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Hintergrund

Alles, was Sie über das Kapital im 21.Jahrhundert von Thomas Piketty wissen müssen

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Heute erscheint das neue Buch von Ulrich Horstmann „Alles, was Sie über das Kapital im 21.Jahrhundert von Thomas Piketty wissen müssen“. Das Werk von Piketty war in den USA ein Bestseller, stellte es doch den american dream „vom Tellerwäscher zum Millionär“ in Frage. Ulrich Horstmann nimmt die Thesen Pikettys, dessen Buch erst am 17.Oktober auf deutsch erscheint, genau unter die Lupe: stimmt das wirklich, was Piketty behauptet?

Wir veröffentlichen – mit freundlicher Genehmigung des Finanzbuchverlags – Auszüge aus der Einleitung des Buchs von Ulrich Horstmann:

 

Im Frühjahr 2014 ist der französische Wirtschaftswissenschaftler und Hochschullehrer Thomas Piketty mit seinem Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert auch jenseits der Fachgrenzen international bekannt geworden. Seinen durchschlagenden Erfolg verdankt er dem richtigen Timing, seiner charismatischen Ausstrahlung auf die Besucher seiner Vorträge und seiner leicht verständlichen »Weltformel«. Die ist eingängig und gut vermarktbar. Sein bewusst einfach geschriebenes Buch ist auch für Nichtökonomen gut lesbar. Das erhöht offensichtlich die Auflage und machte das Buch bereits in den USA zu einem Bestseller. Der 43-Jährige wird sogar schon als Kandidat für den Wirtschaftsnobelpreis gehandelt. Seine Forderungen sind derzeit äußerst populär und seine Vortragsreise in den USA wurde zu einem Triumphzug, er selbst enthusiastisch gefeiert und mit historischen Größen wie Alexis de Tocqueville oder Karl Marx verglichen. Nicht zuletzt erinnert der Titel seines Buches an Das Kapital, Marx’ klassische »Kritik der politischen Ökonomie« des späten 19. Jahrhunderts, das in ähnlicher Weise polarisierte. Zunehmend wird über Das Kapital im 21. Jahrhundert und dessen politische Empfehlungen auch in Deutschland diskutiert. Während Pikettys Buch einerseits als ein großer Wurf gefeiert wird, weil das Marxsche ersetzend und die Sozialgeschichte neu schreibend, stoßen seine Untersuchungsergebnisse und die politischen Schlussfolgerungen gleichzeitig auf große Skepsis.

(Um das Buch zu bestellen, klicken Sie bitte auf das Bild)

 

Worum geht es in dem Buch?

In einer breiten historischen Rückschau bis zu Christi Geburt befasst
sich Piketty mit Verteilungsfragen. Das Kapital im 21. Jahrhundert
ist mehr ein Geschichts- als ein Wirtschaftsbuch über die Entwicklung
von Besitz. Ausführlich geht Piketty auf die Entwicklung ab
1700 und vor allem seit Beginn des Ersten Weltkriegs ein. Nach den
Umwälzungen durch den Ersten Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise
und den Zweiten Weltkrieg sanken die Vermögen der Reichen markant.
Es wurde durch materielle Zerstörungen, die höhere Besteuerung
und die deutlich gestiegene Inflation massiv verringert. Das Problem
der Kapitalakkumulation und -konzentration schien gelöst zu
sein. Dies war, so Piketty, eine Illusion. Denn inzwischen haben sich
die natürlichen Kräfte, die zur Ungleichheit beitragen – die Akkumulation
und Konzentration von Kapital – wieder neu formiert. Erneut
wurde Kapital geschaffen und die Kapitalkonzentration erhöht, dieser
Trend wird sich nach Piketty wohl auch in der Zukunft so fortsetzen.
Als Ausweg bietet sich eine weltweit abgestimmte Erhöhung
progressiver Steuern an. Wenn dies nicht geschieht, nimmt die Wahrscheinlichkeit
zu, dass die Staaten wieder ihr Heil in protektionistischen
Maßnahmen suchen. Auch ein Rückfall in den Nationalismus
ist möglich. Die Entwicklungen im 20. Jahrhundert sind Lektion und
Warnung zugleich.

