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Aktienmärkte: Was könnte die aktuelle Rally stoppen?

Die Rally der Aktienmärkte ist bisher ungebrochen, trotz deutlichster Warnzeichen, wie der auf extremer Euphorie stehende Fear & Greed-Index. Zudem gibt es weiter Unsicherheiten über den Verlauf des Handelsstreits mit dem ominösen Phase-1-Deal, wenngleich die Meldungen darüber kaum mehr Kursreaktionen hervorrufen. Woher also könnte die fällige Korrektur kommen?

Aktienmärkte: Ursachen für die aktuelle Hausse

Es dürfte eine Mischung von mehreren Faktoren sein, die die aktuelle Kursentwicklung der Aktienmärkte verursacht hat:

Zuallererst eine Kaskade von Zinssenkungen der Notenbanken weltweit, mit über 70 Zinssschnitten allein im dritten Quartal 2019, 85 % Prozent der globalen Zentralbanken waren 2019 bisher mit von der Partie. Ganz erheblichen Anteil hat sicher die dritte Zinssenkung der Federal Reserve, ihr angekündigtes Anleihekaufprogramm von 60 Milliarden Dollar monatlich und ihre Garantenstellung für weitere Zinsmaßnahmen, falls es Konjunktur inklusive Handelsstreit erfordern. Sozusagen ein Fed-Put und durch das niedrige Zinsniveau der Realzinsen (abzgl. der Inflationsrate bei 0) die Festigung von TINA (there is no alternative). Wer steigt auf diesem Niveau aus dem Aktienmarkt aus, wenn keine Rezession droht?

Dass das billige Geld der überragende Faktor für die weltweite Rally sein muss, zeigen die Indizes in Ländern wie Russland (+37%), Brasilien (+24%), Italien, Frankreich, Schweiz (+28, 24, 22%) oder auch China (+32%) seit Jahresbeginn. Da werden es wohl keine Algos gewesen sein, die auf irgendwelche Trump-Tweets zu den Entwicklungen des Handelsstreits reagiert haben oder Meldungen über gute Wirtschaftsdaten, sondern einfach der monetäre Faktor bei der Orgie von Zinssenkungen und der Fortdauer des billigen Geldes.

Aber die Rezessionssorgen sind nach den letzten Konjunkturdaten mit der Stabilisierung der Einkaufsmanagerindizes Verarbeitendes Gewerbe etwas verflogen. Die Folge ist jüngst ein deutlicher Zinsanstieg, der die Zinskurve versteilt, aber dadurch die Einnahmen der Bankenbranche nach vorne bringt – Stichwort Fristentransformation (zu den Nachteilenn des Zinsanstiegs gleich mehr).

Das Damoklesschwert ungeregelter Brexit ist durch die Entscheidungen der britischen Parlamentarier von der unmittelbaren Bildfläche verschwunden.

Auf der Ebene des Handelsstreits gab es in den letzten Wochen versöhnliche Signale, gegenüber Europa mit den Autozöllen, aber auch in der Auseinandersetzung mit China. Wer hätte vor wenigen Wochen schon daran gedacht, dass man jetzt sogar über ein Zurückrollen der Zölle sprechen würde – auch wenn dies nicht sehr realistisch ist. Die Reaktionen der Märkte in den letzten Wochen auf den Meldungshickhack zum Phase-1-Deal zeigen eindeutig, dass man keine weitere Zollbelastungen in diesem Jahr mehr erwartet.

Eine große Rolle für die Kursanstiege beim S&P 500 spielen sicher die großen Fonds. Unterhalb des Fünffach-Tops von 3030 Punkten im S&P 500 waren sie unterinvestiert, darüber sind sie doch deutlich eingestiegen, wie die aktuelle Investitionsquote beweist. Wie viele müssen noch in den Markt, wenn in gut 30 Börsentagen abgerechnet wird, im Wettstreit zur Benchmark, zu den ETFs und dem Kampf um Boni?

Aktienrückkäufe: Bereits mehrfach habe ich über die wahrscheinliche Summe von über 100 Milliarden Dollar geschrieben, die an Buybacks für dieses Jahr durch Apple und Co noch ausstehen, die aber erst seit wenigen Tagen/Wochen mit dem Ablauf der Blackout Period an den Markt gelangen können. Auch wenn sich die Summen weiter abschwächen (2020 auf vielleicht noch 600 Mrd. $), ist das immer noch ein Riesentreiber.

