Allgemein

Aktienmarkt: Ist der Boden erreicht? Nein, es sei denn..

Solange keine Lösungen in Sicht sind, ist jede Erholung leider nur vorübergehend

Aktienmarkt - Boden erreicht?

Hat der Aktienmarkt seinen Boden erreicht? Die Antwort lautet: nein, der Boden ist bis auf Weiteres vorläufig, es sei denn..

Zwischenerholung oder Ende der Baisse am Aktienmarkt? Hier lesen Sie, was wir für ein Ende der Baisse benötigen – und welche Entwicklung ich kurzfristig für die kommenden Wochen erwarte.

Aktienmarkt: Ansgt und Panik

Die Voraussetzung für eine deutliche Erholung am Aktienmarkt ist gegeben: Angst und Panik haben meiner Einschätzung nach sämtliche negativen Entwicklungen eingepreist. Robert Habeck spricht sogar offen darüber, dass Putin aus politischen Gründen jederzeit den Gashahn vollständig zudrehen könnte. Und selbst verlängerte Laufzeiten für die Kohlekraftwerke werden diskutiert. In den USA fällt das Terminal aus, über das der größte Teil der deutschen LNG-Lieferungen laufen soll. Ich denke, das sind schon deutliche Zeichen für extremes Chaos, aus dem wir hoffentlich bald einen Phönix aufsteigen sehen.

Brauchen wir noch die Verlängerung der Atomkraftwerke? Aus Börsensicht würde ich dazu sagen: Ich weiß nicht, ob das eine erforderlicher Voraussetzung für steigende Kurse ist. Ich weiß, dass die Kurse am deutschen Aktienmarkt nach oben springen würden, sollte sich eine verlängerte Nutzung der Atommeiler abzeichnen. Doch ich halte das für eher unwahrscheinlich.

Ukraine-Krieg und China

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine verläuft nicht so, wie wir Europäer es uns wünschen würden. In den USA spricht man offen darüber, dass Deutschland der Ukraine nicht helfen könne, weil man von Russland nach wie vor abhängig sei. Woran auch immer es liegen mag, es verdichten sich leider die Anzeichen, dass Russland den Osten der Ukraine erobern wird.

Während in den Berichten stets davon gesprochen wird, dass Russland nicht „siegen“ könne und dass man Russland aus der Ukraine vertreiben werde, könnte die Realität anders aussehen: In gar nicht zu ferner Zukunft könnten sich die Ostgebiete der Ukraine unter russischer Kontrolle für unabhängig erklären und Russland könnte Friedensverhandlungen anbieten. Eigentlich undenkbar, werden sich nun viele von Ihnen empören, doch wie gesagt: Die Realität ist nicht immer schön.

Ewig wird China seine Null-Covid-Politik nicht fortführen können. Böse Zungen behaupten, es sei eine Strategie, um den Westen zu schwächen. Doch auch ein autokratisches System kann die eigene Bevölkerung nicht ewig wegsperren. Jederzeit könnte die überraschende Meldung veröffentlicht werden, dass BioNTechs mRNA-Impfstoff in China eingesetzt wird. Oder vielleicht kommt die Meldung, China habe eine eigene mRNA-Lösung mit ähnlich hoher Wirksamkeit gefunden.

Ich weiß weder, wie die Lösung für unsere Energiekrise aussehen wird, noch wie Friedensverhandlungen möglich sein können, noch wie China aus der Null-Covid-Politik aussteigen wird. Doch wenn das passieren sollte, dann werden sie keine Zeit mehr haben, am Aktienmarkt einzukaufen. Die größten Gewinne werden dann binnen kurzer Zeit erfolgen.

Wer also im November in Cash gegangen ist, dem kann ich nur ehrlich gratulieren. Der wird sich nicht ärgern, wenn er die ersten 5% der Rally am Aktienmarkt verpasst. Doch Vorsicht: 5%-Rallys gab es seit November schon viele. Vielleicht verpasst er mehr.

Ich habe den Absturz unterschätzt und sitze daher nun auf dicken Verlusten. Doch es ist die über viele Jahre bewährte Strategie, mit der ich bereits die eine oder andere Rezession gut überstanden habe: Investiert bleiben, das Portfolio kontinuierlich den geänderten Bedingungen anpassen und dann die Rally hoffentlich voll mitnehmen.

Natürlich hätten wir.., aber Lösungen waren jederzeit möglich. Und wenn ich mir unser aktuelles Portfolio anschaue, dann gibt es Titel, die dort eigentlich nichts mehr zu suchen haben: BASF befindet sich im Auge des Sturms der Energiekrise. Trotzdem hält BASF weiterhin an der hohen Dividende fest. Es werden eigene LNG-Reservoirs gebaut, die in den kommenden Monaten, also vor dem Winter, durch LNG-Tankfahrzeuge gefüllt werden, damit das Unternehmen eigene Reserven hat, sollte es im Winter zu Rationierungen kommen. Der Konzern ist widerstandsfähiger, als es der aktuelle Kurs ahnen lässt.

Wenn sich eine Lösung abzeichnen sollte, werden natürlich die Aktien, die am stärksten ausverkauft wurden, am stärksten zurückschnellen. Danach ist dann der Zeitpunkt gekommen, um diese Aktien aus dem Portfolio zu entfernen, denn die Energiepreise werden in Europa auf absehbare Zeit hoch bleiben, während die Konkurrenz aus den USA, so wie DuPont, nur einen Bruchteil für den größten Kostentreiber bezahlen muss.

Letzten Freitag wurde um 16 Uhr MESZ eine kleine Rally im DAX gestartet. In den USA wurden um 10 Uhr dortiger Zeit Daten zum Immobilienmarkt veröffentlicht: die Verkäufe neuer Häuser sind stärker angesprungen, als befürchtet. Konstruktiv, würde ich sagen. Jay Powell möchte die Inflation besiegen. Er möchte, dass die Energiepreise, die Rohstoffpreise allgemein, und auch die Hauspreise runter gehen. Ein Weg dorthin sind MEHR Häuser. Wenn das Angebot steigt, können irgendwann die Preise fallen.

Fed-Chef Powell schaut auf den Aktienmarkt

Jay Powell hat aber nicht nur Rohstoffpreise und Hauspreise im Blick, er schaut auch auf den Aktienmarkt. Inzwischen kommt ein guter Teil des US-Reichtums durch die Aktiengewinne der vergangenen Jahre. Auch die hohen Aktienkurse führen dazu, dass die Nachfrage groß und die Preissensitivität bei den Kaufinteressenten gering ist. Die Inflation könnte am Aktienmarkt also entweder durch einen heftigen Aktienmarktcrash bekämpft werden, oder aber durch einen langsamen Niedergang und eine längere Phase der Bodenbildung. Derzeit sehen wir das zweite Szenario und ich hoffe, dass es dabei bleibt, bis sich bei den obigen drei Problemen Lösungen abzeichnen.

Der Juni ist bekannt dafür, dass Korrekturtiefs gebildet werden. Vielleicht ist es ja auch in diesem Jahr so. Die von mir in Aussicht gestellten Analystenkommentare, mit denen Kursziele gesenkt werden, können den Aktienmarkt aktuell belasten. Auch überraschende Gewinnwarnungen von Unternehmen, die ihre Q2-Zahlen anschauen und feststellen, dass die Abweichung zu groß ist, werden nicht für gute Laune sorgen. Doch jeder Tag ohne ein solches negatives Ereignis wird positiv verlaufen. Und wenn dann die Q2-Zahlen veröffentlicht werden, dann wird man besser für den restlichen Jahresverlauf planen können, denn es dürfte einige Anpassungen der Unternehmensprognosen geben. Und Gewissheit, das haben wir in den vergangenen Jahren gelernt, ist immer besser als Unsicherheit, selbst wenn die Gewissheit nochmals eine negative Überraschung beinhaltet.

In diesem Sinne würde ich also am Aktienmarkt  einen vorläufigen Boden auf dem aktuellen Niveau erwarten. Leider nur vorläufig, denn die oben geschilderten Probleme, Energiekrise, Krieg & Null-Covid, müssen gelöst werden, um die Aktienmärkte nachhaltig nach oben laufen zu lassen. Solange keine Lösungen in Sicht sind, ist jede Erholung leider nur vorübergehend.

Lesen Sie auch



Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

2 Kommentare

  1. Die Lösung der Energiekrise ist trivial: kurzfristig die Öffnung von Nord Strem 2, mittelfristig die Inbetriebnahme der abgeschalteten und abzuschaltenden Kernkraftwerke und langfristig die Förderung von sicheren Atomkraftwerken neuester Bauart.

  2. „…ist jede Erholung leider nur vorübergehend…“

    Warum „leider“?
    „Krisen sind dadurch gekennzeichnet, dass ich besonders viel bekomme, wenn ich jetzt Geld zur Verfügung stelle“, sagt Dr. Andreas Beck.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Meist gelesen 7 Tage