Diese von ihm unterstellte zunehmende Ungleichheit führt Piketty
auf die Formel r > g zurück.

Was besagt Pikettys »Weltformel»?

Nach der Formel r > g ist die Verzinsung, im Buch dargestellt als
durchschnittliche Kapitalrendite (r = return on capital), dauerhaft
größer als die Wachstumsrate der Wirtschaft (g = growth). Daraus resultiert nach Piketty, dass das Kapital – wir sprechen heute eher von Vermögen – nachhaltig schneller wächst als die Wirtschaftsleistung. Bei Karl Marx entwickelte sich der Kapitalismus selbstzerstörerisch, Piketty erkennt eine steigende und gesellschaftlich problematische Ungleichheit. Vor diesem Hintergrund fordert er anhand seiner neuen, viel diskutierten Weltformel »Umverteilung«, d. h. Vermögenssteuern, Besteuerung von Erbschaften und stark progressiv wachsende Einkommensteuern. Piketty weist immer wieder darauf hin, dass er kein Marxist oder Kommunist sei (im Gegensatz zu seinen Eltern, die als Trotzkisten Ende der 1960er Jahre in Frankreich für die Revolution kämpften).

Sind Pikettys politische Schlussfolgerungen richtig?

Nein, seine Betrachtungen und die präsentierten Ergebnisse – im
Wesentlichen die Formel r > g – beruhen auf einer Analyse vor Steuern.
Der seit 1914 nennenswert besteuernde und zunehmend umverteilende
Staat bleibt weitgehend außen vor. In Europa, vor allem
in den Hochsteuerländern Frankreich und Deutschland, ist die Besteuerung
der Reichen bereits sehr hoch (und führt zu Abwanderungstendenzen
des Kapitals und auch der Bürger). Der französische
Präsident Hollande konnte die von Pikettys Ideen inspirierte
Reichensteuer (von 75 %!), die er 2012 in den Wahlkampf einbrachte,
nicht wie geplant durchsetzen. Umverteilung stößt auch in Demokratien
an Grenzen und ist Ausdruck des Freiheitswillens der
Bürger. Die Ablehnung der Bürger (auch abgesehen von medialen
Inszenierungen wie Gérard Depardieus Beantragung der russischen
Staatsbürgerschaft aus Steuergründen) ist dann besonders
hoch, wenn Politiker, die vermeintlich populistisch an ihre Wiederwahl
denken, nicht in anständiger Weise mit »ihrem« Geld, sprich
den Steuern, wirtschaften.

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Im Chart wird deutlich, wie vergleichsweise gering die Erholung ausgefallen ist bislang:

(Chart durch anklicken vergrößern)

Das sieht nicht nach Bullen-power aus! Eher ein zaghafter Versuch, das Schlimmste abzuwenden – und das trotz der daueroptimistischen Wall Street, die gestern wieder einmal zulegen konnte, vor allem die schwergewichtigen Tech-Werte wie Apple (in Vorfreude auf die heutige Präsentation der neuen Apple-Produkte) und Amazon. Aber auch in den USA gilt: es erreichen mehr Aktien 52-Wochen-Tiefs als 52-Wochen-Hochs, der Anstieg ist von den wenigen Tech-Schwergewichten getragen, der breite Markt sieht deutlich negativer aus. Mithin sind die großen Tech-Werte die Schminke, die die Falten kaschieren – aber man sollte sich nicht von dem Makeup täuschen lassen!

