Die aktuelle Berichtssaison bringt für Anleger am europäischen Aktienmarkt eine unbequeme Wahrheit ans Licht: Gewinnverfehlungen werden härter abgestraft als je zuvor seit Jahrzehnten. Eine neue Analyse von Goldman Sachs zeigt, dass selbst geringfügige Abweichungen von den Erwartungen für die Aktien der Unternehmen drastische Kursverluste bedeuten können. In einem Umfeld, das von geopolitischen Spannungen und wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt ist, entwickelt sich der europäische Aktienmarkt zu einem hochexplosiven Terrain für enttäuschte Erwartungen.
Aktienmarkt bestraft Verfehlungen
Laut einer Studie der Goldman Sachs Group werden die Aktien der Unternehmen, die in dieser Berichtssaison die Gewinnerwartungen in Europa verfehlen, vom Aktienmarkt so hart bestraft wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Mitglieder des Stoxx Europe 600 Index, die Gewinne unter den Erwartungen erzielen oder Gewinnwarnungen veröffentlichen, liegen den Daten von Goldman zufolge im Durchschnitt 2,3 Prozentpunkte hinter dem Referenzindex zurück. Das ist die schlechteste Reaktion in der Analyse der Bank seit 2005.
Ein Bericht von Boomberg zeigt, die Toleranz für schwache Ergebnisse ist minimal: Zu Beginn der Berichtssaison senkten Analysten ihre Schätzungen, um den durch die US-Zölle verursachten Störungen und Verwirrungen Rechnung zu tragen. Dennoch gab es in dieser Gewinnsaison zahlreiche Warnungen aus verschiedenen Branchen, darunter Pharmaunternehmen, Automobilhersteller und Konsumgüterhersteller.
Der französische Automobilkonzern Renault SA brach um 18 Prozent ein, nachdem er seine Prognose für die operative Marge für das Jahr 2025 gesenkt hatte. Der deutsche Sportartikelhersteller Puma SE brach um 16 Prozent ein, nachdem einige Analysten aufgrund der Zahlen vor einer „existenziellen Identitätskrise” des Unternehmens gewarnt hatten.
Die prominenteste Warnung kam jedoch vom dänischen Arzneimittelhersteller Novo Nordisk A/S. Dessen überraschende Prognosesenkung führte kurzzeitig zu einem Marktwertverlust von über 90 Milliarden US-Dollar. Seit dem Zwischenhoch am 11. Juni hat die Aktie bereits 41 % eingebüßt. Von ihrem Allzeithoch am 26. Juni 2024 bei 1.033 Kronen sind es sogar fast 70 %.

Europa hinkt hinterher
„Der Wachstumsoptimismus in Europa wurde vom Aktienmarkt bereits teilweise eingepreist“, schrieben die Goldman-Strategen Peter Oppenheimer und Sharon Bell in einer Mitteilung. Dies könne auf eine höhere Anfälligkeit für Abwärtsrisiken und Enttäuschungen hindeuten.
Angesichts der Marktreaktion würde man nicht erwarten, dass die Berichtsssaison bislang tatsächlich besser ausfällt als befürchtet.
Nach den Zahlen von mehr als 80 % der im MSCI Europe gelisteten Unternehmen ist das Gewinnwachstum pro Aktie im Quartal unverändert geblieben, während Analysten einen Rückgang von 4,8 % erwartet hatten, wie aus Daten von Bloomberg Intelligence hervorgeht. Der Stoxx 600 hat jedoch Mühe, sein Rekordhoch vom März wieder zu erreichen. Zwar hatte er den S&P 500 im ersten Quartal hinter sich gelassen, in den letzten drei Monaten ist der europäische Leitindex jedoch wieder ins Hintertreffen geraten. Grund hierfür ist, dass die Wetten auf eine robuste Wirtschaft die Anleger zurück zu US-Aktien gelockt haben. Dadurch konnten die US-Indizes das Gap zu den europäischen Aktienmärkten deutlich verkleinern.
Die Sorge um die Auswirkungen der US-Zölle auf das Wirtschaftswachstum trübt die Stimmung der Anleger in Europa. Präsident Donald Trump kündigte letzte Woche eine Reihe von Zöllen für Länder wie die Schweiz an. Dies löste den größten Tagesverlust des Stoxx 600 seit April aus. Auch der DAX hat Probleme, sein Rekordhoch vom 10. Juli bei 24.639 Punkten erneut zu erreichen – obwohl die US-Börsen ihre Rekordjagd bis letzte Woche fortsetzten.
FMW/Bloomberg
Kommentare lesen und schreiben, hier klicken














