Die Aktienmärkte stehen vor einem nervenaufreibenden Herbst: Während der S&P 500 weiter von Technologie-Fantasien beflügelt wird, fragen sich viele Anleger, ob die jüngste Rally auf wackeligen Beinen steht. Aktien aus Hightech-Segmenten schießen nach oben, doch schwächere Konjunkturdaten und drohende Umschichtungen werfen Schatten auf den steilen Aufwärtstrend.
Aktienmärkte: Tech-Rally vs. Konjunktursorgen
Bei der rasanten Aktienrally sehen sich Anleger derzeit mit einer schwierigen Gemengelage konfrontiert: Einerseits müssen sie konjunkturelle Risiken und schwächere Fundamentaldaten im Blick behalten, andererseits treibt das Potenzial der Technologiebranche die Kurse weiter an.
Nach dem kräftigen Schub der vergangenen Woche — getrieben von allem, was mit künstlicher Intelligenz zu tun hat — erscheint eine Verschnaufpause an den Aktienmärkten plausibel. Die ohnehin schon starken Momentum-Indikatoren zogen weiter an — Quantum-Computing-Aktien sprangen um 30% nach oben, Nuklearwerte um 6% und selbst unprofitable Tech-Titel legten 5% zu. Gleichzeitig dämpfen schwache saisonale Muster die Kaufkraft. Privatanleger sind nahezu überall long positioniert, systematische Strategien voll auf Risiko eingestellt, während zum Monatsende Abwärtsdruck durch Umschichtungen droht und gedämpfte Rückkaufaktivität ansteht.
Gleichwohl werden Rücksetzer an den Aktienmärkten als begrenzt und als Kaufgelegenheit angesehen, da die Gesamtpositionierung nicht überzogen ist und die Gewinne der Unternehmen stützend wirken. Angesichts der aktuellen Stimmung wäre es keine Überraschung, wenn bereits im Oktober eine Jahresendrally beginnt. Die Märkte preisen weder eine Rezession noch einen Einbruch am Arbeitsmarkt ein. Stattdessen setzen sie voll auf Zinssenkungen der US-Notenbank Fed, die risikobehaftete Anlagen historisch gestützt haben.
Rückschlag wahrscheinlich
Dennoch ist auch ein herber Rückschlag denkbar, da der S&P 500 seit seinem April-Tief und einem Anstieg von mehr als 30 % keine nennenswerte Korrektur erlebt hat und kurz davorsteht, eine der längsten Phasen über seinem 50-Tage-Durchschnitt seit zwei Jahrzehnten zu markieren.
Die Bestimmung eines kurzfristigen Hochpunkts wird durch die massiven Long-Positionen systematischer Anleger erschwert. Viele Engagements weisen eine stark asymmetrische Verkaufsneigung auf, die im Ernstfall ein Milliardenangebot an Aktien freisetzen und eine Abwärtsspirale an den Aktienmärkten auslösen könnte. Dafür bräuchte es allerdings einen klaren Auslöser sowie eine Kombination aus anhaltender Schwäche und einem Volatilitätsschock, um über eine gesunde Korrektur hinauszugehen.
Der Einsatz und die Beibehaltung von Absicherungsgeschäften hat sich als Konsens herauskristallisiert, wie Charlie McElligott von Nomura diese Woche betonte.
Bullische Grundstimmung
Selbst wenn die Aktienmärkte stärker zurückfallen sollten, dürfte die Buy-the-dip-Haltung erhalten bleiben — solange das positive Grundszenario intakt ist. Zwar werden die Vergleiche mit der Dotcom-Blase lauter, doch die Bullen verweisen auf klare Unterschiede: Künstliche Intelligenz liefert schon heute messbare Monetarisierungserfolge, während die frühen Internet-Ideen vor 25 Jahren weitgehend unausgereift blieben. Zudem erfolgen die meisten Investitionen diesmal aus Barmitteln statt kreditfinanziert.
Die Marktkonzentration bleibt dennoch ein Thema. Die Dominanz weniger Tech-Schwergewichte ist ein offensichtliches Risiko, doch die Marktbreite ist größer als 2021: Nebenwerte holen auf, ebenso zyklische Branchen jenseits von Technologie und Halbleitern. In Europa fehlt hingegen der Rückenwind durch weitere Zinssenkungen, der Rüstungs-Trade ist weitgehend durchgespielt, und die Korrelation mit China verschiebt sich. Infolgedessen hat die Outperformance Europas gegenüber den USA nachgelassen, und vom Ende der US-Exzeptionalität spricht niemand mehr. Kapitalströme fließen zurück in US-Anlagen – oft mit Dollar-Absicherung.
Die Aktienmärkte haben die sogenannte “Wall of Worry” erklommen und stehen nun auf ihr. Jedes potenzielle Risiko — vom Nachlassen der US-Zuflüsse über Marktkonzentration, geopolitische Spannungen und Zölle bis hin zu Margendruck, schwächerem Konsum, Dollar-Schwäche und fiskalischen Sorgen in Europa und den USA — ist bekannt, gilt aber nicht als ausreichend, um die bullische Grundstimmung an den Akteinmärkten zu kippen.
Goldman-Sachs-Händler Paolo Schiavone bringt es auf den Punkt: “Dies ist ein carry-getriebener Markt, gestützt durch Liquidität, starke Bilanzen und positive Impulse aus Fiskal-, Kredit- und Geldpolitik. Bewertungsrisiken sind zweitrangig.”
FMW/Bloomberg
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken
