Indizes

Risse unter der Oberfläche Aktienmarkt brodelt: S&P 500 ruhig, Aktien wild – Warnsignal?

Aktienmarkt brodelt: S&P 500 ruhig, Aktien wild – Warnsignal?
Ein Händler auf dem Parkett der New Yorker Börse (NYSE). Foto: Bloomberg

Während der US-Aktienmarkt gemessen am US-Leitindex S&P 500 seit Monaten seitwärts tendiert, brodelt es unter der Oberfläche gewaltig. Starke Kursschwankungen einzelner Aktien, hohe Volatilität, abrupte Sektorrotationen und zunehmende Unsicherheit durch KI-Disruption erhöhen das Risiko neuer Turbulenzen – trotz scheinbarer Marktstabilität.

Aktienmarkt: Volatilität unter ruhiger Oberfläche

Der US-Aktienmarkt wirkt auf den ersten Blick bemerkenswert stabil. Laut Barclays verzeichnete der S&P 500 zum Jahresauftakt die engste Handelsspanne seit den 1960er-Jahren. Doch diese Ruhe täuscht. Wie Bloomberg berichtet, kommt es unterhalb der Indexebene zu extremen Ausschlägen, die Händler zunehmend unter Druck setzen.

Insbesondere die rasanten Entwicklungen im Bereich Künstliche Intelligenz haben heftige Rotationen zwischen einzelnen Branchen ausgelöst. Die Volatilität einzelner Aktien liegt derzeit etwa siebenmal höher als die des Gesamtmarktes – die größte Divergenz seit mindestens 30 Jahren, so Barclays. Während der S&P 500 insgesamt stagniert, schwanken Einzeltitel massiv.

Noch vor Kurzem galten KI-Schlagzeilen als klarer Kurstreiber. Inzwischen sorgen sie jedoch ebenso häufig für Unsicherheit und Kursverluste. Investoren mussten mit ansehen, wie der S&P 500 die Woche nahezu auf dem Niveau beendete, auf dem er bereits vor vier Monaten notierte.

Michael O’Rourke, Chefstratege bei JonesTrading Institutional Services, beschreibt das Umfeld als selektiven Markt – jedoch nicht im klassischen Sinne. Entscheidend sei weniger, Gewinner zu identifizieren, sondern vielmehr, „Implosionen zu vermeiden“. Aktienauswahl bedeutet aktuell vor allem Risikomanagement.

US-Aktienmarkt: S&P 500 ruhig, Aktien extrem volatil - Warnsignal?
S&P 500 handelt in engster Range seit 50 Jahren

KI als „neue Normalität“?

Stefano Pascale, Leiter der US-Derivateforschung bei Barclays, sieht die gespaltene Volatilitätsstruktur als Resultat einer grundlegenden Neubewertung am Aktienmarkt. Investoren versuchen einzuschätzen, welche Branchen als Nächstes von KI-Disruption betroffen sein könnten. Hinzu kommen hohe Bewertungen und die Befürchtung eines anhaltend erhöhten Zinsniveaus.

Sollte dieses Muster bestehen bleiben – Strategen am Handelsdesk von JPMorgan sprechen von einer möglichen „neuen Normalität“ für das laufende Jahr – drohen mehrere Herausforderungen. Historisch gingen vergleichbare Phasen am Aktienmarkt größeren Umbrüchen voraus, darunter der Finanzcrash 2008 oder die umfassende Einführung neuer US-Zölle im vergangenen Jahr.

O’Rourke erkennt zudem erste Risse im optimistischen Grundkonsens vieler Marktteilnehmer. Die Bereitschaft, bei negativen Nachrichten schnell zu verkaufen, könnte steigen. Als kurzfristige Risikofaktoren gelten etwa eine mögliche militärische Eskalation im Nahen Osten sowie die anstehenden Quartalszahlen des KI-Schwergewichts Nvidia.

In Krisenphasen, so O’Rourke, „gehen alle Korrelationen gegen eins“ – also bewegen sich zuvor unabhängige Aktien plötzlich im Gleichschritt nach unten. Die aktuell hohe Einzelaktien-Volatilität könnte ein Frühindikator für schwindendes Vertrauen und ein Warnsignal für eine bevorstehende Korrektur sein.

Volatilität am US-Aktienmarkt nimmt zu - wilde Bewegungen bei Aktien
Ruhiger S&P 500, volatile Aktien

Investoren reduzieren Risiko

Anzeichen für zunehmende Vorsicht mehren sich. Laut Tom Hainlin, Investmentstratege bei U.S. Bank, führen sektor- und titelspezifische Abverkäufe dazu, dass Anleger ihre stark konzentrierten Positionen überdenken.

Hedgefonds waren im laufenden Monat Nettoverkäufer von US-Aktien – in der höchsten Geschwindigkeit seit März vergangenen Jahres, berichtet Goldman Sachs. Auch Kunden der Bank of America trennten sich zuletzt verstärkt von US-Titeln. Die Abflüsse aus Einzelaktien summierten sich auf 8,3 Milliarden US-Dollar – der dritthöchste Wochenwert seit Beginn der Datenerfassung 2008.

Eine Umfrage der National Association of Active Investment Managers zeigt zudem, dass aktive Fondsmanager ihre Aktienquote auf den niedrigsten Stand seit Juli reduziert haben.

Die Gründe liegen auf der Hand: KI wird schneller implementiert als das Internet Ende der 1990er-Jahre, erklärt Jed Ellerbroek von Argent Capital Management. Er warnt vor „beispiellosen“ Disruptionen im laufenden Jahr. Selbst Tech-Giganten wie Microsoft, Amazon und Meta – Teil der sogenannten „Magnificent Seven“ – verloren seit Ende Oktober zweistellig, nachdem am Aktienmarkt eine Rotation aus Technologiewerten eingesetzt hatte.

Fundamentaldaten bleiben robust

Trotz erhöhter Volatilität existieren Argumente für einen konstruktiven Marktausblick. In der laufenden Berichtssaison erreichte der Anteil der S&P-500-Unternehmen mit steigenden Quartalsgewinnen den höchsten Stand seit vier Jahren. Zudem weitete sich die Marktbreite aus: Die Rallye am Aktienmarkt wird nicht mehr ausschließlich von Technologieaktien getragen.

Cayla Seder von State Street betont, dass das Phänomen eher auf eine robuste Gesamtstruktur hindeute und systemische Risiken derzeit begrenzt erscheinen. Gleichwohl dürfte die Debatte um Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz anhalten. Ellerbroek geht davon aus, dass die Volatilität bei Einzelaktien früher oder später auch die Indexebene durchschlagen wird. Diversifikation bleibt daher zentral.

Investoren prüfen derzeit intensiv, ob KI langfristig als Beschleuniger oder Belastungsfaktor wirkt. Die Phase pauschaler Vorschusslorbeeren scheint beendet.

FMW/Bloomberg



Stefan Jäger
Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

1 Kommentar

  1. Ja zu den US-Techriesen Facebook, Instagram und die Amazon Prime Video-App für mobile Endgeräte im Zusammenhang mit der Kultur der zweiten Chance für KI-Start-ups im Rahmen der gemeinsamen europäischen Wirtschaftspolitik und den journalistischen Leitplanken des Medienstaatsvertrags, deren Einhaltung primär vom Vorsitzenden der Rundfunkkommission der Länder überwacht werden, unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die Staatskanzlei Mainz diesbezüglich nicht alles kann. Im Zusammenhang mit den genannten Medien gibt es US-Futures.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung


Meist gelesen 7 Tage