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Aktienmärkte: Trotz Warnsignalen – wo bleiben die Gewinnmitnahmen?

Die Euphorie der Aktienmärkte erfährt bisher keinen Dämpfer – man traut sich nicht auszusteigen, schon in Kürze könnten Marktstimuli kommen

Wolfgang Müller

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Der Dezember hat an den Börsen begonnen, mit weiteren Gewinnen der Aktienmärkte vor allem an der Wall Street – dagegen Stagnation beim Dax, der eigentlich schon seit dem 10. November nicht mehr richtig von der Stelle kommt. Aber er war mit über 15 Prozent im November auch stärker gestiegen als die US-Indizes und „atmet jetzt aus,“ gebremst durch die exportschädliche Eurostärke und seine Eigentümerstruktur. Zu über 50 Prozent Ausländer, viele Angelsachsen, die sich über die Windfall Profits freuen und Kasse machen können.

Dennoch: die Euphorie erfährt bisher keinen Dämpfer, man traut sich nicht auszusteigen, schon in Kürze könnten Marktstimuli kommen.

Aktienmärkte: Der tägliche Blick auf das Sentiment

Es hat sich aus Sicht der Stimmung der Investoren nicht viel verändert im Vergleich zur Vorwoche: Das Angstbarometer Fear&Greed steht immer noch bei extremen 89 Punkten, demzufolge liegt auch das Volatilitätsbarometer VIX mit 20,8 Punkten auf dem niedrigen Niveau von Februar, also von vor der Coronakrise. Große Sorglosigkeit, aufgrund der vielen stützenden Faktoren, auf die sich die Investoren verlassen. Dies führt nach wie vor zu einer extremen Longspekulation an den Terminmärkten.

Die Käufe von Calls übertrafen die Put-Spekulation in den letzten fünf Tagen um 69 Prozent. Dies ist an der Terminbörse Chicago Board Options Exchange (CBOE) das niedrigste Niveau der letzten zwei Jahre und symbolisiert extrem hohen Optimismus.

Die Übersicht von Sentiment Trader zeigt den höchsten Stand des Sammelindex seit vielen Jahren:

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Weitere Warnzeichen:

Die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe stieg am Freitag bis auf 1,75 Prozent und erreichte damit bereits das Dividendenniveau des S&P 500. Die Zinskurve versteilt sich – aber hat die Fed nicht angekündigt längere Laufzeiten bei den Anleihen kaufen zu wollen?

Anleihen stehen klar in Konkurrenz zu Aktien. Aber zunächst wird ein Zinsanstieg überlagert von der positiven Wirtschaftsaussicht, die für viele defizitäre Unternehmen wieder bessere Perspektiven verspricht.

Wie extrem gut die Aktienmärkte performt haben, erkennt man an den vielen Aktien, die über ihrem 200 -Tage- Durchschnitt notieren:

89 Prozent im Nasdaq 100 und sogar 91 Prozent im marktbreiten S&P 500. Aber am stärksten war in letzter Zeit der Anstieg des Nebenwerte-Index Russel 2000. In wenigen Wochen ohne große Korrektur von 1540 auf 1892 Punkte und sogar bereits 90 Prozent seit dem Coronatief vom 23. März diesen Jahres. Der stärkste Index von allen, Zeichen einer gewaltigen Rotation, aber auch für eine jederzeit mögliche Abkühlung des heiß gelaufenen Segments. Zumal auch die Statistik für den schweren S&P 500 eine schwächere Woche erwarten ließe. Nach Daten von LPL Research (Untersuchungszeitraum 1950 bis 2019) ist die zweite Woche im Dezember statistisch die schwächste im Schlussmonat des Jahres.

An Belastungsfaktoren gäbe es noch weitere aufzuzählen, wie das immer noch andauernde Hickhack um den Brexit oder der osteuropäische Widerstand gegen den 750 Milliarden Euro-Rettungsfonds. Es gibt in der kommenden Woche jedoch auch zwei Ereignisse, die stützend wirken könnten.

Wird PEPP noch einmal aufgepeppt?

