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Aktienmärkte: Software-Aktien im KI-Ausverkauf – Einstieg jetzt?

Aktienmärkte: Software-Aktien im KI-Ausverkauf – Einstieg jetzt?
Grafik: ChatGPT

Seit Monaten wächst an den Finanzmärkten die Nervosität darüber, wie stark künstliche Intelligenz die Wirtschaft verändern könnte. In der vergangenen Woche schlugen diese Sorgen erstmals mit voller Wucht auf die Aktienmärkte durch als sich der Ausverkauf bei Software-Aktien beschleunigte. Auslöser war das KI-Start-up Anthropic, das neue Werkzeuge vorstellte, mit denen sich Arbeitsprozesse in Branchen wie Recht, Datenanalyse oder Finanzrecherche automatisieren lassen. Die Ankündigungen schürten die Angst, dass ganze Geschäftsmodelle obsolet werden könnten. Investoren reagierten prompt und trennten sich von Aktien quer durch den Technologiesektor – von Expedia über Salesforce bis hin zur London Stock Exchange Group.

KI-Ausverkauf erfasst die Aktienmärkte

Zwar griffen gegen Ende der Woche Schnäppchenjäger zu und verhalfen dem viel beachteten iShares Expanded Tech-Software Sector ETF (IGV) zu einer Erholung, nachdem er in vier Handelstagen um zwölf Prozent gefallen war und seit Jahresbeginn um knapp 25 % eingbrochen ist. Doch für viele Marktteilnehmer war die Botschaft eindeutig: Die Volatilität rund um KI ist keine Momentaufnahme, sondern eine neue Realität. „Dinge werden wöchentlich, täglich ausgeliefert“, sagte Daniel Newman, Vorstandschef der Beratungsfirma Futurum Group. „Der Wirkungsradius der Unternehmen, die von KI betroffen sein könnten, wird täglich größer.“

Trotz der Erholung waren die Verluste erheblich. Die kanadisch gelisteten Aktien von Thomson Reuters brachen auf Wochensicht um 20 Prozent ein – der stärkste Rückgang in der Unternehmensgeschichte. Morningstar erlebte die schwächste Börsenwoche seit 2009. Softwareanbieter wie HubSpot, Atlassian und Zscaler verloren jeweils mehr als 16 Prozent. Insgesamt büßten 164 Aktien aus den Bereichen Software, Finanzdienstleistungen und Asset Management binnen einer Woche rund 611 Milliarden Dollar an Börsenwert ein.

Vom KI-Gewinner zur Bedrohung

Die disruptive Kraft von KI steht spätestens seit dem Start von OpenAIs ChatGPT Ende 2022 im Fokus der Aktienmärkte. Bis zuletzt richtete sich der Blick jedoch vor allem auf die Gewinner dieser Entwicklung. Mit Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe zum Ausbau von Rechenkapazitäten kauften Anleger bevorzugt Aktien von Halbleiterherstellern, Netzwerkausrüstern, Energieversorgern und Rohstoffproduzenten. Diese Strategie zahlte sich aus: Ein Index für Halbleiterwerte hat sich seit Ende 2022 mehr als verdreifacht, während IGV um 61 Prozent und der S&P 500 um 81 Prozent zulegten.

Doch das sogenannte „Pick-and-Shovel“-Narrativ gerät ins Wanken. Die rasche Abfolge neuer Produkte von Anthropic, OpenAI und Alphabet lässt die lange diskutierte Disruption plötzlich greifbar erscheinen. Google erschütterte jüngst Videospielaktien mit einem Tool, das auf Basis einfacher Text- oder Bildbefehle digitale Welten erschafft. Ein weiterer Anthropic-Release, ein Arbeitsassistent auf Basis des Claude-Coding-Dienstes, setzte erneut Software-Aktien unter Druck.

