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Wachsende Liste von Risiken Aktienmärkte: Rekordrally mit Risiko – Experten schlagen Alarm

Trader an der New York Stock Exchange. Foto: Bloomberg

Die Aktienmärkte in den USA erleben derzeit eine beispiellose Rekordjagd. Die Stimmung unter Anlegern ist ausgesprochen optimistisch, da ein Wall-Street-Stratege nach dem anderen sein Kursziel für den S&P 500 anhebt, der immer neue Höchststände markiert. Doch während sich die Erwartung weiterer Gewinne zu einem nahezu einhelligen Konsens verdichtet, bleiben selbst die größten Bullen aufmerksam für eine wachsende Liste von Risiken, die diese Hausse abrupt beenden könnten.


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Aktienmärkte: Höhenflug trotz Gefahren

Mit Bewertungen auf einem der höchsten Niveaus dieses Jahrhunderts zählen mögliche Risse im Hype um künstliche Intelligenz, die Folgeschäden aus dem von Präsident Donald Trump ausgelösten Handelskrieg, steigende Staatsschulden und ein schwächerer Arbeitsmarkt zu den größten Gefahren. „Alle neuen Höchststände sind positiv – außer dem allerletzten“, warnt Sam Stovall, Chef-Anlagestratege bei CFRA. Er rechnet zwar mit einer Fortsetzung der Rally, verweist aber darauf, dass US-Aktien gleichzeitig mit anderen entwickelten Aktienmärkten neue Rekorde erreichen – ein historisch starkes, aber nicht dauerhaft tragfähiges Signal.

Wie Bloomberg berichtet, haben erst kürzlich die Strategen der Deutschen Bank, Barclays, Wells Fargo, US Bank und Yardeni Research ihre Ziele für den S&P 500 angehoben. Goldman Sachs und Morgan Stanley blicken sogar noch weiter und gaben optimistische Prognosen bis 2026 ab. Sie stützen sich dabei auf die Erwartung, dass die US-Notenbank Fed ab dem 17. September die Zinsen senkt und so die Aktienmärkte weiter antreibt. JPMorgan warnt hingegen davor, dass die Zinssenkung der Fed zu einem „Sell the News“-Ereignis werden könnte. Laut Dennis DeBusschere von 22V Research erlebt die Börse derzeit eine seltene „Alles-Rally“, die nur in etwa einem Prozent aller Marktphasen vorkommt.

„Es ist untypisch, dass die Marktindikatoren in jedem wirtschaftlichen Umfeld in diesem Ausmaß auf Risiko stehen und die Aktienmärkte immer weiter steigen“, warnt er. Dennoch sieht 22V Research den S&P 500 bis Jahresende bei 7.000 Punkten, nachdem der Index am Freitag bei 6.584,29 Zählern schloss – ein Plus von rund 35 Prozent seit dem April-Tief und zwölf Prozent seit Jahresbeginn.

Der S&P 500 hat seit Ende Juni alle drei Handelstage einen Rekordhoch erreicht.

Anhaltender KI-Boom

Ein zentrales Thema ist die künstliche Intelligenz. Seit Jahren treibt sie die Kurse vieler Tech-Aktien, doch inzwischen zeigen sich erste Ermüdungserscheinungen. Keith Lerner, Chefstratege bei Truist Advisory Services, bleibt zwar zuversichtlich, betont aber: „Wir sind weiterhin investiert, doch wir müssen die Zahlen sehen, die das untermauern.“ Die überraschende Konkurrenz aus China durch DeepSeek und Alibabas KI-Modell Qwen sowie der anhaltende Handelsstreit zwischen den USA und China über den Export modernster Chips verstärken die Unsicherheit. Zudem nimmt die Abhängigkeit des S&P 500 von Technologiewerten zu: Tech-Aktien stellen mittlerweile rund ein Drittel des Leitindex – mehr als 2022, als ein Abverkauf den Markt in einen Bärenmarkt stürzte. „Das Risiko besteht darin, dass sich die Aktienmärkte ohne den Technologiesektor nicht mehr halten können“, warnt Jonathan Golub von Seaport Research Partners, der für das Jahresende einen Stand von 6.700 Punkten prognostiziert.

