Die US-Aktienmärkte zeigen sich zum Ende des zweiten Quartals in Bestform – allen voran der S&P 500 und Nasdaq 100, die neue Rekordstände erklimmen und damit ein starkes Signal an Investoren senden. Angetrieben von baldigen Zinssenkungen der Fed, Tech-Rallyes und überraschender wirtschaftlicher Stabilität trotzen die Börsen weltweiten Unsicherheiten. Doch wie lange kann der Höhenflug an der Wall Street anhalten?
US-Aktienmärkte mit Rekordlauf
Die Aktienmärkte in den USA haben das zweite Quartal mit einem bemerkenswerten Aufschwung beendet. Wie Bloomberg berichtet, legte der S&P 500 nach einem Anstieg von rund 25 % seit dem Tiefstand im April das beste Quartal seit Dezember 2023 hin. Getragen wurde die Bewegung vor allem durch Technologiewerte, allen voran von den Big Tech-Werten Nvidia, Meta, Microsoft und Apple, die unter den sogenannten Magnificent Seven am stärksten zulegten. Auch Oracle überzeugte mit einem milliardenschweren Cloud-Deal im Umfang von 30 Milliarden US-Dollar jährlich. Die großen Banken verzeichneten ebenfalls Gewinne, nachdem sie den jährlichen Stresstest der Federal Reserve bestanden hatten – ein positives Signal für künftige Kapitalausschüttungen.
Der S&P 500 übertraf dabei am Montag die Marke von 6.200 Punkten und verhalf den Aktienmärkten damit zu einem neuen Allzeithoch. Auch die Anleihenmärkte zeigten Stärke – Staatsanleihen verzeichneten ihr bestes Halbjahr seit fünf Jahren, unterstützt von Spekulationen, dass die Fed spätestens im September mit Zinssenkungen beginnen könnte. Die Renditen sanken, während der Dollar im Juni den längsten monatlichen Rückgang seit 2017 erlebte.
„Die Aktienmärkte erwiesen sich in der ersten Jahreshälfte als bemerkenswert anpassungsfähig und widerstandsfähig gegenüber geopolitischen Schocks und Handelsunsicherheiten, vor allem weil die wirtschaftlichen und Gewinnbedingungen solide waren“, erklärte Anthony Saglimbene von Ameriprise.
Trotz geopolitischer Spannungen, einer sich zuspitzenden Handelsagenda von Präsident Trump sowie zunehmenden Rezessionssorgen herrschte zum Quartalsende eine überraschende Ruhe an der Wall Street. Die Aussicht auf Fortschritte in den Verhandlungen mit wichtigen Handelspartnern der USA stützte die Stimmung zusätzlich. So ist die Europäische Union offenbar bereit, einem Abkommen mit einem allgemeinen Zollsatz von 10 % auf viele Exporte zuzustimmen – jedoch unter der Bedingung bedeutender Ausnahmen. Trump selbst hat zudem neue Zölle auf japanische Produkte angedroht, während das Weiße Haus plant, nach dem 4. Juli konkrete Handelsabkommen zu finalisieren.

Fokus auf Trumps Zollpolitik
„Der größte Katalysator für die Finanzmärkte insgesamt könnte der Fortschritt in den Handelsgesprächen sein – oder das Ausbleiben dessen“, betonte Fawad Razaqzada von City Index und Forex.com. Solange sich die Lage im Nahen Osten nicht erneut verschärfe oder der Handelskrieg nicht wieder eskaliere, dürften die Aktienmärkte nicht allzu stark unter schwächeren Makrodaten leiden. „Dennoch gibt es immer Raum für Überraschungen.“
UBS-Expertin Ulrike Hoffmann-Burchardi erwartet zwar kurzfristige Irritationen durch Zolldebatten, sieht darin aber keinen Auslöser für einen nachhaltigen Abschwung: „Für Investoren mit einer Untergewichtung in breiten Aktienmärkten empfehlen wir, die Allokation schrittweise zu erhöhen – insbesondere in diversifizierte globale Aktien oder ausgewogene Portfolios – um sich für potenziell stärkere Renditen ab 2026 zu positionieren.“
Geldpolitik als Unsicherheitsfaktor
Für strategische Unsicherheit sorgt weiterhin die Zinspolitik der Fed. Während einige Häuser wie Goldman Sachs bereits im September mit einer Zinssenkung rechnen, warnen Analysten von JPMorgan, dass eine Kombination aus sinkenden Zinsen und schwächerem Wachstum Druck auf die US-Aktienmärkte ausüben könnte. Solange die Arbeitslosenquote nicht deutlich steigt, könne die lockere Geldpolitik jedoch unterstützend wirken, meint Michael Wilson von Morgan Stanley.