Am Donnerstag in dieser Woche wird die Europäische Zentralbank über ihre nächsten Maßnahmen in der Coronakrise beraten. Schon seit längerer Zeit hat EZB Präsidentin Christine Lagarde die Märkte auf eine Ausweitung des Pandemic Epidemic Purchasing Programme (PEPP) hingewiesen und auf eine Ausweitung der Anleihekäufe. In dieselbe Kerbe schlug jüngst der Chefvolkswirt der EZB, Philipp Lane, der dies einmal mehr mit der niedrigen Inflationsrate in der Eurozone begründete. Die Aktienmärkte haben die kommenden Schritte auf dem Schirm, es sollte also zu keiner Enttäuschung der Erwartungen kommen.

Eine weitere Stütze für die Aktienmärkte sind wachsende Hoffnungen, dass in Washington von Demokraten und Republikanern doch noch ein konjunkturelles Hilfspaket vor Weihnachten geschnürt werden könnte. Diese Erwartungen wurden auch durch schwache Arbeitsmarktdaten am Freitag unterfüttert. Das große Thema ist aber neben den wichtigen monetären Faktoren, die Entwicklung bei den Impfstoffen. Am Donnerstag entscheidet die Arzneimittelbehörde der USA (FDA) über die Notzulassung des Impfstoffes von BioNTech/Pfizer. Sollte dies geschehen, könnte man bereits innerhalb von 24 Stunden mit den ersten Impfungen beginnen. Diese Sachlage ist eine der Hauptgründe für die Rally der Aktienmärkte ab dem 9. November, weil damit die große Konjunkturhoffnung für 2021 verbunden ist.

Alles in allem scheinen sich die be- und entlastenden Faktoren an den Börsen etwa die Waage zu halten.

Vielfach wird die heutige Situation an den Märkten mit all der Euphorie mit zwei extremen Börsenjahren verglichen. Parallelen ja, aber das große Ganze?

Warum die aktuelle Euphorie nicht mit 1929 und 1999 vergleichbar ist

In diesen beiden Ausnahmejahren ging eine jahrelange Hausse zu Ende, die die Aktienmärkte vorher um mehrere Hundert Prozent nach oben getrieben hatte. Mit immer größerer Euphorie, Aktienkäufen auf Pump und Kauf von Spekulationswerten.

Und 2020? Die Aktienmärkte sind durch eine Pandemie, weltweit fast gleichzeitig in die tiefste Rezession seit ewigen Zeiten geraten und werden durch unglaubliche Rettungsaktionen von Staaten und Notenbanken gestützt. Einer der Hauptunterschiede zu 1929: Dort wurde die Geldmenge durch die Notenbank um 30 Prozent verknappt, heute wächst M1 in den USA um fast 30 Prozent. Die US-Notenbank ging im Jahr 1929 (ebenso 1999) zu einer Hochzinspolitik über. Der Staat kürzte drastisch seine öffentliche Ausgaben, eine Austeritätspolitik, die rasch zur Rezession und Deflation führte. Haupttreiber war der damalige Finanzminister Andrew Mellon, dessen Worte immer wieder zitiert werden: „Liquidate labor, liquidate stocks, liquidate the farmers, liquidate real estate“. Die Folge war ein unvorstellbarer Wirtschaftseinbruch und großes Elend.

Die Zentralbanken der Gegenwart haben diese Zeit studiert, allen voran Ex-Fedchef Ben Bernanke, die Fehler von damals wird man nicht wiederholen.