Andernorts ist die Lage völlig anders: der Shanghai Composite ist heute auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren gefallen, die Märke und Währungen der Schwellenländer bleiben unter Druck, auch die europäischen Indizes sind sämtlich charttechnisch angeschlagen. Es ist diese Schizophrenie, die nachdenklich stimmt: leben die Amerikaner auf einem anderen Planeten? Nun, wer Donald Trump als Präsidenten wählt, muß wohl auf einem anderen Planeten leben..

Die Fakten sind: die Fed verknappt die Liquidität, die Schwellenländer daher besonders unter Druck, und der Handelskrieg ist erst in seinem Anfangsstadium. Die Kombination aus diesen Faktoren bringt die ganze Welt uner Druck, nur eben die Amerikaner nicht. Dort hofft man auf NAFTA, glaubt, dass einem der Handelskrieg nichts anhaben könne, und die Fed werde schon brav bleiben und die Zinsen nicht deutlich anheben. Dort also die optmistischste Interpretation der Dinge, überall sonst auf der Welt sehen die Fakten anders aus! Inzwischen ist die Spanne so groß (etwa zwischen amerikanischen und chinesischen Tech-Werten), dass eine Wieder-Annäherung nur eine Frage der Zeit ist – ewig kann man nicht schizophren bleiben..

Für den Dax gilt: erst über dem Widerstand von 12100 Punkten besteht wieder – charttechnisch gesehen – Hoffnung. Besser noch, der Dax überwände den seit Ende Juli bestehenden Abwärtstrend bei 12220/12250 Punkten. Auf der Unterseite ist nun das Tief bei 11860 Punkten entscheidend: noch läßt sich dieses gestern erreichte Verlaufstief als Fehlausbruch nach unten interpretieren – aber wenn dann die 11860 auch noch fallen sollte, wäre das ein klares Zeichen dafür, dass Dynamik auf der Unterseite aufkommen wird..

 


By Josemanuel. – Own work, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1284536

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Allgemein

Tribalisierung statt Globalisierung: Eine Generation geht verloren

Die Globalisierung steht am Beginn eines großen Rückschlags – und eine ganze Generation ist gezwungen, ihre eigenen Werte zu verraten..

Markus Fugmann

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am

Von Markus Fugmann

Ich bin 1969 geboren und entstamme damit einer Generation, die grundsätzlich optimistisch veranlagt ist. Als wir erwachsen wurden, fiel die Mauer, ging die Sojwetunion unter und verschwanden damit gefühlt alle Grenzen, die unseren Drang nach (Bewegungs-)Freiheit begrenzt hatten. Als Jugendliche fürchteten wir die Atomkraft, fürchteten, dass uns Atombomben auf den Kopf fallen – wie einst die Gallier, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fiele.

All das ist nicht passiert. Und mit dem Ende der Sojwetunion und damit dem Ende des Kalten Krieges stand uns die Welt offen, schien eine Art ewiger Frieden erreicht, gewissermaßen das Ende der Geschichte (Fukujama). Wir reisten, probierten uns und das andere Geschlecht aus, alles war möglich, die Globalisierung kam, wir nutzten als erste Generation den Computer, lernten in der Schule programmieren, nutzten das Internet – und drängten heraus in die Welt. Diese Welt, so schien es, wächst zusammen – und wir fanden das gut so, weil es das Spektrum unserer Möglichkeiten vergrößerte.

Nun aber, zu einer Zeit, in der normalerweise diese Generation an die entscheidenden Schaltstellen der Gesellschaft in Politik und Wirtschaft gelangt, haben wir das Gefühl, wir sind irgendwie von gestern. Schon die heute Mitte 30-jährigen sind von uns grundsätzlich verschieden: ja, man kann ins Ausland gehen, aber man will dann zurück kommen, heiraten und ein Haus bauen. Das war so ziemlich das Letzte, was noch unserer Generation als Ideal vorschwebte. Diese Sehnsaucht nach Heimeligkeit war uns fremd, sie ist aber wohl die logische Konsequenz für eine Generation, die das Internet mit der Muttermilch aufgesogen hat und die nun ein Bedürfnis nach kuscheliger Wärme hat – und der es reicht, sich auf Google Maps jene Orte anzuschauen, zu denen wir noch gereist sind.

