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Aktienmärkte mit Top-Bildung – langsam wird es spannend

Das Wall Street-Straßenschild

Die Impulslage für die Aktienmärkte wird diffuser und die Hausse gerät ins Stocken. Auch wegen des sich verringernden Zustroms an Liquidität. Bei einigen Indizes bilden sich bereits Top-Formationen. Die Geldpolitik als wichtigster Garant für steigende Notierungen ist in ihrem Handlungsspielraum vorübergehend eingeschränkt. Daraus ergeben sich interessante Handelsmöglichkeiten.

Warten auf den nächsten kräftigen Rücksetzer der Aktienmärkte

Seit Mitte Juli verlieren v. a. die großen amerikanischen Indizes an Auftriebskraft. Wie so oft vor dynamischen Zwischenkorrekturen startete der DAX im gleichen Zeitraum noch mal kräftig durch und überwand kurzfristig sogar die Marke von 16.000 Punkten. Insgesamt hängt das deutsche Börsenbarometer der Entwicklung seiner US-Pendants gleichwohl deutlich hinterher. Die Umsätze sind saisonbedingt relativ gering und die Divergenzen nehmen zu. Der breit aufgestellte US-Nebenwerteindex Russel 3000 neigt bereits zur Schwäche und bildet eine Top-Formation aus.

Chart zeigt vergleich großer Aktienmärkte wie Nasdaq und Dax

Die primär von einer Flut an Liquidität durch QE-Programme und staatliches Helikoptergeld getragene Mega-Hausse seit März letzten Jahres ist in ihrem Verlauf bereits mehrfach ins Stocken geraten. Jedoch erwies sich jede Korrektur der vergangenen 17 Monate als perfekte Einstiegsmöglichkeit.

Wie ich bereits in dem Artikel „Aktien: Der perfekte Herbststurm zieht auf – Detailanalyse“ Mitte Juli aufzeigte, ist die Situation aktuell aber diffiziler. Mehrere sich überlagernde Belastungsfaktoren für die Aktienmärkte sprechen für eine nachhaltigere Korrektur. Ein wesentlicher Unterschied zu früheren Schwächephasen ist die Wegnahme des sogenannten Fed-Puts (Gewissheit anhaltend akkommodierender Geldpolitik durch die US-Notenbank Fed). In Anbetracht der hartnäckigen Preisinflation bereitet die Fed den Ausstieg aus der ultralaxen quantitativen Geldpolitik vor. De facto ebbt die Liquiditätsflut aufgrund der Reverse-Repo-Geschäfte der Fed bereits seit einigen Monaten ab. Die US-Notenbank entzieht im Rahmen dieser Transaktionen dem Finanzmarkt Geld und neutralisiert damit zu großen Teilen ihre Wertpapierkaufprogramme im Bereich der Staatsanleihen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hält zwar unbeirrt an ihrer ultralaxen Geldpolitik fest, aber von den Kurstrends an der Wall Street können sich die europäischen Aktienmärkte dennoch nicht lange abkoppeln.

Auch der zuletzt positive Trend bei den Unternehmensergebnissen könnte sich durch erhöhten Kostendruck, gestörte Lieferketten und die nachlassende Kaufkraft der Konsumenten im Zuge auslaufender Hilfsprogramme und sinkender Realeinkommen schnell umkehren. Der in Kürze drohende US-Government-Shutdown und die vierte Corona-Welle verstärken die Risikowahrnehmung der Aktienmärkte zusätzlich. Die Gefahr, dass beginnend mit den institutionellen Anlegern immer mehr Marktteilnehmer vorrübergehend Chips vom Spieltisch nehmen, steigt von Tag zu Tag.

Der Ölpreis als Vorlaufindikator

Noch halten wichtige Chartmarken bei den großen Indizes. Das kann sich aber zügig ändern. Vielleicht sogar schon zum Optionsverfall in dieser Woche. Ein Blick auf den Ölpreis mahnt auf jeden Fall zur Vorsicht. Hier ist die Top-Bildung bereits weiter vorangeschritten als an den Aktienmärkten. Schon zu Beginn des Jahres 2020 erwies sich der Rohölmarkt als guter Frühindikator für die Aktienmärkte. Bereits zehn Wochen vor dem Crash bei DAX & Co. brachen die Preise des schwarzen Goldes ein. Bei der Zwischenkorrektur im Herbst 2020 sah das Bild ähnlich aus. Und auch jetzt könnten die Aktienmärkte dem Trend des Ölpreises schlagartig folgen, denn sie reagieren ebenfalls negativ auf schwächere Konjunkturdynamik, US-Dollarstärke und v. a. geringere Liquiditätszuflüsse.