Die Aktienkurse hatten sich von 1925 bis 1929 im Dow Jones vervierfacht, genau wie von 1995 bis Ende 1999. Heute stehen die Aktienmärkte seit Jahresbeginn um 4 Prozent (Dow Jones), um 13 Prozent (S&P 500) und um 36 Prozent (Nasdaq) im Plus. Letzterer steht heute auf denselben Niveau wie von vor drei Monaten. Klar sind die Aktien aktuell im Sinne des Kurs/Gewinnverhältnisses teuer, aber diese sind immer in Relation zu den Zinsen zu betrachten. Die Federal Reserve hatte von 1928 bis 1929 die Leitzinsen von 3,5 auf sechs Prozent erhöht, von 1999 bis 2000 von 4,75 auf 6,5 Prozent – eine riesige Konkurrenz für teure Aktien. Wie bereits schon öfter dargestellt: Zinsen haben seit allen Zeiten effekte auf die Aktienmärkte, da sie zur Abdiskontierung künftiger Gewinne und Dividenden verwendet werden. Fallen die Zinssätze, steigen die Gegenwartswerte und damit die Aktienkurse – und dasselbe gilt umkehrt.

Eines ist aber gleich mit den Vergleichsjahren:

Die Euphorie ist gewaltig, aber das hat einen speziellen Grund.

Bestimmte Branchen aus dem Industriesektor, dem Energie- und Freizeitbereich lagen 2020 stark unter Wasser. Der Value-Bereich läuft nun schon 10 Jahre hinter Growth hinterher. Man hatte eingepreist, dass sich der Luftverkehr, der Tourismus (10 Prozent des Welt-BIP), der Energiesektor u.w. nicht vor 2022 auf das Vor-Coronaniveau erholen werden. Dann kam der Durchbruch mit dem mRNA-Impfstoff und der Ankündigung der raschen Lieferung von Abermillionen Impfdosen. Wann hatte es je so einen raschen Wechsel „zum Positiven“ gegeben? Lufthansa meldete selbst schon für Sylvester eine Verfünffachung der Buchungen für Fernreisen. Was wird erst ab Sommer für all die gebeutelten Branchen kommen? Manche Pessimisten hatten schon von drei bis fünf Jahren gesprochen, bis zur Erholung. Selbst der Bundesverband der Flugwirtschaft sprach noch im August davon, dass es bis 2024 dauern werde, bis das Passagieraufkommen wieder das Niveau von 2019 erreichen werde.

Aber genau dies hatte ich auch nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 gelesen – und wie lange hat es bis zu neuen Rekorden gedauert?

Kurzum: Es bestehen gewaltige Unterschiede zu 1929 und 1999: Nicht aus der Warte der Euphorie, sondern wirtschaftlich. Wir stehen vor einer deutlichen Wirtschaftserholung und nicht vor einem Einbruch, kein Wunder nach einer Pandemie, die zeitweise vier Milliarden Werktätige in Quarantäne zwang. Was wird der April 2021 für eine Steigerung zum April 2020 bringen? Der Aufschwung mit vielleicht schon Millionen Geimpften im Vergleich zu einem Monat April 2020, wo man fast auf der Autobahn hätte spazieren gehen können (kleine Übertreibung..) und man von Nordindien über 200 Kilometer hinweg nach Jahrzehnten wieder einmal den Himalaja hat sehen können. Die Euphorie ist die Folge eines Game Changers durch die Impfphantasie. Das Delta der Erwartungen (alt zu neu) von vielen Branchen, die so schnell kein Licht am Ende des Tunnels erwartete, veränderte sich in Windeseile. Es entstand Zuversicht, dann Euphorie und schließlich in einigen Bereichen Gier (Optionsmarkt).

Fazit

Der Vergleich zu den beiden Katastrophenjahren hinkt: Wir stehen vor einem Wirtschaftsaufschwung und nicht vor einer gigantischen Rezession. Nichtsdestotrotz muss die Euphorie abgebaut werden, weil risikolose Spekulation noch zu keiner Zeit funktioniert hat. Es genügt in der jetzigen Situation nur eine unbedachte Formulierung seitens der Notenbanken, um eine Korrektur der Aktienmärkte einzuleiten.

