Frankreich stolpert politisch – doch die Aktienmärkte halten Kurs. Der Stoxx 600, CAC 40 und DAX zeigen bemerkenswerte Widerstandskraft, und europäische Aktien bleiben gefragt, obwohl die Schlagzeilen aus Paris lauter werden. Wer jetzt voreilig Aktien verkauft, könnte die eigentlichen Chancen verpassen.
Aktienmärkte trotzen Frankreich-Unruhe
Europas Aktienmärkte trotzen der politischen Unruhe in Frankreich: Führende Wall-Street-Häuser erwarten, dass selbst das Risiko einer weiteren gescheiterten Regierung bereits eingepreist ist und den bislang stärksten relativen Lauf europäischer Aktien gegenüber den USA seit fast zwei Jahrzehnten nicht aus der Spur bringt. Der Tenor: Selbst wenn Paris weiter für Schlagzeilen sorgt, bleibt der Anstieg an Europas Börsen intakt – ein Signal, das die Stimmung für Aktien und die Leitindizes Stoxx 600, DAX und CAC 40 stützt.
Laut einem Bericht von Bloomberg war der Auslöser der jüngsten Schwankungen die überraschende Entscheidung von Premierminister Francois Bayrou, eine Vertrauensabstimmung im Streit um den Haushalt in Frankreich anzusetzen. Zwar belastete das kurzfristig die Risikoneigung an den Aktienmärkten, doch Strategen von Goldman Sachs, Citigroup und JPMorgan Asset Management verweisen auf geringe Ansteckungsgefahren für den Rest Europas.
Historische Fiskalreformen in Deutschland und ein insgesamt robuster Konjunkturausblick wirken als Puffer – auch für international exponierte Sektoren wie Luxusgüter, die von nachlassenden globalen Handelskonflikten profitieren. Nach anfänglichen Verlusten machten Schwergewichte aus dem CAC 40 wie LVMH, Hermès und L’Oréal einen Teil der Rückgänge wett, was wiederum positiv auf die Aktienmärkte abstrahlte.
Europa: DAX als Stabilitätsanker
Citi-Strategin Beata Manthey fasst die Marktsicht prägnant zusammen: „Es ist leicht zu sagen, eine weitere politische Krise bedeute ‚Europa verkaufen‘, aber die Fundamentaldaten preisen bereits bärische Szenarien ein.“ Und weiter: „Das Investmentcase für Europa basierte immer auf Deutschland, das intakt bleibt, während französische Vermögenswerte eine gewisse politische Risikoprämie einpreisen.“ Damit rückt nicht nur der DAX als Stabilitätsanker in den Fokus, sondern auch die europäische Breite im Stoxx 600.
Tatsächlich hat der Stoxx Europe 600 den S&P 500 in diesem Jahr in Dollar um knapp 13 Prozentpunkte übertroffen – so viel wie seit 2006 nicht mehr. Der deutsche Leitindex DAX liegt sogar noch weiter vorne. Treiber waren massive Ausgabenpläne der Bundesregierung, ein stärkerer Euro und eine Kapitalflucht aus US-Anlagen im ersten Quartal. Zwar tat sich das Barometer zuletzt schwer, sein März-Rekordhoch zu überbieten, weil Anleger wieder US-Tech bevorzugten. Gleichwohl hat sich die Zuversicht für Europas Wirtschaft aufgehellt – ein Rückenwind für Aktienmärkte und europäische Aktien insgesamt.

Anleger kaufen den Dip im CAC 40
Goldman-Strategin Sharon Bell sieht vorerst keine Wachstumsschäden durch den Pariser Eklat: „Es scheint im Kontext des europäischen Marktes keine große Sorge zu geben.“ Und: „Das liegt sicherlich im Rahmen der Erwartungen. Die Verwundbarkeit Frankreichs war immer vorhanden.“ Die Botschaft stabilisiert den Blick auf Frankreich und den CAC 40 ebenso wie auf den Stoxx 600.
Markttechnisch sackte der CAC 40 nach Bayrous Schritt binnen zwei Tagen um bis zu 3,3 % ab, während sich der Renditeabstand zehnjähriger französischer zu deutschen Anleihen auf das höchste Niveau seit April ausweitete. Zur Wochenmitte wirkten die Verluste bereits begrenzt: Paris legte um 0,4 % zu, der Stoxx 600 verharrte nach zwei schwachen Tagen stabil – ein Zeichen, dass die Aktienmärkte Käufer auf tieferen Niveaus fanden.
Fundamental stützt eine verbesserte Ertragsdynamik: Die Privatwirtschaft der Eurozone wuchs im August so stark wie seit 15 Monaten nicht mehr, die Industrie verließ eine dreijährige Durststrecke. Vor diesem Hintergrund rechnet Sophie Huynh von BNP Paribas Asset Management mit wieder steigenden Gewinnschätzungen: Positive Konjunktursignale und eine Aufhellung in China seien „wichtiger“ für die Marktrichtung als politische Unsicherheit. Zudem gelte: „Wenn überhaupt, könnten wir gute Einstiegsgelegenheiten in europäische Aktien sehen.“ Das befeuert die Argumente für die Aktienmärkte und untermauert die relative Stärke des Stoxx 600 gegenüber dem S&P – trotz Frankreich.
Politische Unruhen belasten den Anleihemarkt
Die deutlichsten Spuren hinterlässt Paris bislang am Anleihemarkt: Der OAT-Bund-Spread weitete sich erstmals seit April auf 80 Basispunkte aus. Für PGIM Fixed Income macht das französische Renditen im Vergleich zu US-Treasuries attraktiv. „Wir können nicht leugnen, dass die Risiken gestiegen sind und der Markt eindeutig einige Anzeichen von Nervosität zeigt, aber es ist nichts, woran wir nicht gewöhnt wären, wenn wir an Frankreich denken“, sagte Guillermo Felices. JPMorgan Asset Management sieht bei 85 Basispunkten einen möglichen Kaufpunkt – auch weil lockerere deutsche Fiskalpolitik eine weitere Spreadausweitung begrenzen dürfte. Im Devisenmarkt wiederum rechnen Händler mit begrenzten Spillovers: Absicherungen auf erneute Euro-Aufwertung waren gesucht.
Einordnung liefert der Rückblick: Nach Präsident Emmanuel Macrons Neuwahl-Ankündigung im Juni 2024 und dem daraus resultierenden Patt im Parlament verlor der CAC 40 seither 3,2 %, während der Stoxx 600 rund 6 % gewann. Bewertungsseitig ist Frankreich zurückgefallen: Der CAC 40 handelt mit dem 14,8-Fachen der erwarteten Gewinne und damit mit einem leichten Abschlag auf den DAX – ungewöhnlich im Zehnjahresvergleich. Zwar gelten Banken, Autobahn-Betreiber und Energieversorger wegen hoher Inlandsumsätze als anfällig.

Insgesamt aber werden rund 80 % der Umsätze der CAC-40-Konzerne im Ausland erzielt, was die Ertragsrisiken für Champions wie LVMH, Sanofi oder TotalEnergies begrenzt und die Attraktivität europäischer Aktienmärkte unterstreicht. Händler David Kruk bringt es auf den Punkt: „Für mich ist die französische Lage kein Gamechanger für die europäische Rally insgesamt.“ Und: „Es könnte tatsächlich einige Dip-Käufer in Schwächephasen ermutigen.“
FMW/Bloomberg
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