Die Aktienmärkte stehen an einem kritischen Punkt. Trotz robuster Wirtschaftsdaten und KI-getriebener Gewinne mehren sich die Anzeichen für eine überfällige Korrektur im S&P 500, die sich schon bald zeigen könnte. Dabei stellt sich die Frage, ob es sich nur um eine gesunde Atempause handelt oder ob der Beginn einer tieferen Marktbereinigung eingeläutet wird.
Aktienmärkte vor überfälliger Korrektur
Laut einem Bericht von Bloomberg hat der jüngste Rückgang an den Aktienmärkten unter Investoren eine hitzige Debatte ausgelöst. Wie tief wird die aktuelle Korrektur gehen und ist die lang anhaltende Hausse, die im April begonnen hat, nun gefährdet? Der S&P 500 fiel am Dienstag um 1,2 %– der stärkste Tagesverlust seit dem 10. Oktober. Besonders hart traf es Technologiewerte: Der Index der großen Tech-Konzerne, der Nasdaq 100, verlor 2,1 %. Die Schwäche setzte sich am Mittwoch im asiatischen Handel fort.
Einen konkreten Auslöser gab es nicht, doch Einzelwerte wie Palantir Technologies verloren bis zu 8 %, obwohl das Unternehmen seine Prognosen anhob. Die Euphorie um künstliche Intelligenz (KI) reicht offenbar nicht mehr aus, um Sorgen über überzogene Bewertungen zu kompensieren. Zusätzlichen Druck erzeugten Meldungen, wonach der Hedgefonds-Manager Michael Burry Short-Positionen gegen Palantir und Nvidia eingegangen ist und bekannte Größen der Wall Street eine Korrektur von bis zu 15 Prozent vorausgesagt haben.
Technologiewerte: Bewertungssorgen wachsen
Nach einer sechsmonatigen Rekordrally notiert der S&P 500 mittlerweile bei rund dem 23-Fachen der erwarteten Unternehmensgewinne – deutlich über dem Fünfjahresdurchschnitt von 20. Der Nasdaq 100 liegt sogar beim 28-Fachen, weit über den Niveaus von 2022. Für viele Marktstrategen ist das ein Warnsignal. „Die Aktienmärkte sind reif für eine deutliche Korrektur in naher Zukunft“, sagte Matt Maley von Miller Tabak + Co.
Ein zentraler Punkt der Diskussion ist die nicht vorhandene Marktbreite: „Eine Sorge ist, dass die Marktführung bedenklich schmal geworden ist, da nur eine Handvoll Mega-Caps die gesamte Last der Rally trägt“, erklärte Fawad Razaqzada von Forex.com. Dennoch bleibe die Stimmung unter Anlegern positiv: „Nach einer Serie rekordverdächtiger Gewinne werden viele die Gelegenheit nutzen, den Dip zu kaufen, wie sie es auch in der Vergangenheit erfolgreich getan haben.“
Tatsächlich hat der S&P 500 in diesem Jahr bereits 36 neue Rekordstände erreicht. Rund die Hälfte der Kursgewinne seit Jahresbeginn gehen jedoch auf nur sechs Tech-Aktien zurück – ein deutliches Zeichen der Konzentration.

KI-Euphorie stützt, doch Risiken bleiben
Laut Lauren Goodwin von New York Life Investments ist die Übergewichtung in US-Großkonzernen derzeit nur marginal gerechtfertigt. „Die Markt-Dynamik rund um KI, gestützt durch robuste Wirtschaftsdaten, politische Rückenwinde und hohe Liquidität, kann sich jederzeit umkehren“, warnte sie. Dennoch: Solange die Gewinnerwartungen stabil bleiben, „würden wir Rücksetzer an den Aktienmärkten zum Kauf nutzen“.
Zunehmend kritisch sehen Experten, dass Investitionen in den USA stark auf KI-Projekte konzentriert sind – vor allem bei einer kleinen Gruppe großer Technologiekonzerne, während kleinere Unternehmen ihre Ausgaben reduzieren. Paul Christopher von Wells Fargo rät Anlegern daher zu Besonnenheit: „Wir bevorzugen weder das Jagen nach Rallys noch das Verkaufen in Schwächephasen. Langfristige Investoren sollten an schwachen Tagen selektiv Positionen in hochwertigen US-Aktien ausbauen.“
Technische Korrektur voraus – Markt bleibt überkauft
Wie tief die Korrektur gehen könnte, bleibt umstritten. Jonathan Krinsky von BTIG weist darauf hin, dass der S&P 500 seit April weder seine 50-Tage-Linie getestet noch einen Rückgang von 3 % auf Schlusskursbasis erlebt hat. „Beides wäre das Minimum, aber angesichts der extremen Divergenzen halten wir einen Rückgang in Richtung 6.400 bis 6.500 Punkte für wahrscheinlich“, so Krinsky. Am Dienstag schloss der Index mit einem Minus von 1,2 % bei 6.771 Punkten – nur wenig unter dem Rekordhoch des S&P 500 von 6.890 Zählern Ende Oktober.
Auch bei Goldman Sachs sieht man eine Korrektur als überfällig. Partner Rich Privorotsky verwies auf mehrere Warnsignale: sinkende Bankreserven unter drei Billionen Dollar, schwache Marktbreite, rückläufiges Verbrauchervertrauen und fallende Restaurant-Aktien. Goldman-CEO David Solomon betonte, Kursrückgänge seien ein normaler Teil des Marktzyklus.
Bullmarkt bleibt intakt – doch Volatilität nimmt zu
Trotz der jüngsten Verluste and den Aktienmärkten glauben viele Strategen weiterhin an den Bullenmarkt. „Sorgen über überzogene Bewertungen sind nichts Neues“, erklärten Ian Lyngen, Vail Hartman und Delaney Choi von BMO Capital Markets. Gleichwohl seien sie „sympathisch gegenüber der Ansicht, dass Risikoanlagen von einer Konsolidierungsphase profitieren könnten“.
Der aktuelle Bullmarkt des S&P 500 feierte im Oktober sein dreijähriges Bestehen – mit einem Anstieg von fast 90 % seit dem Tief im Oktober 2022. „Trotz kurzfristiger Risiken verdient der Bullenmarkt weiter das Vertrauen“, sagte Keith Lerner von Truist Advisory Services. Historisch gesehen zeigten Bullenmärkte nach drei Jahren meist weiteres Aufwärtspotenzial, allerdings nicht ohne Rückschläge.
Dan Wantrobski von Janney Montgomery Scott sieht im Bereich 6.750 bis 6.800 Punkten die erste wichtige Unterstützungszone. Die Aktienmärkte seien „überkauft auf mehreren Zeitebenen“ und damit anfällig für „Luftlöcher und eine Korrektur im November“. Sein Rat an Anleger: „Behalten Sie einen kühlen Kopf.“
FMW/Bloomberg
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Kann es nicht sein, das die meisten, der potentiellen Anleger schon investiert sind und jetzt warten, das neues Geld von außen herein kommt….?
Die Marktkapitalisierung spricht jedenfalls dafür.