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Aktienmärkte: Sind wir bereits im Crack-Up-Boom?

Bereits seit fast zehn Jahren gibt es die Prognosen über einen Zusammenbruch der Aktienmärkte, der Eurozone, auch zahlreiche Crash-Bücher sind darüber geschrieben worden. Aber es gibt auch Analysen, die die jetzige Lage ziemlich gut vorausgesagt haben: eine konnten wir bereits am 4. Dezember 2019 hier auf FMW lesen. Es ist ein Artikel von Hannes Zipfel über die Möglichkeit einer von der Notenbank getriebenen Katastrophen-Hausse, verfasst, bevor die Welt überhaupt von Covid-19 erfahren hat.

Aktienmärkte und Crack-Up-Boom: Die damaligen Kernaussagen

Können die Aktienmärkte allen Fundamentaldaten trotzen? Seit sieben Jahren bewegen sich die Gewinne von Corporate America kaum vom Fleck, wohingegen der Aktienleitindex S&P 500 in dieser Zeit um 1.800 Punkte oder 145 Prozent angestiegen ist.
Eine Frage gerät aktuell immer stärker in den Fokus für der Anleger: Können die Preise auch ohne Konjunkturhoffnungen und weit abgekoppelt von vielen Fundamentaldaten und trotz abnehmender Aktienrückkaufvolumina in den USA weiter steigen? Mit anderen Worten: Reicht allein der geldpolitische Stimulus, bestehend aus Zinsschwund und Geldmengenexplosion aus, um Dividendentitel in noch luftigere Höhen zu tragen?

Was ist ein Crack-Up-Boom und sind wir schon mittendrin?

Ein Crack-Up-Boom, oder zu deutsch Katastrophen-Hausse, ist sozusagen das große Finale in einem ungedeckten Papiergeldsystem, in dem die Aktienmärkte und alle anderen Sachwerte preislich durch die Decke gehen.

Aber worin besteht eigentlich die Katastrophe? Ganz klar aus dem Zwang, dem die Notenbanken unterliegen, dass überschuldete Weltwirtschaftssystem mit „unkonventionellen“ Maßnahmen permanent vor dem Kollaps zu bewahren.

Im kommenden Jahr, so schrieb Hannes Zipfel im Dezember 2019, werden zwei Dinge als logische Folge der fortschreitenden Überschuldung und des Zinsgewöhnungseffektes geschehen: Erstens werden die Zinsen weltweit noch weiter abgesenkt und zweitens werden die Gelddruckprogramme ebenfalls weiter ausgedehnt. Damit wird sich im Zeitverlauf und mit zunehmender Aggressivität der Zentralbanken auch das eigentliche Kaufmotiv bei Aktien in einer Katastrophenhausse einstellen: die Angst vor dem Kontrollverlust der Zentralbanken einhergehend mit der ungewollten Zerstörung der Kaufkraft des Fiat-Geldes durch die Geldpolitik.

Sein Fazit

Die Aktienmärkte seien, so Zipfel weiter, gerade dabei, in eine neue Phase einzutreten. Nicht mehr fundamentale Impulse, wie Gewinn- und Umsatzwachstum sowie starke Bilanzen beeinflussen die Entwicklung am Aktienmarkt, sondern primär die Geldpolitik.
Interessant ist nun zu beobachten, wie schnell und wie holprig dieser Übergang zur „Totalen Notenbankrally“erfolgt.

Genau das, was Hannes Zipfel hier skizziert hat, ist eingetreten – im gestrigen Artikel über die neue Finanzministerin Janet Yellen, hat der Ökonom Hannes Zipfel noch weiter ausgeführt, warum durch die aktuelle Zusammenführung von Geld- und Fiskalpolitik die Blase am Aktienmarkt noch weiter aufgebläht werden kann.

Die Gegenkräfte

Natürlich gibt es keine ewige Hausse für die Aktienmärkte, der überaus dominante Faktor Liquidität hat langfristig immer Nebenwirkungen. Wenn sich zu starke Verwerfungen an den Märkten bilden, „die Gier das Hirn frisst“ und die Geldmengenausweitung die Wirtschaft erreicht hat. Nahezu alle Rezessionen an den Märkten nach dem Zweiten Weltkrieg – Ausnahme externe Schocks wie der 11. September oder Corona – wurden ausgelöst durch Anstiege der Zinsen und der Inflation. Wie hatte ein ehemaliger Chef-Wirtschaftsberater die jetzige US-Notenbank gewarnt? „Die letzten drei Rezessionen in den USA sind entstanden, nachdem die Federal Reserve die Leitzinsen drastisch angehoben hat. Wenn die Notenbank ihre Unabhängigkeit bewahren will, sollte sie das berücksichtigen“. Das Ergebnis ist bekannt.

Die großen Zentralbanken agieren ständig in einem Dilemma. Da ist zum einen ihr gesetzlicher Auftrag – Federal Reserve: Preisstabilität, hohe Beschäftigung und niedrige Zinsen und bei der EZB: Preisniveaustabilität gem Art. 108 EG-Vertrag. Was ist aber, wenn die Politik ihre Aufgaben nicht erledigt, wie zum Beispiel verschiedene Länder in der Eurozone und die Notenbank mit ihrer Geldpolitik den Ausputzer für politische (Reform)Versäumnisse spielen muss? (Whatever it takes – I will preserve the Euro!)