Hinzu kommt das Risiko überzogener Gewinnerwartungen. Von KI getriebene Kursgewinne bei Unternehmen wie Oracle und Broadcom könnten sich als Vorschusslorbeeren entpuppen. Drew Pettit, US-Aktienstratege bei Citigroup, weist darauf hin, dass der S&P 500 – abgesehen von der kurzen Euphorie nach der Covid-19-Pandemie – nahe seinem höchsten Kurs-Gewinn-Verhältnis seit 2002 handelt. „Man ist in einer Lage, in der nur übertroffene Prognosen und Anhebungen den Aufwärtstrend am Laufen halten können“, erläutert Pettit.

Bewertungen auf höchstem Niveau seit Jahrzehnten

Unternehmen, die Prognosen verfehlen, würden von Anlegern derzeit so stark abgestraft wie seit fast drei Jahren nicht. Auch die möglichen Spätfolgen von Zöllen bergen Risiken. „Es besteht weiterhin das Risiko, dass die Auswirkungen der Zölle sich erst später bemerkbar machen als erwartet“, sagte Jill Carey Hall, US-Aktienstrategin bei BofA Global Research, die für den S&P 500 ein Jahresendziel von 6.300 Punkten prognostiziert, was etwa 4 % unter dem aktuellen Niveau liegt.

Unsicherheitsfaktoren

Politische Überraschungen könnten die Aktienmärkte zusätzlich erschüttern. Selbst eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, die Zölle aufhebt und Rückzahlungen erzwingt, könnte die Zinsen in die Höhe treiben. Auch die wachsenden Staatsschulden bergen ein latentes Risiko für die Stabilität der Aktienmärkte. Kurzfristig könnte zudem die schlechte Saisonalität eine Rolle spielen, denn der September gilt traditionell als der schwächste Börsenmonat.

Einen weiteren klassischen Unsicherheitsfaktor bildet der Arbeitsmarkt. Eine aktuelle Revision der Beschäftigungsdaten zeigte, dass 911.000 Menschen weniger arbeiten als bisher angenommen. Zudem erreichten die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe den höchsten Stand seit 2021. „Ich weiß nicht, wie man in einem solchen Umfeld zweistellige Gewinnsteigerungen erwarten kann, wie es die Aktienmärkte derzeit einpreisen“, sagt Neil Dutta von Renaissance Macro Research.

Zwar reagierten die Aktienmärkte bislang positiv, da schwache Daten Zinssenkungshoffnungen nähren, doch Dutta warnt vor den längerfristigen Folgen: weniger Lohnwachstum und geringerer Konsum. „Es ist wie ein Börsenumfeld wie ein Münzwurf: „Kopf ich gewinne, Zahl du verlierst“, fasst er zusammen. Auch Golub zeigt sich vorsichtig: Obwohl die Arbeitslosenquote mit 4,3 Prozent niedrig ist, sieht er in der Entwicklung der Neueinstellungen, die „wie ein steil abwärts gerichteter Pfeil“ verläuft, ein Warnsignal. „Es könnte ein Problem geben“, räumt er ein.

Rally auf fragilem Fundament

Die aktuelle Rekordjagd des S&P 500 fußt somit auf einem fragilen Fundament aus Zinssenkungsfantasie, Technologieeuphorie und hohen Gewinnerwartungen. Zwar könnten die Aktienmärkte weiter steigen, doch bleiben die Risiken von Handelskonflikten über Verschuldung bis zu einem schwächeren Arbeitsmarkt erheblich. Anleger sollten sich daher nicht von der gegenwärtigen Euphorie täuschen lassen. Jede Rally endet mit dem letzten Hoch.

Das Risiko besteht jedoch darin, dass die Rally, sobald sie einmal ins Wanken gerät, schnell außer Kontrolle geraten kann.

FMW/Bloomberg

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Über den RedakteurStefan Jäger

Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.

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