernden Container um ein Drittel gemeldet.

Auch das Wall Street Journal berichtet von einer Normalisierung der Lieferketten, die Fabriken in Asien laufen wieder, auch die Energieknappheit reduziert sich, zumindest in Fernost.

Für mich klingt das Narrativ von jahrelangen Lieferengpässen sowieso fast wie ein wirtschaftliches Märchen. Wo soll das Wachstum über mehrere Jahre in einer so hoch verschuldeten Wirtschaft mit Raten über fünf Prozent pro Jahr herkommen? Bei der Story jahrelanger Lieferengpässe ist für mich eher der Wunsch der Vater des Gedanken bei den profitierenden Firmen.

Vor allem wenn man bedenkt, dass im Sommer nächsten Jahres die Zinsen angehoben werden könnten, mit großen Folgen für eine mit über 80 Billionen Dollar verschuldeten Gesellschaft in den USA und mit einem 15 Prozent-Anteil an Zombiefirmen, die sich überhaupt keinen Zinsanstieg leisten kann. Auch nicht die Verbraucher, die von der steigenden Inflation betroffen sind, die sich schon jetzt in die Haushaltsbudgets „frisst“.

Ich kann mich nur wiederholen, immer dann, wenn in allen Medien eine Sache in Schlagzeilen omnipräsent ist, vor allem in den Massenmedien, ist der Höhepunkt der Entwicklung meist bereits erreicht.

Auch die Entwicklung des Ölpreises, von 84,65 Dollar am 26. Oktober, auf etwa 76 Dollar am 22. November zurückgehend, muss das nicht einen dämpfenden Einfluss auf die Inflationsrate haben?

„Nothing infects the inflation more than the oil price“, war gestern an der Wall Street zu hören.

Zumindest könnte dies für eine Plateaubildung in den USA sorgen, nicht für Deutschland, hierzulande gibt es spezielle Faktoren.

Die Reaktion der Märkte zu Handelsschluss

Bis wenige Minuten vor Börsenchluss in den USA sah es nicht so aus, als ob die Personalie Powell einen negativen Einfluss auf die Aktienmärkte haben würde. Dann kam es doch noch zu stärkeren Gewinnmitnahmen.

Der Dow Jones konnte zwar seine mehrtägige Verlustserie mit einem Plus von 0,1 Prozent beenden, der dominierende S&P 500 ging aber mit minus 0,3 Prozent bei 4682 Punkten aus dem Handel, nachdem er in der Handelszeit schon mit seinem 67. Allzeithoch geliebäugelt hatte. Deutlich abwärts gingen es mit dem technologielastige Nasdaq, um 1,3 Prozent, eine ausgeprägte Kehrtwende im Handelsverlauf. Absolut nachvollziehbar, schließlich sprang die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe in wenigen Stunden um 10 Basispunkte in die Höhe, auf 1,627 Prozent. Auch das Volatilitätsbarometer VIX blieb von dem Tagesswing nicht unverschont, es stieg im Tagesverlauf um 7,76 Prozent auf 19,3 Punkte. Kein Wunder, wenn von den Big Five an der Wall Street, vier so plötzlich korrigieren.

Aktienmärkte Heatmap

Fazit

Auch wenn für nächstes Jahr bereits dunkle Wolken am Horizont erkennbar sind, dürfte für die letzten gut 25 Handelstage des Jahres für die Aktienmärkte nicht mehr viel anbrennen. Die US-Notenbank mit ihrem neuen und alten Chef Jerome Powell wird sich im Dezember zu keiner Panikreaktion hinreißen lassen. Powell dürfte sein Kommunikationsgau vom Dezember 2018 noch in zu frischer Erinnerung sein. Außerdem werden sich viele Fondsmanager die Früchte der Arbeit in den letzten vier Wochen nicht mehr aus den Händen nehmen lassen. Die Wahrscheinlichkeit für eine moderate Jahresendrallye hat nach den Ereignissen des gestrigen Tages zumindest nicht abgenommen.



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