Was, wenn ein Präsident (Trump) einen amtierenden Notenbankchef in aller Öffentlichkeit als Dummkopf bezeichnet, weil er nicht schnell genug die Zinsen senkt und sogar nach Wegen sucht, ihn abzulösen? Gibt es hier noch die Unabhängigkeit der Notenbank von der Politik, die funktionelle, personelle und finanzielle? Von Ländern wie der Türkei erst gar nicht zu reden.

Die Fed übertreibt immer, so hat es Dr. Stelter schon einmal in einem Kommentar bezeichnet. Die Notenbank darf in ihrer Projektion bei negativen Aussichten auch nicht mit der Wahrheit so einfach an die Öffentlichkeit gehen. Deshalb hat der ehemalige Fed-Chef Alan Greenspan einst den schönen Spruch formuliert: „Wenn Sie glauben mich verstanden zu haben, dann habe ich mich nicht richtig ausgedrückt.“

Wenn ein Notenbankchef laut über die Möglichkeit einer Rezession spricht, dann hat er sie ein paar Wochen später. Die Wirtschaftsakteure werden sich unmittelbar darauf einstellen, Unternehmen Investitionen zurückstellen und Verbraucher den Konsum. „Self fulfilling prophecy“ und die Reinkultur des Prinzips der Reflexivität an den Märkten.

Die Notenbanken sind damit eigentlich immer Getriebene des Systems und ihrer eigenen Politik. Wenn Sie die Laxheit der Geldpolitik aus politischen Gründen zu weit getrieben haben, so sind sie zum Reagieren gezwungen, immer wenn es eigentlich zu spät ist und die Aktienmärkte überreagiert haben. Typischerweise, wenn die Wirtschaft heiß läuft und die Inflation anspringt. Ein besonderes Problem für die Fed, die Fixierung auf den Arbeitsmarkt als „Lagging Indicator“. Bevor Vollbeschäftigung herrscht, befinden sich die Börsen in solchen Phasen sowieso schon längst in luftigen Höhen. So wie derzeit. Kann die Fed einfach die 10 Millionen „offiziell“ Arbeitslosen ignorieren und eine auch nur leichte Änderung in der Geldpolitik kommunizieren?

Eine eigentlich unlösbare Aufgabe für eine Notenbank: Den gesetzlichen Auftrag zu erfüllen, die Politik, trotz deren ständigem Kampf um Wählermehrheiten in der Wirtschaftspolitik zu unterstützen und gleichzeitig stets für Optimismus zu sorgen (Wirtschaft ist zu einem großen Teil Psychologie, wusste schon Ludwig Erhard). Auch wenn immer gerne mit der Dummheit der Notenbanker argumentiert wird, so populistisch einfach lässt sich die Sachlage nicht herunterbrechen.

Fazit

Die damaligen Ausführungen in dem erwähnten Artikel geben Zeugnis darüber, dass es durchaus möglich ist, künftige Entwicklungen durchaus analytisch zu beschreiben, allen Unwägbarkeiten der Vorhersehbarkeit von wirtschaftlichen Ereignissen zum Trotze. Erst recht für die Aktienmärkte, für die es keine strikte Gesetzmäßigkeiten geben kann, Stichwort Reflexivität.

Damit wird aber auch klar, dass es nicht so leicht möglich ist, den Wendepunkt der Aktienmärkte zu antizipieren – wann Inflation und Anstieg von Kapitalmarktzinsen zu Notenbankreaktionen in punkto Zins- und Geldpolitik führen müssen. Denn auf eines hat Hannes Zipfel auch bereits hingewiesen: Die Fed wird einem Anstieg der Zinsen am langen Ende nicht untätig zusehen und mit der schon öfters thematisierten „Yield Curve Control “ – Zinsstrukturkurvenkontrolle – gegensteuern. Und was die Inflation betrifft, hat man schon von vor längerer Zeit vorgearbeitet und das Inflationsziel von zwei Prozent für einige Zeit relativiert.

Ein Crack-Up-Boom ist das große Finale in einem Papiergeldsystem, in dem Aktienmärkte und Sachwerte preislich durch die Decke gehen
Foto: Avarice (2012), by Jesus Solana / Wikipedia (CC BY 2.0) – Ausschnitt aus Originalfoto



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1 Kommentar

  1. Die Wirtschaft hat sich schon längst weit aus den Regeln der Lehrbücher entfernt. Von der bedarfsorientierten Produktion ist man längst in einem produktionsorientiertem Konsum gelandet. Nun wird mit EZB Geldorgien produziert als ob es kein Morgen mehr gäbe und das Problem besteht nur noch darin, auch den Konsum auf dieses hohe Niveau anzuheben. Da kommt einfach keine Hyperinflation zustande, ausser man geht zum Helikoptergeld über oder die riesigen Hortbestände der Notenbankgelder verursachen durch Negativzinsen zu hohe Kosten und fliessen in den Markt ab.

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