Chart vergleicht Verlauf von Ölpreis und Dax

Auf fallende Kurse setzen oder in die Korrektur hinein kaufen?

Eine Korrektur von ca. 15 Prozent erscheint in Anbetracht der Gemengelage durchaus realistisch und wäre noch nicht das Ende des Bullen-Marktes. Aufgrund des zumindest verbalen Umschwenkens der US-Notenbank sowie des anhaltenden Teuerungstrends gestaltet sich ein schnelles Eingreifen der Geldpolitik zur Stützung der Aktienmärkte jedoch schwieriger. Die drohende Konstellation aus wirtschaftlicher Abkühlung und Inflation, also Stagflation, stellt das denkbar ungünstigste Szenario für Geldpolitiker dar. Sollen sie die Inflation glaubhaft eindämmen oder die Wirtschaft stützen? Noch viel wichtiger ist die Frage, wie viele Billionen US-Dollar die Fed durch fallende Vermögenswerte in Rauch aufgehen lässt, bevor sie nervös wird und sich erneut gegen die Inflationsbekämpfung und für den Fed-Put entscheidet? Dass sie dies grundsätzlich tun muss, steht außer Frage und wird von meinem Kollegen Wolfgang Müller mit dem Hinweis auf die Bedeutung der Aktienmärkte für die US-Wirtschaft bereits seit Jahren plausibel dargelegt.

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Für spekulative Anleger eröffnet das aktuelle Dilemma der Fed eine Short-Opportunität z. B. auf den NASDAQ 100. Mit Put-Optionen bzw. Put-Optionsscheinen kann man zudem von einem potenziellen Ausbruch der Volatilität nach oben partizipieren, der mit dynamisch fallenden Kursen automatisch einherginge. Das Risiko besteht hier ganz klar im Timing. Wann der Abverkauf beginnt und wann die Fed den Markt anschließend durch verbale oder monetäre Interventionen wieder stützt, ist schwer kalkulierbar.

Wer weniger nervenstark ist und lieber gleich auf den Fed-Put wetten möchte, kann im Abstand von wenigen Prozentpunkten Limit-Kauf-Orders in ausgesuchten Werten aus dem NASDAQ 100 bzw. dem S&P 500 oder alternativ in Indexprodukten am Markt platzieren. Das Risiko besteht hier darin, dass die Fed die Kontrolle verliert und es zu einem veritablen Crash á la März 2020 kommt. Diesen Fehler könnte sie mit ausreichend Liquidität jedoch wie damals leicht beheben. Denn anders als Inflation können Notenbanken in einem ungedeckten Geldsystem die angeblich so gefährliche Deflation jederzeit durch das Anwerfen der digitalen Notenpresse bekämpfen. Das gilt insbesondere für die Deflation bei Vermögenspreisen.



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3 Kommentare

  1. Wieder sehr guter Artikel, aber muss der FED Put wirklich sein ? wären nämlich die US-Börsen bei einer 20% Korrektur immer noch über den Hochs vor Corona.Dass die Bedeutung der Aktienkurse für die Wirtschaft überschätzt wird, wird mehr und mehr von anerkannten Fachleuten bestätigt.Es ist nicht so,dass 50% der Amis von temporären, übertriebenen Buchgewinnen profitieren.Reale Gewinner sind nur ganz Wenige, aber die schädlichen Nebenwirkungen belasten die grosse Mehrheit.
    Einfach gesagt: Die Weltmacht erträgt keine Korrektur der nicht nachhaltigen Schein- Buchgewinne der oberen 10%, während man den Grossteil durch Inflation und Nullzinsen weiter ärmer macht.SCHÖNE HEILE BESTE ALLER WELTEN !
    Die Bedeutung für die Wirtschaft sind also nicht die Aktienkurse, sondern das verfügbare Einkommen der unteren und mittleren Klasse
    ( Mehrheit der Bevölkerung)

  2. Ökonomen-Australopithecus

    @Ökonomen-Azubi. Sie vergessen Folgendes; Es profitieren auch die Unteren, so wie die 22 Millionen Robinhooder im Altersschnitt von 31. Und die Finanzpolitik wird von den Oberen gemacht, die bei einem großen Einbruch sehr viel einbüßen könnten. Die mittlere Klasse ist sehr wohl abhängig von den Aktienmärkten in Gestalt ihrer Altersvorsorge 401k.

  3. Ökonom Azubi 1.Semester

    Aber bitte, die Altersvorsorge kann nur mit nachhaltigen echten Firmengewinnen leben und nicht von kurzfristigen Mondkursen mit denen die Manager die Firmen aushöhlen.

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