Diese Entwicklungen trafen auf Aktienmärkte, die bereits durch enttäuschende Quartalszahlen sensibilisiert waren. Microsoft verlor an einem einzigen Tag 357 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung, nachdem schwächeres Wachstum im Cloud-Geschäft Zweifel an den hohen KI-Investitionen schürte. ServiceNow gab um zehn Prozent nach, SAP um mehr als 15 Prozent. „Es waren die etablierten Schwergewichte, die uns enttäuscht haben“, sagte Jackson Ader, Softwareanalyst bei KeyBanc. „Wenn Ergebnisse und Ausblick nicht überzeugen, stellt sich die Frage: Welches Vertrauen sollen wir dann in den Rest des Sektors haben?“

Neue  KI-Tools Anthropic lassen eine Reihe von Aktienkursen einbrechen

Zwischen Panik und Bewertungschance

Besonders hart traf es klassische Softwareanbieter, die schon seit dem vergangenen Jahr unter Druck stehen. Salesforce notiert 48 Prozent unter seinem Rekordhoch von Dezember 2024, ServiceNow liegt seit dem Hoch im Januar 2025 um 57 Prozent im Minus und Adobe hat rund 60 Prozent eingebüßt. „Ich vermute, einige Unternehmen werden bestehen, KI annehmen und prosperieren, andere aber eine dauerhafte Störung ihrer Geschäftsmodelle erleben“, sagte Jim Awad von Clearstead Advisors. „Es ist derzeit sehr schwer zu sagen, wer zu welcher Gruppe gehört.“

Die Unsicherheit treibt Investoren aus dem Sektor. Software ist seit Jahresbeginn die mit Abstand meistverkaufte Branche, wie Daten von Goldman Sachs zeigen. Die Nettoexponierung von Hedgefonds gegenüber Software sank Anfang Februar auf unter drei Prozent – nach 18 Prozent im Jahr 2023. Fundamentale Anzeichen für einen Einbruch fehlen jedoch bislang. Analysten erwarten für Software- und Dienstleistungsunternehmen im S&P 500 im Jahr 2026 ein Gewinnwachstum von 19 Prozent, mehr als noch vor wenigen Monaten prognostiziert.

Die Gewinnprognosen für Software steigen

„Alle gehen davon aus, dass die operativen Kennzahlen einbrechen werden. Ich bin da skeptisch“, sagte Michael Mullaney von Boston Partners. „Am Ende könnten Gewinne und Margen stabil bleiben, selbst bei Disruption. Wäre ich ein Growth-Manager, würde ich Rücksetzer kaufen.“

Technisch gelten viele Software-Aktien inzwischen als stark überverkauft. Der 14-Tage-Relative-Stärke-Index des IGV fiel zeitweise auf 15 – den niedrigsten Stand seit fast 15 Jahren. Gleichzeitig sind die Bewertungen deutlich gesunken: Ein von Goldman verfolgter Softwarekorb wird nur noch mit dem 21-Fachen der erwarteten Gewinne gehandelt, nach mehr als dem 100-Fachen Ende 2021.

Bewertungen für Software-Aktien sinken weiter

Salesforce kommt auf ein KGV von 14 für die kommenden zwölf Monate, gegenüber einem Zehnjahresschnitt von 46. Doch selbst das überzeugt nicht alle. „Wir testen ständig den Bewertungsboden und fallen dann doch hindurch“, sagte Ader. „Viele Anleger scheuen sich zu sagen, die Aktien seien billig – diese Argumentation hat monatelang nicht geholfen.“ Nach dem massiven Ausverkauf mehren sich jedoch die Anzeichen, dass das Risiko-Ertrags-Verhältnis zumindest kurzfristig wieder zugunsten eines technischen Pullbacks sprechen könnte.

FMW/Bloomberg



Stefan Jäger
Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
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1 Kommentar

  1. Fundamentale Anzeichen für einen Einbruch sind nicht erkennbar. Klingt nach einer Grundlage für einen Einstieg in Software-Aktien.

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