Die Aktienmärkte zeigen sich derzeit zwar gelassen, doch diese Ruhe könnte trügerisch sein. Kurz vor der erwarteten Zinssenkung der Fed könnten ausgerechnet die Inflationsdaten die anhaltende Börsenparty des S&P 500 verderben. Sollten sie einen unerwarteten Anstieg der Inflation signalisieren, droht die scheinbare Sicherheit an den Märkten rasch ins Wanken zu geraten.
Aktienmärkte: Zinssenkung fest eingeplant
Da eine Zinssenkung durch die Fed im September mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 % praktisch besiegelt scheint, erwarten Optionsprofis bis zur Veröffentlichung des Verbraucherpreisindex (CPI) am Donnerstag ruhige Aktienmärkte. Doch diese Wette könnte sich als gefährlich erweisen, sollte die Inflation wieder anziehen.
Die Logik hinter der Erwartung einer Zinssenkung bei der Fed-Sitzung am 16./17. September ist simpel: Das US-Jobwachstum stagniert – die Wirtschaft braucht einen Impuls. Verstärkt wurde diese Sicht am Freitag, als schwache Arbeitsmarktdaten für August und die höchste Arbeitslosenquote seit 2021 die Märkte davon überzeugten, dass die Fed kommende Woche die Zinsen um 25 Basispunkte senken wird.
Die Aktienmärkte reagierten gelassen: Aktien gaben am Freitag leicht nach, während der Cboe Volatility Index (VIX) zwar anzog, aber weiterhin klar unter der Marke von 20 Punkten blieb – einem Niveau, das seit Juni überwiegend gehalten wird. Optionshändler rechnen nun mit einer moderaten Bewegung des S&P 500 nach der CPI-Veröffentlichung am Donnerstag – ein erwarteter Ausschlag von 0,7 % in beide Richtungen, so Daten von Piper Sandler & Co. Zum Vergleich: Der durchschnittlich realisierte Ausschlag lag im vergangenen Jahr bei 1 %.
Doch diese Einschätzung übersieht ein zentrales Risiko: Was passiert, wenn die Inflationszahlen deutlich überraschen?
„Es ist aktuell ein sehr schmaler Grat“, warnt Eric Teal, Chief Investment Officer bei Comerica Wealth Management. „Jede wirklich positive oder negative Überraschung kann den Ausblick fundamental verändern.“
Politische Risiken verstärken Inflationsgefahr
Die Gefahr einer Serie heißer Inflationsdaten ist real – befeuert durch Präsident Donald Trumps Zollpolitik, aggressive Deportationen und Kürzungen im öffentlichen Dienst. Dies könnte die Fed zwingen, die Zinsen langsamer und weniger stark zu senken, als die Aktienmärkte derzeit einpreisen. „Der Senkungspfad könnte etwas flacher verlaufen und dadurch die Volatilität an den Aktienmärkten erhöhen“, sagt Sameer Samana, Leiter für globale Aktien und Real Assets beim Wells Fargo Investment Institute.
Auch wenn es derzeit so wirkt, als sei die Volatilität verschwunden, bleibt der Markt besessen von Makrodaten. Das sorgt regelmäßig für Ausschläge bei wichtigen Veröffentlichungen. Laut Daten von Asym 500 lag die durchschnittliche Volatilität des S&P 500 an Tagen mit CPI-Daten, Arbeitsmarktzahlen oder Fed-Entscheidungen in den vergangenen drei Monaten um fast 50 % höher als an gewöhnlichen Handelstagen.
Der Markt sei derzeit voller „Makro-Touristen – kurzfristiger Händler, die nur auf Datenveröffentlichungen wie Arbeitsmarktberichte oder Inflationsdaten spekulieren“, erklärt Brian Madden, Chief Investment Officer bei First Avenue Investment Counsel. Mit eingepreisten 142 Basispunkten an Zinssenkungen über die kommenden zwölf Monate könnten hartnäckige Inflationssignale starke Kursausschläge erzwingen, falls Anleger ihre dovishen Zinswetten zurückfahren müssen.
Höhere Inflationsdaten erwartet
Tatsächlich bereitet sich die Wall Street bereits auf einen weiteren heißen Inflationswert vor. Für den August wird ein Anstieg der Kerninflation (ohne Energie und Lebensmittel) um 0,3 % im Monatsvergleich erwartet. Im Jahresvergleich läge sie damit bei 3,1 % – deutlich über dem Fed-Ziel von 2 % und auf dem Niveau des Vormonats. Die Gesamtinflation soll laut den Analystenschätzungen von zuvor 2,7 % auf 2,9 % steigen.
„Man sieht, dass die Makrodaten immer wichtiger werden – und als langfristiger Investor will man genau das“, betont Sadiq Adatia, Chief Investment Officer bei BMO Global Asset Management, das 226 Milliarden kanadische Dollar (163 Milliarden US-Dollar) verwaltet. „Was man nicht will, ist Lärm.“ Viel zu oft seien es im laufenden Jahr Schlagzeilen zu Zöllen und politischem Lärm gewesen, die die Aktienmärkte bewegten, fügt er hinzu.
Auseinanderdriftende Märkte
Bemerkenswert ist auch eine Entwicklung seit dem Sommer: Laut Daten von Raymond James legte der S&P 500 zwischen Memorial Day und Labor Day um mehr als 10 % zu – das drittbeste Sommerquartal seit fast 40 Jahren. Gleichzeitig wächst die Kluft zwischen Anleihe- und Aktienmärkten. Während der VIX nahe an seinem Jahrestief verharrt, stieg der ICE BofA MOVE Index – das Pendant des VIX für den Anleihemarkt – am Dienstag und Mittwoch um zehn Punkte, der stärkste Dreitagesanstieg seit der Zollkrise im April. Dies signalisiert, dass der Anleihemarkt bald mit höherer Volatilität rechnet.

Das Verhältnis zwischen den beiden Indizes liegt inzwischen nahe am tiefsten Stand seit Februar. Damit blicken Händler zunehmend auf den Anleihemarkt, um frühzeitig zu erkennen, wann die Schwankungen im S&P 500 wieder anziehen könnten.
„Es überrascht nicht, dass die Aktienmärkte in Zeiten erhöhter politischer Unsicherheit sensibler auf Daten reagieren“, erklärt Mandy Xu, Leiterin für Derivate-Marktanalyse bei Cboe Global Markets. „Auch wenn die Zinssenkung im September praktisch sicher ist – neue Daten könnten die Erwartungen verändern, wie schnell und wie stark die Fed in den kommenden Monaten handeln wird.“
FMW/Bloomberg
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