Die einen sagen: Das Gewinnwachstum der Konzerne in Europa und besonders in den USA ist im Augenblick derart phänomenal, und auch die Aussichten sind so rosig, dass negative Faktoren am Aktienmarkt derzeit ignoriert werden. Kritiker verweisen auf die wieder deutlich gestiegenen Ölpreise als Problem. Und vor allem die immer weiter steigenden Anleiherenditen werden von Kritikern oft erwähnt.
Immer höhere Renditen Problem für Aktienmarkt?
Je höher die Renditen, desto eher sind Anleihen für institutionelle Anleger eine Alternative gegenüber Aktien. Und je höher die Renditen, desto teurer die Kreditkosten für Verbraucher und Unternehmen, was die Unternehmensergebnisse und die Kurse am Aktienmarkt zukünftig belasten dürfte. So ein Szenario wird eigentlich gerne herangezogen, um bei steigenden Renditen Aktien fallen zu lassen. Nicht so in diesem Jahr. Aber ein großer Vermögensverwalter nennt jetzt ein konkretes Niveau bei den Renditen für US-Staatsanleihen, ab dem es für den Aktienmarkt doch kritisch werden könnte.
Dieser Chart reicht fünf Jahre zurück. Wir sehen die zehnjährige US-Anleiherendite (blau), die mit 4,78 % auf dem höchsten Niveau der letzten drei Jahre notiert. Vor fünf Jahren lag sie noch unter 1,6 %. Gleichzeitig ist der amerikanische Aktienmarkt (S&P 500 in rot) die letzten drei Jahren massiv angestiegen. Der Leitindex stieg die letzten drei Jahre von 4.400 auf 7.718 Punkte. So gesehen konnten sich Aktien gegen die höheren Renditen bis jetzt gut behaupten – wohl vor allem wegen der starken Unternehmensgewinne!
Bei 5,5 % Anleiherendite ist die Schwelle erreicht
Aber wie lange geht das noch gut? Eine Rendite von 5,5 % für 10-jährige US-Staatsanleihen stellt die Schwelle dar, ab der höhere Finanzierungskosten das Gewinnwachstum überwiegen und Druck auf die Bewertungen am Aktienmarkt ausüben würden, so sagt es laut Bloomberg heute Alain Bokobza, Leiter der globalen Vermögensallokation bei der Société Générale.
Bokobza weist darauf hin, dass die Gewinnerwartungen in diesem Jahr weltweit drastisch nach oben korrigiert wurden, was verhinderte, dass die Aktienrisikoprämien trotz steigender Renditen einbrachen. „Aktien sind derzeit nicht teurer als zu Jahresbeginn“, sagte er im Interview mit Bloomberg Television. Er warnte jedoch, dass ein Renditeniveau von 5,5 % bei US-Staatsanleihen der Punkt wäre, an dem Gewinnanhebungen nicht mehr ausreichen würden, um die Bewertungen zu rechtfertigen – die Schwelle, ab der „Aktien unter Druck geraten“.
Die erwarteten bevorstehenden Zinserhöhungen der Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank würden „verhalten“ ausfallen, sagte er, und dürften kaum aggressiv genug sein, um den aktuellen Konjunkturzyklus zu durchbrechen oder die Befürchtungen vor höherer Inflation zu zerstreuen.
Dieser breitere Trend, den er als „langfristigen Anstieg“ des nominalen BIP bezeichnete, wurde durch unverminderte Staatsausgaben in Ländern wie Deutschland und Japan, hartnäckige Inflation und eine steigende Nachfrage nach Kapital zur Finanzierung des Ausbaus der KI-Infrastruktur angeheizt. Er sieht darin eine grundlegende Verschiebung, die seit Anfang der 2020er Jahre andauert, wobei es kaum Anzeichen dafür gibt, dass sich diese Dynamik in absehbarer Zeit umkehren wird.
Grace Peters von JPMorgan erklärte letzte Woche, dass eine Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen von 5 % psychologisch bedeutsam wäre und möglicherweise eine reflexartige Reaktion am Aktienmarkt auslösen könnte. Emmanuel Cau von Barclays erklärte ebenfalls, dass ein Anstieg auf 5 % die Anleger hinsichtlich der Auswirkungen auf Aktien deutlich nervöser machen würde.
FMW/Bloomberg
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Bisher war immer die 4,5%-Marke das Narrativ für die „Gefahrenschwelle“……..