Die Aktienmärkte eilen von Rekord zu Rekord, doch gleichzeitig leuchten an der Wall Street immer mehr klassische Euphorie-Warnsignale auf. Während S&P 500 und Dow Jones neue Rekordhochs markieren, zeigen sowohl die extrem bullische Positionierung am Optionsmarkt als auch ein wichtiger Stimmungsindikator der Bank of America eine ungewöhnlich hohe Risikobereitschaft der Anleger. Noch trägt die Euphorie die Rally – doch die Kombination der beiden Warnsignale könnte sich zunehmend als Kontraindikator erweisen.
Aktienmärkte: BofA-Indikator alarmiert
Wie Bloomberg berichtet, ist der viel beachtete Bull-and-Bear-Indikator der Bank of America auf den höchsten Stand seit 2021 gestiegen. Wie das von Michael Hartnett geleitete Strategenteam in einer Mitteilung schreibt, kletterte der Stimmungsindikator von zuvor 9,4 auf 9,7 Punkte. Damit nähert er sich einem Niveau, bei dem die ausgeprägte Risikobereitschaft der Anleger zunehmend selbst zum Warnsignal wird.
Hinter dem starken Anstieg stehen gleich mehrere Faktoren. Die Rally an den Aktienmärkten hat sich verbreitert, während gleichzeitig kräftige Mittelzuflüsse in Hochzinsanleihen und sinkende Risikoaufschläge an den Kreditmärkten auf eine hohe Risikobereitschaft hindeuten. Auch die jüngsten starken Unternehmenszahlen in den USA und Europa sowie die erneute Nachfrage nach Halbleiter- und KI-Aktien haben den Optimismus zusätzlich angeheizt.
Wie viel Kapital derzeit in den Markt fließt, zeigen auch die jüngsten EPFR-Global-Daten, auf die sich die Bank of America beruft. Demnach verzeichneten US-Aktien in der Woche bis zum 5. August Nettozuflüsse von 9,6 Milliarden Dollar. Damit befinden sich die USA auf Kurs zu einem Rekordjahr bei den Mittelzuflüssen.
Zwei Euphorie-Warnsignale gleichzeitig
Für sich genommen wäre der extreme BofA-Wert bereits bemerkenswert. Brisanter wird die Situation jedoch durch ein zweites Warnsignal, das nahezu zeitgleich am Optionsmarkt aufleuchtet. Dort zeigte sich eine außergewöhnlich bullische Positionierung im S&P 500. Wie wir im Artikel „Wall Street im FOMO-Rausch: S&P 500 Calls als Warnsignal“ berichteten, wurden mehr als vier Millionen Call-Kontrakte auf den S&P 500 gehandelt – ein Rekordwert. Gleichzeitig nahm die Nachfrage nach Put-Optionen ab.
Genau diese Kombination macht die aktuelle Lage an der Wall Street so interessant. Der Optionsmarkt zeigt, wie aggressiv Anleger auf weiter steigende Kurse setzen. Der BofA-Indikator bestätigt gleichzeitig, dass auch die breitere Marktstimmung ein Extremniveau erreicht hat. Während S&P 500 und Dow Jones auf Rekordständen stehen, häufen sich damit ausgerechnet jetzt die Euphorie-Warnsignale.
Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass unmittelbar eine Korrektur an den Aktienmärkten bevorsteht. Extreme Euphorie kann eine Rally durchaus noch länger antreiben. Je stärker Anleger jedoch bereits auf steigende Kurse positioniert sind, desto geringer wird das Potenzial zusätzlicher Käufer – und desto größer die Gefahr, dass negative Überraschungen abrupte Positionsanpassungen auslösen.
BofA-Analyst rät zum Rückzug
Genau an diesem Punkt setzt die Warnung von BofA-Stratege Michael Hartnett an. „Wir bleiben für den Sommer im Lager Rückzug und Rotation statt neuer Risikoaufstockung“, sagt Hartnett. Seine Empfehlung an Anleger ist eindeutig: „Wir empfehlen Anlegern, sich aus Risikoanlagen zurückzuziehen und/oder in defensive Anlagen, längere Laufzeiten und den US-Dollar umzuschichten.“
Für Anleger liegt darin das entscheidende Takeaway. Weder die extrem bullische Positionierung bei S&P-500-Calls noch der BofA-Indikator sind für sich genommen zuverlässige Verkaufssignale. Zusammengenommen zeigen sie jedoch, wie einseitig die Stimmung an der Wall Street inzwischen geworden ist.
Genau darin könnte sich ein Kontraindikator ausbilden. S&P 500 und Dow Jones stehen auf Rekordständen, Kapital strömt in US-Aktien und die Anleger setzen massiv auf weiter steigende Kurse. Doch je größer die Euphorie und je voller die bullische Seite wird, desto geringer wird der Spielraum für weitere positive Überraschungen. Die Rally muss deshalb nicht unmittelbar enden – aber mit jedem weiteren Euphorie-Warnsignal steigt die Fallhöhe an den Aktienmärkten.
FMW/Bloomberg
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