Aber auch der langfristige Vergleich zeigt einmal mehr, von wo die große Gefahr für die Aktienmärkte lauert: Wenn die Notenbanken den Fuß vom Gas nehmen oder die Inflation und die Zinsen steigen. Kurzfristig ist eine Korrektur vonnöten, wie wir sie bereits nach dem 2. September gesehen haben, als die Euphorie um die Aktiensplits von Apple und Tesla ähnliche Höhen wie jetzt erklommen hatte. Aber sie sollte rasch kommen, denn mit jedem Tag kommt das Jahresende näher und wächst die Wahrscheinlichkeit einer Santa Claus Rally, auch durch die Nöte bestimmter Investoren, wie ich in einem anderen Artikel heute darlegen möchte..

Trotz eindeutiger Warnsignale wollen die Aktienmärkte nicht fallen

5 Kommentare

5 Comments

  1. Avatar

    Peter Sallister

    7. Dezember 2020 12:51 at 12:51

    Sehr guter Bericht, viele schlüssige Zusammenhänge!

    Was mir allerdings aufgefallen ist. Sie werden so langsam vom Mahner zum Optimisten, aus Überzeugung wohl. Genau da könnte der Knackpunkt liegen.

    Corona hat ihre Spuren hinterlassen, die sind einfach da. Gelddrucken, Zinsen manipulieren, der Staat kippt bilanzmäßig fürchterlich ins Minus. Aber die Euphorie über die Rettung von Corona überdeckt alles.

    Die realen Minuspunkte werden bleiben, irgenwann wird die Euphorie verblassen und was ist wenn der langweilige Börsenalltag (heute 0,18 % hoch, morgen 0,21 % runter) wieder das Normale wird?

    Der Unterschied der Erträge aus Aktien und Anleihen mag bleiben. Es gibt aber zu Aktienkaufen (und gewinnen) noch eine mögliche Alternative, nämlich Aktien nicht kaufen (und nicht verlieren)- bei Verzicht auf Anleihen generell. Wer zwingt einen denn an der Börse überhaupt engagiert zu sein?

    Noch läuft alles gut für Aktien und dabei sein ist kein Fehler. Irgenwann könnte der Moment kommen wo der Anleger selbst im Urlaub täglich die Börse checken sollte, weil manche Trendänderungen sich in ein paar Tagen sehr markant vollziehen können.

    Jedenfalls, herzlich willkommen im Lager der Optimisten, Herr Müller!

  2. Avatar

    Wolfgang M.

    7. Dezember 2020 14:30 at 14:30

    @Peter Sallister. Hallo. Da haben Sie ein paar gute Punkte angesprochen. Es kann wieder etwas geschehen, was viele verwirren wird. Wenn die Wirtschaft durch die erfolgreiche Bekämpfung der Pandemie anspringt, die Notgeldmaßnahmen der Notenbanken reduziert werden, Zinsen und Inflation auch nur moderat ansteigen, dann könnte auch Geld von den Märkten abfließen, welches in Antizipation des zu Erreichenden vorher hineingeflossen ist. Haben wir doch in anderer Form im April/Mai gesehen. An der Börse wird nicht geklingelt, weder zum Ein- oder Ausstieg. Am besten ignoriert man den Noise und macht gar nicht die Tür auf.
    Viele Grüße

  3. Avatar

    Pessi- Mist

    7. Dezember 2020 14:58 at 14:58

    Ich finde auch, dass Herr Müllers Brille eher rosa gefärbt ist.Er sollte eher Fugmanns Brille mit denn Klarsichtgläsern aufsetzen, denn der vermeintliche Unterschied zu 1929 und 1999 mit der kommenden wirtschaftlichen Erholung hinkt gewaltig.Hat soeben ein sehr bekannter Ökonom gesagt, dass die Erholung des 2. und 3.Quartals nur ein Rebound des starken Rückgang war und eine echte Erholung noch Zeit braucht. Die Zinswaffe ist stumpf und wir hatten schon vor Corona eine Rezession.Alle Massnahmen der vergangenen 10 Jahre haben nur die Umveteilung verstärkt. 10% der Amis werden immer reicher und 40Millionen hungern gemäss Nachrichten.Eine Frage der Zeit bis ausser der Börse ganz Amerika explodiert.