Die bedrohlichen Faktoren für die Rally

Der Anstieg der Aktienkurse hat im Verbund mit dem Abklingen der oben genannten Angstfaktoren einen gewaltigen Zuwachs an Zuversicht hervorgebracht. Die oftmals genannten Euphoriewerte des Fear&Greed-Index, (bis 91 von 100 Punkten), eine absolute Zunahme an Sorglosigkeit, erkennbar am Angstbarometer VIX, alles absolute Kontraindikatoren für eine Aktienrally, die für eine sehr einseitige Positionierung der Anleger gesorgt hat – mit Einsatz von Krediten, Hebel und ohne Absicherung. Hier genügt oftmals nur ein kleiner Anlass, um eine Lawine auszulösen.

Ein zweiter Faktor ist die Entwicklung der Kapitalmarktzinsen, nicht die der starren Leitzinsen. Diese Zinsen gehen nach oben, wenn die Erwartungen an Wirtschaftswachstum, aber auch an Inflation ansteigen. Hier ist die große Stellgröß die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe, die als Orientierung für viele Kredite zu sehen ist – für Immobilien-, Auto- und Konsumentenkredite, die von den Amerikanern mehr als genug genutzt werden. Insbesondere das Eigenheim als fortlaufende Geldquelle bei dessen Wertsteigerung. Die 10-Jährige hat gerade einen Renditesprung von 1,53 auf 1,945 Prozent innerhalb eines Monats vollzogen.

Hier liegt aus meiner Sicht die Gefahr für die Aktienmärkte schlechthin. Ein weiterer substanzieller Anstieg und Verbraucher sowie viele Unternehmen mit schlechter Bonität (Zombiefirmen) geraten dann in Schwierigkeiten – und das Goldilock-Szenario wäre passé.

Dazu gibt es natürlich weitere Unwägbarkeiten auf politischer Ebene, die in erster Linie mit der Person Donald Trump verknüpft sind. Eine impulsive Persönlichkeit ohnegleichen und derzeit stark in die Enge getrieben. Wer kann in seinem Fall irgendeine verlässliche Handlungsprognose abgeben?

Es gibt ihn noch den Handelsstreit und auch die Deadline des 14. November für die Zollentscheidung gegenüber Europa – die Drohung ist noch nicht vom Tisch.

 

Fazit

Die Hausse nährt die Hausse. Ein altbekannter Spruch, der aber immer wieder erstaunt, wie auch in der jetzigen Situation der Aktienmärkte. Wenn man bedenkt, dass allein der Dax fast 2000 Punkte seit Mitte August gestiegen ist. Aber solche Phasen sind gar nicht so selten in der Börsenentwicklung – vor allem, wenn die Gier einsetzt.

Ich erinnere mich noch genau an die Situation im Jahr 2015, als der Dax in einer dreimonatigen Jahresendrally 2014 von 8000 auf 10000 Punkten gestiegen war, im Januar nach einem Rücksetzer auf 9500 Punkte aber innerhalb von nur drei Monaten auf 12390 Punkte hochschoss. Um dann aber in den folgenden fünf Monaten auf das Ausgangsniveau zu korrigieren – die Übertreibung abbauend. Aber wie viele Anleger (damals hatte es mich auch getroffen) hatte es bei dem vorherigen, fast irrationalen Anstieg (irrational exuberance) auf dem falschen Fuß erwischt?

Es scheint so, dass sich eine derartige Kursreaktion in Bälde wiederholen könnte. Ökonomische Zahlen wie KGV oder Dividendenrenditen spielen hier kurzfristig keine Rolle. Was haben wir 1999 und 2000 nicht für Extreme erlebt? Phasen der Gier sind anlagetechnisch schwer zu beherrschen, vor allem dann, wenn die öffentliche Berichterstattung hinzukommt: Wenn der Freund oder Nachbar von seinen Börsengewinnen schwärmt: „Es ist für die Seele sehr bedrückend, einen Freund reich werden zu sehen“, lautet ein Börsenspruch oder auf neudeutsch FOMO (Fear of missing out). Es könnten noch spannende 30 Börsentage bis zu den Feiertagen werden.

Die Aktienmärkte sind derzeit wie berauscht durch die Notenbanken und ihre Zinssenkungen

Foto: Avarice (2012), by Jesus Solana / Wikipedia (CC BY 2.0) – Ausschnitt aus Originalfoto

 



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