Die hohe Volatilität im Technologiesektor, die Dominanz der US-Tech-Aktien und die wachsende Unsicherheit rund um künstliche Intelligenz zwingen Investoren zum Umdenken. Immer mehr Marktteilnehmer setzen wieder auf Diversifikation, Old-Economy-Aktien und eine breitere Streuung im US-Aktienmarkt. Während die Tech-Giganten aus dem Nasdaq 100 und S&P 500 schwanken, rücken Industrie, Energie und Basiskonsumgüter zunehmend in den Fokus – mit spürbaren Folgen für Indizes und Portfolios.
Tech-Einbrüche erzwingen Umdenken am Aktienmarkt
Laut einem Bericht von Bloomberg ist der lange Zeit scheinbar unaufhaltsame Aufstieg des Technologiesektors am US-Aktienmarkt ins Wanken geraten. Aus der klaren Aufwärtsbewegung wurde eine Achterbahnfahrt, die viele Investoren dazu zwingt, nach ruhigeren Gewässern Ausschau zu halten – dort, wo eher behäbige, klassische Unternehmen der sogenannten Old Economy ihr Geschäft betreiben.
Konkret bedeutet das: Kapital fließt aus dem KI- und Tech-Trade ab, in dem es zunehmend schwerfällt, Gewinner von Verlierern zu unterscheiden, und wandert stattdessen in Bereiche wie Rohstoff- und Energieproduzenten oder Hersteller von Konsumgütern.
Zu den Nicht-Tech-Aktien, die ihre jeweiligen Sektoren seit Ende Oktober nach oben gezogen haben, zählen unter anderem Southwest Airlines mit einem Plus von 72 %, der Lithiumproduzent Albemarle (plus 71 %), Moderna (65 %) sowie der Logistikriese CH Robinson Worldwide (56 %).
Der S&P 500 Index ohne Technologiewerte könnte bis Mai um rund 6 % zulegen, abgeleitet aus der Richtung seines 20-Tage-Durchschnitts, erklärte JC O’Hara, Chefstratege für technische Analyse bei Roth, in einem Telefoninterview. Er betonte, dass er dem Technologiesektor gegenüber nicht negativ eingestellt sei, zollte aber ausdrücklich jenen Branchen Applaus, die aktuell für eine breitere Marktteilnahme sorgen.
„Tech ist so dominant, dass schon eine kleine Reduktion dort ausreicht. Wird dieses Kapital in andere, deutlich kleinere Marktsegmente umgeschichtet, können diese förmlich explodieren“, so O’Hara.

Marktbreite gewinnt an Bedeutung
Diese Sichtweise gewinnt an der Wall Street bereits seit Monaten an Zustimmung – auch wenn sie in der vergangenen Woche kurz infrage gestellt wurde, als ein technologiegetriebener Ausverkauf den gesamten Aktienmarkt erfasste. In der Folge sorgten Computer- und Softwareunternehmen jedoch für die Erholung am Freitag und schnitten auch am darauffolgenden Montag erneut besser ab.
Gerade diese Volatilität ist es jedoch, die viele Strategen dazu veranlasst, Anlegern Alternativen zum Tech-Sektor nahezulegen. Nach drei Jahren anhaltender Outperformance ist die Positionierung extrem einseitig geworden, wodurch sich die Perspektiven für Nicht-Tech-Branchen deutlich verbessert haben.
„Die Rotation am Aktienmarkt steht erst am Anfang“, schrieb Savita Subramanian, Leiterin der US-Aktien- und Quantitativstrategie bei der Bank of America, in einer aktuellen Analyse. Der durchschnittliche S&P-500-Wert außerhalb der sogenannten „Magnificent Seven“ wird laut Bank um rund 20 % unter seiner Indexgewichtung gehalten und befindet sich im Schnitt lediglich in 10 % der Fondsportfolios.
„Jahre der engen, von Large Caps dominierten Führung haben aktive Manager in Mega-Caps gedrängt – der durchschnittliche Titel blieb außen vor“, so Subramanian. Zum Vergleich: Die Magnificent Seven werden von bis zu 90 % der Fonds gehalten, fast alle – mit Ausnahme von Tesla und Apple – sind übergewichtet. Diese Aktien seien besonders anfällig, da Umschichtungen in andere Marktsegmente häufig durch Verkäufe bei großen Tech-Werten finanziert würden.
Auch die Gewinnschätzungen stützen die These einer breiteren Marktführung. Der Medianwert im Russell 3000 soll seine Gewinne in diesem Jahr um 11 % steigern – das stärkste Wachstum seit vier Jahren, wie Daten von Morgan Stanley zeigen.
Rückkehr der Old Economy
Diese Entwicklung setzt am Aktienmarkt einen Trend fort, der bereits im November begann. Seit dem Tech-Hoch am 28. Oktober hat der IT-Sektor im S&P 500 um 6,7 % nachgegeben. Gleichzeitig legte der Energiesektor um 23 % zu, der Materialsektor um 17 %, während Basiskonsumgüter und Industriewerte jeweils um 12 % stiegen. Insgesamt gewann der S&P 500 seitdem 1,1 % hinzu.
„Die große Bewegung geht derzeit nicht weg von Tech, sondern beantwortet die Frage: Wie diversifiziert man ein Portfolio, das extrem techlastig ist? Die Antwort lautet: durch eine Rückkehr zu klassischen Old-Economy-Aktien“, sagte O’Hara.
Die Umschichtung von einer engen Auswahl an Tech-Werten hin zu einem breiteren Mix aus Industrie- und anderen Sektoren trug maßgeblich dazu bei, dass der Dow Jones Industrial Average – im Gegensatz zu den techlastigen Indizes S&P 500 und Nasdaq 100 – in dieser Woche ein neues Rekordhoch erreichte und erstmals die Marke von 50.000 Punkten überschritt.
Gleichzeitig bestehen weiterhin Sorgen, dass der Technologiesektor hinter dem Gesamtmarkt zurückbleibt. Kursrückgänge bei Mega-Caps wie Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta Platforms belasteten zuletzt den Nasdaq 100 sowie entsprechende ETFs wie den Invesco QQQ Trust.
Small Caps statt Tech-Aktien
„Ich erwarte klar, dass der Nasdaq-ETF QQQ weiterhin schlechter abschneidet als andere Marktbereiche wie Small Caps, gleichgewichtete Indizes oder Value-Aktien, da Kapital aus diesen nach wie vor überfüllten Titeln abfließt“, schrieb Jeffrey Jacobson, Leiter der Derivatestrategie bei 22V Research, in einer Mitteilung.
Ein gleichgewichteter Korb der vier Tech-Giganten sei jüngst unter seine November-Tiefs gefallen, nachdem Alphabet, Amazon und Microsoft „aggressive“ Investitionspläne angekündigt hatten. Jacobson empfiehlt daher Put-Spread-Collars auf QQQ als Absicherung, insbesondere nach der jüngsten Erholung.
Trotz allem raten Strategen weiterhin dazu, Technologieaktien zu halten – jedoch nicht mehr in dem Ausmaß wie in der ersten Hälfte des Jahres 2025.
„Man muss nicht länger übergewichtet sein“, so O’Hara abschließend. „Tech bleibt wichtig für den Aktienmarkt, aber zunehmend zeigen sich andere Marktbereiche, die von der aktuellen industriellen Renaissance profitieren können.“
FMW/Bloomberg
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Die Investoren gehen nicht weg von Tech, sondern von einem extrem techlastigen Portfolio. Die Anleger schichten einen Teil ihrer Tech-Werte in Aktien der sogenannten Old Economy um.