Es gibt bei dieser jüngeren Generation eine Tendenz zur Abschottung – ebenso wie in den großen Strömungen des Zeitgeists, der sich derzeit Bahn bricht. Dass derzeit rechskonservative Strömungen aufkommen, ist kein Zufall. Das Rad der Geschichte dreht sich gewissermaßen zurück, es gibt einen klaren Gegentrend zur Globalisierung, den ich als „Tribalisierung“ (Rückbesinnung auf den eigenen „Stamm“) bezeichne: ob Trump in den USA, die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, Le Pen in Frankreich etc. – das Motto lautet: wir schotten uns ab!

Rechtskonservative Bewegungen hat es auch früher gegeben seit dem Ende des Kalten Krieges – aber sie waren irgendwie aus der Zeit gefallen und hatten daher keine Chance. Diesmal ist das anders. Denn eines ist klar: die massenhafte Immigration nach Europa ist kein Thema, das vorbei gehen wird. Im Gegenteil: es wird immer dringender!

Was wir mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen erlebt haben, ist nur der Auftakt, sie sind nur die Vorhut für weit größere Ströme nach Europa. Flüchtlingsströme aus Syrien oder dem Nahen Osten werden irgendwann abebben – der Nahe Osten ist nicht unser größtes Problem. Dagegen werden sich bald Flüchtlingsströme aus Afrika massiv intensivieren, schon aus demografischen Gründen: Afrikas Bevölkerung wird sich bis 2050, also in nur 35 Jahren, von einer Milliarde auf dann zwei Milliarde verdoppeln – nicht weil Afrikanerinnnen mehr Kinder bekämen als früher – im Gegenteil. Nur die Zahl afrikanischer Frauen im gebährfähigen Alter wird aufgrund der demografischen Struktur in den afrikanischen Ländern bald stark nach oben schießen.

Und weil es faktisch keine Perspektive dafür gibt, diese stetig steigende Bevölkerung ausreichend zu versorgen bzw. Jobs zu schaffen, wird ein nicht geringer Teil dieser Menschen nach Europa drängen als einzig logisches underreichbares Ziel. Es geht hier um viele Millionen Menschen, vor allem junge Männer, die in ihren Heimatländern faktisch keine Chance haben, Jobs zu bekommen und Familien zu gründen. Und wir werden uns nicht anders zu helfen wissen, als eine Festung Europa zu errichten, weil diese Einwanderungsströme selbst beim besten politischen Willen nicht zu handhaben sind.

Und vermutlich wird es exakt meine Generation sein, deren Vertreter dann an der Macht sind, die diesen Festungsbau anordnen und ausführen wird. Weil es nicht anders geht, ob man will oder nicht. Und genau deswegen haben die rechskonservativen Strömungen, die genau das jetzt schon fordern, Zukunft. Sie thematisieren das, was auf uns zukommen wird, wollen Homogenität, Sicherheit, etablierte, vor-globalisierte Strukturen zurück – also all das, was meine weltoffene Generation überwiegend eigentlich nicht will. Und trotzdem wird es meine Generation sein, die faktisch die Voraussetzungen dafür schaffen wird.

Darin besteht eine gewisse Tragik: man ist gezwungen, die eigenen Werte zu verraten. Und insofern geht eine Generation verloren, die mit ihrer Humanität und ihrer Offenheit aus der Zeit zu fallen beginnt. Die Zeiten, in denen die Welt noch offen stand, sind jedoch offenkundig vorbei, die Globalisierung weicht der Tribalisierung. Vielleicht wächst dann wenigstens das Verständnis dafür, dass wir in Europa alle in einem, demselben Boot sitzen – und es gar keine Alternative zu einer wie auch immer definierten europäischen Gemeinschaft gibt..

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