  4. Avatar

    Marko

    7. Dezember 2020 15:42 at 15:42

    Dadurch des es die Impfstoffe geben wird, ist von Gewinnmitnahmen nix zu sehen. Und ich bin ein Bulle, na das wissen wohl die meisten von Euch. Ich bin schlimmer als ein Herr Risse. :D

    Die Welt steht seit März/2020 auf einem Stillstand, ok den Asiaten mag es besser gehen. Wegen nicht vorhandenem Datenschutz, Corona-Verfolgung usw. Die Chnisen haben übrigens über 1 Millionen Menschen ohne offizielle Zulassung geimpft, noch Fragen ?

    Den Zahlen von China, Russland und Indien kann niemand vertrauen. Wenn ja, glaubt Ihr an den Weihnachtsmann…

    so, generell gesehen, müssen wir in Europa bis mindestens März/April 2021 mit einem Lockdown rechnen. das gilt ebenso für den Amiladen da drüben.

    Die Börse handelt die Zukunft, liebe Bären…

    Klar haben wir noch den Brexit an der Backe, ja.

  5. Avatar

    Kurzschluss

    7. Dezember 2020 20:44 at 20:44

    Die Sputnik Impferei in Russland läuft wegen fehlenden Vertrauens schlecht. Wird das bei uns besser sein?
    SCHNELLSCHÜSSE SIND NIE GUT, auch nicht beim Impfen.Ich bin gespannt wann die ersten Rückschläge kommen und wie schnell die Börse diese unglaubliche Überraschung einpreisen würde.

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Aktien: Bubble-Boomer demaskieren Wall Street-Casino! Marktgeflüster (Video)

Mit Aktien wie Gamestop bringen die Bubble-Boomer Hedgefunds in Schieflage – und demaskieren damit gleichzeitig den Casino-Charakter der Wall Street!

Markus Fugmann

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Aktien wie Gamestop oder AMC schießen auch heute wieder durch die Decke – die Bubble-Boomer bringen damit jene Hedgefunds weiter in Schwierigkeiten, die eben diese Aktien short spielen. Diese Bubble-Bommer (Generation Z) ist mit der Spiele-Mechanik bestens vertraut und hat damit nicht nur eine Schwachstelle der Finanzmärkte offengelegt, sondern gleichzeitig den Casino-Charakter der Wall Street demaskiert. Man darf gespannt sein, ob die Fed heute dazu etwas sagen wird – letztlich sind es die Notenbanken, die dieses Casino ermöglicht haben und den beteiligten Spielern das Gefühl suggerierten, dass man im Casino nicht verlieren könne, weil jedesmal wenn es eng wird, die Retter in Gestalt der Notenbanken nahen..

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Mit Zocken reich werden – der neue „American dream“ ersetzt den Traum vom eigenen Haus

Claudio Kummerfeld

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American Dream Symbolfoto

Man erinnere sich an die Zeiten von Bill Clinton und George Bush, und auch von Notenbank-Chefs wie Alan Greenspan. Die inoffizielle Staatsraison der 1990er und 2000er in den USA war (unter anderem): Jedem Amerikaner solle es möglich sein in seinem eigenen Haus zu leben. Das war der American Dream. Unterschwellig (so meine Meinung) war damit die Aussage an die eigene Bevölkerung verbunden, dass man sagen konnte: Schaut her, wir sind das größte, reichste und stärkste Land der Welt. Unsere Bürger können sich alle ein eigenes Haus leisten.

Die Regulierungen am US-Häusermarkt wurden dramatisch runtergefahren. Millionenfach wurden von der Regierung befeuert Hauskredite vergeben an Menschen, die in vielen Fällen noch nicht mal eine Arbeit hatten. Sie hatten noch nicht mal bei beschönigender Betrachtung irgendeine Art von Bonität. Die Katastrophe war vorprogrammiert, und das ganze Kartenhaus brach ab 2007 zusammen – was wir heute als Finanzkrise 2008 bezeichnen. Es war ein großer Traum, der für viele Amerikaner zum Albtraum wurde und für viele mit einem Schlafplatz unter einer Brücke endete.

Im Corona-Jahr 2020 entstand offenbar ein neuer American Dream. Nicht mehr Häuser auf Kredit kaufen, sondern ohne Arbeit, Wissen, Recherche oder sonst etwas reich werden, vom eigenen Computer, von zuhause aus. Durch stumpfes, sinnbefreites Zocken in Aktien, die man selbst gar nicht kennt. Einfach drauf los zocken, und schnell und einfach reich werden. Das ist wohl der neue amerikanische Traum. In der Coronakrise hockten auf einmal Millionen Amerikaner zuhause, betätigungslos. Sehr üppige staatliche Hilfen beschwerten Millionen arbeitsloser Amerikaner ein höheres monatliches Einkommen, als sie es vor Corona mit Arbeit hatten.

Klar erkennbar war die daraufhin folgende Welle an Millionen neuer Brokerkonten in den USA. Unglaublich aber wahr. Unzählige Menschen kauften sich von den staatlichen Hilfen nichts zu essen (sinnbildlich ausgedrückt), sondern überwiesen die Gelder auf ihre frisch eröffneten Brokerkonten. Hinzu kommen die neuen Broker wie „Robinhood“, bei denen man ganz ohne Gebühren zocken kann. Dadurch wurde es möglich auch mit Kleinstbeträgen von mehreren hundert Dollar drauf los zu zocken. Rein, raus, rein, raus, immer weiter.

Robinhood-Chef beschreibt den neuen American Dream

Vlad Tenev, CEO und Mitbegründer von Robinhood, des bekanntesten dieser neuen Broker für die junge wilde Zocker-Meute, hat heute einen Gastkommentar auf CNBC veröffentlicht (hier nachzulesen). Er spricht davon, dass es der neue American Dream sei ein „Investor“ zu werden, nach dem vormaligen Traum vom eigenen Haus. Er erwähnt, dass viele seiner Kunden Aktien kaufen und dann langfristig halten würden. Will da jemand Kritik am stumpfen und sinnbefreiten Zocken vorbeugen? Die Mission von Robinhood sei es nach seinen Worten, das Finanzwesen zu demokratisieren – dies sei im amerikanischen Idealismus verwurzelt. Amerika sei schon immer stolz auf seine Fähigkeit gewesen, Aufwärtsmobilität und Chancen mit wenigen Barrieren zu fördern. Dieses nationale Ethos des „American Dream“ sei so alt wie die Nation selbst. Im 20. Jahrhundert habe sich alles um den Erwerb von Wohneigentum gedreht, was unter anderem durch die 30-jährige Hypothek vorangetrieben wurde. Jetzt, wo es im Börsenhandel keine Provisionen und Mindestbeträge mehr gibt, sei die Bühne frei für einen neuen amerikanischen Traum, bei dem nahezu 100 Prozent der US-Bürger Investoren werden sollen. „Lassen Sie uns das schaffen – gemeinsam“, so seine finalen Worte.

Dazu möchte ich final anmerken: Ist das noch „Investieren“, was wir derzeit am US-Aktienmarkt sehen? Wohl kaum. Völlig wertlose Unternehmen unbegrenzt nach oben traden, ohne jeglichen Sinn und Verstand? Auf Dauer kann das nicht gut gehen. Wir haben es auf finanzmarktwelt.de die letzten Tage mehrfach angesprochen (hier der letzte Video-Kommentar von Markus Fugmann heute früh). Die ganz frische Generation von Tradern hat das Platzen der Dotcom-Blase und die Finanzkrise 2008 gar nicht erlebt. Damals waren diese Trader gerade erst geboren oder noch in der Grundschule. Sie kennen nur steigende Kurse, nur Party, nur nach oben, völlig sinnbefreit. Auch sie werden wohl eines Tages einen großen Knall erleben. Einige von ihnen werden auch nach so einem Crash immer noch kräftig Geld auf der Kante haben – andere werden nach dem „All In“ wohl ähnliches erleben wie viele Menschen nach der Zwangsräumung ihrer Häuser in den Jahren 2005, 2006 und 2007.

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