Chris Larkin von E*Trade erklärte mit Blick auf die kommende Arbeitsmarktzahl: „Der Markt hat Anzeichen einer sich abschwächenden Wirtschaft ignoriert, aber angesichts der unsicheren Zollsituation könnte eine negative Überraschung beim Jobbericht stärkere Auswirkungen haben – vor allem in einer Woche mit niedrigem Handelsvolumen.“
Laut Prognosen wird der Arbeitsmarktbericht am Donnerstag nur noch 110.000 neue Stellen ausweisen – nach 139.000 im Vormonat – bei einer leicht ansteigenden Arbeitslosenquote auf 4,3 %. Eine deutliche Abschwächung der Arbeitsmarktlage könnte die Fed weiter unter Druck setzen, die Zinsen doch früher oder stärker zu senken.
FOMO treibt die Kurse
Zuletzt hatte die Angst die Rally zu verpassen (FOMO) die Kurse angetrieben und zu einem Short-Squeeze geführt. Daher warnte die Bank of America vor einer möglichen spekulativen Übertreibung an den Aktienmärkten. Der S&P 500 handelt derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 22 auf Basis der erwarteten Gewinne – das sind rund 35 % über dem langfristigen Durchschnitt, wie Bloomberg-Daten zeigen. „Die Fundamentaldaten bleiben das entscheidende Gegengewicht zu negativen Schlagzeilen“, sagt Seema Shah von Principal Asset Management. „Daher sollten Aktienmärkte widerstandsfähig bleiben, solange sich keine größeren Ereignisse entwickeln, die den Konsum oder die Unternehmensgewinne belasten.“

Dennoch mahnt sie angesichts der unsicheren Lage zu Vorsicht: „In diesem Umfeld ist es entscheidend, dass Investoren breit diversifizierte Portfolios halten, um Phasen erhöhter Unsicherheit und Volatilität gut zu überstehen.“
Auch Matt Maley von Miller Tabak warnt vor übertriebenen Hoffnungen in Bezug auf die Fed: „Diejenigen, die darauf setzen, dass die Fed die Aktienmärkte im zweiten Halbjahr weiter stützt, könnten enttäuscht werden.“ Gleichwohl könne das Momentum die Aktienmärkte weiter nach oben treiben: „Wenn die Rallye in der Berichtssaison an Fahrt gewinnt, könnte sich die Entwicklung selbst verstärken.“
BlackRock Global Fixed Income CIO Rick Rieder rät, die Volatilität zu verkaufen. Seiner Meinung nach sind die künftigen Auswirkungen der künstlichen Intelligenz in den Aktienmärkten noch nicht vollständig eingepreist.
Widerstandskraft des S&P 500
Mark Hackett von Nationwide verweist auf die historische Seltenheit eines Jahres, in dem der S&P 500 trotz eines zwischenzeitlichen Rückgangs von fast 20 % mit einem Plus abschließt. „Entscheidend wird nicht der Arbeitsmarktbericht selbst sein, sondern wie der Markt darauf reagiert. Wenn Aktien auf schwache Zahlen steigen, sind wir klar im Modus ‚schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten‘ – die Investoren setzen dann auf Unterstützung durch die Fed.“ Doch mit Blick auf die hohen Bewertungen warnt er: „Wir stehlen wahrscheinlich bereits jetzt Renditen aus der zweiten Jahreshälfte.“
Die Aktienmärkte, insbesondere der S&P 500, befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen Zinserwartungen, geopolitischer Unsicherheit und fundamentalen Unternehmensdaten. Trotz bestehender Risiken bleibt die Widerstandskraft des S&P 500 beeindruckend – ein Signal, dass Anleger weiterhin Vertrauen in die Stabilität der US-Wirtschaft setzen. Doch wie lange dieses Vertrauen bei steigenden Bewertungen hält, ist die offene Frage für das zweite Halbjahr.
FMW/Bloomberg
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